Aufstiegswille und Engagementbereitschaft

Es gibt sie nicht, 'die Migranten' oder 'die Muslime'. So ließen sich zwei aktuelle empirische Untersuchungen im Auftrag der CARITAS und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge über die Lebenswelten von Migranten und Muslimen in Deutschland zusammenfassen. Die deutsche Gesellschaft leistet sich damit zunächst ein Stück verspäteter Selbstaufklärung: Die "zugereisten Fremden" als einheitliche und entsprechend leicht zu stigmatisierende Gruppe gibt es nicht. "Die Container-Kategorie der Migranten" hat ausgedient, so die Sozialforscher/innen.

Die jeweilige Milieu-, Schicht- und ggf. Religionszugehörigkeit sind ebenso prägend wie die aktuelle Lebenswelt: Migrationshintergründe bzw. Herkunftsländer und -kulturen sind nur ein Faktor neben anderen. Die Lebenswelten sind vielfältig; der ergraute gesellschaftspolitische Begriff des Multikulti erlebt in der empirischen Sozialforschung eine Renaissance.

Beide Studien richten einen differenzierten Blick auf die Potenziale und Ressourcen dieser unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Gesellschaftspolitisch bemerkenswert ist dabei nicht zuletzt, dass beide Untersuchungen diesen Gruppen und Milieus ein hohes freiwilliges Engagement bescheinigen. Anfangs konzentriert es sich zumeist auf eigene Vereine und Organisationen. Wenn das Engagementinteresse dann über das eigene Milieu hinausgeht, sind es eher die "deutschen Organisationen", die fremdeln – vertane Chancen einer bisweilen selbstzufriedenen Engagementlandschaft.

Damit aber nicht genug. Entgegen weit verbreiteter Klischees sind Bildungsoptimismus, Leistungsbereitschaft und Wille zum gesellschaftlichen Aufstieg bei aller Unterschiedlichkeit der Migrantengruppen und -milieus insgesamt deutlich höher als in der autochthonen deutschen Bevölkerung. Die Selektionskraft des deutschen Bildungssystems und die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber dem Leben und den Vorstellungen der "Fremden" zeigen jedoch ihre Wirkung: Enttäuschte Engagementbereitschaft und gebremster Aufstiegswille – so die vorläufige Zwischenbilanz.

Kommentar von Holger Backhaus-Maul für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 92 – Juli 2009 vom 30.07.2009.