Vortrag anlässlich der Verleihung des Wissenschaftspreises 2000


Karsten Timmer

Sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir eine große Freude und eine ebenso große Ehre, heute den Wissenschaftspreis 'Aktive Bürgerschaft' entgegenzunehmen. Ich danke Ihnen für die Anerkennung, die mit dem Preis verbunden ist. Zugleich verstehe ich den Preis aber auch als eine Anerkennung für mein Untersuchungs'objekt'. Zusammen mit dem Deutschen Nationalpreis, der vor einigen Wochen dem Neuen Forum verliehen wurde, sehe ich in diesem Wissenschaftspreis ein Zeichen für eine wachsende Aufmerksamkeit für die Bürgerbewegung, die in den letzten zehn Jahren eine erstaunlich marginale Rolle im öffentlichen Bewußtsein der 'neuen' Bundesrepublik gespielt hat.

Dieses 'Mauerblümchen'-Dasein im kollektiven Gedächtnis ist für mich nach wie vor eines der größten Rätsel um die stürmischen Ereignisse des Jahres 1989. Verschiedene Indizien verdeutlichen, dass die historische Leistung der Bürgerbewegung in einem krassen und fast unerklärlichen Missverhältnis zu ihrer heutigen Bedeutung steht: Obwohl beispielsweise große Teile der kommunalen Eliten in Ostdeutschland ihre politische Sozialisation im Herbst 1989 erfahren haben, gibt es nicht eine Stadt in den neuen Bundesländern, in der Straßennamen an die Ereignisse erinnern würden. Man hätte ja nicht gleich den Berliner Alexanderplatz in 'Platz des 4. Novembers' umbenennen müssen, auch wenn dort 1989 die größte Demonstration der deutschen Geschichte stattgefunden hat. Aber es wäre doch verlockend gewesen, etwa den Leipziger Karl-Marx-Platz in 'Platz der Montagsdemonstration' umzubenennen anstatt ihm seinen traditionellen Namen wiederzugeben. Interessanterweise bezieht sich auch die – inzwischen wieder etwas abebbende – 'Ostalgie' in keiner Weise auf die Bürgerbewegung.