Mehr Mittelschicht

Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung umfasst 228 Seiten. Einige Seiten sind dem politischen und gesellschaftlichen Engagement gewidmet und der Frage, was Engagement fördert. Fazit des Berichtes: „Je niedriger das Einkommen und der Bildungsgrad, desto geringer ist das politische und bürgerschaftliche Engagement“. Der Faktor „Zeit für das Engagement“ spielt hingegen keine Rolle.

Die Erkenntnis ist zwar nicht neu, man kann das praktisch in allen neueren Engagementstudien nachlesen, nicht zuletzt im Abschlussbericht der Enquete Kommission zum Bürgerengagement von 2002. Doch deshalb ist sie nicht weniger richtig und wichtig. Warum ist das so? Der Freiwilligensurvey der Bundesregierung zeigt uns, dass das zentrale Motiv für bürgerschaftliches Engagement in dem Wunsch liegt, „die Gesellschaft zumindest im Kleinen“ mitzugestalten. Zum Gestaltungswillen muss aber noch die Gestaltungsfähigkeit kommen, sonst bleibt alles Wunschtraum. Gestaltungsfähigkeit bedeutet in erster Linie Organisation und Artikulation von Interessen. Ob lokaler Heimatverein oder bundesweites Kulturprojekt, gesucht werden Menschen, die zum Vereinsziel oder Stiftungszweck beitragen. Das gilt allemal bei der Besetzung von Ämtern. Hierfür wünscht man sich Personen, die nützliche Beziehungen haben und Einfluss ausüben können, die in der Lage sind, finanzielle Ressourcen zu mobilisieren oder die das Anliegen fachlich oder legitimatorisch voranbringen. Über ausreichende Zeit zu verfügen und sich engagieren zu wollen, ist allein – leider – keine hinreichend begehrte Ressource. Die Bürgergesellschaft ist keine heile Parallelwelt voller Altruisten und Gutmenschen, sondern funktioniert ebenso nach Angebot und Nachfrage wie der Rest der Gesellschaft. Die oft beklagte „Mittelschichtszentrierung“ bürgerschaftlichen Engagements ist genau dieser Nachfrage geschuldet.

Was heißt das für die Engagementförderung? Nicht die Mittelschichtszentrierung ist ein Problem, sondern die Tatsache, dass zu wenig Menschen der Mittelschicht angehören. Die beste Engagementförderung ist eine erfolgreiche Bildungs- und Wirtschaftspolitik, die Wissen und Wohlstand erhöht. Bürgerschaftliches Engagement steigt dann von selbst.

Kommentar von Dr. Stefan Nährlich für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 81 – August 2008 vom 29.08.2008.