Offene Zukunft von Freiwilligenagenturen

Die vorgelegte Studie zur Situation der Freiwilligenagenturen würdigt die Arbeit und das innovative Potenzial von Freiwilligenagenturen. Dass Standards für ein modernes Freiwilligenmanagement bei der Gewinnung, Begleitung, Qualifizierung und Anerkennung engagierter Bürger(innen) heute zum Repertoire einer modernen Engagementförderung gehören, ist auch ein Verdienst der Freiwilligenagenturen und -zentren, die mit dem Anspruch einer Modernisierung des freiwilligen Engagements angetreten sind. Ressourcenstarken Agenturen ist es zudem gelungen, neue Formate wie Freiwilligentage, Marktplätze und besondere Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Dabei werden bereichsübergreifende Kooperationen mit gemeinnützigen Trägern und staatlichen Einrichtungen wie Schulen und Unternehmen erprobt.

Das differenzierte empirische Vorgehen der Autoren Holger Backhaus-Maul und Karsten Speck eröffnet allerdings auch den Blick auf die Probleme von Freiwilligenagenturen und auf ihre offene und riskante Zukunft. Die unzureichende Ausstattung und der prekäre Status vieler Agenturen verweisen darauf, wie selektiv das Thema einer lokalen Engagementförderung bislang von den Kommunen gehandhabt wird. Bei den Freiwilligenagenturen selbst gibt es Handlungsbedarf, ein eindeutiges und für Außenstehende klar identifizierbares Profil zu entwickeln und ihre Arbeitsweise zu professionalisieren. 

Beide Anforderungen sind jedoch mit Dilemmata und Paradoxien verbunden: Professionalisierung und Profilbildung erfordern eine Standardisierung bei dem, was als Aufgabe von Freiwilligenagenturen betrachtet wird und wie die Aufgaben wahrgenommen werden. Für die Personalentwicklung wäre damit eine Orientierung an einschlägigen Berufsabschlüssen verbunden. Eine solche Standardisierung steht allerdings in einem Spannungsverhältnis zur Heterogenität ihrer unterschiedlichen Aufgaben, ihrer organisatorischen Rahmenbedingungen und der beteiligten Akteure. Als intermediäre Organisationen im Bereich der lokalen Engagementförderung betreten und strukturieren die Freiwilligenagenturen ein völlig neues Terrain, das auch ein neues Berufsprofil und neue Modelle der Kooperation verschiedener Gruppen von beruflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter(inne)n erfordert.

Ein zweites Paradoxon ergibt sich aus der Anforderung einer kommunalen Unterstützung von Agenturen und der damit verbundenen Kooperation mit Kommunen. Wie die Erfahrungen mit lokaler Engagementförderung zeigen, ist dies einerseits notwendig, um gemeinsam mit kommunalen und sonstigen Akteuren im Gemeinwesen an einer lokalen Bürgergesellschaft mitzuwirken. Mit einer Unterstützung durch die Kommune ist aber auch eine Abhängigkeit von Verwaltung und Politik verbunden, die im schlimmsten Fall Freiwilligenagenturen zu "Dienstleistern" der Gemeinde degradiert.

Diese Paradoxien, die für Kontexte professionellen Handelns insgesamt und für intermediäre Organisationen in besonderer Weise gelten, können nicht aufgelöst werden, sondern müssen bearbeitet werden. Die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Studie bietet dafür eine gute Grundlage.

Kommentar von Prof. Dr. Gisela Jakob für den Online-Nachrichtendienst Bürgergesellschaft "Aktive Bürgerschaft aktuell" , Ausgabe 117 - Oktober 2011 vom 01.11.2011.