Agenda 2020: Bürgergesellschaft

Bürgergesellschaft heißt nicht einfach mehr Ehrenamt, mehr Stiftungen, mehr Spenden. Es kommt auf das neue Zusammenwirken von Markt, Drittem Sektor und Staat an. Das verlangt Phantasie und Konzepte.

Mit der "Agenda 2010" hat der Bundeskanzler sein Programm zur Reform des Arbeitsmarktes, zum Umbau der Sozialsysteme und für wirtschaftliches Wachstum vorgelegt. Kein ausreichender, aber ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ein erster Schritt, weil er hoffentlich dazu beiträgt, den Reformstau aufzulösen, kein ausreichender Schritt, weil die strukturellen Probleme damit noch nicht gelöst werden.

Um Strukturprobleme anzugehen, muss aber klar sein, in welche Richtung unsere Gesellschaft umgebaut werden soll. Mehr Eigenverantwortung und mehr Solidarität, sicher, aber was ist darunter zu verstehen? In fast allen wichtigen gesellschaftlichen Gruppen wird die Bürgergesellschaft diskutiert, einige befördern eine solche Entwicklung. Doch es gibt auch viele, die befürchten, "Bürgergesellschaft" ist nur der Deckmantel für immer weniger Leistungen und mehr Belastungen. Eine so gedachte Bürgergesellschaft wäre in der Tat eine Mogelpackung, denn sie folgt der alten Logik des Sozialstaates, nur auf niedrigerem Niveau.

Probleme würden weiter nur mit Geld gelöst, auch wenn inzwischen die Konzepte von gestern und vorgestern sind. Doch bei der Bürgergesellschaft kommt es nicht in erster Linie auf weniger oder mehr an, sondern auf ein anderes Zusammenwirken von Markt, Drittem Sektor und Staat. Es kommt auf andere Lösungskonzepte an. Wie so etwas im Kleinen aussehen könnte, wurde vor einiger Zeit auf einem Workshop des Arbeitskreises Nonprofit Organisationen (AKNPO) diskutiert.

Vom Sozialstaat zur Bürgergesellschaft: Mit dem Serviceangebot Essen auf Rädern versorgen die Wohlfahrtsverbände seit langem ältere, behinderte oder kranke Menschen in ihren Wohnungen mit Mittagessen. Staatlich subventioniert, sind diese sozialen Dienste nicht nur zur Versorgung älterer oder kranker Menschen wichtig, sondern waren bislang für diese auch ein wichtiger sozialer Kontakt. Zunehmender Kostendruck durch den Rückgang öffentlicher Zuwendungen und die Einführung von Wettbewerbselementen im Sozialbereich führten vor einigen Jahren dazu, dass die Wohlfahrtsverbände mehr auf betriebswirtschaftliche Effizienz setzen mussten. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung schlugen auf dem Workshop des AKNPO Vertreter von Wohlfahrtsverbänden zunächst vor, ehrenamtliche Besuchsdienste an das Serviceangebot Essen auf Rändern zu koppeln, um damit jene durch Wettbewerbsdruck wegrationalisierten sozialen Kontakte wieder zu ermöglichen. Das hat mit Bürgergesellschaft, mit neuen Lösungen aber nicht viel zu tun.

Bürgergesellschaft, so wurde diskutiert, heiße, über die örtlichen Gaststätten und Restaurants ein entsprechendes Mittagessen anzubieten. Dort ist häufig über die Mittagszeit nicht viel Betrieb, so dass zusätzliche Gäste eine betriebswirtschaftlich bessere (und verlässlichere) Auslastung bedeuten würden. Vermutlich bräuchte man aufgrund solcher betriebswirtschaftlicher Kostenvorteile nicht einmal Subventionen. Vielleicht wäre es sogar ein Aushängeschild für die Gastronomiebetriebe, hier gesellschaftliches Engagement zu zeigen. Gemeinsam mit Angehörigen, Nachbarn, Kunden (z.B. den Vereinen, die in der Gaststätte ihr Vereinslokal haben) und sozialen Einrichtungen könnte man organisieren, dass die älteren Herrschaften zum Essen abgeholt und wieder zurückgebracht werden. Dann entstehen soziale Kontakte schon von selbst. Und wer auch mit Hilfe die Wohnung nicht verlassen kann, dem könnte man das Essen bringen und müsste nicht sofort wieder gehen.

Solche Ideen stärken die "kleinen Lebensräume", bauen auf vorhandenen Strukturen auf, betonen Eigenverantwortung und Solidarität und ermöglichen es engagierten Menschen und Firmen, sich einzubringen und einzumischen. Deshalb: Nach der Agenda ist vor der Agenda: "Agenda 2020: Bürgergesellschaft".

Kommentar: Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer Aktive Bürgerschaft e.V.