Im Tal der Tränen liegt auch Gold

Die Diskussion über gesellschaftliches Engagement von Unternehmen hat sich in Deutschland etabliert. Doch zur Zeit stagniert die Corporate-Citizenship-Debatte. Die Mühen, aus dem Tal herauszufinden, lohnen sich aber allemal, denn zur Bürgergesellschaft gibt es keine Alternative.

Viele Experten beklagen inzwischen eine Stagnation des Themas Corporate Citizenship, wie jüngst der Wissenschaftler Gerd Mutz in der Frankfurter Rundschau oder Frank Heuberger, Mitglied des Sprecherrates des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement, auf einer Tagung in Stuttgart. Wie kann das sein, wenn 8 von 10 Unternehmen sich bürgerschaftlich engagieren, wie vor einiger Zeit eine Studie herausgefunden haben will? Sehen die Experten den Wald vor lauter Bäumen nicht? Oder ist die Fachwelt einfach ernüchtert, weil die Praxis so manchen Corporate-Citizenship-Projektes den hochgesteckten Erwartungen doch nicht standhält? Vielleicht ist das so, doch haben die beiden Fachleute mit ihrer Diagnose auch Recht.

Inzwischen beginnt sich die fachliche Auseinandersetzung langsam aber sicher im Tal der Tränen zu verlaufen. Gelegenheiten dazu gab es viele. So stand vor der ersten Weggabelung das Schild "Corporate Citizenship - hier gewinnen alle" und verwies damit doch in Wirklichkeit nur auf einen Idealzustand, in dem engagierte Unternehmen, soziale Projekte und die gesellschaftliche Wohlfahrt Nutznießer dieses Engagements sind. Jedoch suggerierte die Botschaft zugleich auch, jedwedes Tätigwerden, ob spontane Aktion oder strategische Maßnahme, ob partnerschaftlich umgesetzt oder isoliert durchgeführt, ob kompetent gemanagt oder nachrangig nebenbei miterledigt, würde bereits in einer Win-Win Situation enden. Inzwischen ist so mancher eher enttäuscht.

Einen ganz gefährlichen Weg mit gleich zwei Gelegenheiten, sich zu verirren, bot auch der Pfad mit dem Hinweis "Hier ist alles Corporate Citizenship". Wo jede Form von Engagement in Untersuchungen als Corporate Citizenship bezeichnet wird und man dementsprechend eindrucksvolle Engagementquoten erreicht, erweckt man so zugleich auch den Eindruck, dass eigentlich alles zum Besten steht, da sich doch bereits so viele Unternehmen engagieren. Wozu sich also mit neuen Konzepten beschäftigen? Als noch problematischer erweist sich die Gleichsetzung von Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship. Was akademisch durchaus vertretbar ist, könnte bei den Unternehmen aber verheerender nicht ankommen, denn die politisch initiierten CSR-Kernthemen wie Umwelt- und Klimaschutz, Armutsbekämpfung usw. stehen den Maßnahmen unternehmerischen bürgerschaftlichen Engagements in Funktionslogik und Nutzenerwartungen meist diametral gegenüber.

Der Versuch, das Tal über den Weg "Corporate Citizenship gleich soziale Verantwortung" zu verlassen, scheint sich auch als wenig erfolgreich zu erweisen. Corporate Citizenship beschreibt das Unternehmen als Träger von Rechten und Pflichten, was jedoch auch den zwingenden Umkehrschluss zulässt, dass an Unternehmen keine weiteren Pflichten gestellt werden können als an Bürger. Bürgerschaftliches Engagement von Individuen ist freiwillig und unentgeltlich, häufig nutzenbezogen und oft zeitlich begrenzt. Unternehmen werden das für sich zu Recht auch in Anspruch nehmen wollen.

Doch der Weg, mehr Unternehmen als Corporate Citizens zu gewinnen, wird nur gelingen, wenn man den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Engagement und gesellschaftlichem Wandel, Stichwort Bürgergesellschaft, vermitteln kann. Nicht so sehr die Frage, wie Unternehmen etwas tun können, sondern welchen Beitrag sie zur Lösung gesellschaftlicher Probleme leisten wollen und können, wäre stärker zu thematisieren. Die Form des Engagements ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck zu mehr Eigenverantwortung und mehr gelebter Solidarität. Gleichzeitig ist sie Ausdruck des subsidiären Vorrangs privater Initiative vor staatlichem Handeln. Der Weg aus dem Tal ist mühsam, aber allemal lohnend, denn Alternativen gibt es nicht.

Kommentar: Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer Aktive Bürgerschaft e.V.