Deutsche zivilgesellschaftliche Traditionen
Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft haben in Deutschland weit in die Vergangenheit zurückreichende Wurzeln. Es lassen sich mehrere Traditionslinien des Engagements und der zivilgesellschaftlichen Organisationen sichtbar machen. Sie machen deutlich, dass unser Verständnis von Engagement historisch geprägt ist und die überwiegende Zahl der zivilgesellschaftlichen Organisationen und Organisationstypen auf historische Entwicklungsprozesse zurückblicken können. Folgende Traditionslinien lassen sich sichtbar machen:
- Historiker haben für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in Baden und Württemberg die Tradition des Gemeindeliberalismus herausgearbeitet. Dieser bestand in der Ausübung der Selbstverwaltungsbefugnisse und in der Gleichheit aller selbständigen Hausväter. Dem Anspruch nach sollte jedem männlichen Einwohner die Machtteilhabe an den kommunalen Angelegenheiten offen stehen.
- In Preußen hatte sich im Gefolge der Stein-Hardenbergschen Reformen nach 1807 eine vergleichbare Praxis entwickelt. Insbesondere wurde in der Preußischen Städteordnung von 1808 die Grundlage für die Selbstverwaltung in den lokalen Angelegenheiten durch die Bürger gelegt. Die Prinzipien der Selbstverwaltung wurden auch in den Provinzen und Kreisen angewendet. Karl Freiherr vom Stein wollte damit den "Gemeingeist und Bürgersinn" beleben. Die Reformen nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon erbrachten auch eine Liberalisierung in der Wirtschaft und eine Modernisierung des Staatswesens.
- Mit dem Elberfelder System wurde 1853 die Grundlage für das soziale Ehrenamt gelegt. In diesem System war geregelt, dass die Armenpflege in der Kommune zur ehrenamtlichen Aufgabe der männlichen Bürger wurde. Der Bürger war in seinem Quartier als Nachbar und Bürger für städtische Armenfürsorge zuständig. Der lokale Bezug des Ehrenamts begründete eine über Jahrzehnte bestehende kommunale und ehrenamtliche Sozialpolitik.
- Der Verein wurde im 19. Jahrhundert zur typischen Organisationsformen der bürgerlichen Lebenswelt und auch der Arbeiterbewegung. Er diente der Organisierung der privaten Wohltätigkeit des konfessionellen und nichtkonfessionellen Engagements. Er war aber auch das Vehikel der sich formierenden Arbeiterbewegung und ihres Bildungsanspruchs. Als multiple Organisationsform wurde er von der Turnerbewegung, vom politischen Katholizismus und auch von der nationalen Oppositionsbewegung genutzt. In der Weimarer Republik war der Verein auch Organisationsplattform für die Gegner der Republik von rechts.
- Das 19. Jahrhundert war auch das Jahrhundert der sozialen Bewegungen. Mit ihnen wurde die Tradition des modernen politischen Engagements begründet. Den Auftakt machte am Anfang des Jahrhunderts die nationale Bewegung, die Handwerker begründeten, in der Mitte des Jahrhunderts die sozialistische Bewegung, und mit der Frauenbewegung am Ende des Jahrhunderts hatte sich das Spektrum der sozialen und politischen Bewegungen, das noch weit facettenreicher ist, entfaltet.
Literaturtipp
Sachse, Christoph: Traditionslinien bürgerschaftlichen Engagements. In: Deutscher Bundestag. Enquete-Kommission "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen 2002, S. 23-28.
Kocka, Jürgen: Zivilgesellschaft in historischer Perspektive. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 2003, Jg. 16, H.2, S. 29-37.