Die Tugenden des Demokraten. Orientierungshilfen im globalen Zeitalter
Sven-Uwe Schmitz
Wenn wir uns Gedanken machen über das Thema "Die Tugenden des Demokraten -Orientierungshilfen im globalen Zeitalter", drängt sich der Verdacht auf, daß wir Demokraten uns unseres Weges nicht ganz sicher sind. Lassen Sie mich heute, fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Mauerfall, daran erinnern, daß das - mit der Orientierung - 1989 ganz anders war: Man glaubte mit der Demokratie das Ziel erreicht zu haben. In der "International Herald Tribune" war 1989 zu lesen: "Die Frage, die seit Platons Zeiten alle politischen Philosophenbeschäftigt hat: ´Welches ist die optimale Regierungsform?`, ist jetzt beantwortet. Nach einigen Jahrtausenden des Ausprobierens der verschiedenen Systeme beenden wir nun dieses Jahrtausend in der Gewißheit, daß wir mit der pluralistisch-kapitalistischen Demokratie das gefunden haben, was wir suchten." Und der damalige Chef des Planungsstabes im State Department, ein Mann namens Francis Fukuyama, schrieb in einem viel beachteten Aufsatz: "Was wir erleben, ist... das Ende der Geschichte...; der Endpunkt ideologischer Evolution der Menschheit und der Beginn weltweiter Gültigkeit der westlichen liberalen Demokratie als endgültige Form menschlicher Regierung."
Doch diese Gewißheiten waren nur von kurzer Dauer: Mit dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Alternative verschwand für die westlichen Demokratien ein wesentlicher Punkt der ideologischen Identifikation. Die Frage "Freiheit wovon?" wurde durch die Frage "Freiheit wozu?" abgelöst. Es reichte nicht länger zu sagen, wie man nicht sein wollte; man mußte nun bestimmen, wie man sein wollte.