Sie schaffen Raum für Diskussionen über Künstliche Intelligenz (KI) und ihre Risiken, geben eigene Nutzungserfahrungen weiter, kümmern sich um junge Menschen und ihren Umgang mit der neuen Technologie: Engagierte aus Bürgerstiftungen und Schulen berichten für bürgerAktiv, wie sie KI nutzen, welche Herausforderungen sie sehen und welche Unterstützung sie sich wünschen. Ihre Statements zeigen, wie die KI im bürgerschaftlichen Engagement Einzug hält.
„Hilfreich wären niedrigschwellige Fortbildungen und Austauschformate.“
Franz Scheidt, engagiert in der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen:
Aus meiner Sicht wird Künstliche Intelligenz auch für das bürgerschaftliche Engagement zunehmend relevant. Viele zivilgesellschaftliche Initiativen arbeiten mit begrenzten Ressourcen. KI kann dabei helfen, Informationen schneller auszuwerten, Texte zu strukturieren oder komplexe Sachverhalte verständlicher darzustellen. Das kann Engagement wirksamer machen und Menschen dabei unterstützen, sich fundiert in gesellschaftliche Debatten einzubringen.
Ich selbst nutze KI regelmäßig als Denk- und Arbeitswerkzeug. Zum Beispiel, um Argumente zu strukturieren, unterschiedliche Perspektiven auf eine Frage sichtbar zu machen oder Materialien für Diskussionen und Beteiligungsprozesse vorzubereiten. Gerade im Kontext von Bürgerbeteiligung und Bürgerräten kann KI helfen, Vorschläge zu ordnen, Kriterien zu klären oder Ergebnisse nachvollziehbar aufzubereiten.
Die Herausforderung sehe ich vor allem darin, KI verantwortungsvoll zu nutzen. Ergebnisse dürfen nicht unkritisch übernommen werden; sie brauchen immer menschliche Prüfung und Einordnung.
Zugleich stellt sich die Frage, wie zivilgesellschaftliche Organisationen Zugang zu verständlicher und kompetenter Nutzung dieser neuen Werkzeuge bekommen.
Hilfreich wären daher niedrigschwellige Fortbildungen und Austauschformate, damit Engagierte lernen können, KI reflektiert und zum Nutzen der demokratischen Kultur einzusetzen.
„Unsere Kompetenzen hinken der Entwicklung weit hinterher. Genau hier braucht es Engagement.“
Jan-Eric Peters, Gründer des „jep! Stiftungsfonds“ für Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen unter dem Dach der Bürgerstiftung Berlin:
KI ist gerade wie das Wetter: Alle reden darüber, kaum jemand versteht sie so ganz – und manchmal kommt’s anders, als man dachte. Die einfachsten Tools sind im bürgerschaftlichen Engagement aber schon Alltag: KI hilft beim Organisieren, Schreiben, Übersetzen. Das stellt uns aber auch vor die Frage, wer hier eigentlich wen steuert.
Im jep! Stiftungsfonds beschäftigen wir uns ganz praktisch mit KI. Das Projekt @digitalfit, das wir mit der Bürgerstiftung Berlin vorantreiben, stärkt Kinder und Jugendliche, selbstbewusst, kritisch und kreativ mit digitalen Werkzeugen umzugehen. Medienkompetenz heißt für uns: verstehen, hinterfragen, gestalten – und auch mal Nein sagen, wenn der Algorithmus Unsinn macht. Wer früh durchschaut, wie KI funktioniert, ist später weniger manipulierbar und kann digitale Technologien souveräner nutzen.
Die größte Herausforderung ist die Geschwindigkeit. Während wir noch über ethische Leitplanken diskutieren, ist das übernächste Update der KI längst auf dem Markt. Unsere Kompetenzen hinken der Entwicklung weit hinterher. Genau hier braucht es Engagement. Und Unterstützung: niedrigschwellige Bildungsangebote und Räume, in denen man KI ausprobieren darf, ohne gleich alles richtig machen zu müssen. Denn wer bei KI nur an schreibfaule Studierende oder tanzende Roboter denkt, verpasst den Anschluss.
„Wir sind auf reges Interesse gestoßen, die KI besser zu verstehen und sinnvoll nutzen zu lernen.“
Dr. Susannah Cremer-Bermbach und Till Bermbach, Stiftung Informationskompetenz unter dem Dach der Bürgerstiftung Bonn:
Die tiefgreifende Veränderung unserer Welt durch KI gilt als sicher. Ob dies zum Wohle vieler oder nur sehr weniger Menschen sein wird, hängt zu einem beträchtlichen Teil davon ab, wie wir sie nutzen. Deshalb ist es aus unserer Sicht unabdingbar, dass KI allgemein und Text- und Bildgenerierung im Besonderen, ihre Anwendungsgebiete und der reflektierte Umgang damit im Alltag ein zentrales Thema bürgerschaftlichen Engagements sein sollte.
