Radwan Al Hammadeh ist erst 22 Jahre alt, im Ehrenamt aber schon ein alter Hase; er hat jahrelange Erfahrung in unterschiedlichsten Engagementprojekten. Dass er jetzt Politikwissenschaft und Soziologie studiert, hat auch mit einem sozialgenial-Projekt zu tun – mit dem Projekt „KraftArt“ am Berufskolleg Kreis Höxter in Brakel.
Es war ein paar Monate nach dem Abitur, Radwan hatte eine Pflegeausbildung mit Fernziel Medizinstudium begonnen und auch schon im Krankenhaus gearbeitet. Da geriet er in eine Sinnkrise. War er wirklich auf dem richtigen Weg? Wollte er wirklich in die Medizin gehen? Inmitten dieser Zweifel erinnerte er sich an ein Projekt in seiner Schulzeit, bei dem er in den beiden Jahren vor dem Abi am Berufskolleg mitgemacht hatte. Es war das sozialgenial-Projekt „KraftArt“, ein Service-Learning-Projekt, bei dem die Schülerinnen und Schüler Kunst und Kreativität mit sozialem Engagement verbanden.
Zu Radwans Zeiten produzierten sie unter anderem eine Anthologie mit Porträts – „Human Stories“ – sie sammelten Lebensgeschichten von den Menschen aus ihrem Umfeld, die wiederum aus aller Welt kamen, texteten und illustrierten die Geschichten. Den Verkaufserlös spendeten sie einer Schule im syrischen Idlib. „Wir haben auch einen Song gegen Rassismus produziert“, erinnert sich Radwan.
Eigene Ideen umgesetzt
Dass das Engagement in der „KraftArt“-Gruppe so eine nachhaltige Wirkung auf ihn hatte, lag am Konzept: „Wir konnten dort unsere eigenen Ideen entwickeln und selbst überlegen, wie wir etwas umsetzen“, reflektiert Radwan. „Das war etwas anderes als das, was ich vorher erlebt hatte.“
Vorher: Da hatte er sich beim Kinderhilfswerk UNICEF im Juniorbeirat engagiert. Der Beirat berät die Organisation und Politiker bei der Entwicklung von Projekten und Gesetzen. Man diskutierte über Themen wie die Corona-Pandemie, Alltagsrassismus und Chancengleichheit. Im Schloss Bellevue konnten sie mit dem Bundespräsidenten über diese Themen sprechen und Bildungsformate diskutieren. Diese Erfahrungen vermittelten ihm Einblicke in formelle Beteiligungsstrukturen, aber auch in deren Chancen und Grenzen. Im Kontakt mit Politikern habe es nicht so viele Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Bei UNICEF ist er weiterhin aktiv, doch er sagt: „Rückblickend bildet das ‚KraftArt‘-Projekt den Ausgangspunkt meines Weges.“
Engagement als Lernform
„Bei ‚KraftArt‘ wurde Engagement nicht als Zusatz, sondern als Lernform verstanden – kreativ, selbstbestimmt und gesellschaftlich wirksam“, erläutert Radwan. „Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben mich nachhaltig geprägt und gezeigt, was möglich ist, wenn jungen Menschen Vertrauen, Verantwortung und Raum zur Gestaltung gegeben werden.“
Radwan hat die Pflegeausbildung beendet und sich an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main für Politikwissenschaften und Soziologie eingeschrieben. Er will weiter politisch tätig sein und mit dem sozialwissenschaftlichen Studium zugleich seine Erfahrungen aus dem gesellschaftlichen Engagement unterfüttern.
An der Uni ist er hochschulpolitisch und in der Fachschaft Gesellschaftswissenschaften aktiv, engagiert sich in universitären Gremien sowie in Auswahl- und Beteiligungsgremien der Hans-Böckler-Stiftung im Rahmen seines Begabtenstipendiums. Er hat auch ein Stipendium der Deutschlandstiftung Integration und er leitet die UNICEF-Hochschulgruppe Frankfurt. Dabei habe er stets im Blick, wie Beteiligung strukturell inklusiver und gerechter gestaltet werden kann, sagt er.
Radwan versteht sein Engagement als „Chancenmaschine“, aber auch als „soziales Privileg“. Viele Menschen blieben von der Beteiligung ausgeschlossen, weil ihnen Zeit, Ressourcen oder Zugänge fehlten. „Mein Ziel ist es, diese Hürden sichtbar zu machen“, sagt Radwan. „Ich möchte Räume schaffen, in denen Beteiligung nicht nur möglich, sondern gerecht und nachhaltig ist.“
Das Programm sozialgenial
Das sozialgenial-Projekt „KraftArt“ am Berufskolleg Höxter
Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: UNICEF/Zimmermann
Der Beitrag ist Teil des Fokus Was Schulen mit Service Learning erreichen können der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Januar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.