Stiftungen - falsche Erwartungen und falsche Befürchtungen. Kommentar von Dr. Stefan Nährlich, Aktive Bürgerschaft e.V.

Stiftungen - falsche Erwartungen und falsche Befürchtungen

Stiftungen spielen neben Unternehmen eine privilegierte Rolle in der Nationalen Engagementstrategie. Vor allem in ihnen sieht die Bundesregierung potentielle Partner ihrer Engagementpolitik. Die Berliner Professorin Berit Sandberg hat diese Erwartungshaltung an Stiftungen jüngst kritisiert. Zu gering sei das finanzielle Potenzial des Stiftungssektors, zu wenig passten Stiftungen in das Konzept einer modernen Bürgergesellschaft. Die Nationale Engagementstrategie liefere vielmehr ein Beispiel für erfolgreiches Stiftungs-Lobbying, das zugleich die Grenzen administrativen Problemverständnisses demonstriere, so Sandberg.

Das ist nichts Neues, könnte man sagen, doch das Problem liegt tiefer. Stiftungen können durchaus eine wichtige Rolle bei der Förderung der Bürgergesellschaft spielen, weil sie eine vergleichsweise hohe Unabhängigkeit besitzen, eigene finanzielle Ressourcen einbringen können und vielfach gut vernetzt sind. Doch falsche Erwartungen wecken auch falsche Befürchtungen. So geraten Stiftungen, gerät bürgerschaftliches Engagement insgesamt, zunehmend in den Verdacht des Lückenbüßers beim Abbau des Sozialstaates. Ein Blick in das Feuilleton (siehe auch die Presseschau dieser Ausgabe) zeigt, dass die Rolle von Stiftungen und bürgerschaftlichem Engagement zunehmend Kritiker findet. Sachliche Kritik und ideologische Ablehnung vermischen sich dabei gelegentlich. Ehrenamts-Bashing reicht jedoch nicht aus. Dass bürgerschaftliches Engagement auch Schattenseiten hat, dass es vielfach partikular und paternalistisch ist, Probleme mit Kontinuität und Professionalität hat, liegt in seinem Wesen begründet. Der US-Soziologe Lester Salamon hat dafür in den 1980er Jahren den Begriff des "voluntary failure" geprägt.

In vielen Köpfen dominiert noch das Bild vom Ehrenamt, dass staatliches Handeln ergänzt - und nicht ersetzt, wie neuerdings immer hinzugefügt wird. Es gibt jedoch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kein ergänzendes Handeln, das nicht zugleich geeignet ist und zudem immer im Verdacht steht, staatliches Handeln zu ersetzen. Und in wirtschaftlich guten Zeiten? Wozu braucht man da ein ergänzendes Handeln? Nein, Bürgerengagement kann dem Staat nur vorgelagert sein. Dies ordnungspolitisch und als Vision einer Bürgergesellschaft als besseren Sozialstaat zu gestalten, ist die Herausforderung der Zukunft.

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Kommentar von Dr. Stefan Nährlich für den Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft "Aktive Bürgerschaft aktuell", Ausgabe 115 – August 2011 vom 31.08.2011.