Wir haben die Stiftung Informationskompetenz unter dem Dach der Bürgerstiftung Bonn 2022 gegründet, um den kritischen Umgang mit Informationen allgemein zu fördern durch möglichst praxisnahe Projekte für Kinder, Jugendliche, jüngere und ältere Erwachsene. Unser besonderes Anliegen ist es dabei, der Verzerrung von Fakten durch Fake News und Deep Fakes entgegenzuwirken, für die damit verbundenen Gefahren zu sensibilisieren und demokratische Werte zu stärken. Die KI wird bei unseren Projekten in der Regel nur im Zusammenhang mit Desinformation und Deepfakes thematisiert. Es ist allerdings davon auszugehen, dass sie als „Brandbeschleuniger“ künftig weiter in den Vordergrund rücken wird.
Im Rahmen einer von uns mitorganisierten Veranstaltungsreihe zur Förderung der Medienmündigkeit haben wir die diesjährige Veranstaltung erstmals exklusiv der KI gewidmet mit Diskussionen über das Buch „Weiß die KI, dass sie nichts weiß?“ der Informatikerin Katharina Zweig, mit Workshops und mit Vorträgen zu verschiedenen Aspekten. Dabei sind wir auf reges Interesse gestoßen, auch bei Älteren, die KI besser zu verstehen und sinnvoll nutzen zu lernen.
Damit untrennbar verbunden und unverzichtbare Grundvoraussetzung ist der reflektierte Umgang mit Informationen. Dass ein kritischer Umgang mit KI die Informationskompetenz erhöht und umgekehrt, dürfte sich als fruchtbarer Ansatz für weitere Projekte erweisen.
Um das Interesse Studierender am Thema Desinformation zu wecken, haben wir einen Förderpreis an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg initiiert, der Anfang April für eine Masterarbeit mit dem Titel „Manipulation durch künstliche Intelligenz“ vergeben werden konnte. Wie der Untertitel verrät, handelt es sich um „eine empirisch-quantitative Untersuchung zur Anfälligkeit für Täuschung durch Deepfakes im Vergleich zu textbasierter Desinformation“, die laut Jury „wichtige Erkenntnisse über die Wirkmechanismen digitaler Desinformation“ liefert.
„Besonders nutzen die Schüler*innen KI bei der Ideenfindung.“
Nella Zimmer und Kristin Schulz, Schulleiterin und Lehrerin an der Carl-Engler-Schule in Karlsruhe:
KI ist bei uns unter anderem im Zusammenhang mit dem Engagement von Schüler*innen ein Thema. Sowohl im Projektfach als auch im Seminarkurs an der Carl-Engler-Schule – wissenschaftliches Arbeiten und ehrenamtliches Engagement miteinander verknüpfen – kann KI für die Schüler*innen eine hilfreiche Unterstützung sein.
Wir zeigen ihnen, wie KI bei der sprachlichen Überarbeitung von Seminarkursarbeiten, Dokumentationen oder Präsentationen unterstützen kann. Besonders nutzen die Schüler*innen KI bei der Ideenfindung, aber auch ganz praktisch, z. B. wenn es darum geht, Anschreiben an Kooperationspartner noch einmal gegenlesen zu lassen, Formulierungen zu verbessern oder Texte sprachlich zu überarbeiten. Oder auch um Grafiken zu erstellen.
Gleichzeitig sprechen wir darüber, dass diese Nutzung transparent gemacht und in den Arbeiten angegeben werden muss – auch mit Blick auf wissenschaftliches Arbeiten und als Vorbereitung auf ein späteres Studium.
Darüber hinaus kann KI insbesondere schwächeren Schüler*innen helfen, besprochene Inhalte sich noch einmal erklären zu lassen oder Wissenslücken selbstständig zu schließen.
Eine Herausforderung sehen die Kolleg*innen vor allem bei der Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten, wie sie in früheren Seminarkurskonzepten/Projektfachdokumentationen vorgesehen waren. Hier besteht natürlich die Gefahr, dass KI größere Textteile generiert.
Darauf haben wir bereits reagiert: Die Schüler*innen verfassen inzwischen wissenschaftliche Essays mit sehr konkreten Fragestellungen. Diese bestehen aus
- einem analytischen Teil, in dem eine konkrete Fragestellung wissenschaftlich untersucht wird,
- einem Transferteil, in dem diese Fragestellung mit dem eigenen Projekt bzw. dem gesellschaftlichen Engagement verknüpft wird,
- sowie einem reflektierenden Teil, in dem die eigene Projektarbeit kritisch eingeordnet wird.
Die wissenschaftliche Arbeitsweise bleibt dadurch erhalten, gleichzeitig wird es deutlich schwieriger, komplette Texte einfach durch KI generieren zu lassen, da individuelle Verknüpfungen und Reflexionen erforderlich sind.
