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Gudrun Sonnenberg

Süddeutsche Zeitung: Wie umgehen mit der AfD im Verein?

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Ausgehend von dem Entschluss des katholischen Sozialverbandes Kolping, AfD-Mitglieder auszuschließen, veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung am 6. Dezember 2025 ein „Pro und Contra“ zum Umgang mit AfD-Mitgliedern in Vereinen. „Es geht darum, Menschen, die andere diskriminieren, keinen Raum zu geben“, argumentierte Redakteurin Johanna Pfund in ihrem „Pro“ für den Ausschluss. Die Partei fordere Nationalbewusstsein und „Remigration“. „Was würde das in der Konsequenz für einen Fußballverein bedeuten, dessen Spielerinnen und Spieler zur Hälfte einen Migrationshintergrund haben?“, fragte Pfund. Ihr Kollege Ronen Steinke dagegen sprach sich in seinem „Contra“ für Kommunikation aus: „Demokratie ist Streit. Anders überzeugt man niemanden“, schrieb er. Zudem seien rassistische, sexistische, homophobe und diskriminierende Beleidigungen nicht allein bei der AfD zu finden. Die Debatte erschien unter dem Titel „Sollen Vereine AfD-Mitglieder ausschließen?“.

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Fokus November 2025: Wenn Stiftungen erben

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Eine wachsende Zahl an Menschen entscheidet sich, ihren Nachlass ganz oder teilweise an eine gemeinnützige Organisation zu spenden oder zu stiften. Die solchermaßen bedachten Vereine und Stiftungen danken es, schließlich eröffnen die Zustiftungen und Spenden neue Handlungsmöglichkeiten. Doch das Erbe anzutreten, ist auch eine Aufgabe.

Wird etwa eine Organisation als Alleinerbin eingesetzt, muss sie auch den Haushalt der verstorbenen Person auflösen und die Bestattung organisieren. Enthält ein Testament noch weitere Vermächtnisse, beispielsweise, Teile des Geldes an andere Organisationen oder Personen weiterzugeben, stellt sich die Frage, wie viel eigentlich für die erbende Organisation übrigbleibt. Manchmal kann eine Erbschaft auch mit einem schwierig zu erfüllenden Zweck verbunden sein, sei es, dass er zu eng gefasst ist, sei es, dass er nicht zur Organisation passt – so kann eine Bürgerstiftung, die lokale Zwecke erfüllen muss, ein Erbe nicht antreten, wenn es für Tierschutz in Afrika verwendet werden soll.

Der Fokus „Wenn Stiftungen erben“ beleuchtet, warum die Option, ihren Nachlass zu stiften, für viele Menschen eine Überraschung ist, wie große Zustiftungen aus Nachlässen sich in einer Bürgerstiftung auswirken und wie Bürgerstiftungen mit unterschiedlichen Ressourcen die Nachlassabwicklung bewältigen.

Lesen Sie im Fokus „Wenn Stiftungen erben“ folgende Beiträge:

„Die meisten sind überrascht“

Hospize, Tierheime und Bildung für Kinder stehen weit oben, wenn vermögende Erblasser Gutes tun wollen. Uwe Schnurr, Stiftungsmanager in der Volksbank pur und ehrenamtlicher Vorstand der Bürgerstiftung Baden-Baden, berichtet aus dem Alltag der Generationenberatung. Die Option, zu stiften, ist für viele seiner Kundinnen und Kunden eine Entdeckung.
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Bürgerstiftung St. Georgen: Plötzlich eine große Stiftung

Plötzlich und ohne Vorabinformation fand sich 2022 die Bürgerstiftung St. Georgen als Alleinerbin eines kompletten Nachlasses wieder. Eine große Überraschung, aber auch eine große Herausforderung für das kleine Team der Bürgerstiftung. Wie hat sie diese gemeistert?
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BürgerStiftung Hamburg: Neues Handlungsfeld entwickelt

Erbschaften haben wesentlich zur Entwicklung der BürgerStiftung Hamburg beigetragen. Als größte Bürgerstiftung Deutschlands setzt sie extra Ressourcen für die Abwicklung von Nachlässen ein. Doch als einmal eine Erbschaft mit der Auflage verbunden war, sich für Umweltschutz zu engagieren, musste sich die BürgerStiftung Hamburg etwas einfallen lassen.
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Zahlen: Sicher ist nur das große Potenzial

Neun Billionen Euro: So hoch ist laut Bundesbank das Vermögen aller Menschen in Deutschland. Gut ein Drittel davon – mehr als 3 Billionen Euro – dürfte in den vergangenen zehn Jahren vererbt worden sein, das wären rund 300 Milliarden Euro pro Jahr. Doch wieviel davon geht an gemeinnützige Organisationen?
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Mehr zum Thema

Musik, Frieden, Medienkompetenz: Immer mehr Stifterinnen und Stifter setzen auf Stiftungsfonds bei Bürgerstiftungen, um ihre Ideen zu verwirklichen. Dabei können sie sich ganz auf ihr Engagement konzentrieren, denn die Bürgerstiftung übernimmt die Verwaltung. bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte, Fokus September 2024

Der Königsweg: Von der Rettungsaktion bis zur Vermögensverwaltung – Stiftungsfonds ermöglichen Engagement und die Bürgerstiftung kann dabei wachsen. bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte, Fokus September 2024

Die Strategie: Warum die Aktive Bürgerschaft den Bürgerstiftungen Stiftungsfonds empfiehlt, erläutert Bernadette Hellmann. bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte, Fokus September 2024

