Bürgerschaftliches Engagement als Bildungsort stärken!

Bürgerschaftliches Engagement muss in jeder Generation neu gelernt werden. Dafür sind öffentliche Orte und Gelegenheiten notwendig, in denen gemeinwohlorientierte Haltungen und Verantwortungsübernahme auch außerhalb der Familie gelernt werden können.

Diese Erkenntnis ist mittlerweile ein Allgemeinplatz in der Fachdebatte und findet ihren Ausdruck in zahlreichen neuen Initiativen und Maßnahmen: Mehrere Bundesländer haben das Thema „Engagement und Schule“ in Kongressen aufgegriffen. Stiftungen haben Programme aufgelegt, die darauf zielen, Jugendliche in ihrem Engagement zu unterstützen. In zahlreichen Kommunen sind Projekte und Wettbewerbe entstanden, die neue Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen erproben. Vereine und Verbände haben neue Initiativen gestartet, um gezielt Kinder und Jugendliche zu gewinnen. In Schulen und einzelnen Hochschulen sind unter dem Stichwort „Service Learning“ neue Projekte gestartet worden. Darüber hinaus haben viele Schulen jenseits der engeren zivilgesellschaftlichen Debatte Aktivitäten entfaltet, um soziales Lernen zu fördern. Dazu gehören Streitschlichter- und Mentorenprojekte ebenso wie Kooperationen mit sozialen Einrichtungen und anderen Akteuren im lokalen Gemeinwesen.

Diese vielfältigen Aktivitäten sprechen für eine neue Aufmerksamkeit dafür, dass Engagement gelernt werden muss und dass es zugleich auch Lernort für gesellschaftliche Verantwortungsübernahme ist.

Soziale Ungleichheit im Engagement wächst

Umso ernüchternder sind allerdings die Daten neuerer Studien zum Engagement Jugendlicher. Die 16. Shell-Jugendstudie stellte im September 2010 fest: Je gebildeter und privilegierter die Jugendlichen, desto häufiger sind sie im Alltag sozial engagiert! Der im Dezember 2010 erschienene 3. Freiwilligensurvey bestätigt diesen Sachverhalt: Nach wie vor sind Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Quote von 35 Prozent eine hoch engagierte Gruppe. Allerdings haben sich die sozialen Unterschiede und die damit verbundene soziale Ungleichheit im Engagement in den letzten Jahren noch verstärkt: Nur 27 Prozent der engagierten Jugendlichen sind Haupt- und Realschüler(innen), gegenüber 47 Prozent Gymnasiast(inn)en. Während die Zahl bei den Gymnasiast(inn)en leicht gestiegen ist, ist der Anteil Jugendlicher mit niedrigen und mittleren Bildungsabschlüssen in den letzten zehn Jahren um 5 Prozent zurückgegangen. Bei den Gymnasiast(inn)en zeigen sich darüber hinaus die negativen Auswirkungen der jüngsten Bildungsreformen. Schüler(innen) in achtjährigen Gymnasien sind zu rund 10 Prozent weniger engagiert als Schüler(innen) in Schulen mit einer neunjährigen Gymnasialzeit. Und Schüler(innen) in Ganztagsschulen sind deutlich weniger engagiert als Schüler(innen) in Halbtagsschulen.

Grundlagen des Engagementlernens politisch ausgehöhlt

Diese Ergebnisse verweisen einmal mehr auf das Problem, dass politische – und im Fall der Bildungsreformen bildungsökonomisch motivierte – Entscheidungen getroffen werden, welche die Grundlagen bürgerschaftlichen Engagements aushöhlen. "Engagementverträglichkeit" und Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen sind bislang nur selten Kategorien, die bei politischen Entscheidungen des Staates eine Rolle spielen.

Aus meiner Sicht ergeben sich aus diesen Entwicklungen vor allem zwei Handlungsanforderungen: Zum einen muss es angesichts des Trends zu einem Ausbau von Ganztagsschulen darum gehen, soziales Lernen und die Einübung bürgerschaftlichen Engagements sehr viel stärker als bislang in schulische Kontexte zu integrieren – ohne allerdings das Engagement zu „verschulen“. Die Integration von Engagement in schulische Abläufe muss die unterschiedlichen Funktionslogiken von Schule als Pflichtveranstaltung und Engagement als freiwilligem Angebot berücksichtigen. Demnach würde es vor allem darum gehen, den Schüler(innen) Freiräume und Gelegenheiten zur Verfügung zu stellen, um Partizipation und Engagement zu erproben. Der Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen aus Kinder- und Jugendhilfe, Wohlfahrtspflege, Sport und Kultur kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

Die zweite Handlungsanforderung besteht darin, der Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen in Haupt- und Realschulen, die offensichtlich auch mit dem Engagement reproduziert wird, entgegen zu wirken. Bei der Konstruktion von Projekten, der Eröffnung von Zugängen und der Vergabe von Ressourcen muss darauf geachtet werden, dass soziale Unterschiede nicht weiter verstärkt werden. Dies ist eine politische Aufgabe, stellt aber auch an die Schulen und an die zivilgesellschaftlichen Akteure entsprechende Anforderungen.

Kommentar von Prof. Dr. Gisela Jakob für den Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft "Aktive Bürgerschaft aktuell", Ausgabe 107 - November-Dezember 2010 vom 15.12.2010.