Gastkommentar: Sozialwissenschaftliche Berichterstattung zum Dritten Sektor in Deutschland: Bestandsaufnahme nach 25 Jahren

     von Helmut Anheier

    Seit der ersten Phase des „Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sektor Projects“ (1990- 1994; die Johns Hopkins Universität lässt die Vorarbeiten außen vor und datiert deshalb den Beginn des Projekts auf ihrer Webseite auf 1991) ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen, und auch die zweite Phase (1995-1999) liegt weit zurück. Damals wurden systematisch Informationen zu wirtschaftlichen und sozialen Strukturdaten des Dritten Sektors gesammelt, analysiert und vorgelegt. Es handelte sich ja um einen empirisch kaum erschlossenen Sektor: Wirtschaftlich ging es vornehmlich um Arbeitsplätze, Kosten, Einnahmen und Bruttowertschöpfung; in sozialer Hinsicht um soziale Partizipation und bürgerschaftliches Engagement; und politikwissenschaftlich waren Fragen zur gesellschaftspolitischen Rolle des Dritten Sektors und seiner Strukturprinzipien zentral, beispielsweise die Subsidiarität.

    Zum ersten Mal konnten so die wesentlichen Merkmale des Dritten Sektors in Deutschland nicht nur erfasst, sondern auch international eingeordnet werden. Unter anderem zeigte sich, dass der Dritte Sektor mit einem Anteil von 4-5 Prozent am Bruttosozialprodukt von der wirtschaftlichen Größe her im europäischen Mittelfeld liegt, der Struktur nach mehr als andere Länder von den Bereichen Soziale Dienste und Gesundheit geprägt ist und mit einem sehr hohen Anteil öffentlicher Mittel fast ein Alleinstellungsmerkmal aufweist. Das Spendenwesen und Stiftungsmittel spielen eine vergleichsweise geringe Rolle. Es konnte auch gezeigt werden, dass der Sektor in seiner wirtschaftlichen Bedeutung seit den 60er Jahren in enger Anlehnung an den Wohlfahrtsstaat erheblich gewachsen ist und auch weiterhin hohe Wachstumsraten aufwies.

    Gerade die Feststellung der ausgeprägten Finanzierung durch die öffentliche Hand führte zu vielen Diskussionen und rief auch Kritik hervor: Sind weite Teile des Dritten Sektors nicht der verlängerte Arm des Staates, wenn zwei von drei Euro letztlich aus Steuermitteln und den Beiträgen der gesetzlichen Versicherungen kommen? Sollte der Dritte Sektor nicht unabhängiger werden?

    Johns-Hopkins-Projekt legte empirische Grundlagen

    Diese und andere Fragen konnten nunmehr angegangen werden, weil eine empirische Grundlage gelegt worden war, die zur Jahrtausendwende in der zweiten Phase des Johns-Hopkins-Projekts weitgehend fortgeschrieben werden konnte. Dabei stellte sich etwa heraus, dass die hohe Staatsquote des Dritten Sektors trotz weiteren Wachstums in den 1990er Jahren leicht zurückgegangen war, da durch die „neue Subsidiarität“ vor allem marktähnliche Einnahmen eine größere Rolle zu spielen begannen.

    Was sicherlich der Fortschreibung in den 90er Jahren half, war die enge Kooperation von vier Wissenschaftlern, die, am Anfang der Karriere stehend und aus unterschiedlichen Disziplinen und Erkenntnisinteressen kommend, fast zufällig aufeinander stießen: Wolfgang Seibel (Universität Konstanz), Annette Zimmer (Universität Münster), Eckhard Priller (Wissenschaftszentrum Berlin) nebst dem Verfasser dieser Zeilen (damals Johns Hopkins) konnten als flexibles Quartett einen interdisziplinären Forschungsverbund schaffen, der zu vielen und wichtigen Publikationen über den deutschen Dritten Sektor im In- und Ausland führte. Bald gab es Tagungen und Kongresse und Projektstellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs; Masterarbeiten und Dissertationen folgten. Es schien, als könnte sich ein neues, interdisziplinäres Feld entwickeln.