Webinar der Stiftung Aktive Bürgerschaft für Bürgerstiftungen und Fachaustausch: Vermögensaufbau mit Stiftungsfonds

Foto: Vitolda Klein / unsplash.com

„Die meisten sind überrascht“

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Hospize, Tierheime und Bildung für Kinder stehen weit oben, wenn vermögende Erblasser Gutes tun wollen. Uwe Schnurr, Stiftungsmanager in der Volksbank pur und ehrenamtlicher Vorstand der Bürgerstiftung Baden-Baden, berichtet aus dem Alltag der Generationenberatung. Die Option, zu stiften, ist für viele seiner Kundinnen und Kunden eine Entdeckung.

bürgerAktiv Sie haben ein breites Angebot für Menschen, die sich fragen, was nach ihrem Tod mit ihrem Vermögen geschehen soll. Wer kommt zu Ihnen?

Uwe Schnurr Zu uns kommen immer mehr Alleinstehende und Ehepaare ohne Kinder, die sich überlegen, wie sie ihrem Vermögen einen Sinn geben können, wenn sie nicht mehr da sind. Wir haben bei uns in der Bank ein großes Team zertifizierter Generationenberater, die nichts anderes machen, als mit diesen Kunden über die Themen Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und eben auch Testamente zu sprechen. Sie schlagen den Kunden häufig vor, zu stiften. Dann übernehmen mein Team und ich. In diesem Jahr haben wir 30 Stiftungsverträge abgeschlossen, für nächstes Jahr rechnen wir mit 50 bis 60.

„Stiften ist keineswegs nur etwas für Millionäre“

bürgerAktiv Von sich aus kommen die Kunden nicht mit dem Wunsch zu stiften?

Uwe Schnurr Die meisten sind überrascht und sagen: Was, ich und eine Stiftung? Das ist doch nur was für Millionäre? Aber in Deutschland haben 70 Prozent der Stiftungen weniger als eine Million Euro an Stiftungskapital. Stiften ist also keineswegs nur etwas für Millionäre. Wir raten dazu, weil Spenden zeitnah ausgegeben werden müssen, aber Stiftungen langfristig wirken.

bürgerAktiv Zu klein sollte eine Stiftung aber auch nicht sein.

Uwe Schnurr Richtig, bei zu kleinen Stiftungen brauchen die Kosten die Erträge auf. In der Niedrigzinsphase hat man das gemerkt, da waren viele Stiftungen handlungsunfähig. Wir schlagen Stiftungen oder Zustiftungen bei Vermögen ab 100.000 Euro vor. Ein Hauptaugenmerk in meiner Beratung ist inzwischen die Möglichkeit einer zweckgebundenen Zustiftung, die man mit seinem Namen verbinden und den Stiftungszweck festlegen kann, und bei der keine Verwaltungskosten anfallen.

bürgerAktiv Wem möchten Ihre Kunden denn am häufigsten ihr Geld vermachen?

Uwe Schnurr Am häufigsten nennen sie das Hospiz, das Tierheim, die Bildung von Kindern. Gerade Alleinstehende haben häufig einen Bezug zu Tieren. Das kann man mit einem Stiftungsfonds gut umsetzen, zum Beispiel indem die Erträge regelmäßig an das Tierheim gehen. Beim Thema Bildung kann man für die Erträge Zwecke wie Suchtprävention oder finanzielle Bildung bestimmen.

„Es ist wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen.“

bürgerAktiv Kommen die Leute schon mit festen Vorstellungen oder bringen Sie sie auch auf Ideen?

Uwe Schnurr Wir machen auch Vorschläge. Als regionale Bank kennen wir die gemeinnützigen Organisationen und Einrichtungen hier und können nötigenfalls auch einen Kontakt herstellen, wenn Kunden sich ein Bild machen möchten. Es ist wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen. Die Kunden sind glücklich, wenn sie geklärt haben, was mit ihrem Geld passiert. Manche Menschen stiften schon zu Lebzeiten und machen dann erste Erfahrungen. Umgekehrt ist es für uns als Bank vor Ort schön, wenn ein gutes Projekt mit Hilfe der Bank gefördert werden kann.

bürgerAktiv Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Bürgerstiftung als Adressat für eine Zustiftung?

Uwe Schnurr Eine gute! Wir freuen uns, wenn jemand der Bürgerstiftung etwas vererben will – das sage ich natürlich auch als Mitglied des Vorstandes der Bürgerstiftung Baden-Baden – und haben auch schon Stiftungsfonds zu ihr vermittelt. Darauf hatte mich übrigens vor einiger Zeit die Aktive Bürgerschaft mit ihrer Seminarreihe zu Stiftungsfonds aufmerksam gemacht, die ich jeder Bürgerstiftung empfehlen kann. Voraussetzung ist, dass der gewünschte Stiftungszweck und der lokale Bezug zur Bürgerstiftung passt; Tierschutz geht beispielsweise nicht, wenn die Bürgerstiftung ihn nicht in ihren Zwecken hat. Und: Einen kompletten Nachlass mit Immobilien, der Wohnungseinrichtung und all den persönlichen Dingen aufzulösen, kann zu aufwändig für eine Bürgerstiftung sein. Die Bürgerstiftung Baden-Baden kann das nicht leisten. Eine Alternative ist, unsere bankeigene Volksbank Pur Stiftung als Erbin einzusetzen, mit der Auflage, dass das Geld in einen Stiftungsfonds geht, dessen Erträge an die Bürgerstiftung fließen. Dann nämlich können die Nachlassbegleiter der Volksbank die Abwicklung übernehmen.

