Welcome Mr. President

Seit 1. Juli ist Horst Köhler der erste Mann im Staat. Nach seiner Wahl forderte er zu mehr Vertrauen und Selbstvertrauen auf, um die Zukunft unseres Landes zu gestalten.

"Deutschland hat die Kraft, sich zu verändern," so Köhler am 23. Mai. "Damit sich diese Kraft entfalten kann, müssen wir Angst überwinden und Selbstvertrauen zurückgewinnen. [...] Gerade in Umbruchphasen komme es auf Vertrauen als Sozialkapital an."

Was Horst Köhler mit dem Begriff des Sozialkapitals eher beiläufig ansprach, hat für die Diskussion über die Bürgergesellschaft einen zentralen Stellenwert. Sozialkapital, so die grundlegende Logik, bedeutet die Überwindung isolierten individuellen Handelns, das nur den eigenen kurzfristigen Vorteil kennt, selbst wenn es nahe liegt, dass man langfristig besser damit fährt, gemeinschaftlich zu handeln.

In der Wissenschaft als "Tragödie der Allmende" bekannt, führt in diesem klassischen Beispiel die für alle Bauern kostenlose Nutzung einer gemeinschaftlichen Viehweide (Allmende) zu deren Überweidung, wenn alle versuchen, möglichst viel Vieh dort weiden lassen, um einen größtmöglichen individuellen Nutzen daraus zu ziehen. Langfristig wird die Allmende jedoch dadurch zerstört. Aus ökonomischer Sicht wird die Lösung häufig in einer Privatisierung gesehen. Privateigentum, so wird argumentiert, führt zu einem effizienteren Umgang mit den Ressourcen, weil jeder mit seinem Eigentum schonend umgeht, da ihm Kosten und Nutzen vollständig zugerechnet werden.

Doch nicht immer ist eine individuelle Zurechnung möglich, nicht immer liegt hierin die Lösung, wie die aktuellen Auseinandersetzungen um den gesellschaftlichen Wandel in unserem Land zeigen. Notwendige Reformen werden von einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt, weil man dadurch individuell schlechter gestellt wird. Der Status quo wird verteidigt, weil man befürchtet, zu den "Modernisierungsverlierern" zu gehören.

Dieses "Reformen ja, aber nicht bei mir" ist auch Ausdruck mangelnden Vertrauens in unsere Gesellschaft, dass gesellschaftliche Reformen - deren Notwendigkeit ja kaum von jemanden bestritten wird - langfristig allen zugute kommen werden. Schlechte Beispiele von Selbstbedienungsmentalität und die offenbar abnehmende Fähigkeit, sich in die Lage des anderen versetzen und ihn verstehen zu können, bergen jedoch die Gefahr in sich, unsere Gesellschaft auseinander zu treiben. Gemeinsam geteilte und akzeptierte normative Werte, die Orientierung bieten und Maßstab für individuelles und kollektives Handeln sein können, sind deshalb zunehmend gefragt.

Dass es jedoch auch noch nie gut war, darauf zu vertrauen, dass „die da oben es schon richten“, oder anzunehmen, „die da oben machen ohnehin, was sie wollen“, war der zweite Teil der Botschaft unseres neuen Bundespräsidenten. Mehr Selbstvertrauen ist gefragt. Selbstvertrauen z.B. darin, dass man auch ohne vermeintlich starken Staat (der in Wirklichkeit schon seit längerem seine Gestaltungskraft verloren hat) gut zurecht kommt. Damit soll nicht dem Prinzip „Jeder für sich“ das Wort geredet, sondern der Blick auf gemeinsames und freiwilliges Handeln gelenkt werden. Der Gedanke ist ja nicht neu. Unter dem Motto „Einer für alle, alle für einen“ hat er in der Form der Genossenschaft bereits vor 150 Jahren eine wichtige und weltweit verbreitete institutionelle Form gefunden.

Aber auch ganz junge Organisationen wie z.B. die Bürgerstiftungen funktionieren nach diesem erfolgreichen Prinzip „Gemeinsam mehr erreichen“. Hier gestalten aktive Bürgerinnen und Bürger aus vielen gesellschaftlichen Bereichen und unterschiedlichen Lebenszusammenhängen die Zukunft mit. Freiwillig, nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern mit Blick auf das Ganze handelnd, im Vertrauen auf die Zukunft und mit Selbstvertrauen in die eigenen Möglichkeiten. In den Genossenschaftsbanken haben sie engagierte Partner und Förderer gefunden.

Kommentar: Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer Aktive Bürgerschaft e.V.