    Gefördert wurden die Arbeiten in Phase 1 in nur kleinem Umfang von deutschen Stiftungen. Die Körber Stiftung (30.000 DM) und der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft (100.000 DM) trugen einen wichtigen Teil bei. Doch lagen die Kosten des Projekts viel höher und mussten letztlich von amerikanischen Quellen getragen werden, um die deutsche Teilnahme an dem Projekt zu gewährleisten – was dem Projekt öfters politisch vorgeworfen wurde, insbesondere von einigen Vertretern der freien Wohlfahrtsverbände und auch von Professoren. In Phase 2 konnten mehr deutsche Gelder gewonnen werden, aber eine Unterfinanzierung blieb.

    Die dritte Phase des Johns-Hopkins-Projekts war im Wesentlichen der Versuch, im Sinne einer Dauerberichterstattung ein neu entwickeltes Satellitenkonto der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in möglichst vielen Ländern zu etablieren. Auch in Deutschland wurde dieser Versuch unternommen. Dabei kooperierten das Statistische Bundesamt (DESTATIS), welches die notwendigen Daten lieferte, das Center für Soziale Innovationen und Investitionen (CSI) der Universität Heidelberg, welches die wissenschaftliche Expertise beisteuern sollte, und ein Verbund von Förderern mit dem Stifterverband, der Bertelsmann Stiftung und der Thyssen-Stiftung.

    Strukturelles Datendefizit in Deutschland

    So entstand 2008 das Projekt „Zivilgesellschaft in Zahlen“ (ZiviZ). Mittlerweile unter dem Dach des Stifterverbands fortgeführt, war es insofern eine erfolgreiche Weiterentwicklung, als einige zentralen Eckwerte fortgeschrieben werden konnten. Gerade die Organisationsbefragungen von ZiviZ haben einen wichtigen Beitrag geleistet. Auch sonst hat sich das Feld gut entwickelt, insbesondere durch EU-Verbundprojekte oder Landesgraduiertenkollegs. Aber: Das Ziel, mit der Einführung eines Satellitenkontos den Anschluss an die offizielle Statistik zu finden, um somit das strukturelle Datendefizit nachhaltig zu überwinden, wurde weder erreicht noch in Aussicht gestellt.

    Strategisch war die Entscheidung, ZiviZ außerhalb universitärer Strukturen anzusiedeln, wenig glücklich. Denn dadurch wurden – nach getanem Wissenstransfer – potentielle Interessenten wie die Universitäten in Heidelberg und Münster, das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) oder die Humboldt-Universität zu Berlin außen vor gelassen. Die Folge: Der zentralen Einrichtung für die Wirtschafts- und Sozialberichterstattung des Dritten Sektors, ZiviZ, fehlt nun die notwendige Einbindung in die Wissenschaft. Diese aber wäre es, die in Forschung und Lehre nicht nur den Boden für methodische und inhaltliche Fortentwicklungen legen, sondern auch Talente anziehen und ausbilden könnte; erst die wissenschaftliche Einbindung würde es ermöglichen, sich einem nationalen und internationalen Peer-Review auszusetzen und sich daran zu stärken. Eine vertane Chance fürwahr. Ließe sie sich korrigieren? Durchaus. Man müsste halt die Anbindung von ZiviZ in universitäre Strukturen forcieren. Zu spät ist es nicht! Man muss es aber wollen.

    Prof. Dr. Helmut K. Anheier ist Präsident und Dekan der Hertie School of Governance und Professor für Soziologie an der Universität Heidelberg. Nach dem Erwerb seines PhD an der Yale University 1986 war er Senior Researcher an der John Hopkins School of Public Policy und Professor an der University of California in Los Angeles sowie Centennial Professor an der London School of Economics. Professor Anheier gründete und leitete das Centre for Civil Society an der London School of Economics sowie das Center for Civil Society an der University of California in Los Angeles.

    Gastkommentar von Prof. Dr. Helmut Anheier für bürgerAktiv – Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe 165 – März 2016 vom 31.03.2016

    Kommentare und Analysen