Ein Nachlass ist oft komplizierter als man denkt. Zum Beispiel spielt Kryptowährung für immer mehr Leute eine Rolle. Dann muss man an die Bitcoins herankommen, die sind verschlüsselt. Umso besser, wenn wir noch zu Lebzeiten in der Beratung darauf stoßen.

Uwe Schnurr ist Abteilungsleiter im Team KompetenzCenter Stiftungsmanagement der Volksbank pur in Karlsruhe und Vorstandsvorsitzender der Volksbank pur-Stiftung. Ehrenamtlich engagiert er sich als Stellvertretender Vorsitzender in der Bürgerstiftung Baden-Baden.

Interview: Gudrun Sonnenberg
Foto: Volksbank pur eG

Das Interview ist Teil des Fokus Wenn Stiftungen erben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte November 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Bürgerstiftung St. Georgen: Plötzlich eine große Stiftung

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Plötzlich und ohne Vorabinformation fand sich 2022 die Bürgerstiftung St. Georgen als Alleinerbin eines kompletten Nachlasses wieder. Eine große Überraschung, aber auch eine große Aufgabe für das kleine Team der Bürgerstiftung. Wie hat sie diese gemeistert?

Die Bürgerstiftung St. Georgen im Schwarzwald gibt es seit 2011. Sie ist eine kleine Bürgerstiftung. Oder besser gesagt: war. Jahrelang förderte sie gemeinnützige Initiativen und Projekte in der 13.000-Einwohner-Stadt in eher bescheidenem Umfang – zur Verfügung standen die Erträge von 400.000 Euro Stiftungskapital. Doch 2022 und 2023 schnellte ihr Stiftungskapital plötzlich auf 1,8 Millionen Euro hoch. „Auf einmal gehörten wir zu den größten Stiftungen in der Region“, erzählt Vorstandsmitglied Erwin Müller. Der Grund waren eine Erbschaft und ein Vermächtnis. Beides höchst erfreulich für die Bürgerstiftung, aber auch mit einigem Aufwand verbunden.

Viel zu tun für das ehrenamtliche Team

Eine Mitbürgerin, die 20 Jahre zuvor nach St. Georgen gezogen war, hatte der Bürgerstiftung ihr gesamtes Hab und Gut vermacht – ohne vorher etwas zu verraten. Der plötzliche Vermögenszuwachs traf auf ein Team, das so klein war, wie es bei einer kleinen Bürgerstiftung eben ist: Sieben Stiftungsräte, drei Vorstände, alle ehrenamtlich und nur einer davon, Erwin Müller, war nicht (mehr) berufstätig und in der Lage, die erforderliche Zeit zu investieren.

Es gab richtig viel zu tun: Müller sortierte und verschenkte Haushaltsgeräte und Gegenstände aus der Wohnung an gemeinnützige Einrichtungen, holte die Bücher in die Bücherwand der Bürgerstiftung (Foto), verkaufte das Auto, verkaufte die Wohnung, übernahm die Vermögenswerte in die Buchhaltung der Bürgerstiftung. „Wir hätten die Wohnung auch behalten und vermieten können, aber für die Verwaltung fehlen uns die Kapazitäten“, sagt Müller.

Bürokratische Auflagen

Als Herausforderung erwies sich auch manch bürokratische Anforderung. So erhielt die Bürgerstiftung aus dem Vermächtnis unter anderem ein zwei Hektar großes landwirtschaftliches Grundstück. Sie verpachtete es an einen Landwirt. Trotz dieser der Grundstücksausweisung entsprechenden Nutzung machte allerdings das Landwirtschaftsamt einen Strich durch die Rechnung. Die Bürgerstiftung habe das Grundstück verkaufen müssen, weil eine landwirtschaftliche Fläche nur Landwirten gehören dürfe, erzählt Müller.

Öffentlichkeitsarbeit als Dreh- und Angelpunkt

Rückblickend erinnert er sich: „Ich muss sagen, ich war wirklich erleichtert, als das alles abgewickelt war.“ Nichtsdestotrotz hofft die Bürgerstiftung auf weitere Nachahmer. Denn mit dem Kapitalzuwachs kann sie deutlich wirkungsvoller fördern und ist weniger abhängig von Spenden. 2024 unterstützte sie mit 28.000 Euro Initiativen, Einrichtungen und Projekte – vom Kinderkonzert über den Handballverein und die Gesundheitswoche bis zur Radservice-Station. Diese Aktivitäten macht sie über die Presse bekannt und bespielt die Crossiety-App, eine Plattform für den lokalen Austausch. Denn die Öffentlichkeitsarbeit ist der Dreh- und Angelpunkt für die Kommunikation zum Thema Erbschaft, so Müller: „Wenn die Leute uns kennen, denken sie auch an uns, wenn sie einen sinnvollen Zweck für ihren Nachlass suchen.“

Zur Bürgerstiftung St. Georgen

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Roland Sprich
Das Bild zeigt die Vorstände der Bürgerstiftung St. Georgen, Thomas Wagner und Erwin Müller, vor der Bücherwand der Bürgerstiftung.

Der Beitrag ist Teil des Fokus Wenn Stiftungen erben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte November 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

BürgerStiftung Hamburg: Neues Handlungsfeld entwickelt

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Erbschaften haben wesentlich zur Entwicklung der BürgerStiftung Hamburg beigetragen. Als größte Bürgerstiftung Deutschlands setzt sie extra Ressourcen für die Abwicklung von Nachlässen ein. Doch als einmal eine Erbschaft mit der Auflage verbunden war, sich für Umweltschutz zu engagieren, musste sich die BürgerStiftung Hamburg etwas einfallen lassen.

