Freiheit und Verantwortung statt Kontrolle oder Vertrauen

Seit Wochen macht die Berliner Treberhilfe mit der "Maserati-Affäre" bundesweit Schlagzeilen, der Frauennothilfeverein "Hatun und Can" steht dem nur wenig nach. Es geht um den Missbrauch von Spenden- und Zuwendungsgeldern, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Neu sind solche Missstände nicht. Vor zehn Jahren machte der Manager eines konfessionellen Trägers als "Machiavelli der Mildtätigkeit" Schlagzeilen. Er wurde wegen Untreue in 58 Fällen rechtskräftig zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt und hinterließ einen Schaden von 50 Millionen Euro. Da nimmt sich der "Don Johnson von Aachen" schon wie eine Provinzposse aus. Der Geschäftsführer einer Hilfsorganisation hatte sich vor wenigen Jahren auf Kosten des Vereins zwei Chevrolet Corvettes mit 400 und 600 PS als Dienstwagen geleistet.

Inzwischen setzt sich bei vielen Beobachtern zunehmend der Eindruck fest, dass diese und andere bekannte Fälle keine Einzelfälle, sondern nur die prominentesten Vorfälle sind. In Berlin diskutieren Wohlfahrtsverbände, Politik und andere jetzt, wie man künftig solche Misstände vermeiden kann. Abhilfe sollen freiwillige Selbstverpflichtungen für eine gute Leitung gemeinnütziger Organisationen schaffen, ebenso der verbindliche Einsatz von Wirtschaftsprüfern oder die Deckelung der Gehälter von Führungskräften und die Begrenzung von zu erzielenden Überschüssen. Die öffentlichen Zuwendungsgeber und Kostenträger wollen stärker kontrollieren.

Auch das ist weder neu noch wird es genügen, wie die bisherige Erfahrung zeigt. Vorfälle werden meist von außen durch die Medien aufgedeckt, selten sind hierbei ehrenamtliche Gremien treibende Faktoren. Dort mangelt es häufig an klaren Verantwortungen, effektiven Frühwarninstrumenten und Anreizen, Verantwortung auch wahrzunehmen. Wenn gemeinnützige Organisationen aber als eigenständige gesellschaftliche Kraft eine relevante Größe bleiben wollen, müssen sie aus eigenem Antrieb und im eigenen Interesse nach wirksameren Instrumenten und Regeln streben, um ihre Häuser in Ordnung zu halten. Die Alternativen zu mehr Verantwortung sind ein schleichender Ansehens- und Vertrauensverlust durch weitere Missstände oder Einbußen an Eigenständigkeit und Handlungsfreiheit durch staatliche Kontrollen.

Kommentar von Stefan Nährlich für den Online-Nachrichtendienst "Aktive Bürgerschaft aktuell", Ausgabe 100 – April 2010 vom 30.04.2010.