Community Foundation Voznesensk

„Wir müssen die Menschen in dieser Region halten“

140 Kilometer nördlich der Front im Süden der Ukraine kämpft die kleine Stadt Voznesensk um ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Überleben im Krieg. Viele Menschen flohen, viele andere kamen aus den besetzten Gebieten. Es fehlen Arbeitskräfte und Wohnraum. Victoria Baltser, ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Voznesensk, beschreibt die Lage und die Projekte, mit denen die Bürgerstiftung Bevölkerung, Unternehmen und die Stadtverwaltung zusammenbringt.

Die Bürgerstiftung ist eine von vielen, die aus dem Ednannia-Hilfsfonds unterstützt werden, mit dem die Stiftung Aktive Bürgerschaft in Deutschland Spenden für die ukrainischen Bürgerstiftungen sammelt.

bürgerAktiv Wie ist die aktuelle Lage in Voznesensk jetzt im Februar 2026?

Victoria Baltser Die Situation in Voznesensk ist im Grunde wie in der Ukraine allgemein: Wir haben nicht genug Strom. Es gibt weiterhin Probleme durch verschiedene Arten von Raketen- und Drohnenangriffen auf unser Gebiet.

Außerdem sind viele Männer in der Armee. Wir haben nicht genug Arbeitskräfte. Die Wirtschaft ist deshalb gerade in keiner guten Lage – vor allem wegen der Stromprobleme und der Raketenangriffe. Das wirkt sich negativ aus, aber unsere Gemeinde versucht trotzdem, stabil zu bleiben.

„Die dunkelste Zeit“

bürgerAktiv Wie hat sich der Krieg auf die Stadt ausgewirkt?

Victoria Baltser Im Jahr 2022 haben wir mehr als die Hälfte der Bevölkerung verloren. Damals lebten in Voznesensk etwa 34.000 Menschen; mehr als 15.000 sind weggegangen. Das war eine dunkle Zeit: Wenn man durch die Stadt ging, war es leer und man sah leere Geschäfte – wie in einer Geisterstadt. Im März 2022 waren russische Truppen in der Stadt; sie haben Infrastruktur zerstört, unter anderem Brücken. Auch soziale Einrichtungen, Schulen und das Krankenhaus wurden beschädigt oder zerstört.

Für uns war das die dunkelste Zeit, weil wir nicht wussten, was im Laufe dieses Jahres passieren würde.

bürgerAktiv Wer lebt jetzt in Voznesensk?

Victoria Baltser Während des Kriegs ist die Bevölkerung wieder gewachsen. Zunächst kamen viele Menschen aus den Regionen Mykolajiw und Cherson, die dort ihre Häuser verloren hatten, nach Voznesensk. Und jetzt, zu Beginn dieses Jahres, sind auch viele junge Menschen nach Voznesensk zu ihren Verwandten zurückgekehrt – zum Beispiel, weil sie in Kyjiw gelebt haben, dort aber die Versorgungslage sehr schwierig ist.

Zurzeit beherbergen wir mehr als 4000 Binnenvertriebene und mehr als 1000 Veteranen in Voznesensk. Etwa 5000 Männer sind derzeit in der Armee. Wir erwarten, dass nach dem Krieg mehr als 30 Prozent unserer Bevölkerung Kriegsveteranen sein werden.

„Den Kriegsveteranen zu helfen, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben“

bürgerAktiv Das ist sehr viel.

Victoria Baltser Ja, das ist viel. Den Veteranen zu helfen, wieder aktiv zu werden und ins zivile Leben zurückzufinden – im Sport, im Beruf und im sozialen Leben – ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wir unterstützen sie psychologisch, bei der Rehabilitation und fördern Aktivitäten mit anderen Veteranen, zum Beispiel im Sport. Aktuell möchten wir einen Schwimmwettbewerb im städtischen Schwimmbad organisieren.

Wir begleiten sie über einen längeren Zeitraum. Oft starten wir bewusst mit etwas, das nicht so stark spezialisiert ist, sondern der sozialen Integration dient: Die Veteranen kommen an einen sicheren Ort und sprechen über etwas anderes als den Krieg und ihre Erfahrungen. Für viele ist das eine Art soziale Therapie.

