Souveräne Zivilgesellschaft?
Es war und ist leicht in Deutschland, die Zahl der Traktoren und Schweine genau zu beziffern. Benötigte man Daten über die Engagementpotenziale und die Entwicklung der Zivilgesellschaft, so ging man bis Ende der 1990er Jahre leer aus.
Erst mit dem Freiwilligensurvey aus dem Bundesfamilienministerium (2000) und vor allem mit den breit angelegten Wissensbeständen der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages (2002) änderte sich dieser Missstand. Und jetzt beauftragte das Bundesfamilienministerium das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) damit, einen Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des Zivilengagements zu erstellen. „Vom freiwilligen Engagement der Bundesbürger lässt sich derzeit kein klares Bild zeichnen“, so die WZB-Presseerklärung, deshalb wolle man „Wissenslücken über das bürgerschaftliche Engagement schließen“.
Im Grunde gut so. Wir können jetzt zumindest nach zehn Jahren Berichterstattung auf Trendbeschreibungen, Expertenbeobachtungen und Daten unterschiedlicher Güte und Qualität zurückgreifen. Das breite Feld dessen, was Engagement in Deutschland sein könnte, kann und sollte, wurde identifiziert und ansatzweise vermessen.
Aber auch weiter so? Der Freiwilligensurvey, die Bände der Enquete-Kommission und der angekündigte Lagebericht basieren nicht auf einer einheitlichen oder zumindest um Verständigung bemühten Begrifflichkeit. So ist – mit einer gewissen Beliebigkeit – von ehrenamtlichem, freiwilligem, bürgerschaftlichem und zivilgesellschaftlichem Engagement die Rede. Die Begrifflichkeiten folgen den Vorgaben kurzlebiger politischer Kommunikation, nicht aber dem elementaren wissenschaftlichen Bemühen um Begriffsklärung und Präzision. Wenn aber weder der Untersuchungsgegenstand noch die Begrifflichkeiten klar sind, so sind auch die Aussage- und Bestandskraft der bisher vorgelegten Informationen und Erkenntnisse kritisch zu bewerten.
Was wäre zu tun? Nach nunmehr zehn Jahren staatlichen Berichtswesens ist die Zeit reif für eine unabhängige Bericht- erstattung über die Zivilgesellschaft. Eine zugegeben anspruchsvolle Aufgabe für anerkannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich – ausgestattet mit hinreichenden Ressourcen – souverän gegenüber Politik und Gruppeninteressen zu behaupten hätten.
Kommentar von Holger Backhaus-Maul für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 79 – Juni 2008 vom 30.06.2008.