Wer sind die Guten?
Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, sind unpatriotisch, sagt die SPD. Appelle an vaterländische Pflichten sollen Emotionen wecken und offenbaren doch nur die eigentliche Krise des Landes: Uns fehlt die gemeinsame Orientierung.
Entdeckt Deutschland den Patriotismus? Fast scheint es so zu sein. Nicht im Zuge der Deutschen Einheit, auch nicht während des ersten Kampfeinsatzes der Bundeswehr, nein, die Ankündigung von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, bringt die Erinnerung an vaterländische Pflichten. So schalt unlängst der neue SPD-Generalsekretär den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages als "vaterlandslosen Gesellen", und Kanzler und Bundestagspräsident schoben nach, wie sie ein solches Verhalten der Wirtschaft in dieser schwierigen Zeit empfinden: unpatriotisch!
Zwar mag der mit geschichtlicher Bildung vorbelastete Bürger "vaterlandslose Gesellen" eigentlich woanders in Erinnerung haben, aber angesichts der PISA-Ergebnisse mögen sich die Wortführer hier gedacht haben: Probieren wir es doch mal aus, ein besonders positives Verhältnis haben die Deutschen zu ihren Unternehmern ja sowie so nicht. Umfragen bestätigten dann auch, dass mehr als die Hälfte der Deutschen dem Kanzler zustimmt.
Dennoch, nur weil die Zustimmung groß ist, wird der Sachverhalt nicht zwangsläufig richtiger. Ist ein Unternehmenslenker unpatriotisch, wenn er Arbeitsplätze ins Ausland verlagert? Ist ein Politiker unpatriotisch, wenn er Gesetze mitbeschließt, in deren Folge einige große Unternehmen in Deutschland keine Steuern mehr bezahlen müssen? Sind Konsumenten unpatriotisch, wenn sie Produkte kaufen, die billiger im Ausland hergestellt werden? Sind Arbeitnehmer unpatriotisch, wenn sie bei der Steuererklärung alle Möglichkeiten nutzen, die das Gesetz nicht verbietet? Keiner verstößt hier gegen Gesetze, jeder sieht nur zu, dass er irgendwie zurechtkommt.
Wer also sind die Bösen und wer die Guten? Eine unsinnige Diskussion, Schuldige anstatt Lösungen zu suchen? Stimmt, eine unsinnige, aber real existierende Diskussion. Dabei steckt im Wesen des Patriotismus vor allem der Stolz auf besondere Errungenschaften und Werte und nicht die Herabsetzung von anderen. Worauf aber sind wir stolz? Auf die Kulturnation der Dichter und Denker? Auf Handwerks- und Ingenieurkunst made in Germany? Auf demokratische Grundordnung und Verfassungspatriotismus? Die Suche nach dem deutschen Patriotismus wirft mehr Fragen als Antworten auf, denn sie rührt an ein Dilemma: An welchen Werten orientieren wir uns mehrheitlich, in guten wie in schlechten Zeiten?
Kaufmanns- und Unternehmergeist gehören wohl nicht zu diesen Werten. Sieht man sich die eigentümliche Diskussion beispielsweise über die gesellschaftliche Mitverantwortung von Unternehmen (Corporate Citizenship) an, spiegelt sich auch dort das Dilemma wider. Zwar wird in öffentlichen Diskussionen zugestanden, dass Unternehmen, die sich gesellschaftlich engagieren, auch öffentliche Anerkennung dafür haben sollen, doch ist dies nicht nur halbherzig, sondern verkennt auch den Kern des Problems. Eine Firma, die in einer Stadt den Springbrunnen am Marktplatz sponsert, wie kürzlich auf einer Tagung beispielhaft berichtet wurde, wird trotzdem ins Ausland gehen, wenn sie anders nicht wettbewerbsfähig bleibt und die Pleite droht. Und dann? Dann können sich daheim die Arbeitslosen an Wasserspielen erfreuen.
Es reicht nicht, Engagement zu fordern und zu fördern, um damit Haushaltslöcher auszugleichen. Privates Engagement, ob wirtschaftlich oder gemeinnützig, muss die Regel, nicht die zugelassene Ausnahme in Einzelfällen sein. Wer sich vor allem darauf konzentriert, sich bis in Detailfragen damit zu beschäftigen, wie etwas umverteilt wird, verkennt, dass erst einmal etwas zum Verteilen erwirtschaftet werden muss. Zum Engagement gehören nicht nur der gute Wille, sondern auch die materiellen Möglichkeiten. Wer nichts mehr hat, kann auch nichts mehr geben.
Kommentar: Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer Aktive Bürgerschaft e.V