„Für uns sind Erbschaften sehr wichtig“, sagt Dagmar Entholt-Laudien, Vorstandsvorsitzende der BürgerStiftung Hamburg. „Unsere bedeutsamen Entwicklungsschritte verdanken wir einigen wenigen Zustiftungen. Die meisten davon waren Erbschaften.“

Umweltbildung aufgebaut

Die großen Erbschaften machten jeweils einen Vermögenszuwachs im zweistelligen Millionenbereich aus. So auch 2019 jene Zustiftung mit der Auflage, etwas für den Umweltschutz zu tun. Umwelt? Da war die BürgerStiftung Hamburg noch nahezu blank. „Wir haben dafür ein neues Handlungsfeld aufgebaut. Der Zweck war offen formuliert, sodass wir das Thema selbst zuschneiden konnten“, sagt Entholt-Laudien. Die Stiftung fokussierte es auf Umweltbildung und richtete einen Jugendumweltrat ein: Junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren können mit einem eigenen, von der Stiftung zugewiesenen Budget Klima- und Umweltschutzprojekte junger Menschen in Hamburg fördern. Um sich und andere schlau zu machen, planen sie zudem Exkursionen, Workshops oder Fachvorträge.

„Um so ein Themenfeld aufzubauen, braucht es natürlich genügend Mittel. Man muss Feldforschung betreiben, was für Angebote es schon gibt und was man mit einem vernünftigen Verhältnis von Aufwand und Wirkung dauerhaft umsetzen kann“, sagt Entholt-Laudien. Da die Erbschaft in diesem Fall so groß war, kann die Bürgerstiftung den Zweck mit den jährlichen Erträgen verfolgen.

Zwei bis drei Erbschaften pro Jahr

Üblicherweise bewegen sich laut Entholt-Laudien die Erbschaften der BürgerStiftung Hamburg im niedrigen einstelligen Millionenbereich oder darunter. Zwei bis drei pro Jahr seien es im Durchschnitt. Um die Erblasser zu gewinnen, bietet die BürgerStiftung Hamburg eine Erbschaftsberatung an, die kostenlos ist, wenn die Ratsuchenden der Stiftung etwas hinterlassen wollen. Zurzeit entwickelt sie weitere Veranstaltungsformate für Interessenten.

Es kommen Teilnachlässe oder ganze Nachlässe bei der BürgerStiftung Hamburg an. Erbschaften, die nicht explizit als Zustiftung oder als Spende angeordnet sind, übernimmt sie je nach Bedarf als Spende oder Zustiftung. Zwei Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Betreuung des Nachlasses: Im Wesentlichen übernimmt eine die bürokratische Abwicklung, die andere die Organisation von Beisetzung und Wohnungsauflösung.

Menschliche Herausforderung

Wenn die Bürgerstiftung Alleinerbin ist, wird die Erbschaft zu einer sehr persönlichen Angelegenheit. Das ist auch eine menschliche Herausforderung. „Es kann durchaus schwierig sein, mit den privatesten Gegenständen eines Menschen konfrontiert zu werden“, sagt Entholt-Laudien. „Um dem Willen unserer Erblasser bestmöglich gerecht zu werden, legen wir großen Wert darauf, sie schon zu Lebzeiten kennen zu lernen und ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen zu haben. Meistens gelingt das auch.“

Zur BürgerStiftung Hamburg

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Anne Ackermann
Das Bild stammt aus dem Projekt greenKIDS Neuengamme, das von der BürgerStiftung Hamburg gefördert wird.

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Zahlen: Sicher ist nur das große Potenzial

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Neun Billionen Euro: So hoch ist laut Bundesbank das Vermögen aller Menschen in Deutschland. Gut ein Drittel davon – mehr als 3 Billionen Euro – dürfte in den vergangenen zehn Jahren vererbt worden sein, das wären rund 300 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Zahl stammt aus einer Schätzung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge für die Jahre 2015-2024. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostizierte 2017, dass bis 2027 jährlich rund 400 Milliarden pro Jahr vererbt würden.

Statistik auf Umwegen

Genaue Zahlen über Erbschaften gibt es nicht, da das Statistische Bundesamt und die Finanzämter nur steuerlich relevante Beträge melden. Die vielen Erbschaften, die unter den Freibeträgen liegen, werden so nicht erfasst. Deshalb lässt sich nur schwer beziffern, wie hoch der Anteil der Nachlässe ist, die an gemeinnützige Organisationen und Stiftungen vermacht wird.

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) erstellte 2020 eine Statistik aus Zahlen von 230 Organisationen, die das DZI-Spendensiegel erhalten hatten (zuletzt veröffentlicht im DZI Spenden-Almanach 2024). Diesen 230 Organisationen wurden nach deren Angaben rund 2,342 Milliarden Euro gespendet. Davon kamen rund 286 Millionen Euro aus Nachlässen – das entspricht 12,2 Prozent.

Das mag als Anhaltspunkt für eine Größenordnung dienen – aber nicht mehr. Denn schon wenn man eine Hochrechnung versuchte, indem man zwölf Prozent des gesamten Spendenvolumens ausrechnete, stieße man auf höchst unterschiedliche Zahlen: Die Angaben für 2024 reichten von 5,1 Milliarden Euro (Bilanz des Helfens des Deutschen Spendenrats) bis zu 12,5 Milliarden Euro (DZI).

