Bürgerschaftliches Engagement lernen
Bürgerschaftliche Haltungen wie Zivilcourage und soziales Engagement müssen im Verlauf des Lebens und von jeder Generation aufs Neue gelernt werden – beginnend in Kindheit und Jugend. 43 Prozent der erwachsenen Engagierten haben laut dem 2. Freiwilligensurvey 2004 bereits im Alter zwischen 14 und 24 Jahren erste Erfahrungen mit einem Engagement gemacht. In den Familien, in Vereinen und Jugendverbänden und selbstorganisierten Gruppen, aber auch in Einrichtungen der außerschulischen Jugendarbeit werden soziale Kompetenzen und Engagementbereitschaften ausgebildet.
Unter Stichworten wie Service Learning und soziales Lernen werden in einzelnen Schulen (und Hochschulen) zunehmend Konzepte erprobt, in denen die Schülerinnen und Schüler in Projekten und durch herausgehobene Aktivitäten Erfahrungen mit einem Engagement machen. Das Spektrum damit verbundener Zielsetzungen reicht von methodisch-didaktischen Überlegungen, mit projektförmigem Lernen bessere Lernergebnisse zu erzielen, bis hin zu weit reichenden Erwartungen, dadurch bürgerschaftliche Haltungen, demokratische Grundregeln und soziale Kompetenzen zu entwickeln oder zumindest zu stärken.
Eine erfolgreiche Umsetzung von Service Learning-Projekten in Schulen setzt allerdings voraus, dass diese Projekte nicht nach den traditionellen Regeln schulischen Lernens organisiert werden. Schule ist eine Pflichtveranstaltung, in der es in erster Linie um formelle Lernprozesse geht, in der ein großer Teil der Aufgaben vorgegeben und Leistungen bewertet werden. Demgegenüber ist das Lernen von bürgerschaftlichem Engagement an Freiwilligkeit und selbst gewählte Aufgaben gebunden und findet vor allem in Settings informellen Lernens statt. Diese Differenz und das darin angelegte Konfliktpotenzial aufgrund der unterschiedlichen Funktionslogiken von Schule und außerschulischen Kooperationspartnern muss in der Konzeption von Service Learning-Projekten unbedingt berücksichtigt werden.
Eine erfolgreiche Etablierung von Service Learning setzt zudem voraus, dass sich die Schule als öffentliche Einrichtung verändert. Dazu gehört ein erweitertes Bildungsverständnis, in dem informelle Bildungsprozesse aufgewertet und neue Beteiligungsmodelle und Lernformen erprobt werden. Um Gelegenheiten für bürgerschaftliches Engagement bereitzustellen, müssen sich die Schulen ins Gemeinwesen öffnen und neue Kooperationsbeziehungen mit außerschulischen Akteuren wie Vereinen, Musikschulen, Jugendhilfeträgern und Jugendverbänden aufbauen.
Kommentar von Prof. Dr. Gisela Jakob für "Aktive Bürgerschaft aktuell" – Der Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe Nr. 96, vom 17.12.2009.