Unternehmertum – sozial?
Der Kapitalismus hat spätestens 1989 global gesiegt, aber hat er - jenseits von Krise und Gewinnmaximierung - auch eine Zukunft?
Mit dem schillernden Begriff Social Entrepreneurship begeben sich Stefan Empter, soziologisch versierter Direktor der Bertelsmann Stiftung, und Helga Hackenberg, Professorin an der Evangelischen Hochschule Berlin, publizistisch mit zahlreichen Autorinnen und Autoren auf die Suche nach der Dynamik des Kapitalismus im 21. Jahrhundert. Eine Erneuerung des Kapitalismus erwarten sie weder von Staat und Demokratie, noch von Zivilgesellschaft und Bürgern. Vielmehr wird auf die Selbstheilungskräfte des Kapitalismus gesetzt. Unternehmen als Organisationen und ein gesellschaftlich inspirierter Unternehmergeist gelten ihnen als die Schlüsselfaktoren für die notwendige Innovationskraft des Kapitalismus. Die Verknüpfung von moderner Organisation und Moral erinnert an Max Webers Ausführungen über die bürokratische Organisation und die protestantische Ethik des Kapitalismus. Kalter Kaffee - aufgewärmt?
Tatsächlich wird seit einigen Jahren über gesellschaftlich motivierte Unternehmensgründungen - vor allem im Bereich sozialer Dienstleistungen - berichtet und noch mehr spekuliert. Die zumeist namentlich bekannten Social Entrepreneurs in Deutschland stammen aus Unternehmen, Verwaltungen, Verbänden und Initiativen. Gemeinsam soll ihnen sein - so Stefan Empter und Helga Hackenberg -, dass sie nicht vorrangig nach finanziellem Gewinn streben, sondern gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen bearbeiten wollen. Unter dem Label Social Entrepreneuership werden dabei die Unternehmung zur dominanten Organisationsform und der "soziale" Unternehmer zum maßgeblichen Gestalter kapitalistischer Gesellschaften erhoben.
Zweifelsohne macht der Begriff "Social Entrepreneurship" auf tief greifende sozialkulturelle Veränderungen auch in Deutschland aufmerksam. Unternehmungen als Organisationsform und sozial eingestellte Unternehmerpersönlichkeiten finden vielerorts Zustimmung. Aber handelt es sich bereits um bedeutsame Entwicklungen? Oder erfreut sich die Öffentlichkeit an einem völlig deutungsoffenen Begriff, mit dem sich alle identifizieren können und der niemandem weh tut? So behaupten mittlerweile selbst Stadtverwaltungen, Kindergärten, Schulen und Gefängnisse von sich, sie seien "Unternehmen" - sozialer Unternehmergeist inklusive.
Organisationssoziologen hingegen würden in vielen Fällen schlicht "Mimikry" diagnostizieren. Aber auch Nachahmung und Anpassung erfordern Vorbilder - vielleicht sogar "Social Entrepreneurs".
Kommentar von Holger Backhaus-Maul für den Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft "Aktive Bürgerschaft aktuell", Ausgabe 112 – Mai 2011 vom 31.05.2011.