Staat - Markt - Freiwilligkeit
Die drei Begriffe Staat – Markt – Freiwilligkeit stehen für drei Prinzipien, nach denen Gesellschaften organisiert werden können. Alle Gesellschaften verteilen Güter, Dienste, Lebenschancen und Vorteile nach diesen drei Prinzipien, denen die drei Logiken Zwang, Tausch, Geschenk entsprechen. Der französische Anthropologe Francois Perroux hat diese drei alternativen, sich jedoch nicht ausschließenden Logiken gesellschaftlicher Organisation herausgearbeitet.
Das Prinzip Zwang steht für die staatlich-politische Herrschaftsorganisation. Für die Zuteilung von bestimmten Gütern, Rechten, Lebenschancen und Pflichten (Wehrpflicht, Schulpflicht, Steuerpflicht) ist eine Gleichverteilung notwendig. Eine ungleiche Verteilung wäre kaum zu rechtfertigen. Außerdem kann der Staat eine gleichmäßige Verteilung von Gütern und Dienstleistungen innerhalb seines Territoriums garantieren. Es gibt dabei aber auch einen Nachteil: in Gestalt des rechtlichen Zwangs greift der Staat in die selbstbestimmte Lebensführung der Bürgerinnen und Bürger ein. Für den Schutz der Grundrechte ist dies notwendig, in anderen Bereichen – wie der Wahl des Lebenspartners – ist dies eher schädlich.
Auf den Märkten herrscht das Prinzip des Tauschs. Sie werden von Angebot und Nachfrage gelenkt, und ihr Medium ist das Geld. Individuelle Bedürfnisse können am besten über Märkte befriedigt werden, und Märkte lassen auch ein Maximum an Freiheit zu. Zudem sind sie die besten Vorkehrungen dagegen, dauerhaft ineffizient zu wirtschaften. Sie haben aber auch Nachteile. Märkte sind meist blind gegenüber der Zukunft, und sie okkupieren Lebenssphären, in denen Marktmechanismen unerwünscht sind. Universitätsdiplome sollten nicht auf dem Markt erhältlich sein.
Die Freiwilligkeit, oder das Geschenk, bestimmt die Logik von Gemeinschaften oder freiwilligen Zusammenschlüssen. Dadurch werden Werthaltungen wie Solidarität, Vertrauen und Gegenseitigkeit eingeübt. Gemeinschaften schaffen soziales Kapital und können "zwanglos" und ohne unmittelbare Gegenleistung kooperieren. Sie schaffen es auch, für diejenigen Güter bereitzustellen, die entweder über zu wenig Kaufkraft verfügen oder die keine Rechtstitel dafür haben. Hinzu kommen Anerkennung, Integration und Innovation, die weder Markt noch Staat einfach herstellen können. Die Logik der Gemeinschaft hat aber auch Nachteile: Gemeinschaften sind oft exklusiv und Freiwilligkeit ist eine unsichere Basis für Dienstleistungen, die verlässlich angeboten werden müssen.
Gute Gesellschaften zeichnen sich durch einen intelligenten Mix aus diesen drei Sphären aus. Einige Wissenschaftler wie Robert Putnam begründen sogar, dass florierende freiwillige Vereinigungen die Grundlage gut arbeitender staatlicher Institutionen und prosperierender Märkte sind.
Literaturtipp
Offe, Claus: Reproduktionsbedingungen des Sozialvermögens. In: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements", Bd. 1 Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, S. 273-282.