Die schönen neuen Bräute der Bürgergesellschaft
Corporate Citizenship bedeutet, Unternehmen als Partner zu gewinnen, und nicht, sie als Geldgeber zu verschrecken. Dann klappt`s auch mit der Bürgergesellschaft.
Unternehmen werden seit einiger Zeit als Corporate Citizens heftig umworben. Gesellschaftliches Engagement von Firmen und Betrieben ist in Deutschland gegenwärtig ein Top-Thema. Viele gemeinnützige Organisationen versprechen sich davon einen Ausweg aus ihren finanziellen Problemen, vielfach mehr oder weniger sanft dazu gedrängt von Politik und Verwaltung, die nicht mehr in der Lage sind, die Förderung der vergangenen Jahre an Vereine und Initiativen aufrecht zu erhalten. Mancher sieht darin aber auch die Chance, dass Unternehmen künftig konzeptionell an der Lösung gesellschaftlicher Probleme mitwirken, dass gesellschaftliche Aufgaben und Verantwortungen neu verteilt werden und man zu anderen, besseren Lösungen kommt.
Und die Unternehmen? Hier stößt das Thema trotz schwieriger Wirtschaftslagen, in denen sich viele Branchen befinden, durchaus auf Interesse, klingen doch die vorgebrachten Argumente verlockend. Das öffentliche Ansehen verbessert sich, die Loyalität und Teamfähigkeit der Mitarbeiter werden erhöht. Gesellschaftliches Engagement ist absatzfördernd, denn die Verbraucher honorieren so etwas durchaus. Doch die schönen neuen Bräute zieren sich noch. Mehr als eine spürt, dass es womöglich nicht in einer Liebeshochzeit enden wird, sondern dass nur ein neuer Versorger gesucht wird. Mit vielen Ansprüchen und manchen Pflichten, doch ohne dass man sich richtig kennt und gemeinsam die Zukunft plant und gestaltet. Viele befürchten, dass mit Corporate Citizenship mehr ein quantitatives als ein qualitatives Engagement gemeint sein könnte. Eben doch nur Versorger und nichts Neues?
Vielleicht hinkt die Metapher von den schönen neuen Bräuten ein wenig, doch sie ist insofern zutreffend, als sie zugleich widerspiegelt, dass von einem neuen Gesellschaftsvertrag, von einer neuen Rolle, die Staat, Markt und Gesellschaft künftig übernehmen sollen, noch keine Rede sein kann. Wer künftig unter welchen Bedingungen was machen soll, bleibt bislang unklar.
Trotzdem: Die Chancen, dass sich Unternehmen für ein modernes, auch stärkeres gesellschaftliches Engagement einsetzen, sind gut. Sie sind gut, weil die Zeiten schlecht sind. Das Vertrauen der Bürger und der Unternehmen in Reformwillen und -fähigkeit der Parteien und manch anderer großer gesellschaftlicher Interessengruppen ist kaum noch vorhanden. Privatpersonen und Unternehmen wollen sich einmischen und die Dinge, wo es möglich ist, auch selbst in die Hand nehmen. Das ist schon mal eine gemeinsame Basis. Doch die Zusammenarbeit von gemeinnützigen Organisationen mit Unternehmen funktioniert anders als die gewohnte Beziehung zum Staat. Hier werden keine Förderprogramme aufgelegt, aus denen Mittel beantragt werden können. Wer mit Unternehmen zusammenarbeiten will, muss selbst sagen, was er will, wie die Zusammenarbeit aussehen könnte und warum das angesprochene Unternehmen der richtige Partner ist. Das verlangt nicht nur einen aktiveren Part von vielen gemeinnützigen Organisationen, es verlangt auch andere Kenntnisse. Kenntnisse etwa über die Unternehmensphilosophie und Handlungslogik in Unternehmen, Kenntnisse über Produkte, Märkte, Geschäftsbeziehungen, Organisationsstruktur und -kultur. Die Unternehmen werden ebenfalls ihre Zeit brauchen, damit aus der gemeinsamen Basis eine konkrete, für beide Seiten gewinnbringende Partnerschaft wird. Auch hier ist mehr Lernen über die Funktion und Arbeitsweise von Bürgergesellschaft notwendig.
Die Zusammenarbeit der Aktiven Bürgerschaft mit den Unternehmen und Verbänden der genossenschaftlichen Bankengruppe und deren hauptsächlich mittelständischen Firmenkunden hat uns gezeigt, dass es sich lohnt, in eine langfristige Kooperation zu investieren.
Kommentar: Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer Aktive Bürgerschaft e.V.