Festhalten lässt sich an dieser Stelle, dass der Anteil der Vermögen, die an gemeinnützige Organisationen vererbt werden, bislang sehr gering dürfte, wenn man die Spendenzahlen den vererbten Vermögen insgesamt gegenüberstellt.

Die Tendenz ist steigend

Was sich trotz der schwierigen Datenlage sagen lässt: Die Tendenz, an gemeinnützige Organisationen zu vererben, ist steigend. Die oben genannte Summe des DZI von 286 Millionen Euro an Nachlässen aus dem Jahr 2020 ist eine Verdoppelung gegenüber dem Jahr 2000. Die Zahl der Menschen ohne Kinder steigt, und durch die demographische Entwicklung dürften in den kommenden Jahren mehr Vermögen vererbt werden. Laut Spendenmonitor 2024 des Fundraisingverbandes konnten sich 20 Prozent der 50- bis 70-Jährigen vorstellen, eine gemeinnützige Organisation in ihrem Testament zu berücksichtigen. In einer Umfrage der Deutschen Bank aus 2024 sagten 5 Prozent derjenigen, die angaben, sich schon einmal über das Thema Vererben Gedanken gemacht zu haben, dass ihr Erbe wohltätigen Organisationen zugute kommen solle. Für gemeinnützige Organisationen und Stiftungen lohnt es sich in jedem Fall, über die Ansprache von Erblassern nachzudenken und Menschen auf sich aufmerksam zu machen, die sich eine sinnvolle Verwendung für ihr Vermögen nach ihrem Tod wünschen.

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Drew Beamer/unsplash

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Die Fokusthemen der Aktiven Bürgerschaft

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Was bewegt Engagierte vor Ort? Achtmal im Jahr nimmt die Aktive Bürgerschaft ihre Anliegen in den Fokus.
Alle bisher erschienen Themen auf einen Blick:

2025

Was bewegt Engagierte vor Ort? Achtmal im Jahr nimmt die Aktive Bürgerschaft ihre Anliegen in den Fokus.
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2025

Was bewegt Engagierte vor Ort? Achtmal im Jahr nimmt die Aktive Bürgerschaft ihre Anliegen in den Fokus.
Alle bisher erschienen Themen auf einen Blick:

2025

Was bewegt Engagierte vor Ort? Achtmal im Jahr nimmt die Aktive Bürgerschaft ihre Anliegen in den Fokus.
Alle bisher erschienen Themen auf einen Blick:

2025

2025

2025

2024

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Die Fokusthemen der Aktiven Bürgerschaft

Was bewegt Engagierte vor Ort? Achtmal im Jahr nimmt die Aktive Bürgerschaft ihre Anliegen in den Fokus.
Alle bisher erschienen Themen auf einen Blick:

2025

Fokus Oktober 2025

Zusammenhalten

Fokus September 2025

Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft?

Fokus September 2025

Lernen fürs Leben

Fokus Juni 2025

Wie sich Genossenschaftsbanken engagieren

Geht uns das was an?

1024 576 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Am 12. November 2025 feierte die Bundeswehr ihren 70. Geburtstag. Unser Autor Stefan Nährlich war nach 40 Jahren wieder für ein paar Tage Soldat. Er berichtet über eine persönliche Erfahrung, die für ihn auch Anlass ist, über Wehrfähigkeit und den Stiftungssektor nachzudenken.

Von Stefan Nährlich

„Goldkettchen weg, Nährlich. Wir sind hier nicht auf St. Pauli.“

Wir übten in der Weite der Lüneburger Heide und unsere Fahrzeugkolonne stand irgendwo auf einem Waldweg. Wir waren Soldaten, trugen steingrau-oliv und unser Zugführer musterte uns unzufrieden. Nach ein paar Tagen im Manöver fand das Erscheinungsbild seiner Erkunder vielfach nicht mehr seine Zustimmung. Schlecht rasiert, mit privat beschafften Ausrüstungsgegenständen oder eben mit Halskette. Damals, im Sommer 1986.

Im Sommer diesen Jahres habe ich öfter an meine Zeit bei der Bundeswehr gedacht. Als Wehrpflichtiger wurde ich 1985 drei Monate im niedersächsischen Northeim zum Truppenfernmeldesoldaten ausgebildet und 1986 zwölf Monate in der 1. Kompanie des Panzerbataillons 84 in Lüneburg als Funker im Erkundungs- und Verbindungszug eingesetzt. Der Satz des Oberfeldwebels ist mir immer noch in Erinnerung. Diese Mischung aus Tadel, Nachsicht und Belustigung. Er konnte gut mit Menschen umgehen.

Wir waren fast 500.000 Soldaten in der Bundeswehr und das Heer hatte große Mengen an Panzern, Waffen und Gerät. Im Verteidigungsfall wären noch einmal 700.000 Reservisten mobilisiert worden. Damals, schreibt der Historiker Söhnke Neitzel, stand die Bundeswehr im Zenit ihrer Kampfkraft. Für mich und die meisten Männer meiner Generation war sie zudem ein vertrauter und präsenter Teil unseres Lebens. Ältere Freunde und Brüder waren schon beim Bund gewesen, im Herbst rollten bei uns während der Manöver Panzer über Straßen und Felder. Auch meine Cousins und Onkel waren mal Wehrpflichtige, Berufs- oder Zeitsoldaten. In der DDR war es wohl nicht viel anders.

Nach 40 Jahren wieder Soldat

Letzten Monat war ich nach vierzig Jahren wieder Soldat. Wir trugen Flecktarn, wurden alle für die sechs Tage zu Oberleutnants ernannt und gelobten – zum ersten oder wiederholten Mal in unserem Leben, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“.

