Auf den Blickwinkel kommt es an!
Auch nach 40 Jahren Frauenbewegung und Gleichstellungspolitik und 90 Jahren Frauenwahlrecht sind Frauen in der Kommunalpolitik erheblich unterrepräsentiert. Der Frauenanteil v.a. ehrenamtlich tätiger Mandatsträger/-innen liegt rund bei einem Viertel.
Den beiden vorgelegten Studien und den jeweiligen Auftraggebern kommt das Verdienst zu, nach den Ursachen für dieses Phänomen zu forschen. Aufgrund unterschiedlicher Ausgangsthesen und forschungsmethodischer Vorgehensweisen kommen die Studien zu unterschiedlichen, aber keineswegs widersprüchlichen Ergebnissen.
Die von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft erstellte Studie fokussiert mit dem klassischen Instrument einer Fragebogenerhebung auf die persönliche Situation und die subjektiven Deutungen der Kommunalpolitikerinnen. Dementsprechend wird die Unterrepräsentanz von Frauen in der Kommunalpolitik vor allem mit der familiären und partnerschaftlichen Situation sowie mit individuellen Lebensplanungen und Erfahrungen erklärt.
Die nach dem Muster von Policy-Analysen erstellte Studie von Holtkamp/Wiechmann/Schnittke ist dagegen auf die institutionellen Bedingungen von Kommunal- und Parteipolitik ausgerichtet. Die Unterrepräsentanz von Frauen ist demnach vor allem in der jeweiligen politischen Kultur der Parteien und im Umgang mit parteiinternen Quoten begründet. Die entscheidende Hürde für eine gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen in der Politik sind also nicht die Frauen selbst, sondern die Parteien und die von ihnen geschaffenen institutionellen Regelungen wie z.B. das Wahlrecht.
In beiden Studien bleiben aber die Perspektive der Akteurinnen und Akteure, die Sinnstrukturen ihres Handelns, ihre Erfahrungen und Ressourcen weitgehend ausgeblendet. In der Fragebogen-erhebung verbleibt die Analyse bei einer Wiedergabe von Meinungen und öffentlich akzeptierten Deutungen. Die Policy-Studie ist auf die institutionellen und organisatorischen Strukturen ausgerichtet und vernachlässigt, dass die Umsetzung von Quoten in den Parteien kompetente und mächtige Akteur/-innen erfordert. Die politische Kultur in einer Partei wird nicht nur durch den organisatorischen Rahmen bestimmt, sondern wird entscheidend von den biografisch erworbenen Handlungen und Haltungen der Beteiligten geprägt.
Ein qualitativ-rekonstruktiver Forschungsansatz, in dem die Perspektiven der Beteiligten im Zentrum stehen, könnte auch bei politiknahen Untersuchungen wie den vorliegenden Studien neue Erkenntnisse erbringen. Dies wiederum würde den Blick öffnen für neue Akzente bei den Handlungsempfehlungen und Maßnahmen für eine stärkere Repräsentanz von Frauen in der Politik.
Kommentar von Prof. Dr. Gisela Jakob für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 86 – Januar 2009 vom 30.01.2009.