Schulisches Lernen muss sich ändern, sagt der Bildungsforscher und Begründer der PISA-Studie, Andreas Schleicher, im Interview mit bürgerAktiv. Er rät zu fächerübergreifenden Projekten an Schulen und mehr Offenheit nach außen, um Relevanz und Verantwortung zu stärken. Das komme auch den Lernergebnissen zugute.
Die Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Welche Kompetenzen sind nach Ihrer Einschätzung in Zukunft gefragt?
Es ist schwierig, die Entwicklung der künstlichen Intelligenz vorherzusehen, aber klar ist, dass die Dinge, die leicht zu lehren sind, heute auch leicht digitalisiert werden können. In der Vergangenheit ging es darum, den Schülern Antworten beizubringen, in der Zukunft müssen sie die richtigen Fragen stellen, sich mit dem Sinn befassen, anstatt nur Aufgaben zu erledigen, und sich auf das Neue und Ungewisse einlassen, anstatt an bekannten Plänen festzuhalten. Erkenntnistheoretisches Verständnis – beispielsweise das Denken wie ein Naturwissenschaftler, Historiker oder Mathematiker – hat jetzt Vorrang vor der Kenntnis bestimmter Formeln, Namen oder Orte. In der Schule muss es heute vielmehr um Denkweisen (einschließlich Kreativität, kritisches Denken, Problemlösung und Urteilsvermögen), Arbeitsweisen (einschließlich Kommunikation und Zusammenarbeit), Arbeitsmittel (einschließlich der Fähigkeit, das Potenzial neuer Technologien zu erkennen und zu nutzen) und um die Fähigkeit gehen, als aktive und verantwortungsbewusste Bürger in einer vielschichtigen Welt zu leben.
Wie können Schulen diese Kompetenzen vermitteln?
Entscheidend ist, dass Schüler nicht mehr Konsumenten vorgefertigter Lerninhalte sind, sondern aktiv Verantwortung für ihr Lernen übernehmen, in der Schule und draußen in der Welt. In der Vergangenheit haben wir für die Arbeit gelernt, heute ist die Arbeit das Lernen. Das Wichtigste, was Schule leisten kann, ist zu helfen, dass junge Menschen verstehen, warum sie hier auf der Welt sind, was diese Welt von ihnen erwartet und wo sie ihren Beitrag leisten können, und ihnen zu helfen, die dafür notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln.
Wie müssten sich Lehren und Lernen dafür verändern?
Die Quintessenz ist, dass wir, wenn wir der technologischen Entwicklung voraus sein wollen, die Qualitäten finden und verfeinern müssen, die einzigartig für uns Menschen sind und die die Fähigkeiten, die wir in unseren Computern geschaffen haben, ergänzen und nicht mit ihnen konkurrieren.
Heute dominiert oft das Trennende – Lehrer und Lehrinhalte werden auf Fächer aufgeteilt, die Lernenden nach ihren künftigen Berufsaussichten getrennt. Es mangelt an Zusammenarbeit mit den Familien, und Partnerschaften mit anderen Schulen werden oft mit Vorbehalten gesehen. In Zukunft sollte der Unterricht stärker projektorientiert sein und Erfahrungen vermitteln, die Schülerinnen und Schülern das fächerübergreifende Denken erleichtern. In einer Welt komplexer Lernsysteme begrenzt Isolation das Entfaltungspotenzial erheblich.
Schließlich bleibt der Blick nach außen wichtig. Bildungssysteme, die sich durch alternative Herangehensweisen bedroht fühlen, werden zurückfallen; die Zukunft ist mit denen, die offen für die Welt sind und bereit, von und mit den leistungsfähigsten Bildungssystemen der Welt zu lernen.
Welche Lernformen oder -inhalte können künftig reduziert werden?
Alles, was auf Abfragewissen hinausläuft, wird an Relevanz verlieren. Es geht darum, weniger Stoff in größerer Tiefe zu vermitteln. Lehrpläne müssen den Disziplinen treu bleiben, aber gleichzeitig interdisziplinäres Lernen fördern, also die Fähigkeit der Schüler stärken, Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Und sie müssen Lernen in relevanten und realistischen Kontexten gestalten und Lehrern helfen, themenbezogene, problembasierte und projektbezogene Ansätze zu nutzen, die Kollegen und Schüler in die Gestaltung der Unterrichtsinhalte einbeziehen.
Wie können außerschulische Projekte und der Ansatz des Service Learning zu besserem Lernen beitragen?
Schulen sind oft gut darin, die Schüler drinnen und die Welt draußen zu halten. Die Zukunft liegt aber gerade darin, beides zu verknüpfen, um Relevanz und Verantwortung zu stärken. Das steht auch gar nicht im Widerspruch zu akademischem Erfolg. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. In Shanghai war man unzufrieden mit den Englischkenntnissen der Schüler, obwohl diese viele Stunden mit Vokabeln und Grammatik im Klassenzimmer verbrachten. Dann hat man die Schüler während der Weltausstellung in die U-Bahn-Stationen geschickt, um Ausländern zu helfen, Fahrkarten zu kaufen. Da mussten die Schüler den Mut finden, andere Menschen anzusprechen. Sie mussten lernen, sich auszudrücken, aktiv mit Sprache umzugehen. Sie mussten Probleme lösen und Menschen helfen. Und am Ende haben sie dann erlebt, wie Menschen sich bei ihnen bedanken, das kommt in der Schule ja auch nicht oft vor. Die Lernergebnisse waren deutlich besser als bei der Kontrollgruppe, die weiter im Klassenzimmer gelernt hat.
Prof. Dr. Andreas Schleicher ist Direktor für Bildung und Kompetenzen bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und Chefkoordinator der PISA-Studie. Diese hat er selbst entwickelt. Sie erschien erstmals 2001.
Interview: Caroline Deilmann und Gudrun Sonnenberg
Foto: Imago/TT
Der Beitrag ist Teil des Fokus Lernen fürs Leben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte August 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.