„Unternehmen müssen für die Demokratie geradestehen“

Mehr Unternehmen sollten Verantwortung übernehmen und sich gesellschaftlich engagieren, fordert Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), im Interview mit bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte. Pflichten wie die nichtmonetäre Berichterstattung seien „gut und schön“, wichtiger aber sei, demokratische Werte zu leben, sagt er.

Herr Fratzscher, was bringt es, wenn sich Unternehmen in Anzeigenkampagnen für die Demokratie in Deutschland stark machen?

Es bringt eine Menge. Unternehmen haben eine positive Reputation. Kundinnen und Kunden kaufen gerne bei ihnen ein oder legen ihr Geld bei einer Bank an, der sie vertrauen. Es ist wichtig, dass Unternehmen dieses Vertrauen nutzen, um Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Denn wenn wir keine Demokratie mehr haben, wird es viele Unternehmen und Arbeitsplätze nicht mehr geben, wir verlieren Wohlstand, Grundrechte und Meinungsfreiheit. Es gehört zur Aufgabe von Unternehmen, sich für die Dinge einzusetzen, die das Unternehmertum und die Unternehmen erst möglich machen.

Beobachten Sie Veränderungen beim gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen?

Ich glaube nicht, dass die Unternehmen heute weniger aktiv sind als vor 20 oder 40 Jahren. Aber es gibt heute mehr denn je die Notwendigkeit für unternehmerisches Engagement. Die Demokratie ist gefährdet durch wachsenden Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, durch gesellschaftliche Konflikte, soziale Spaltung und die großen Herausforderungen unserer Zeit. Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Unternehmen hier einen Kurswechsel vornehmen, dass sie diese Verantwortung ernster nehmen und aktiver werden, als es bisher der Fall ist. Manche Unternehmen tun das, aber es sollten mehr sein.

Was für Aktivitäten stellen Sie sich vor?

Nehmen wir Fremdenfeindlichkeit und Rassismus: Ich hätte mir in den letzten ein bis zwei Jahren gewünscht, dass mehr Vorstände oder Vorstandsvorsitzende von Unternehmen an die Öffentlichkeit, aber auch auf ihre Beschäftigten zugehen und sagen: Wir müssen für bestimmte Werte in unserer Demokratie geradestehen. Respekt, Toleranz, Anerkennung, Schutz von Minderheiten sind nicht verhandelbar. Es geht dabei nicht um die AfD, sondern die Werte und Prinzipien, die für uns als Gesellschaft essenziell sind. Es gibt tolle Beispiele für Unternehmen, die dafür geradestehen und bei denen die Vorstandsvorsitzenden genau das tun. So eine Haltung und deutliche Kommunikation hätte ich mir aber von so ziemlich jedem Vorstand und jeder Unternehmensleitung gewünscht.

„Mit bürokratischen Hürden schaffen Sie keinen Mentalitätswandel“


Können die ESG-Kriterien – Umwelt, Soziales, Unternehmensführung – etwas in Ihrem Sinne bewirken?

Die meisten Unternehmen schimpfen über die ESG als Bürokratiemonster und über den Aufwand, das alles einzuführen. Mit bürokratischen Hürden und Papierkram schaffen Sie keinen Mentalitätswandel und kein Problembewusstsein bei Unternehmen und ihren Beschäftigten. Dazu braucht es mehr, als dass Unternehmen in ihrem tagtäglichen Verhalten sich gewisse Kriterien oder gewisse Grundlagen bewusst machen: Es braucht eine Kommunikation in die Gesellschaft wie auch in das eigene Unternehmen hinein. Das geht viel weiter als die ESG-Grundlinien. Es ist gut und schön, sich Regeln zu geben, aber wichtiger ist, Werte zu leben und für sie geradezustehen.

Wenn sich ein Unternehmen zum Beispiel dafür engagiert, dass Geflüchtete einen Ausbildungsplatz bekommen oder wenn es die Trikots für die Fußballmannschaft im Flüchtlingsheim spendet: Ist das sinnvoll oder eher albern?

Das würde ich für sinnvoll halten. Es steht in keiner ESG-Grundlinie, dass sie irgendwelche Trikots spenden müssen, sondern es sind eben diese Dinge, die ein Unternehmen macht, weil es davon überzeugt ist. Das meine ich damit, Werte zu leben. So etwas kann man nicht per Gesetz verordnen und auch nicht nur top-down verordnen. Es ist vielmehr die Aufgabe der Unternehmensführung, Dialoge anzustoßen und auch die eigenen Beschäftigten zu motivieren, aktiv zu werden, ihre Stimme zu erheben, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen.

Bewirkt die nichtmonetäre Berichterstattung über die Nachhaltigkeit denn aus Ihrer Sicht nur Bürokratie oder ist da auch was Sinnvolles dran?

Ich würde mir mehr Realitätsnähe wünschen und ein besseres Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen. Prinzipiell finde ich eine Pflicht, sich über zentrale gesellschaftliche Anliegen ein Bewusstsein zu verschaffen, sinnvoll. Die Frage ist: Schimpfen die Leute nur über die Bürokratie, die damit verbunden ist, oder bekommen sie auch Denkanstöße?

Und letzteres ist nicht der Fall?

Wir haben im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auch viele Berichtspflichten, auch wenn wir kein privates Unternehmen sind, sondern gemeinnützig. Natürlich fragen auch wir tagtäglich, ob das so sinnvoll ist. Andererseits ist das auch immer Benchmarking. Wir haben als DIW den Anspruch, führend zu sein, wollen progressiv sein und Dinge verbessern. So gesehen finde ich zwar manche Berichtspflichten ziemlich lästig und zu zeitintensiv. Aber andere sind gut, um zu sehen, wo wir stehen.

Interview: Gudrun Sonnenberg

Prof. Marcel Fratzscher, Ph. D., ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt Universität zu Berlin. Er ist unter anderem auch Mitglied des High-Level Advisory Board der Vereinten Nationen zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) und Mitglied des Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums. Foto: DIW Berlin/B. Dietl

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, Ausgabe 255 Mai 2024, Fokus