Zarte Irritation
4,6 Milliarden Stunden ehrenamtliches Engagement im Wert von rund 35 Milliarden Euro leisteten Bürgerinnen und Bürger in diesem Jahr in Deutschland, so das Fazit des soeben vorgestellten „Engagementatlas 2009“. Hierfür hat die Prognos AG im Auftrag des Versicherungskonzerns AMB Generali bundesweit rund 44.000 über 16-Jährige zu ihrem (Nicht-)Engagement einige Minuten telefonisch befragt.
Ein derartiger Engagementatlas hat sich dem Vergleich mit dem Freiwilligensurvey zu stellen. In seinen Grundannahmen, d.h. einer umfassenden und zugleich unspezifischen Begrifflichkeit, einer hoch gerechneten volkswirtschaftlichen Bedeutung und einer kultivierten politischen Hoffnung auf unausgeschöpfte Engagementpotenziale, orientiert sich der Engagementatlas weitgehend an den Vorgaben des Freiwilligensurveys. Aber es gibt auch vereinzelte Neuigkeiten. So versucht der Engagementatlas erstmalig, das Engagementpotenzial der Bürger/innen nicht anhand künstlicher politischer Landesgrenzen zu beziffern, sondern differenziert nach Regionen aufzuschlüsseln. Die Region wird – mit erheblichen Unterschieden in punkto Einkommen, Bildungsniveau und Wirtschaftskraft – zum primären Sozialraum von Bürgern in einer globalisierten Welt.
Diese Untersuchungsperspektive hat sich gelohnt: Die Möglichkeiten und Potenziale des Engagements sind regio-nal höchst unterschiedlich verteilt. So changieren die regionalen Engagementquoten zwischen nur 20% und über 50%, wobei das Engagement von Bürgern vor allem im Osten mit 26,5% und auch im Norden deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (34%) liegt.
Ob diese Neuigkeit einen eigenen kostspieligen Engagementbericht rechtfertigen, ist fraglich. Aber dass sich ein Unternehmen am politischen Wettbewerb um die Deutun-gen von Engagement und Bürgergesellschaft einmischt, verdient durchaus Anerkennung, auch wenn der erste Wurf gesellschaftspolitisch blass bleibt. Zumindest aber hat der Engagementatlas schon jetzt einige routineorientierte Bundesländer, Landkreise und Städte irritiert, die die gewohnt frohen Botschaften des Freiwilligensurveys bereits fest in ihr langfristiges Selbstmarketing eingeplant hatten.
Kommentar von Holger Backhaus-Maul für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 84 – November 2008 vom 28.12.2009.