„Wie kann man alte Leute mit so einem Verfahren konfrontieren?“

Die Bürgerstiftung Wiesloch bietet Senioren Hilfe bei der Online-Registrierung für einen Corona-Impftermin an. bürgerAktiv hat mit der Projektkoordinatorin Anke Merk und mit Johann Gradl, dem Vorsitzenden der Bürgerstiftung, gesprochen. Für alte Menschen sei die Impfanmeldung schwierig, sagen sie.

Johann Gradl (oben links im Bild) und Anke Merk (oben Mitte) bei einer Videokonferenz mit ehrenamtlichen Helferinnen des Projektes

bürgerAktiv: Frau Merk, Herr Gradl, wie sind Sie auf die Idee für das Projekt gekommen?

Gradl: Das Thema kam über zwei Wege zu uns: Zum einen aus dem Vorstandskreis. Ein Vorstandskollege hat das Impfprozedere mit seiner Mutter durchgemacht und hat gesehen, wie groß der Unterstützungsbedarf da sein könnte. Und gleichzeitig kam eine Anfrage von der Stadtverwaltung, ob die Bürgerstiftung da nicht etwas machen könnte. Daraus hat sich eine Kooperation ergeben.

bürgerAktiv: Warum brauchen ältere Menschen bei dem Prozess Unterstützung?

Gradl: Zum einen muss man einen Termin bekommen. Das würde zwar theoretisch auch per Telefon gehen, da ist die Erfolgswahrscheinlichkeit bisher aber sehr gering, weil man sehr lange erfolglos in der Warteschleife hängt. Deshalb braucht man einen Internetzugang und eine gewisse Vertrautheit mit Online-Prozessen. Und man muss zum Impfzentrum hinkommen. Das nächste Impfzentrum ist in Heidelberg, also etwa 15 Kilometer von hier. Bei begründetem Bedarf begleiten wir die Person im Taxi oder fahren auch mal mit dem eigenen Auto zum Impfzentrum.

bürgerAktiv: Welche Schwierigkeiten gibt es konkret beim Anmeldeprozess?

Merk: Für die Online-Impfanmeldung braucht man zunächst einen funktionierenden Computer, was bei vielen Menschen über 80 nicht gegeben ist.

bürgerAktiv: Und bei dem Verfahren selbst?

Merk: Als ich das das erste Mal eine Anmeldung durchgeführt habe, habe ich mir gedacht: Wie kann man alte Leute mit so einem komplizierten Verfahren konfrontieren? Wenn man sich anmeldet, muss man zunächst eine E-Mail-Adresse und die Handynummer angeben, damit man einen Vermittlungscode bekommt. Dafür benötigen Sie eine PIN, diese wird Ihnen per SMS übermittelt. Wenn Sie den Vermittlungscode haben, haben Sie zehn Minuten Zeit, um sich eine Uhrzeit auszusuchen. Man erhält daraufhin immer Bestätigungs-E-Mails, auf die man reagieren muss, bis die endgültige druckreife Terminbestätigung kommt. Wenn man es ein paar Mal gemacht hat, dann läuft es, aber für alte Menschen ist das sehr schwierig und hektisch.

 bürgerAktiv: Also ist der Prozess von staatlicher Seite nicht gut durchdacht?

Merk: Doch schon, wenn man es einmal verstanden hat, ist das System nicht schlecht. Alle Unterlagen kann man zuhause herunterladen und ausdrucken. Mühevoll war zu Beginn, dass es zu wenig Impftermine gab und man den ganzen Tag dasitzen musste, um zu schauen, ob es neue Termine gibt.

bürgerAktiv: Warum das?

Merk: Wenn ein Termin online gestellt wurde, war er am Anfang fast sofort weg. Man musste also sehr viel Zeit vorm Computer verbringen, um einen Termin zu bekommen. Mittlerweile haben wir herausgefunden, dass es nachts um zwölf neue Termine gibt.

Gradl: Bei den Videokonferenzen haben die Ehrenamtlichen berichtet, dass sie entweder ohnehin bis Mitternacht wach sind oder dass sie sich den Wecker stellen, um dann um Mitternacht nochmal aufzustehen, um die Terminbuchung zu machen.
 
Merk: Ja, das stimmt. Inzwischen ist es etwas besser geworden und man bekommt auch tagsüber Termine.

bürgerAktiv: Wie nehmen die Senioren in Wiesloch das Angebot an?

Gradl: Wir haben bei unserer Planung überschlagen, wie groß der Bedarf sein könnte. Wir kamen für Wiesloch mit 25.000 Einwohnern auf 130 bis 150 Personen, die Unterstützung anfordern könnten. Glücklicherweise haben viele alte Menschen jüngere Angehörige, die das machen können.

Merk: Die Nachfrage ist nicht so hoch, wie wir erwartet haben. 25 Menschen haben bei uns den Bedarf innerhalb von vier Wochen angemeldet. Und es hat sich eine erfreulich hohe Zahl Freiwilliger gefunden: Es sind jetzt zwölf.

Gradl: Von den Personen, denen geholfen wird, kommt sehr viel Dankbarkeit zurück. Die Leute sind wirklich sehr froh, dass sie diese Unterstützung bekommen.

bürgerAktiv: Was haben Sie unternommen, um auf Ihr Angebot aufmerksam zu machen?

Merk: Eine Tageszeitung hat einen Artikel veröffentlicht. Und die Stadt hat die Sozialstation sowie die Ärzte der Stadt über das Angebot informiert, damit diese ihre Patienten darauf aufmerksam machen.

bürgerAktiv: Welche Rolle spielt die Stadt noch bei der Zusammenarbeit?

Merk: Das Generationenbüro der Stadt ist die erste Anlaufstelle. Eine Mitarbeiterin der Stadt hat uns gesagt, dass auf fünf Anrufe nur eine Person kommt, die wirklich Unterstützung für die Online-Buchung oder eine Begleitung zum Impfzentrum benötigt. Viele Menschen wollten nur eine Auskunft haben oder sich beschweren. Die Stadt hat also einiges zu tun, zu filtern, wer wirklich unsere Unterstützung benötigt und wer nicht.

Weitere Informationen finden Sie auf der Internetpräsenz der Bürgerstiftung Wiesloch. 

Die Vergabe von Impfterminen funktioniert von Land zu Land unterschiedlich. In Baden-Württemberg werden die Bürger – anders als in vielen andern Bundesländern – nicht persönlich angeschrieben und zur Impfung eingeladen. Die Terminvergabe ist telefonisch oder über die zentrale Impfplattform möglich. Das Interview wurde am 22. Februar 2021 geführt.

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