„Die meisten sind überrascht“

Hospize, Tierheime und Bildung für Kinder stehen weit oben, wenn vermögende Erblasser Gutes tun wollen. Uwe Schnurr, Stiftungsmanager in der Volksbank pur und ehrenamtlicher Vorstand der Bürgerstiftung Baden-Baden, berichtet aus dem Alltag der Generationenberatung. Die Option, zu stiften, ist für viele seiner Kundinnen und Kunden eine Entdeckung.

bürgerAktiv Sie haben ein breites Angebot für Menschen, die sich fragen, was nach ihrem Tod mit ihrem Vermögen geschehen soll. Wer kommt zu Ihnen?

Uwe Schnurr Zu uns kommen immer mehr Alleinstehende und Ehepaare ohne Kinder, die sich überlegen, wie sie ihrem Vermögen einen Sinn geben können, wenn sie nicht mehr da sind. Wir haben bei uns in der Bank ein großes Team zertifizierter Generationenberater, die nichts anderes machen, als mit diesen Kunden über die Themen Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und eben auch Testamente zu sprechen. Sie schlagen den Kunden häufig vor, zu stiften. Dann übernehmen mein Team und ich. In diesem Jahr haben wir 30 Stiftungsverträge abgeschlossen, für nächstes Jahr rechnen wir mit 50 bis 60.

„Stiften ist keineswegs nur etwas für Millionäre“

bürgerAktiv Von sich aus kommen die Kunden nicht mit dem Wunsch zu stiften?

Uwe Schnurr Die meisten sind überrascht und sagen: Was, ich und eine Stiftung? Das ist doch nur was für Millionäre? Aber in Deutschland haben 70 Prozent der Stiftungen weniger als eine Million Euro an Stiftungskapital. Stiften ist also keineswegs nur etwas für Millionäre. Wir raten dazu, weil Spenden zeitnah ausgegeben werden müssen, aber Stiftungen langfristig wirken.

bürgerAktiv Zu klein sollte eine Stiftung aber auch nicht sein.

Uwe Schnurr Richtig, bei zu kleinen Stiftungen brauchen die Kosten die Erträge auf. In der Niedrigzinsphase hat man das gemerkt, da waren viele Stiftungen handlungsunfähig. Wir schlagen Stiftungen oder Zustiftungen bei Vermögen ab 100.000 Euro vor. Ein Hauptaugenmerk in meiner Beratung ist inzwischen die Möglichkeit einer zweckgebundenen Zustiftung, die man mit seinem Namen verbinden und den Stiftungszweck festlegen kann, und bei der keine Verwaltungskosten anfallen.

bürgerAktiv Wem möchten Ihre Kunden denn am häufigsten ihr Geld vermachen?

Uwe Schnurr Am häufigsten nennen sie das Hospiz, das Tierheim, die Bildung von Kindern. Gerade Alleinstehende haben häufig einen Bezug zu Tieren. Das kann man mit einem Stiftungsfonds gut umsetzen, zum Beispiel indem die Erträge regelmäßig an das Tierheim gehen. Beim Thema Bildung kann man für die Erträge Zwecke wie Suchtprävention oder finanzielle Bildung bestimmen.

„Es ist wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen.“

bürgerAktiv Kommen die Leute schon mit festen Vorstellungen oder bringen Sie sie auch auf Ideen?

Uwe Schnurr Wir machen auch Vorschläge. Als regionale Bank kennen wir die gemeinnützigen Organisationen und Einrichtungen hier und können nötigenfalls auch einen Kontakt herstellen, wenn Kunden sich ein Bild machen möchten. Es ist wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen. Die Kunden sind glücklich, wenn sie geklärt haben, was mit ihrem Geld passiert. Manche Menschen stiften schon zu Lebzeiten und machen dann erste Erfahrungen. Umgekehrt ist es für uns als Bank vor Ort schön, wenn ein gutes Projekt mit Hilfe der Bank gefördert werden kann.

bürgerAktiv Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Bürgerstiftung als Adressat für eine Zustiftung?

Uwe Schnurr Eine gute! Wir freuen uns, wenn jemand der Bürgerstiftung etwas vererben will – das sage ich natürlich auch als Mitglied des Vorstandes der Bürgerstiftung Baden-Baden – und haben auch schon Stiftungsfonds zu ihr vermittelt. Darauf hatte mich übrigens vor einiger Zeit die Aktive Bürgerschaft mit ihrer Seminarreihe zu Stiftungsfonds aufmerksam gemacht, die ich jeder Bürgerstiftung empfehlen kann. Voraussetzung ist, dass der gewünschte Stiftungszweck und der lokale Bezug zur Bürgerstiftung passt; Tierschutz geht beispielsweise nicht, wenn die Bürgerstiftung ihn nicht in ihren Zwecken hat. Und: Einen kompletten Nachlass mit Immobilien, der Wohnungseinrichtung und all den persönlichen Dingen aufzulösen, kann zu aufwändig für eine Bürgerstiftung sein. Die Bürgerstiftung Baden-Baden kann das nicht leisten. Eine Alternative ist, unsere bankeigene Volksbank Pur Stiftung als Erbin einzusetzen, mit der Auflage, dass das Geld in einen Stiftungsfonds geht, dessen Erträge an die Bürgerstiftung fließen. Dann nämlich können die Nachlassbegleiter der Volksbank die Abwicklung übernehmen.

Ein Nachlass ist oft komplizierter als man denkt. Zum Beispiel spielt Kryptowährung für immer mehr Leute eine Rolle. Dann muss man an die Bitcoins herankommen, die sind verschlüsselt. Umso besser, wenn wir noch zu Lebzeiten in der Beratung darauf stoßen.

Uwe Schnurr ist Abteilungsleiter im Team KompetenzCenter Stiftungsmanagement der Volksbank pur in Karlsruhe und Vorstandsvorsitzender der Volksbank pur-Stiftung. Ehrenamtlich engagiert er sich als Stellvertretender Vorsitzender in der Bürgerstiftung Baden-Baden.

Interview: Gudrun Sonnenberg
Foto: Volksbank pur eG

Das Interview ist Teil des Fokus Wenn Stiftungen erben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte November 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

, Ausgabe 272 November 2025, Fokus