Uns ist dieser reflektierte Umgang wichtig, da wir davon ausgehen, dass KI die Schüler*innen auf ihrem weiteren Bildungs- und Berufsweg dauerhaft begleiten wird.
„Wie lernen junge Menschen, mit KI verantwortungsvoll umzugehen?“
Wilhelm Rinschen, Medienpädagoge und Schulsozialarbeiter an der Gesamtschule Lengerich/Tecklenburg:
Künstliche Intelligenz ist längst im Alltag von Schülerinnen und Schülern angekommen. Sie nutzen entsprechende Programme schon ab Klasse 5 fast selbstverständlich, fragen KI-Tools nach Hausaufgaben, lassen sich Texte erklären, suchen Rat bei Alltagsfragen oder nutzen sie ganz einfach aus Neugier. Schule steht vor einer Realität, die sich nicht mehr ignorieren lässt.
Doch wie lernen junge Menschen, mit KI verantwortungsvoll umzugehen? Es reicht nicht, gute Prompts zu schreiben oder schnelle Antworten zu bekommen. Schülerinnen und Schüler müssen auch lernen, dass KI nicht immer recht hat, dass sie Fehler macht und dass sie keine neutrale Instanz ist. Sie basiert auf Regeln und Wertentscheidungen, die von Menschen festgelegt werden. Die ethisch-moralischen Dimensionen von KI entstehen nicht von selbst, sie werden einprogrammiert.
Wie wichtig das ist, zeigen konkrete Beispiele, mit denen wir uns im Vertiefungsfach Medienerziehung in der Jahrgangsstufe 9 befasst haben: Wenn etwa eine KI sich weigert, auf einem Bild die Kleidung einer Kopftuchträgerin in bestimmter Weise zu verändern, dann folgt sie vielleicht moralischen Vorgaben, die ihr vorgegeben wurden. Wenn eine KI eine Schulklasse darstellt, stellt sich die Frage, nach welchen Regeln Minderheiten, ethnische Gruppen oder kulturelle Vielfalt abgebildet werden. Wer entscheidet darüber, was als normal, ausgewogen oder angemessen gilt? Solche Fragen gehören nicht nur in die Informatik, sondern mitten in die pädagogische Diskussion.
Schule muss Kinder und Jugendliche befähigen, diese neue Kulturtechnik kritisch, kompetent und verantwortungsvoll zu nutzen. Dazu gehört, Informationen zu prüfen, Antworten zu hinterfragen und die gesellschaftlichen Folgen algorithmischer Entscheidungen zu erkennen. KI wird aus Schule und Alltag nicht mehr verschwinden. Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche nicht allein mit ihr zu lassen.
„Grenzen ziehe ich beim Datenschutz.“
Susanne Eickelmann, Geschäftsführerin der Bielefelder Bürgerstiftung:
Ich nutze die KI vor allem für die Kommunikation. Newsletter, Einladungsbriefe zu Veranstaltungen oder Begleitschreiben an Spendende, das macht die KI ganz großartig. Ebenso wie aus einer Info verschiedene Formate für Social Media zu generieren. Weniger erfolgreich war mein Versuch, die KI eine PowerPoint-Präsentation erstellen zu lassen. Das passte überhaupt nicht. Ich habe dann einen eigenen Entwurf gemacht und diesen von der KI überarbeiten lassen.
Entweder speise ich Inhalte ein und lasse mir von der KI einen Textentwurf erstellen oder ich lasse mir Formulierungen vorschlagen. Auf jeden Fall überarbeite ich die Texte anschließend, denn es ist mir wichtig, einen persönlichen Stil, eine individuelle Ansprache zu bewahren.
Meiner Meinung nach macht es einen merkwürdigen Eindruck, wenn man unbearbeitete KI-Texte versendet. Wir erhalten manchmal Förderanträge, die mit offensichtlich von amerikanischer KI generierten Einstiegsfloskeln wie „Ich hoffe, Sie sind bei bester Gesundheit“ beginnen. Da denke ich mir jedes Mal: Leute, gebt euch ein bisschen mehr Mühe.
Grenzen ziehe ich beim Datenschutz. Ich speise keine Daten in die KI ein, die ich nicht auch in einem Newsletter o. ä. veröffentlichen würde.
Die KI spart mir viel Zeit. Ich würde aber gerne weitere Möglichkeiten kennenlernen und wäre interessiert an einem Austausch, wie Kollegen in anderen Bürgerstiftungen mit KI umgehen und wofür sie sie einsetzen.
Fotos: Till Bermbach, Fotodesign Susanne Freitag, Jule Halsinger, Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft, privat
Der Beitrag ist Teil des Fokus KI – Was machen wir mit ihr und sie mit uns? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte April 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.