Krise und Katharsis
Die seit langem schwelende Krise bei UNICEF ist Schauspiel und Lehrstück in einem. Das Drama begann im Mai letzten Jahres mit einem anonymen Brief und ist auch jetzt noch nicht in seinem finalen Akt angekommen. Die Vorwürfe wurden erst bestritten und dann scheibchenweise zugegeben. Die Vorsitzende Heide Simonis trat zurück, und erst als es nicht mehr anders ging, beendete man das Verhältnis mit dem Geschäftsführer Garlich, der aber einfach weiterarbeitete, weil man ihn angeblich brauchte. Die letzte Station des Dramas war der Verlust des Spendensiegels des DZI. Damit ruiniert UNICEF sein wichtigstes Kapital: seine Glaubwürdigkeit, an der ein jährliches Spendenaufkommen von rund 95 Millionen Euro hängt. Ob nun der Umschwung, die reinigende Katharsis, geschafft ist, ist noch nicht ganz klar.
Für eine Organisation wie UNICEF hätte es nicht schlimmer kommen können. Ein Krisenmanagement, mit dem der Absturz hätte vermieden werden können, gab es nicht einmal im Ansatz. Niemand weiß so recht, wie das verlorene Vertrauen wieder zurück gewonnen werden kann.
Und hier wird das Unterhaltungs- zum Lehrstück. Denn der Fall UNICEF macht auf einige Problemstellen aufmerksam, mit denen mehr oder minder alle Non-Profit-Organisationen und vor allem Organisationen, die von Spendengeldern leben, zu kämpfen haben. Es mangelt an Transparenz und an verbindlichen Regeln, wie diese hergestellt werden soll. Es gibt keine verpflichtenden Regeln für gemeinnützige Organisationen zur Selbstauskunft, wie dies beispielsweise in den USA und in Großbritannien der Fall ist. Selbst das DZI hat einen Vertrauensverlust erlitten. „Guide Star“, ein Instrument zur Selbstregulierung, das unter seinem Dach entwickelt wurde, wird nur schleppend angenommen. Die großen Organisationen erschweren beharrlich eine Publizitäts- und Rechnungslegungspflicht für gemeinnützige Organisationen. Transparenz hat aber eine Voraussetzung: es muss saubere Führungsstrukturen und funktionsfähige Kontrollsysteme geben. Auch daran mangelte es bei UNICEF.
Wenn die Organisationen des Dritten Sektor nicht selbst in der Lage sind, diese Problembereiche zu bereinigen, wird der Staat aktiv werden. Eine Lösung, die nicht allen gefallen wird.
Kommentar von Dr. Rudolf Speth für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 75 – Februar 2008 vom 29.02.2008.