Die Bürgerstiftung Hellweg-Region ebnet Menschen in der ganzen Region den Weg zum Engagement. Und bei der Heilbronner Bürgerstiftung lernen schon die Jüngsten, wie Partizipation funktioniert. Die größte Wirkung erzielen Bürgerstiftungen, wenn aus ihren Impulsen Projekte werden, die andere Menschen aufgreifen und weitergeben.
Geburtstag bei Frau Schmitz in Niederense im Sauerland. Alle essen Kuchen, nur ihr Mann Theo schielt immer wieder auf sein Handy. Denn er steckt in einer Versteigerung für etwas, das er dringend braucht: einen Bauwagen. Einen, den man herrichten und ans Auto hängen kann, um ihn von Friedhof zu Friedhof zu fahren. Dort soll er Menschen ein Dach über dem Kopf bieten, wenn sie sich treffen und bei Kaffee und Kuchen Zeit miteinander verbringen.
Das Glück ist Theo Schmitz hold, er ersteigert das gute Stück. Mit Gleichgesinnten richtet er den Bauwagen her, baut eine Mini-Küche ein. Er gewinnt Sponsoren, engagiert einen Graffiti-Sprayer für die äußere Gestaltung und einen Fußbodenleger für den Innenausbau.
Im November 2022 geht der Bauwagen in Betrieb. Einmal im Monat macht er Station in Niederense. Hier sitzen im Juni 2026 elf ältere Herrschaften unter dem Vordach, das Theo Schmitz vor dem Bauwagen aufgespannt hat.
„Wir reden über alles!“
„Wir sind aber kein Trauertreff!“, schallt es aus der sehr fröhlichen Runde. „Wir reden über alles. Uns ist jedes Thema recht“, erklärt eine. Und die Sitznachbarin ergänzt: „Manchmal müssen wir uns bremsen!“ Bei Wind und Wetter kämen sie her, nur Glätte halte sie ab. „Wir haben auch schon mal alle zusammen drinnen im Wagen gesessen.“ Das war allerdings sehr eng, bei der Erinnerung müssen sie kichern.
Schulungen bei der Bürgerstiftung
Inzwischen macht der Bauwagen regelmäßig an neun Standorten Station. Damit das Angebot dauerhaft möglich ist, übernimmt als Trägerin die Bürgerstiftung Hellweg-Region die Kosten für Versicherungen, Inventar und Ersatzteile, Reparaturen und Öffentlichkeitsarbeit, und sie erstattet Fahrtkosten für die ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer.
Die Geselligkeit der alten Menschen ist die Breitenwirkung eines Impulses, der von der Bürgerstiftung Hellweg-Region ausging. Denn dort startete Theo Schmitz: bei einer Schulung der Bürgerstiftung mit dem Titel „seniorTrainer*in in der Hellweg- Region“. Die Bürgerstiftung veranstaltet sie in Kooperation mit dem Kreis Soest für Menschen auf dem Weg in den Ruhestand, die sich engagieren möchten. Sie können Ideen entwickeln, Gleichgesinnte kennenlernen, Teams bilden, und sie erwerben Know-how, wie sie ihre Ideen in Projekte umsetzen. 33 Projekte sind schon aus den Schulungen hervorgegangen, und für die nächsten Qualifizierungen gibt es eine Warteliste.
Es ist das Grundkonzept der Bürgerstiftung Hellweg-Region seit ihrer Gründung 2002, Impulse zu geben und Menschen in der gesamten Region um Soest herum in Bewegung zu bringen. Von Anfang an verstand sie sich auch als Dachorganisation für Partnerstiftungen von engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Sie hat inzwischen 16 Treuhandstiftungen und 16 Stiftungsfonds, deren Verwaltung sie übernimmt, damit die Engagierten sich auf die Umsetzung ihrer Ideen konzentrieren können.
