Kommentar: Ein neuer Zyklus in der Zivilgesellschaftsforschung

    von Rudolf Speth

    Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) ist ein Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung gegründet worden. Es wird in einer Phase aus der Taufe gehoben, in der immer deutlicher wird, dass der bisherige Zyklus der Engagementforschung sich allmählich dem Ende zuneigt und eine neue Phase anfängt. Der alte Zyklus begann etwa in der Mitte der 1990er Jahre. Sein Kern war ein neues Verständnis von Engagement, das nun politischer war, bürgerschaftlicher und selbstbestimmter. Es war nicht mehr das alte Ehrenamt mit seinen bürokratischen Strukturen. Das neue Engagementverständnis war besser an die Lebenslagen angepasst, eigensinniger und vielfältiger. Für den großen Bereich des bürgerschaftlichen Engagements entdeckte die Forschung den Begriff der Zivilgesellschaft, in der man das nährende Substrat der Demokratie erblickte. Die Zivilgesellschaft wurde eng mit sozialen Bewegungen verbunden. Bürgerschaftliches Engagement war damit immer auch Partizipation. Für andere Bewegungen, die es immer schon gab, wurden in diesem ersten Zyklus Begriffe wie “unziviles Engagement” oder die “dunkle Seite des Engagements” verwendet.

    Der Zusammenhalt der Gesellschaft gerät in den Fokus

    Nun treten wir in eine neue Phase der Zivilgesellschaftsforschung und wahrscheinlich auch der Engagementpolitik ein. Die neuen Erkenntnisse der Forschung werden nicht vergessen, doch die Akzente werden anders gesetzt. Schon lange gab es dafür Anzeichen; auch treten viele der Akteure aus dem ersten Zyklus ab. In der Zivilgesellschaft und im Engagement zeigen sich Veränderungen, die es immer schwerer machen, allein von einem fortschrittlichen, demokratieförderlichen und „linken“ Projekt auszugehen. Die Konflikte im Bereich der Identitätspolitik wachsen, ebenso soziale Bewegungen auf der rechten Seite der Gesellschaft (beispielsweise Pegida). Das lässt sich nicht mehr einfach als unziviles Engagement abtun. Zudem verändert sich der Bereich, den man mit dem Begriff Zivilgesellschaft belegt: Er war schon immer ein Begriff für etwas sehr Heterogenes und man glaubte, mit ihm die auseinanderstrebenden Elemente zusammenbinden zu können. Nun aber zeigt sich, dass die Zivilgesellschaft noch heterogener wird und sich Entwicklungen verstärken, die nicht mehr auf eine Steigerung der partizipativen und damit demokratischen Qualität der Gesellschaft abzielen. Verstärkt wird danach gefragt, wie der Zusammenhalt der Gesellschaft unter diesen veränderten Bedingungen organisiert werden kann.

    Chancen für neue Akzente

    Für die Wissenschaft, die sich in disziplinären Bahnen bewegt, war das Thema Zivilgesellschaft immer schon sperrig. Nun ist, mit einem Anschub von außen durch die Volkswagen Stiftung und die Stiftung Mercator, mit der Institutsgründung in Berlin ein neuer Anlauf genommen. Das WZB ist für das Forschungszentrum wie geschaffen, weil es immer schon interdisziplinär ausgerichtet ist und darüber hinaus exzellente wissenschaftliche Qualität verbürgt. Hoffnungsvoll stimmt auch, dass das neue Institut den Blick auf die Europäische Union richtet und damit zeigt, dass Zivilgesellschaft schon lange kein nationales Projekt mehr ist.

    Das Forschungszentrum hat aufgrund des Paradigmenwechsels alle Chancen, neue Akzente zu setzen, Antworten auf drängende Fragen zu geben und für die Zivilgesellschaft einen neuen Stellenwert zu schaffen. Dazu gehört auch eine Antwort auf die Frage, was unter einer Zivilgesellschaft verstanden werden kann, wenn die gesellschaftlichen Gruppen aktiver werden und die Interessengegensätze zunehmen.

    Kommentar von Dr. Rudolf Speth für bürgerAktiv – Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe 184 – November-Dezember 2017 vom 12.12.2017

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