Verbände und das Engagement

von Holger Backhaus-Maul

Das Engagement der Bürger ist individuell und entsprechend vielfältig. Gleichwohl sind sie in Gruppen, Vereinen und Verbänden organisiert, die in Soziales, Bildung, Wirtschaft, Ökologie, Sport und Kultur fragmentiert sind. Diese Organisationen sind das Nadelöhr und zugleich die große Unbekannte des Engagements in Deutschland. Mittlerweile fragen sich einige dieser Verbände, so etwa jüngst das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland, wie es um das Engagement der Bürger in ihren Reihen bestellt ist.

Der Zeitpunkt, um diese für gemeinnützige Organisationen existenzielle Frage zu stellen, ist spät. Schon Mitte der 1980er Jahre hat Wolfgang Streeck in einem Richtung weisenden Beitrag herausgearbeitet, dass in traditionsreichen Verbänden die Mitgliedschaft als Kerngruppe des Engagements vom „Aussterben“ bedroht ist.

Nun hat also das Diakonische Werk, rückblickend auf eine rund 160jährige Tradition und neben der Caritas der größte Wohlfahrtsverband in Deutschland, eine erste empirische Selbstuntersuchung über den Umfang des ehrenamtlichen Engagements in seinen Einrichtungen und Diensten vorgelegt. Die Befunde sind, so Präsident Johannes Stockmeier, beeindruckend: Es gibt rund 450.000 hauptamtliche Mitarbeiter, und es engagieren sich rund 700.000 Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich in der Diakonie. Doch es empfiehlt sich, die Selbstgewissheit der Beteiligten wissenschaftlich zu hinterfragen. Die weitaus größte Anzahl der Engagierten ist über 60 Jahre alt und weiblich. Sowohl junge Menschen als auch die mittlere Altersgruppe - die Kerngruppe des bürgerschaftlichen Engagements - markieren gravierende „Leerstellen“ in diakonischen Einrichtungen und Diensten. Die Engagierten altern mit ihrem Verband. Das Engagement in der Diakonie droht so – im Sinne von Wolfgang Streeck – schlicht „auszusterben“.

Hinzu kommt, dass die Diakonie den Anschluss an moderne Organisationsformen des Engagements, von der Freiwilligenagentur bis hin zu Bürgerstiftungen, verpasst zu haben scheint. Und für ein dezidiertes Engagementprofil der Diakonie, das einen entsprechenden verbandspolitischen Willen zum Ausdruck bringt, gibt es bisher allenfalls erste Anzeichen zu vermelden. Aber immerhin: Mit der, wenn auch verspäteten, Selbstuntersuchung ihres Engagementpotenzials und dem Versuch einer engagementbezogenen Profilbildung hat die Diakonie etwas nachgeholt, was andere Verbände bisher noch nicht einmal ernsthaft in Erwägung gezogen haben.

Kommentar von Holger Backhaus-Maul für den Online-Nachrichtendienst "Aktive Bürgerschaft aktuell", Ausgabe 119 – Januar 2012 vom 31.01.2012