USA heute: Dem Stifter oder der Gesellschaft dienen?
Bald nachdem Frederick Goff 1914 die erste Bürgerstiftung in Cleveland, Ohio, gegründet hatte (s. Teil 1 der Serie), verbreitete sich das Modell in den USA. Bürger anderer Städte wollten ebenfalls ihr lokales Gemeinwesen aktiv mitgestalten. Als 1969 Bürgerstiftungen öffentlichen Stiftungen steuerlich gleichgestellt wurden, wuchsen Anzahl der Bürgerstiftungen und ihr Stiftungsvermögen rapide an. Die Bürgerstiftungsexpertin Dorothy Reynolds unterscheidet drei Phasen der Bürgerstiftungsentwicklung in den USA. In der „Epoche des toten Stifters“ von 1914 bis in die 1980er Jahre konzentrierten sich die Bürgerstiftungen weitgehend darauf, letztwillige Zuwendungen in ihr Grundstockvermögen einzuwerben. Die Gremien entschieden, wie die Erträge bestmöglich eingesetzt wurden.
Die „Epoche des lebenden Stifters“ bis Mitte der 2000er Jahre war geprägt durch die sogenannten donor advised funds (DAF): Diese Art des Stiftungsfonds, 1931 erstmals vom New York Community Trust eingerichtet, räumt dem Stifter das Recht ein, die Zustiftung mit seinem Namen und einem bestimmten Stiftungszweck zu verbinden und bei der Vergabe der Erträge aus dem Fonds selber mitzuentscheiden. Die neue Form des Zustiftens verbreitete sich bereits in den 1960er und 1970er Jahren, da Bürgerstiftungen sie für ein gutes Instrument hielten, um Vermögen aufzubauen, Stifter bereits zu Lebzeiten an die Bürgerstiftung zu binden und nach deren Tod mehr frei verfügbare Mittel zur Verfügung zu haben. Durch Verwaltungsgebühren wurden zusätzliche Einnahmen generiert. In den 1990er Jahren gerieten amerikanische Bürgerstiftungen zunehmend unter Druck, weil Finanzdienstleister und Banken ihren Kunden ebenfalls DAFs anboten - zu den gleichen steuerlichen Bedingungen und oftmals zu niedrigeren Preisen. In dieser Wettbewerbssituation senkten viele Bürgerstiftungen ihre Preise für DAFs ebenfalls, wodurch sich der Kostendruck verschärfte.
Mitte der 2000er Jahre diagnostizierten Kenner den amerikanischen Bürgerstiftungen eine schwere Identitätskrise, die die aktuelle „Epoche des community foundation leadership“ einleitete. Was war passiert? Im Jahr 2008 stammten fast zwei Drittel aller ausgeschütteten Fördermittel aus Donor Advised Funds, die Gremien der Bürgerstiftungen entschieden nur noch über einen Bruchteil der Mittelvergabe. Das Modell der Bürgerstiftung, das die finanziellen Mittel und Wünsche der Stifter bestmöglich mit den Bedürfnissen der Region zusammenführen will, war aus der Balance geraten. Angestoßen durch Emmett Carson, damaliger Vorsitzender der Bürgerstiftung Minneapolis, und eine Publikation von Blueprint Research entbrannte eine Diskussion darüber, wie die Bürgerstiftungen ihre Rolle als „community leader“ wieder bewusster wahrnehmen können. Carson rief die Bürgerstiftungen dazu auf, den Vermögensaufbau nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern als MIttel, um sozialen Wandel herbeizuführen. DAFs könnten gezielt dazu dienen, Stifter an die Bürgerstiftung zu binden und sie darin zu begleiten, ihre persönlichen Wünsche mit den Erfordernissen in der Region zusammenzubringen. Parallel müsse der Aufbau des nicht zweckgebundenen Grundstockvermögens betrieben werden. Seither hat ein Umdenken stattgefunden: Bürgerstiftungen besinnen sich wieder stärker auf ihre Entstehungsgeschichte und können so ihre Alleinstellungsmerkmale gegenüber Wettbewerbern klar kommunizieren: ihr lokales Know-how, ihre Glaubwürdigkeit, ihre Selbstorganisation als „Stiftung von Bürgern für Bürger“, das Schaffen von Sozialkapital und ihr nicht zweckgebundenes Grundstockvermögen, das es ermöglicht, flexibel auf lokale Bedürfnisse zu reagieren.
Emmett Carson: »Je besser wir unsere Botschaft aufbereiten und den Menschen sagen, warum sie ihren Fonds bei der Bürgerstiftung haben sollten und was die Vorteile für das lokale Gemeinwesen sind, desto mehr Menschen werden sagen: „Ich mache mit“.«
Weitere Informationen: Emmett Carson: “A Crisis of Identity for Community Foundations”. In: The State of Philanthropy 2002.
