Kirche und Glaube im gesellschaftlichen Wandel


Karl Gabriel

Kaum überbrückbare Widersprüchlichkeiten kennzeichnen die Lage der Kirche und des christlichen Glaubens am Übergang in das neue Jahrhundert bzw. Jahrtausend. Einerseits wachsen die Erwartungen an die Kirche, sie möge gewissermaßen als ältester globaler Spieler das moralische Vakuum füllen helfen, das sich zwischen einer spürbar zusammenwachsenden und gleichzeitigtief gespaltenen Welt auftut. Mit Johannes Paul II. scheint das Papsttum einen Gipfel moralischer Autorität errungen zu haben, wie kein Papst der Weltgeschichte zuvor.

Auf der anderen Seiteweisen alle Trends für Westeuropa und Teile Mittel-Ost-Europas nur in eine Richtung: die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt auch ohne politischen Druck weiter ab, die christlichen Glaubensüberzeugungen verblassen bei vielen zu vagen Hintergrundsannahmen, außer an den Festtagen und Lebenswenden versammeln sich immer weniger Gläubige zu Gottesdienst und Gebet und für die eigene Lebensführung spielen die kirchlichen Lebensprogramme eine immer geringere Rolle. Innerkirchlich scheint die Praxis päpstlicher Autorität sich selbst im Weg zu stehen und einem kirchlichen Integralismus und Zentralismus Spielraum zu geben, der Geschlossenheit und Einheit rigoros einfordert, aber wachsenden Dissens erzeugt (Ebertz 1998; Gabriel 1992).Welches sind die Hintergründe der widersprüchlichen und unübersichtlichen Lage von Kirche und Glaube? In welcher Richtung könnten produktive Lösungen der innerkirchlichen Konfliktlagengefunden werden? Wo lassen sich Virulenzen christlichen Glaubens im gegenwärtigen gesellschaftlichen Wandel verorten? Auf Fragen dieser Art möchte ich im Folgenden mit den Mitteln sozialwissenschaftlicher Analyse und theologischer Deutung mögliche Antworten suchen.