Erfolgreich gescheitert?

In Deutschland gibt es ungefähr 300 Freiwilligenagenturen. Sie informieren und beraten Menschen, die sich bürger-schaftlich engagieren wollen, und vermitteln diese an gemeinnützige Organisationen. Vereinfacht gesagt: ein Arbeitsamt für das Ehrenamt. Vor 20 Jahren ging die Gründung der ersten Freiwilligenagentur auf das Engagement des damalige Berliner Sozialsenators Ulf Fink zurück. Freiwilligenagenturen sollten eine Antwort auf den Wandel des Ehrenamtes und die Erosion sozialmoralischer Milieus sein. Der Soziologe Wolfgang Streeck sprach vom „Aussterben der Stammkundschaft“ bei den traditionsreichen gemeinnützigen Organisationen. Wo Engagement nicht mehr automatisch stattfand, sollten Freiwilligenagenturen helfen, die Bereitschaft zum Engagement zu stimulieren und zwischen Angebot und Nachfrage zu vermitteln.

Vor zwei Wochen hat der Berliner Soziologe Jens Ehrhardt die Ergebnisse seiner Dissertation vorgestellt. Mit Hilfe der Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) hat er nachgerechnet, wie viele Menschen jährlich ein Engagement aufnehmen und wie viele davon über eine Freiwilligenagentur vermittelt werden. Im Untersuchungszeitraum waren es 2,5 Prozent. Sein Fazit: „Freiwilligenagenturen können die Enga-gementquote nicht steigern“, was vor allem darin begründet liege, dass „die natürlichen Mobilisierungsquoten ausgesprochen hoch“ seien. Übersetzt heißt das, auch ohne Ehrenamt-Arbeitsamt engagieren sich die Menschen und finden ihr Projekt, ihre Initiative, ihren Verein oder ihre Stiftung. Wer hätte Ihnen so viel Eigeninitiative zugetraut.

Doch den Freiwilligenagenturen hier einen Vorwurf zu machen, wäre falsch. Viele leisten gute Arbeit, fast alle mit geringen finanziellen und personellen Ressourcen. Das Problem ist die Engagementpolitik des Bundes. Sie basiert zum Teil auf falschen Prämissen und hat sowohl die erforderliche programmatische Nachjustierung der Freiwilligenagenturen als auch die Frage nach deren Finanzierung dauerhaft ausgesessen und sich je nach politischer Agenda lieber neuen Themen zugewandt. Wolfgang Seibel hat vor 20 Jahren mit der These seiner Kasseler Habilitationsschrift für Aufsehen gesorgt, in der er argumentierte, der Staat brauche die gemeinnützigen Organisationen vor allem, um mit Ihnen symbolische Politik betreiben zu können; die Frage nach dem Erfolg ihrer Arbeit sei nachrangig. Es fällt schwer, ihm nicht Recht zu geben.

Kommentar von Dr. Stefan Nährlich für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 82 – September 2008 vom 30.09.2008.