Warstein: Ein Ort, ein Wald, ein Moor
Davon profitiert als eine der ersten dieser Partnerstiftungen die 2005 gegründete Bürgerstiftung Warstein. Zu dem für seine Bierbrauerei bekannten Ort gehört auch ein weniger bekannter Wald, der Hamorsbruch, in dem sich das älteste urkundlich erwähnte Moor Nordrhein-Westfalens befindet. Diese Moor zu renaturieren, ist das aktuell wichtigste Eigenprojekt der Bürgerstiftung Warstein, im Dreiergespann mit der NRW-Stiftung und der Kommune, die die eigentliche Renaturierung durchführt. Es gilt, die Gräben zu verfüllen, die man in der Vergangenheit gezogen hatte, um das Moor zu entwässern und Fichten anzubauen.
Die Bürgerstiftung Warstein wird neben einem finanziellen Beitrag die Renaturierung in die Gemeinde tragen. Es soll einen begehbaren Weg durch das Moor geben, Schülerinnen und Schüler sollen auch mit anpacken. Heinz Tschernisch, Vorstand der Bürgerstiftung Warstein, sagt: „Die Warsteiner identifizieren sich mit dem Wald. Deshalb haben wir den Finger gehoben, als gefragt wurde, wer sich an der Renaturierung beteiligt.“
Neben den eigenen Aktivitäten fördert die Bürgerstiftung Warstein musizierende Kinder, Seniorenkreise, Sportvereine. „Nicht meckern, sondern machen“, so lässt sich die Haltung der Mitmach-Stiftung Warstein zusammenfassen.
Heilbronn: Stadtbekannt für Großprojekte
Nach diesem Motto bemühen sich viele Bürgerstiftungen, möglichst weite Kreise zu ziehen. So ist die Heilbronner Bürgerstiftung stadtbekannt für ihre Großprojekte, seit sie 2011 in einer beispielhaften Fundraising-Aktion 900.000 Euro einwarb und die Sanierung des Kinderfreizeitheims „Gaffenberg“ zu einem gemeinsamen Anliegen in der Bevölkerung machte.
Besondere Zielgruppe – der Kinderbeirat
Eine besondere Zielgruppe erreicht die Heilbronner Bürgerstiftung mit ihrem Kinderbeirat, den sie 2019 eingerichtet hat. Zwölf bis fünfzehn Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und sechzehn Jahren treffen sich vier- bis sechsmal im Jahr, um über ein Förderbudget von 6000 Euro zu entscheiden. Es sind Mittel der Bürgerstiftung, von denen der Kinderbeirat jeweils bis zu 1000 Euro an Kinder- und Jugendprojekte vergeben kann. Einer präsentiert den anderen das Projekt, dann wird beraten und entschieden.
Neben den Beratungen besuchen die Kinder politische Institutionen wie den Landtag Baden-Württembergs, laden Politiker ein oder absolvieren team- und persönlichkeitsbildende Trainings etwa in der Kletterarena oder beim Pizzabacken.
Der 16-jährige Stefan Tandareanu, der von Anfang an beim Kinderbeirat mitgemacht hat, hält fest: „Ich engagiere mich gern politisch.“ Die Erfahrungen hätten ihm im Wirtschafts- und Politikunterricht wie auch beim Einstieg ins Praktikum geholfen. Besonders beeindruckend fand er den Besuch mit der Gruppe im Landtag. Er könne sich ein Leben als Parlamentarier vorstellen, sagt Stefan. In der näheren Zukunft ist auch die Bürgerstiftung für ihn eine Option. Jetzt bereits ist er ins Leitungsteam des Kinderbeirats eingetreten. In wenigen Jahren, meint er, könnte er aufseiten der Bürgerstiftung die Koordination für den Beirat übernehmen.
So kommt das Echo aus der Gesellschaft in die Bürgerstiftung zurück. Aber das ist eine andere Geschichte.
Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung der Titelstory des bürgerAktiv Magazins 2026/27 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.
Zum BÜRGERAKTIV MAGAZIN 2026/27
Zur Bürgerstiftung Hellweg-Region
Zur Bürgerstiftung Warstein
Zur Heilbronner Bürgerstiftung
Text: Gudrun Sonnenberg
Fotos: Timo Beylemans
Der Beitrag ist Teil des FOKUS 30 JAHRE BÜRGERSTIFTUNGEN der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte September 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.