Blinde Flecken – unübersehbar
Über die gesellschaftliche Rolle und die Verantwortung von Unternehmen wird - seitdem es Dynamik zwischen Wirtschaft und Gesellschaft gibt - diskutiert und gerätselt. In der jüngeren deutschen Vergangenheit genügte der bloße Verweis auf die Soziale Marktwirtschaft. Dieses Sinnbild für wirtschaftlichen Erfolg mit menschlichem Anktlitz "Made in Germany" strahlt mittlerweile aber eher in die Vergangenheit zurück, als die nahe Zukunft auszuleuchten. In den Zeiten von Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship reicht aber der bloße Verweis auf eine als glänzend erinnerte Vergangenheit nicht mehr aus, sondern Kommunikation, Aktivitäten und das Beibringen von Belegen sind gefordert.
Angesichts der Finanzkrise wurde der Ruf nach Übernahme von Verantwortung durch Unternehmen, insbesondere in der Finanzbranche, hörbar. Die Forderung nach Unternehmensverantwortung erreichte sogar die Energiebranche, die in Eigenverantwortung ökologische Hoffnungen im Golf von Mexiko zuerst versenkte und dann auch verschenkte. Das Leistungspotenzial des deutschen Staates wurde sichtbar, als sich Teile der Wirtschaft unter dem staatlichen Schutzschirm einfanden und in den Genuss staatlicher Fürsorgeleistungen, seien es etwa hohe Bürgerschaften oder Verlängerungen von Kurzarbeit, kamen. Aber mit der – auch im internationalen Vergleich betrachtet – bemerkenswert zügigen wirtschaftlichen Konsolidierung in Deutschland wurde hierzulande aus einem deutlich vernehmbaren Rauschen ein eher leises Rascheln im weiten Feld der Unternehmensverantwortung. Eine Reform oder sogar grundlegende Änderungen der Finanzbranche - im Sinne der Übernahme von Unternehmensverantwortung für die selbst erzeugte Finanzkrise - unterblieb.
Ein schlichtes "Weiter so"
Und Unternehmen selbst? Machten sie im vergangenen Jahr 2010 von ihrer Freiheit zur Verantwortung Gebrauch? Ja, ein wenig. So wurden etwa Unternehmen, die in der Kultur oder der Wirtschaft in besonderer Art und Weise gesellschaftliche Verantwortung gezeigt hatten, von ihren eigenen Verbänden und auch von kritischen Stakeholdern mit Bedacht ausgezeichnet und geehrt. Die Kommunikation über Unternehmensverantwortung hielt im Jahr 2010 Einzug auf fast allen relevanten Homepages und führte zu vermehrter Publikationstätigkeit. Gleichzeitig vertrauten wichtige Branchen und führende Unternehmen, insbesondere in der Finanzbranche, der Automobilindustrie und der Energiewirtschaft, auf die "Kraft der Vergangenheit". Die überraschende wirtschaftliche Konsolidierung begünstigte Vorstellungen eines schlichten "Weiter so". Und am Markt führende Energiekonzerne fühlten sich sogar ermutigt, einseitig den mühselig errungenen gesellschaftlichen Kompromiss zur Atomenergie aufzukündigen.
Aber das Jahr 2010 steht auch für Versuche, Unternehmensverantwortung freiwillig umzusetzen. In diesem Zusammenhang sind etwa das Bemühen um einen deutschen Corporate Governance Codex und die Leitsätze der OECD zur Unternehmensverantwortung (< Ausgabe 103 – Juli 2010) hervorzuheben. Gleichzeitig haben auch anerkannte Institutionen gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung, das heißt Unternehmensstiftungen, im vergangenen Jahr deutlich an Ansehen und Akzeptanz verloren. So wurde etwa berichtet, dass als gemeinnützig anerkannte und entsprechend begünstigte Unternehmensstiftungen eigennützige wirtschaftliche Interessen verfolgt und – ohne entsprechende Legitimation – massiven politischen Einfluss ausgeübt hätten (< Ausgabe 104 – August 2010).
Normativ überfrachtet – ungeschminkt öffentlich
Die blinden Flecken der normativ oftmals überfrachteten Unternehmensverantwortung traten 2010 im Zeichen der Finanzkrise relativ ungeschminkt zutage: Die schlichte Leugnung unternehmerischer Verantwortung in zentralen Branchen und Unternehmen, fehlende Engagementstrategien auf Unternehmensseite und eine weit gehende Unklarheit über die gesellschaftliche Potenziale und Effekte unternehmerischer Verantwortung bilden die Eckpunkte dieses Bermuda-Dreiecks. Eine günstige Gelegenheit für den deutschen Staat, um sich angesichts der gewährten Fürsorgeleistungen über den Return on Investment beziehungsweise die gesellschaftliche Unternehmensverantwortung zu erkundigen. Und so begab es sich - um es saisonal passend zu formulieren -, dass das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in wirtschaftlicher Perspektive die Corporate Social Responsibility erkunden lässt, während das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der gesellschaftlichen Rolle von Unternehmen als Corporate Citizen nachgeht (< Ausgabe 106 – Oktober 2010). Das nächste Jahr – so viel ist zumindest heute schon sicher – verspricht grundlegende Berichte zur Unternehmensverantwortung, lässt aber auch wieder neue unternehmerische Taten und kommunikative Offensiven erwarten.
Kommentar von Holger Backhaus-Maul für den Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft "Aktive Bürgerschaft aktuell", Ausgabe 107 - November-Dezember 2010 vom 15.12.2010.