VR engagiert im Gespräch mit Frank Adloff
Prof. Dr. Frank Adloff ist Stifungsexperte und Zivilgesellschaftsforscher. Er arbeitet am Institut für Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
VR engagiert: In den letzten zehn Jahren sind mehrere Tausend Stiftungen gegründet worden. Was sind die Ursachen und wie schätzen Sie die Entwicklung in den nächsten zehn Jahren ein?
Adloff: Seit etwa den 90er Jahren gibt es größere Vermögen in der Bundesrepublik, das ist eine Voraussetzung für Stiftungsgründungen. Im letzten Jahrzehnt hat der Gesetzgeber die steuerlichen Abzugsmöglichkeiten verbessert. Und wie in allen westlichen Staaten ist die Vermögensungleichheit gewachsen, alte sozialstaatliche Konzepte geraten in die Krise. Es hat sich eine Wirtschaftselite herausgebildet, von der ein Teil nun danach strebt, zu einer Elite des Gemeinwohls zu werden. Diese Bedingungen, die das Entstehen von Stiftungen fördern, werden weiterbestehen. Deshalb ist meine Prognose, dass auch in den nächsten Jahren die Zahl der Stiftungen wachsen wird.
VR engagiert: Vielfach sind Finanzdienstleister auch in den Gremien von Stiftungen aktiv. Bei Treuhandstiftungen wird dies in Fachkreisen kritisiert. Worauf richtet sich die Kritik?
Adloff: Die Gefahr ist, dass sich die Stiftung zu sehr mit finanziellen Fragen beschäftigt und das bürgerschaftliche Engagement zu kurz kommt. Zumal, wenn eine Bank für eine unselbstständige Stiftung die Komplettverwaltung übernimmt. Dann entscheiden die Bankmitarbeiter sogar, welche Projekte von der Stiftung unterstützt werden. Das geht natürlich weit weg von der Idee bürgerschaftlichen Engagements und Selbstorganisation. Dem Stiftungsgedanken dienlicher ist es, wenn in den Gremien Menschen sitzen, die sich inhaltlich mit dem Stiftungszweck befassen und auskennen.
VR engagiert: Banken sind für Stiftungen nicht nur Vermögensverwalter und teilweise Stiftungsverwalter, sie sind oft auch erster Ansprechpartner für potenzielle Stifter. Was sollte aus zivilgesellschaftlicher Sicht der Leitgedanke bei der Beratung sein?
Adloff: Ein Stifter sollte sich als ein Akteur unter vielen sehen und bereit sein, sich horizontal zu vernetzen. Statt von oben herab zu entscheiden, sollten Stifter sich in die Zivilgesellschaft integrieren. Deshalb muss die Beratung den potenziellen Stifter fragen, welches seine Werte sind und ihm helfen, dafür das geeignete Instrument zu entwickeln. Also: Welches soll sein Stiftungszweck sein, und wie breit ist er zu fassen? Gibt es wirklich einen gesellschaftlichen Bedarf dafür? Ist die Stiftung die richtige Form, oder wäre es vielleicht besser, einer bereits existierenden Initiative oder Organisation etwas zu spenden? Heute stecken oft Menschen ihr Geld in eine Stiftung, die früher vielleicht eher etwas an einen Verein oder eine Initiative gespendet hätten, die bereits existiert. Die Berater sollten ihre Klienten nicht zur Stiftungsgründung drängen.
VR engagiert: Welche Impulse können Genossenschaftsbanken dem Stiftungssektor geben?
Adloff: Aufgrund ihrer historischen Werte hinsichtlich Solidarität und Verantwortung für das Gemeinwesen können sie in der Stiftungslandschaft ein Gegengewicht zur Hybris individueller Stifter sein. Genossenschaftsbanken sollten in ihrer stifterischen Tätigkeit Selbsthilfe und Partizipation fördern, und sie sollten sich horizontal vernetzen.
VR engagiert: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte: Gudrun Sonnenberg, Projektmanagerin