Frühlingserwachen bei der Caritas?
von Holger Backhaus-Maul
Die Caritas hat eine beeindruckende Geschichte vorzuweisen; eine Unternehmensgeschichte, würde manch einer heutzutage sagen. Gegründet aus „freier Liebestätigkeit“, bürgerschaftlichem Engagement, ist sie mittlerweile mit einer halben Million Mitarbeitenden der größte Wohlfahrtsverband in Deutschland, gefolgt von der unwesentlich kleineren Diakonie. Von der sozialen Bewegung, über die professionelle Dienstleistungsorganisation zum Sozialunternehmen: Die Entwicklung der konfessionellen Organisationen im Schatten ihrer jeweiligen Kirchen und im Spannungsfeld zwischen Sozialstaat und Marktwirtschaft war rasant und sucht ihresgleichen.
Derart schnelle Entwicklungen können bei den Nachgeborenen Vorstellungen von einer vermeintlich schönen Vergangenheit wachrufen und bei klugen Organisationsstrategen Nachdenklichkeit erzeugen. So fragt sich Mario Junglas, Direktor des Hauptstadtbüros des Deutschen Caritasverbandes, in einem Grundsatzbeitrag für das aktuelle Caritas-Jahrbuch, wie sich die Caritas innerhalb von Gesellschaft, von Zivilgesellschaft, zeitgemäß und sinnvoll verorten sollte. Die politischen Rahmenbedingungen seien für eine gesellschaftliche Selbstverortung in den letzten zehn Jahren ausgesprochen günstig gewesen. Und Gesellschaft sei für die Caritas eben nicht nur historischer Gründungsimpuls, sondern Quelle verbandlicher Innovationen. Gleichwohl, so Junglas, habe es die Caritas im steten Bemühen um Staats- und Wirtschaftsnähe aber versäumt, sich in der Gesellschaft zu verorten. Damit sei die Caritas in ihrem gesellschaftspolitischen Profil blass geworden. Jetzt komme es darauf an, die Caritas als soziale Bewegung wieder zu beleben, sie als eigenständige und eigensinnige Organisation zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft zu positionieren.
Frischer gesellschaftspolitischer Geist in der Caritas. Ein dritter Weg zwischen Sozialstaat und Kapitalismus? Die Caritas als moderne soziale Bewegung? Ein schöner Traum. Doch die Caritas hat sich als sozialstaatlicher Akteur und als Sozialunternehmen erfolgreich institutionalisiert. Ein schlichtes Zurück zu historischen Wurzeln gibt es nicht. Die Kritik des Insiders Junglas ist instruktiv und frisch. Doch um an Dramatik zu gewinnen, müsste der angedeutete kritische Geist konkret Anwendung auf die Caritas selbst, ihre Einrichtung, Dienste und Verbandsstrukturen finden. Diese aber hat sich fest als sozialstaatlicher Interessenverband und marktwirtschaftliches Sozialunternehmen etabliert. Des Jägers Halali ist eben noch lange nicht der Marsch durch die Institution Kirche. Aber zumindest eine frohe Botschaft.
Kommentar von Holger Backhaus-Maul für den Online-Nachrichtendienst "Aktive Bürgerschaft aktuell", Ausgabe 122 – April 2012 vom 27.04.2012