Wir, das waren achtundzwanzig zivile Führungskräfte zwischen 35 und 65 Jahren aus ganz Deutschland. Aus Erfurt und Düsseldorf, vom Bodensee, aus Eutin, mehrere aus Berlin. Aus Finanzbehörden und Kommunen, aus Industrie- und Handelskammer, Automobilzulieferer und Baumarktkette, kommunalem Energieversorger, Universität und Medien. Aus Deutschem Roten Kreuz und dem Rüstungs- und Sicherheitsbereich. Mehr Männer als Frauen, mehr Ungediente als ehemalige Soldaten, die an der Logistikschule der Bundeswehr in Osterholz-Scharmbeck an einer sogenannten Dienstlichen Veranstaltung teilgenommen haben.

Unmittelbare Eindrücke aus ausgewählten Teilen soldatischen Lebens sollen uns dabei helfen, künftig im eigenen Einflussbereich als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für die Bundeswehr wirken zu können, schreibt die Bundeswehr dazu auf ihrer Webseite.

Zwischen dem Frühstück um 6:30 Uhr und dem Dienstende um 22:00 Uhr durchliefen wir ein abwechslungsreiches Programm von Vorträgen und militärischer Ausbildung, der zur Verfügung stehenden Zeit angepasst. Wir erhielten Einblicke in die Kompetenzorientierte Ausbildung an der Logistikschule, Training mit Augmented Reality und der Virtual Battlespace-Umgebung. Wir schossen mit dem Gewehr 36, dem Maschinengewehr 3 und der Pistole 8, bekamen die neue persönliche Ausrüstung der Soldaten vorgestellt und die Verfahren und Mittel zur medizinischen Erstversorgung von Verwundeten auf dem Gefechtsfeld erläutert. Zum Operationsplan Deutschland, der die zivil-militärische Zusammenarbeit in Krise und Krieg regelt, trug ein General aus dem Verteidigungsministerium in einem öffentlichen Vortrag vor, zu dem 400 Gäste in die Kaserne kamen.

An allen Tagen hatten wir Gelegenheit, mit Soldatinnen und Soldaten zu sprechen. In den Pausen zwischen Vorträgen, beim abendlichen Biwak, zwischen den Schießstationen, in der Online-Schalte nach Bagdad. Mit Mannschaftsdienstgraden und Feldwebeln, vielen Oberleutnants. Die Gespräche waren informativ, unsere Gesprächspartner sehr freundlich und uns zugewandt. Initiative zeigen, ergebnisorientiert vorgehen, das Beste aus der Lage machen, hörten wir immer wieder. Oft aber auch, wie schwerfällig und bürokratisch die Bundeswehr ist. Der Bundesrechnungshof schrieb in diesem Jahr, die deutsche Armee sei zu „kopflastig“.

Kriegstüchtigkeit und Stiftungssektor: Geht uns das etwas an?

Seit über 25 Jahren bin ich beruflich als Geschäftsführer der Stiftung Aktive Bürgerschaft im gemeinnützigen Bereich zuhause. Ich beschäftige mich mit Bürgerstiftungen, ehrenamtlichem Engagement in Schulprojekten, Unternehmensengagement. Ich berate, schreibe Artikel, halte Vorträge, führe ein Team von zwanzig Kolleginnen und Kollegen.

Dass ich neben einem Geschäftsführer aus dem DRK der einzige Teilnehmer aus dem gemeinnützigen Bereich bei der Bundeswehr war, hat mich nicht überrascht. Militär kommt in unserem Alltag praktisch nicht vor.

Doch der Angriff Russlands auf die Ukraine hat vieles verändert. Krieg ist in Europa wieder möglich geworden. Die Bundesregierung nimmt viel Geld in die Hand, um die Bundeswehr kriegstüchtig zu machen, wie Verteidigungsminister Boris Pistorius es formuliert hat. Bundeskanzler Friedrich Merz hat vor einigen Wochen gesagt: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“ Gemeint sind die hybriden Angriffe Russlands auf Deutschland und Europa. Spionage, Sabotage, Ausspähung, Desinformation, vielleicht sogar bereits Anschläge. Im Oktober haben die Chefs der Nachrichtendienste im Bundestag in Berlin bei einer Anhörung davor gewarnt.

Nach der Deutschen Einheit ist die Bundeswehr immer weiter verkleinert, viele sagen, kaputtgespart worden, zur Landes- und Bündnisverteidigung nicht mehr fähig. Um kriegstüchtig zu sein, braucht es aber mehr als die Anschaffung von Waffensystemen und Munition. Es braucht Wehrfähigkeit und Wehrwilligkeit. Die wird nur zu erreichen sein, wenn die Bundeswehr wieder zum selbstverständlichen Teil unserer Gesellschaft und unseres Lebens wird und wir auch die Zivilverteidigungsaufgaben ernst nehmen.

Geht den Stiftungssektor das etwas an?

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine sammeln wir von der Stiftung Aktive Bürgerschaft Spenden für die ukrainischen Bürgerstiftungen und stehen mit Kolleginnen und Kollegen in Kiew im Austausch. Auch andere gemeinnützige Organisationen unterstützen die Ukraine. Stiftungen können auch mit ihrem Kapital wirken und hier sind die Möglichkeiten nicht von den gemeinnützigen Zwecken der Abgabenordnung begrenzt. Wir könnten uns damit auseinandersetzen, ob Vermögensanlagen beispielsweise in deutsche Rüstungsfirmen, in den Schutz der kritischen Infrastruktur, in den Wiederaufbau der Ukraine möglich sind. Natürlich spielen die Sicherheit der Vermögensanlage und auch der Ertrag eine Rolle, zu beidem sind wir stiftungsrechtlich verpflichtet.

