Seit 30 Jahren zeigen Bürgerstiftungen, wie Menschen vor Ort gemeinsam Verantwortung übernehmen. Für die Stiftung Aktive Bürgerschaft war von Anfang an klar: Diese Idee verdient Unterstützung – nicht kurzfristig, sondern dauerhaft.
Ein Leitartikel von Bernadette Hellmann und Stefan Nährlich.
Das Eigenkapital der Zivilgesellschaft
Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland wird häufig über öffentliche Fördermittel und befristete Projekte organisiert. Das ist wichtig, schafft aber Abhängigkeiten: von politischen Prioritäten, Förderlogiken und Laufzeiten.
Seit sie in den 1990er-Jahren an den Start gingen, setzen die Bürgerstiftungen einen anderen Akzent: Sie bauen eigenes Vermögen und eigene Netzwerke auf. Das macht sie schrittweise unabhängig und schafft etwas, das wir zivilgesellschaftliches Eigenkapital nennen: die Fähigkeit, mit eigenem Geld, eigenen Prioritäten und aus eigener Verantwortung zu handeln. Für Themen, die vor Ort wichtig sind. Für Engagement vor Ort. Mit Partnern, die zu ihnen passen.
Vertrauensbeweis: Wachstum
Die Aktive Bürgerschaft hat sich mit ihren Angeboten von Anfang an dafür eingesetzt, dass die Idee von der Eigenständigkeit zur heutigen Realität werden konnte. Wichtiger Faktor dabei: Wachstum. Nur ein kleiner Teil des heutigen Gesamtkapitals aller Bürgerstiftungen kam bereits bei deren Gründungen zusammen. Rund 90 Prozent des Vermögens wurden erst später zugestiftet. Dazu kamen Spenden und mehr. Nach 30 Jahren sind es mehr als 1 Milliarde Euro, die von den Bürgerstiftungen mobilisiert wurden.
Das macht die Bürgerstiftungen zu Mitmach-Stiftungen im besten Sinn des Wortes. Denn die Zustiftungen sind Vertrauensbeweise. Wer der Bürgerstiftung Vermögen überträgt, zeigt, dass er der Institution und den in ihr handelnden Menschen vertraut. Bei der Bürgerstiftung kommen diejenigen zusammen, die in die Region und ihre Zukunft investieren. Mehr als 400.000 Menschen haben sich bislang mit Zeit oder Geld bei Bürgerstiftungen engagiert. So gesellt sich zum finanziellen Kapital noch das soziale Kapital hinzu. Beides macht sowohl die Stiftung als auch die Region resilienter.
Krisenfest und gut vorbereitet
Mehrfach haben Bürgerstiftungen bewiesen, dass sie mit ihrem breiten Stiftungszweck flexibel auf gesellschaftliche Krisen und Herausforderungen reagieren können. Sie sind zur Stelle, wenn Menschen durch Hochwasser oder Flucht in Not geraten. Während der Corona-Pandemie blieben sie mit neuen Projekten und Spendenfonds aktiv. In der Finanzkrise fanden sie neue Formen der Vermögensanlage.
Zugleich wirken sie in langfristigen Programmen: Sie kümmern sich um die Integration gesellschaftlicher Randgruppen, bringen Kindern MINT-Fächer nahe und schulen sie im Umgang mit Medien. Sie setzen sich für Klimaschutz ein, organisieren Ausflüge für Senioren und kämpfen gegen Einsamkeit.
Bürgerstiftungen sind auf Dauer angelegt. Selbst die Finanzkrise, in der es praktisch keine Zinsen auf Vermögensanlagen gab, konnte ihr Wachstum nicht aufhalten. Wie war das möglich? Durch dauerhafte, aber flexible Strukturen, Kompetenzen und Partner, auf die man in Krisen bauen kann.
Gemeinsam mehr erreichen
Stiftungen gehören sich selbst, schreibt der Gesetzgeber. Für Bürgerstiftungen gilt das ganz besonders. Unabhängigkeit als Wesensmerkmal bedeutet hier, dass weder Stadt noch Großstifter oder Sponsoren bestimmen. Alle haben die eine gleiche Stimme. Ein Prinzip, das auch die Genossenschaftsbanken in Deutschland auszeichnet.
Die Volksbanken und Raiffeisenbanken sind von Anfang an wichtige Partner der Bürgerstiftungen und die größte Stiftergruppe dort. Beide Institutionen handeln selbstorganisiert, lokal verankert und langfristig. Bei so viel Gemeinsamkeiten ist es kein Wunder, dass bei fast 90 Prozent der Bürgerstiftungen die Genossenschaftsbank vor Ort Gründungsstifter oder Förderer ist und die Bankengruppe mit der Aktiven Bürgerschaft auch für die fachliche Unterstützung sorgt.
30 Jahre sind erst der Anfang
Wir gratulieren den Bürgerstiftungen in Deutschland zum 30-jährigen Jubiläum und blicken auf zahlreiche Begegnungen, Beratungen, Weiterbildungen, auf gemeinsame Projekte und Voneinanderlernen zurück.
Wer heute überlegt, sich in einer Bürgerstiftung zu engagieren oder ihre strategische Entwicklung zusammen mit der Stiftung Aktive Bürgerschaft zu stärken, sollte dies tun, wenn seine Antwort auf die folgende Frage „Ja“ ist:
Werden wir in 30 Jahren die Bürgerstiftungen noch mehr brauchen als heute?
Bernadette Hellmann ist stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Aktive Bürgerschaft.
Dr. Stefan Nährlich ist Geschäftsführer und Mitglied des Vorstands der Stiftung Aktive Bürgerschaft.
Foto: Ingo Wilhelm/Stiftung Aktive Bürgerschaft
Der Beitrag ist Teil des FOKUS 30 JAHRE BÜRGERSTIFTUNGEN der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte September 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.