Geld ist nicht alles
In Bürgerstiftungen wollen sich aktive Bürger und Unternehmen nicht nur finanziell um das Gemeinwohl kümmern, sie tragen auch dazu bei, das Denken in unseren Köpfen zu verändern.
Bürgerstiftungen stehen in der Fachöffentlichkeit hoch im Kurs. Zu Recht, denn sie erweisen sich auch in der Praxis als Erfolgsmodell. Woran liegt das? Zwei bislang beachtete Gründe scheinen dafür verantwortlich zu sein:
Der Begriff Bürgerstiftung ist nicht lediglich ein zeitgemäßes Marketing-Label für Stiftungen aller Art im Zusammenhang mit Bürgerengagement oder Bürgergesellschaft, sondern bezeichnet eine spezielle Stiftungsform. Bürgerstiftungen sind im Unterschied zu herkömmlichen Stiftungen unabhängige, nicht von einer Einzelperson oder Organisation dominierte Stiftungen, die ausschließlich lokal oder regional aktiv sind und ihr Stiftungskapital nach der Gründung langfristig aufbauen und vergrößern. Da das Stiftungskapital gemeinsam von mehreren Stiftern, späteren Zustiftern und durch kleine und mittlere Vermögen aufgebracht wird, kann es sich jeder leisten, Stifterin oder Stifter zu werden. Während traditionell Stiftungen überwiegend bestimmte Einzelzwecke wie Wissenschaft, Kultur oder Soziales verfolgen, sind die Stiftungszwecke von Bürgerstiftungen breit angelegt. Die Erträge aus dem Stiftungsvermögen können so in eine Vielzahl von unterschiedlichen Förderungszwecken fließen.
Durch ihre besonderen Merkmale, z.B. die Vielzahl der unterschiedlichen Förderungszwecke, sind Bürgerstiftungen auch ganz besonders geeignet, die Identität einer Bürgergesellschaft von unten aufzubauen. Das ist dringend notwendig, denn traditionell gibt es in Deutschland kein übergreifendes Verständnis von bürgerschaftlichem Engagement, sei es zwischen Sportvereinen oder Kulturinitiativen, karitativen Organisationen oder Umweltverbänden, Vereinen oder Stiftungen. Betont werden stattdessen vor allem Unterschiede, und organisiert wird die deutsche »Ehrenamtslandschaft« entlang von Bereichsspezifischen Verbänden. Das Ergebnis ist eine Segmentierung bürgerschaftlichen Engagements in Einzelbereiche wie Sport, Kultur, Soziales, Umwelt usw., die wenig voneinander wissen und dementsprechend auch kaum gemeinsame Anliegen vertreten. Nicht von ungefähr fanden beispielsweise in Berlin der diesjährige Selbsthilfetag, der Stiftungstag und der Freiwilligentag nahezu zeitgleich, aber getrennt von einander statt. Dass man zufällig von den anderen Veranstaltungen erfahren hat, führte wenigstens dazu, gegenseitig aufeinander hinzuweisen.
Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts weiß der Volksmund. Wichtig ist aber manchmal auch, woher das Geld kommt. Bürgerschaftliches Engagement wird in Deutschland überwiegend durch öffentliche Mittel der Kommunen, der Länder und des Bundes unterstützt. Dadurch werden aber auch Themen vorgegeben, die Programmatik beeinflusst, Ressourcen kanalisiert und durch Verfahrens- und Zuwendungsvorschriften Verhaltensweisen in den gemeinnützigen Organisationen geprägt. Auch dies ist der Entwicklung einer Identität der Bürgergesellschaft nicht förderlich. Angesichts der leeren öffentlichen Kassen werden jetzt viele Zuwendungen an Vereine, Projekte und Initiativen gekürzt oder gestrichen. So erweist sich die hohe Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln nochmals als Problem. Natürlich können die gerade erst entstehenden Bürgerstiftungen hier nicht in die Bresche springen. Doch sie wiederholen auch nicht die Fehler der Engagementpolitik aus der Vergangenheit. Da sie aus privater Initiative und mit privatem Geld von Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen entstehen, stärken sie das Eigenkapital der Bürgergesellschaft. Das wird sie langfristig von politischen Einflussnahmen, aber auch wechselnder Spendenbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger unabhängig machen und sie in die Lage versetzen, sich aktiv als Lobby für eine moderne und lebendige Bürgergesellschaft einzusetzen.
Kommentar: Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer Aktive Bürgerschaft e.V.