Bürgerstiftungsland

Im rheinisch-bergischen Kreis bei Köln zeichnet sich die Zukunft der Bürgergesellschaft ab. Er verzeichnet die größte Dichte von Bürgerstiftungen in Deutschland.

Bürgerengagement und Bürgergesellschaft sind seit Jahren in Politik, Feuilleton und Öffentlichkeit vieldiskutierte Begriffe. Verstärkt wird seit einiger Zeit darauf hingewiesen, dass Bürgergesellschaft mehr ist als die Summe des ehrenamtlichen Engagements und der jährlichen Spenden. Für Jürgen Kocka, Präsident des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), steht die gesellschaftliche Selbstorganisation durch Vereine, Initiativen usw. im Vordergrund.

Hier setzt die Idee der Bürgerstiftung an. Erstens: Die Bürgerstiftung ist innovativ, weil sie ihr Vermögen durch viele auch kleinere Beträge aufbaut und damit allen die Gelegenheit bietet, Stifterin oder Stifter zu werden. Zweitens: Die Bürgerstiftung ist in Deutschland aber auch innovativ, weil sie langfristig aus eigener Kraft und durch eigene finanzielle Mittel bürgerschaftliches Engagement vor Ort organisiert, vernetzt und bündelt. Kurz gesagt: Bürgerstiftungen tragen dazu bei, die Selbstorganisation der Bürgergesellschaft zu verbessern. Und das ist gut so!

In der Nähe von Köln, im rheinisch-bergischen Kreis, zeichnet sich die Zukunft der Bürgergesellschaft bereits heute in Ansätzen exemplarisch ab. Seite an Seite haben sich in den letzten zwei Jahren die Bürgerstiftungen Bergisch-Gladbach, Bensberg, Overath und Rösrath gegründet.

Noch mit kleinem Vermögen jeweils um die 100.000 bis 150.000 EUR, aber mit viel Engagement und dem festen Willen zu wachsen, wollen die Bürgerstiftungen eine Lobby für das Gemeinwohl sein. Sie wollen zu mehr bürgerschaftlichem Engagement motivieren und Projekte fördern, aber auch erste Anlaufstelle für Stiftungswillige und Spender sein. Und das nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für Unternehmen und kleinere Betriebe, die sich wirkungsvoll und nachhaltig engagieren wollen, die sich aber nicht den Aufwand eigener Programme oder Projekte leisten können.

Dass Bürgerstiftungen in nicht allzu ferner Zukunft überall in Deutschland zum Alltag gehören könnten, erscheint hier besonders realistisch. In nächster Nachbarschaft zu den vier Bürgerstiftungen im rheinisch-bergischen Kreis gibt es Bürgerstiftungen in allen vier Himmelsrichtungen. In Bonn ebenso wie in Remscheid, in Wipperfürth ebenso wie bald in Köln.

Vielfach wird in Fachkreisen über die richtige Größe von Bürgerstiftungen diskutiert. Ob sie mit einem relativ großen oder mit einem relativ kleinen Einzugsgebiet erfolgreicher sind, lässt sich heute noch nicht beantworten. Bürgerstiftungen sollten bei ihrer Entstehung darauf achten, dass sie geographisch groß genug sind, um über ein ausreichendes Potential an Stiftern zu verfügen, und klein genug, um Stiftern die Gewissheit zu geben, dass die Bürgerstiftung sich um Probleme in der eigenen Region, gewissermaßen "vor der eigenen Haustür", kümmert. In Deutschland gibt es zwischen 400 und 500 Städte und Landkreise und mehr als 100 Bürgerstiftungen. Manche Bürgerstiftungen erstrecken sich heute über relativ große Regionen mit mehreren Landkreisen wie z.B. die Bürgerstiftung Ostfalen bei Helmstedt; andere Kreise wie der rheinisch-bergische beheimaten mehrere Bürgerstiftungen.

Ob in zwanzig oder dreißig Jahren noch alle Bürgerstiftungen in ihrer Gründungsform bestehen und arbeiten werden, ist sicher offen. Bis hin zur Fusion sind aber auch mehrere Formen der Zusammenarbeit möglich. Die Praxis wird zeigen, was notwendig ist. Insgesamt erscheint es Fachleuten jedoch nicht unrealistisch, dass sich die Zahl der Bürgerstiftungen in zwanzig Jahren zwischen 300 und 500 einpendeln könnte und sie dann über ein gemeinsames Vermögen von rund einer Milliarde EUR verfügen könnten.

Kommentar von Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer Aktive Bürgerschaft e.V.