Bürgerstiftung St. Georgen: Plötzlich eine große Stiftung

Plötzlich und ohne Vorabinformation fand sich 2022 die Bürgerstiftung St. Georgen als Alleinerbin eines kompletten Nachlasses wieder. Eine große Überraschung, aber auch eine große Aufgabe für das kleine Team der Bürgerstiftung. Wie hat sie diese gemeistert?

Die Bürgerstiftung St. Georgen im Schwarzwald gibt es seit 2011. Sie ist eine kleine Bürgerstiftung. Oder besser gesagt: war. Jahrelang förderte sie gemeinnützige Initiativen und Projekte in der 13.000-Einwohner-Stadt in eher bescheidenem Umfang – zur Verfügung standen die Erträge von 400.000 Euro Stiftungskapital. Doch 2022 und 2023 schnellte ihr Stiftungskapital plötzlich auf 1,8 Millionen Euro hoch. „Auf einmal gehörten wir zu den größten Stiftungen in der Region“, erzählt Vorstandsmitglied Erwin Müller. Der Grund waren eine Erbschaft und ein Vermächtnis. Beides höchst erfreulich für die Bürgerstiftung, aber auch mit einigem Aufwand verbunden.

Viel zu tun für das ehrenamtliche Team

Eine Mitbürgerin, die 20 Jahre zuvor nach St. Georgen gezogen war, hatte der Bürgerstiftung ihr gesamtes Hab und Gut vermacht – ohne vorher etwas zu verraten. Der plötzliche Vermögenszuwachs traf auf ein Team, das so klein war, wie es bei einer kleinen Bürgerstiftung eben ist: Sieben Stiftungsräte, drei Vorstände, alle ehrenamtlich und nur einer davon, Erwin Müller, war nicht (mehr) berufstätig und in der Lage, die erforderliche Zeit zu investieren.

Es gab richtig viel zu tun: Müller sortierte und verschenkte Haushaltsgeräte und Gegenstände aus der Wohnung an gemeinnützige Einrichtungen, holte die Bücher in die Bücherwand der Bürgerstiftung (Foto), verkaufte das Auto, verkaufte die Wohnung, übernahm die Vermögenswerte in die Buchhaltung der Bürgerstiftung. „Wir hätten die Wohnung auch behalten und vermieten können, aber für die Verwaltung fehlen uns die Kapazitäten“, sagt Müller.

Bürokratische Auflagen

Als Herausforderung erwies sich auch manch bürokratische Anforderung. So erhielt die Bürgerstiftung aus dem Vermächtnis unter anderem ein zwei Hektar großes landwirtschaftliches Grundstück. Sie verpachtete es an einen Landwirt. Trotz dieser der Grundstücksausweisung entsprechenden Nutzung machte allerdings das Landwirtschaftsamt einen Strich durch die Rechnung. Die Bürgerstiftung habe das Grundstück verkaufen müssen, weil eine landwirtschaftliche Fläche nur Landwirten gehören dürfe, erzählt Müller.

Öffentlichkeitsarbeit als Dreh- und Angelpunkt

Rückblickend erinnert er sich: „Ich muss sagen, ich war wirklich erleichtert, als das alles abgewickelt war.“ Nichtsdestotrotz hofft die Bürgerstiftung auf weitere Nachahmer. Denn mit dem Kapitalzuwachs kann sie deutlich wirkungsvoller fördern und ist weniger abhängig von Spenden. 2024 unterstützte sie mit 28.000 Euro Initiativen, Einrichtungen und Projekte – vom Kinderkonzert über den Handballverein und die Gesundheitswoche bis zur Radservice-Station. Diese Aktivitäten macht sie über die Presse bekannt und bespielt die Crossiety-App, eine Plattform für den lokalen Austausch. Denn die Öffentlichkeitsarbeit ist der Dreh- und Angelpunkt für die Kommunikation zum Thema Erbschaft, so Müller: „Wenn die Leute uns kennen, denken sie auch an uns, wenn sie einen sinnvollen Zweck für ihren Nachlass suchen.“

Zur Bürgerstiftung St. Georgen

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Roland Sprich
Das Bild zeigt die Vorstände der Bürgerstiftung St. Georgen, Thomas Wagner und Erwin Müller, vor der Bücherwand der Bürgerstiftung.

Der Beitrag ist Teil des Fokus Wenn Stiftungen erben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte November 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

, Allgemein, Ausgabe 272 November 2025, Fokus