Amerikanische Einflüsse: Tocqueville, Sozialkapital, Integration


Der Ansatz von Alexis de Tocqueville (1805-1859) ist mit der "Wiederentdeckung der Zivilgesellschaft" in den 1970er Jahren prominent geworden. Tocqueville hatte Anfang der 1830er Jahre Amerika bereist und 1835 mit "Über die Demokratie in Amerika" ein inzwischen klassisches Werk der politischen Theorie verfasst. In diesem "Reisebericht" legt er dar, warum die amerikanische Demokratie im Vergleich zu den europäischen Gesellschaften zur damaligen Zeit so gut funktionierte. Seine Antwort lautet: Amerikaner "schließen sich fortwährend zusammen" und bilden zivilgesellschaftliche Vereinigungen.

Tocqueville steht für die These, dass sich die "gute Gesellschaft" von unten aufbaut und eine funktionierende Demokratie auf einer lebendigen Zivilgesellschaft und ihren Organisationen aufruht. Das Engagement der Bürger, sich zu politischen und geselligen Vereinigungen zusammenzuschließen und die eigenen Angelegenheiten selbständig zu regeln, stärke den sozialen Zusammenhalt und damit die Demokratie und die Wirtschaft. Die Zivilgesellschaft, die vor allem auf der unteren Ebene vor Ort stattfindet, wird zum Bollwerk gegen einen übermächtigen Staat und zu einem allgemeinen Prinzip der Vergesellschaftung. Es seien zum einen tugendhaften Bürgerinnen und Bürger und zum anderen die intermediären – zwischen Gesellschaft und Staat angesiedelten – Organisationen, die die besondere politische Kultur Amerikas begründen.

In jüngster Zeit sind die Ideen von Tocqueville von einigen Theoretikern des Sozialkapitals, vor allem von Robert Putnam, wieder aufgegriffen worden. Diese Theoretiker versuchen zu zeigen: Je mehr soziales Kapital – Vertrauensbeziehungen, Vereinsmitgliedschaften, bürgerschaftliches Engagement, Normen der Gegenseitigkeit – gebildet wird, desto besser funktionieren die politischen Institutionen und die Unternehmen und desto zufriedener sind Bürgerinnen und Bürger. Sozialkapital wird sowohl als Ressource (Vermögen) der ganzen Gesellschaft wie auch der Einzelnen angesehen.

In der Diskussion um Sozialkapital wird vor allem danach gefragt, wodurch die Höhe des Sozialkapitals beeinflusst wird. Denn es gibt eine deutliche Ungleichverteilung dieses Vermögens zwischen gesellschaftlichen Gruppen. In der Mittelschicht ist mehr soziales Kapital anzutreffen als beispielsweise in der Unterschicht. In neueren Untersuchungen wird danach gefragt, ob auch die kulturelle und ethnische Vielfalt moderner Gesellschaften die Höhe des sozialen Kapitals beeinflusst.

Die Politik hat das soziale Kapital als Weg zur Förderung der Integration entdeckt. Bürgerinnen und Bürger, die eher am Rand der Gesellschaft stehen, sollen dazu gebracht werden, durch bürgerschaftliches Engagement, Vereinsmitgliedschaften und Nachbarschaftsbeziehungen ihr soziales Kapital zu erhöhen.


Literaturtipp


Putnam, Robert D. (Hrsg.): Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich, Gütersloh 2001.