In unseren Nachrichten für Engagierte stellt die Stiftung Aktive Bürgerschaft regelmäßig Engagementprojekte und -themen vor und behandelt diese vor dem Hintergrund gesellschaftlich relevanter Themen. Auch im Umfeld der Bundeswehr gibt es gemeinnützige Organisationen. Soziale Hilfswerke und Stiftungen, die Reservisten- und Veteranenorganisationen, den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge oder das Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte. Wir könnten uns mehr mit diesem Bereich beschäftigen.

Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung die 35 Jahre alten Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung überarbeitet. Hierin werden Maßnahmen und Strukturen beschrieben, um die Unabhängigkeit und Souveränität Deutschlands in Krisen- und Konfliktzeiten zu sichern. Nicht nur das DRK und die anderen Blaulichtorganisationen kommen hier vor. Auch beispielsweise die Kultureinrichtungen in Deutschland. Sie sollen Notfallverbünde bilden und in der Lage sein, Maßnahmen zur Rettung von Kulturgütern durchzuführen.

Neben dieser konkreten Ebene spielt für mich die Frage nach der Kriegstüchtigkeit auch noch auf einer anderen Ebene eine Rolle. Es ist eine Frage der Haltung. In unseren Debatten über gesellschaftlichen Zusammenhalt sprechen wir viel über Demokratie, Bildung und Teilhabe. Aber Zusammenhalt zeigt sich auch darin, dass wir bereit sind, unser Land und die Menschen, die hier leben, zu verteidigen. Wie auch immer man dazu steht: Damit sollten auch wir im Stiftungssektor uns auseinandersetzen und Position beziehen.

Feedback gerne an stefan.naehrlich@aktive-buergerschaft.de oder auf LinkedIn.

Dr. Stefan Nährlich ist Geschäftsführer und Mitglied des Vorstands der Stiftung Aktive Bürgerschaft.  

Fokus Oktober 2025: Zusammenhalten

1024 683 Stiftung Aktive Bürgerschaft

In Wahlen legen radikale Parteien zu, allen voran die AfD, in den sozialen Medien gehen Menschen mit Desinformation, Shitstorms und Hasskommentaren aufeinander los, Veranstaltungen werden abgesagt, Vorwürfe von Cancel Culture über Antisemitismus bis zu Kriegstreiberei füllen die medialen Auseinandersetzungen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt scheint bedroht: Im Deutschland Monitor 2024 (hier herunterladen) waren nur zwölf Prozent der Befragten der Meinung, dass es in der Gesellschaft einen großen Zusammenhalt gebe.

Allerdings sah die Sache vor Ort völlig anders aus: Knapp zwei Drittel der Befragten meinten, den Leuten bei ihnen vor Ort könne man trauen und man helfe sich gegenseitig.

Der Soziologe Holger Backhaus-Maul vom Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt bestätigt im Interview mit bürgerAktiv: „Wir haben eine breite Mitte, die grundlegende Überzeugungen teilt.“ In diesem Sinne unaufgeregt und tatkräftig versuchen Bürgerstiftungen, engagierte Schülerinnen und Schüler und Volksbanken, den Zusammenhalt zu stärken: Sie schaffen Räume für Begegnungen, gehen auf andere Menschen zu, organisieren gegenseitige Unterstützung und setzen sich für das Zusammenleben in ihren Gemeinden ein.

Lesen Sie im Fokus „Zusammenhalten“ folgende Beiträge:

Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland: Ringen um Verständigung

Die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland setzt sich seit langem für Integration und Beteiligung ein, doch die Herausforderungen wachsen: In den Außenbezirken und den umliegenden Dörfern siegte bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Bürgerstiftung engagierte sich im Vorfeld der Wahlen für demokratische Verständigung und entdeckte neue Möglichkeiten. Sie stieß jedoch auch an Grenzen.
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Bürgerstiftung Pfalz: An jeder Tür klingeln

Ein Dorf, aus dem Menschen wegziehen und in dem Gebäude leer stehen und verfallen, ist kein guter Ort für das Zusammenleben. Die Bürgerstiftung Pfalz wurde gegründet, um sich gegen diese Entwicklung zu stemmen und den Dörfern eine Zukunft zu verschaffen. Das Grundprinzip dabei: die Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer sollen selbst aktiv werden.
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Merianschule in Seligenstadt: Das Leben in der Stadt im Blick

Dosen gegen Altersarmut, Aktionen gegen Enkeltricks, Saubermachen am Mainufer – mit einer Vielzahl von Service-Learning-Projekten setzen sich die Schülerinnen und Schüler der Merianschule in Seligenstadt außerhalb ihrer Schule für die Menschen und das Zusammenleben in der Stadt ein.
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Ravensberger Schule in Bielefeld: Brücken von Jung nach Alt

Sie schenken Zeit, fördern Gemeinschaft, übernehmen Verantwortung: Mit ihrem Engagement im sozialgenial-Projekt „miteinander füreinander“ wollen Schülerinnen und Schüler der Ravensberger Schule in Bielefeld den Zusammenhalt in ihrer Nachbarschaft stärken. Regelmäßig besuchen 16 Jugendliche der Klassen 6 bis 9 soziale Einrichtungen – drei Kitas und ein Seniorenheim.
ZUM BEITRAG

