Tocqueville und die Krise

Was hat Alexis de Tocqueville mit der aktuellen Krise zu tun? Nichts, könnte man meinen. Der eine ist in diesen Tagen 150 Jahre tot. Glückwunsch! Und die andere hat noch nicht einmal ihren Zenit überschritten. Ein Zusammenhang wird in der Öffentlichkeit nicht hergestellt. Die Finanzkrise ist – so der Zeitgeist – allenfalls eine Wirtschaftskrise, mehr nicht. Gleichwohl wird prognostiziert, dass im Zuge dieser „Wirtschaftskrise“ mit tiefen Einschnitten, „nachhaltigen“ Belastungen und globalen Machtverschiebungen zu rechnen sei. Auf diese gesellschaftlichen Herausforderungen wird „routiniert“ geantwortet.

So wird die Finanzkrise als ein bedauerlicher Fall von Marktversagen beschrieben. Allen Bedenken zum Trotz ertönen Rufe nach dem „starken Staat“. Der Bedeutungsverlust des Nationalstaates scheint „über Nacht“ vergessen zu sein. Die Mitverantwortung des Staates und einiger seiner Landesbanken für diese Krise ist Vergangenheit. Das Pendel schwingt vom Markt zum Staat, in der Hoffnung, dass mit staatlichen Regelungen und einer besseren Elitenmoral alles wieder gut werden wird. Ein schlichtes Gesellschaftsbild, das nur Staat und Markt und die Abfolge von Markt- und Staatsversagen kennt.

Würde die Finanz- nicht nur als Wirtschaftskrise, sondern als gesellschaftliche Herausforderung verstanden werden, so wären Alexis de Tocqueville und mit ihm der Zivilgesellschaft eine Renaissance gewiss. So hat die Zivilgesellschaft subsidiäre Ordnungsvorstellungen, institutionelle Regelungen und handlungsfähige Organisationen zu bieten, die ihr Potenzial in Konkurrenz mit Markt und Staat entfalten könnten. Und anders als zu den Zeiten Alexis de Tocquevilles bräuchte die europäische und insbesondere die deutschen Zivilgesellschaft einen Vergleich mit den USA heutzutage nicht mehr zu scheuen.

Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen ist das Schweigen der deutschen Zivilgesellschaft befremdlich. Vom zivilgesellschaftlichen Geist eines Alexis de Tocqueville ist wenig zu spüren. Wenn dieser Tage Teile der deutschen Zivilgesellschaft in den Deutschen Bundestag geladen sind, dürfen wir gespannt sein, ob sie als Bittsteller Wünsche am „Hofe“ vortragen oder ob sie sich souverän, konfliktfähig und eigensinnig präsentieren.

Kommentar von Holger Backhaus-Maul für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 89 – April 2009 vom 30.04.2009.