Gehaltvolle Denkschrift der EKD vorgelegt
Die evangelische Kirche ist arm an lebenden "Popstars", aber reich an Traditionen. Die Protestantische Ethik ist – so wissen wir seit Max Weber – die sozialkulturelle Grundlage des Kapitalismus. Aber die Zeiten, in denen die evangelische und die katholische Kirche den Ton in der deutschen Gesellschaft angaben, sind vorbei. So wirkt es heute geradezu altmodisch, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine umfangreiche Denkschrift zum "unternehmerischen Handeln in evangelischer Perspektive" vorlegt, – auch wenn ergänzende Videoclips von der medialen Moderne künden.
Paradoxerweise verschließt sich der Gehalt der Denkschrift zunächst durch die im konventionellen Jargon gehaltenen Erklärungen und Begleittexte. Auch hier liegt der Strand unter dem Pflaster. Und die Suche lohnt sich, denn im Kern der Denkschrift geht es um die gesellschaftspolitisch anspruchsvolle Frage, welche Spielarten unternehmerischen Handels es gibt und welche Rollen Unternehmen in der heutigen Gesellschaft einnehmen.
Zunächst aber wird die altehrwürdige Vorstellung von der Sozialen Marktwirtschaft rekonstruiert und idealisiert. Ein feiner Kunstgriff, denn als Kontrastfolie eröffnet sie tiefe und kritische Einblicke in die "Welt des siegreichen globalen Kapitalismus". Nach wie vor haben wir es zwar mit einem Wirtschaftssystem zu tun, dass durch Unternehmen und Unternehmer sowie das in sie gesetzte Vertrauen geprägt wird. Aber die protestantische Ethik verliert mit der rasanten Bedeutungszunahme von Managern und Finanzinvestoren die sie tragende Unternehmerper-sönlichkeiten. Gleichwohl ist aber die schlichte Vorstellung, die Gesellschaft sei nun akteurs- und grenzenlos, eine Fiktion. Denn – so die EKD – für eine Vielzahl von "Stakeholdern" im Wirtschaftsprozess, wie etwa bewusst konsumierenden Bürgern und investierenden Arbeitnehmern, eröffnen sich erhebliche gesellschaftspolitische Gestaltungsspielräume.
Und die Evangelische Kirche selbst? "Kirche ist kein Unternehmen" – stellt die EKD zunächst apodiktisch fest, um dann den sozialen Diensten und Einrichtungen ihrer Diakonie sehr wohl den Status von Unternehmen zuzuweisen. Kirche als Stakeholder und Diakonie und Unternehmen? Die EKD gewinnt mit dieser Denkschrift zumindest ein Stück gesellschaftspolitische Aufmerksamkeit zurück.
Kommentar von Holger Backhaus-Maul für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 88 – Juli 2008 vom 31.07.2008.