Zu den Organisationen, die nach dem Ausbruch des Kriegs 2022 die Ukraine unterstützten und den Menschen halfen, die in Deutschland Zuflucht suchten, gehörten von Anfang an auch die deutschen Bürgerstiftungen. Denn mit ihrem breiten Stiftungszweck können Bürgerstiftungen schnell auf Krisen reagieren. Nach vier Jahren hat sich ihre Unterstützung verändert. Welche Herausforderungen jetzt im Mittelpunkt stehen, zeigt sich in Stuttgart und Aachen.
Als unmittelbar nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine viele Menschen nach Deutschland flüchteten, stand auch bei den Bürgerstiftungen zunächst die Nothilfe im Vordergrund. Viele Menschen waren unterzubringen, mit Kleidung und Haushaltsinventar auszustatten und mussten die Sprache lernen. Mit der Zeit übernahmen die Behörden die Grundversorgung und zahlten Integrationskurse. Bei den Hilfsorganisationen und den Bürgerstiftungen liefen Projekte aus. Doch Unterstützung brauchen die Geflüchteten trotzdem noch. Es tauchen jetzt andere Probleme auf: Sorgen um Angehörige in der Heimat, zerbrechende Familien, traumatische Erlebnisse, die die Psyche belasten und verarbeitet werden wollen, und die Frage, wie es in der Ukraine nach dem Krieg weitergeht.
Bei der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen ist die psychosoziale Stabilisierung der geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer in den Mittelpunkt gerückt. Seit dem Frühjahr 2025 hat sie mit Partnern vier Workshops „Kraftquelle psychische Resilienz“ veranstaltet, um ukrainische Frauen im Umgang mit ihren psychischen Belastungen zu stärken. „Der Bedarf ist riesig, die Kurse waren schnell ausgebucht“, sagt die Geschäftsstellenleiterin der Bürgerstiftung, Joëlle Ramakers. 48 Frauen konnten an den Workshops teilnehmen. Die Bürgerstiftung hofft, 2026 weitere Kurse anbieten zu können, die dann auch anderen Nationalitäten offenstehen sollen. Bereits am Start ist das neue Projekt „Accept Art for Refugees“ mit kunsttherapeutischen Workshops.
Aus den Vorjahren läuft noch ein Sprachtreff weiter. Anfangs gab es mehrere Gruppen, inzwischen trifft sich noch eine Gruppe mit rund zehn Frauen. „Ab 2023/24 sank der Bedarf. Manche sind in zertifizierende Kurse gewechselt, viele Teilnehmende haben Jobs gefunden und Kinder lernten die Sprache inzwischen in der Schule“, erzählt Ramakers.
Andere Ukrainerinnen und Ukrainer haben sich in das Existenzgründungprojekt für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte eingefädelt, das es schon seit 2019 bei der Bürgerstiftung gibt. „In den Kursen sehen wir, dass die Leute etwas beitragen wollen“, sagt Ramakers. „Bei uns haben Völkerverständigung und Bildungsangebote für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund einen hohen Stellenwert. Das bleibt auch weiterhin so.“
Bei der Bürgerstiftung Stuttgart liegt seit 2024 der Fokus auf dem Projekt „Stärkung der ukrainischen Zivilgesellschaft“: Zivilgesellschaftliche Erfahrungen und Know-how aus Stuttgart sollen in die Ukraine transferiert werden. Im November 2025 kam eine 30-köpfige Delegation aus der ukrainischen Partnerstadt Chmelnyzkyj nach Stuttgart, um sich zu informieren, wie hierzulande die Zivilgesellschaft, Träger sozialer Hilfe und die Stadtverwaltung zusammenarbeiten.
Für die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer in Stuttgart läuft 2026 noch das Förderprogramm „Gemeinsam! Gute Orte stärken“, mit dem die Bürgerstiftung ehrenamtliches Engagement der Geflüchteten fördert. Zu den über hundert damit bislang unterstützten Projekten gehört auch der DIM Mental Health Club, in dem ehrenamtliche Psychologen, Therapeuten, Pädagogen und Coaches aus der Ukraine psychosoziale Gruppenaktivitäten anbieten. Sie wollen jenseits individueller Therapien die Menschen psychisch stärken und gegenseitige Unterstützung organisieren. „Das ist wirklich ein sehr großes Projekt“, sagt Afina Albrecht, die in der Bürgerstiftung die Ukraine-Aktivitäten koordiniert. Sie will das Projekt wissenschaftlich evaluieren lassen und im zweiten Halbjahr 2026 eine Konferenz dazu organisieren.
Bei der Unterstützung für die Geflüchteten in Deutschland stehen jetzt die Arbeitsintegration und die psychosoziale Stabilisierung im Mittelpunkt, sagt sie: „Ziel ist, dass die Leute sich selbst versorgen können.“
Das „Gute-Orte“-Programm läuft Ende des Jahres 2026 aus. Möglicherweise ist das ein gutes Zeichen für die Integration, meint Albrecht. Das Förderprogramm „Gute Orte“ habe maßgeblich dazu beigetragen, vielfältige Angebote für ukrainische Geflüchtete zu ermöglichen und insbesondere Initiativen von Neuankommenden zu unterstützen. „Dadurch wurde diese Gruppe gestärkt und ihre Integration durch eigenes Engagement gefördert“, sagt Albrecht. „Einige ‚Gute Orte‘ haben sich inzwischen als dauerhafte, eigenständige Projekte etabliert. Wünschenswert wäre, dass ihr Engagement auch nach Auslaufen des Programms an bestehende übergreifende Strukturen anknüpfen kann.“
Mehr zum Engagement der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen
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Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Bürgerstiftung Stuttgart/Jan Potente/Frederik Laux
Der Beitrag ist Teil des Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Februar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.