Berliner Volksbank: „Wir ermöglichen Teilhabe“

Die Hauptstadt Berlin und ihr Umland haben viel zu bieten, aber hier prallen auch Gegensätze aufeinander. Die Berliner Volksbank fördert deshalb gezielt Projekte lokaler Vereine, Stiftungen und Initiativen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Eine besondere Rolle spielt dabei die Unterstützung für die Bürgerstiftungen in der Region.
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„Wir haben eine breite Mitte“

Unsere Gesellschaft ist polarisiert, aber die Mitte ist breit und gesellschaftlicher Zusammenhalt wird tagtäglich praktiziert. Man muss ihn bloß sehen wollen und können, sagt der Soziologe Holger Backhaus-Maul von der Universität Halle-Wittenberg. Im Interview mit bürgerAktiv berichtet er über wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Arbeit des bundesweit verorteten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ).
Zum Interview

Mehr zum Thema

bürgerAktiv Magazin 2024/25, Schwerpunkt Bürgerstiftungen, Titelstory ab Seite 6: „Mit vollem Einsatz für die gute Sache“ – hier HERUNTERLADEN
„Closed Shops“ in der deutschen Gesellschaft: Holger Backhaus-Maul zum ersten Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts für gesellschaftlichen Zusammenhalt – hier lesen
Aus Politik und Zeitgeschichte 42/2025: Gesellschaftlicher Zusammenhalt – hier lesen

Foto: Aleksandar Andreev / unsplash.com

Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland: Ringen um Verständigung

1024 483 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland setzt sich seit langem für Integration und Beteiligung ein, doch die Herausforderungen wachsen: In den Außenbezirken und den umliegenden Dörfern siegte bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Bürgerstiftung engagierte sich im Vorfeld der Wahlen für demokratische Verständigung und entdeckte neue Möglichkeiten. Sie stieß jedoch auch an Grenzen.

Die Jenaerinnen und Jenaer singen gemeinsam, befreien zu Hunderten beim „SaalePUTZ“ das Ufer ihres Flusses von Müll und Unrat, engagieren sich beim Freiwilligentag, tauschen sich beim Vereinsforum aus und ersteigern „unbezahlbare Gelegenheiten“ für den guten Zweck. Das alles organisiert die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland. Sie betreibt eine Freiwilligenagentur und eine Online-Plattform, um Vereine und Engagierte zusammenzubringen. Mit vielen Freiwilligen bewirtschaftet sie eine Streuobstwiese. Die Bürgerstiftung versteht sich als Dreh- und Angelpunkt des Engagements in der Stadt und setzt alles daran, die Bürgerinnen und Bürger zusammenzubringen.

Podiumsdiskussion und Proteste

Das steckte auch hinter ihrem Bemühen, als sie 2024 im Vorfeld der thüringischen Kommunalwahlen eine Podiumsdiskussion mit Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Stadtparlament für Schülerinnen und Schüler anbot, um ihnen die Gepflogenheiten der Demokratie näherzubringen. Sie sei sehr gut besucht worden, berichtet die Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung, Barbara Albrethsen-Keck, die Schüler seien klassenweise gekommen. Alle Parteien seien eingeladen gewesen und bis auf den AfD-Vertreter auch gekommen. Vor der Bundestagswahl 2025 wollte die Bürgerstiftung die Podiumsdiskussion wiederholen. Diesmal sagte der AfD-Vertreter zu und prompt brach ein Proteststurm los. Die Amadeu Antonio Stiftung zog ihre Förderung für die Moderation der Veranstaltung zurück, antifaschistische Aktivisten kündigten an, die Veranstaltung zu blockieren, der Veranstaltungsraum wurde gekündigt. Innerhalb der Bürgerstiftung brach eine Kontroverse aus, denn eigentlich gibt es einen Beschluss, nicht mit der AfD zu sprechen, den viele durch die Veranstaltung verletzt sahen, mochte sie auch noch so neutral konzipiert sein. „Wir haben die Diskussion abgesagt“, sagt Albrethsen-Keck.

Nachgefragte Demokratie-Workshops

Dagegen stießen die Workshops zum Thema „Für eine wehrhafte Demokratie und Zivilgesellschaft“ auf ungeteilte Zustimmung. Sie schulten die Teilnehmenden darin, zu argumentieren, auf antidemokratische und rechtsextreme Äußerungen schlagfertig zu antworten, „damit so etwas nicht einfach im Raum stehen bleibt“, so Albrethsen-Keck. Aufgrund der Nachfrage bietet die Bürgerstiftung diese Workshops auch nach den Wahlen weiterhin an.

Unterschiedliche Resonanz bei neu eingebürgerten Jenaer Bürgern

Eine andere Überraschung war die geringe Beteiligung bei einer thematisch ähnlichen Veranstaltung, die sich an frisch eingebürgerte Jenaerinnen und Jenaer richtete. Eine Erklärung hat Albrethsen-Keck dafür nicht. „Wir bleiben dran“, verspricht sie. In anderen Formaten funktioniert das Engagement der Bürgerstiftung für Menschen mit Migrationshintergrund besser. Schon seit einigen Jahren organisiert sie Chancenpatenschaften von Jenaer Bürgerinnen und Bürger für Geflüchtete, und ein aktuelles Projekt vollzieht nun einen Rollenwechsel: Geflüchtete Menschen bieten selbst Workshops für die Bevölkerung an und integrieren sich so in die Reihen der Engagierten, die bei der Bürgerstiftung mitmachen.

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Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.