Danach bieten wir spezifischere Kurse oder auch Hilfe zur Existenzgründung an. Wir haben bereits einige Erfolgsgeschichten: Veteranen haben ein eigenes Unternehmen gestartet und nicht nur für sich selbst gearbeitet, sondern auch andere Veteranen eingestellt. Für uns ist es besonders wichtig, Beschäftigungsmöglichkeiten für weitere Veteranen in Voznesensk zu schaffen.

bürgerAktiv Wie ist die Wohnsituation in Voznesensk, ist es ein Problem, Menschen unterzubringen?

Victoria Baltser Ja. Viele Binnenvertriebene sind bei Verwandten untergekommen. Das ist erst einmal okay, aber sie möchten eigene Wohnungen. Doch nur ein kleiner Teil der Stadt hat mehrgeschossige Gebäude mit Wohnungen. Wenn man etwas mieten möchte, ist es ziemlich teuer.

Voznesensk hat viele Einfamilienhäuser. Leere Häuser sind zwar oft günstig, aber in schlechtem Zustand. Man kann zum Beispiel ein Haus für 1000 US-Dollar kaufen, muss dann aber mehr als 10.000 US-Dollar investieren, um es bewohnbar zu machen. Was in einem guten Zustand ist, kostet entsprechend viel.

„Nothilfe bleibt wichtig“

bürgerAktiv Welche Rolle spielt die Notfallhilfe im Engagement der Bürgerstiftung?

Victoria Baltser Sie bleibt wichtig. Wir unterstützen Menschen, wenn Raketen- und Drohnenangriffe Gebäude zerstören und sie ihr Zuhause verlieren. Wir helfen zum Beispiel beim Beschaffen von Dokumenten und beim Ausfüllen von Anträgen.

Teil unserer Notfallförderung ist außerdem, wichtige leistungsstarke Geräte und Maschinen, die gebraucht werden, auch dann nutzbar zu machen, wenn der Strom ausfällt: Wir kaufen Solaranlagen, installieren sie auf dem Dach und helfen so, mit der Solarenergie unabhängiger vom allgemeinen Stromnetz zu werden.

bürgerAktiv  Gute Idee.

Victoria Baltser Das gehört zu unserer neuen Strategie. Vor dem Krieg haben wir als Bürgerstiftung vor allem lokale Philanthropie aufgebaut. Wir haben Unternehmen und Privatpersonen geholfen, für wichtige Themen in der Gemeinde zu spenden, und haben dann Fördermittel an andere Nichtregierungsorganisationen und private Initiativen vergeben – auch für Jugendinitiativen.

Mit dem Krieg hat sich unsere Situation verändert und damit auch unsere Arbeit. Alle drei bis sechs Monate machen wir Umfragen und Bedarfsanalysen, fragen verschiedene Gruppen, welche Bedürfnisse sie haben, und überlegen dann mit unserem Team und unseren Partnern, wie wir am besten und effektivsten helfen können.

„Wir konzentrieren uns jetzt auf die Wirtschaft“

bürgerAktiv Wie sieht Ihre Strategie jetzt aus?

Victoria Baltser Wir konzentrieren uns jetzt auf die Wirtschaft. Wenn wir die lokale Wirtschaft nicht stabilisieren, werden wir schwächer und verlieren in den nächsten Jahren noch mehr Menschen.

Von der Frontlinie bis Voznesensk sind es etwa 140 Kilometer; das ist nah. Wir müssen die Menschen in dieser Region halten. Wir wollen nicht, dass sie ins Ausland oder in andere Gemeinden in der Ukraine gehen. Viele möchten wirklich hierbleiben – ein Geschäft aufbauen, einen neuen Job finden oder sich anderweitig in unserer Gemeinde einbringen.

bürgerAktiv Was tun Sie, um die Wirtschaftskraft zu stärken?

Victoria Baltser Es sind ja viele Binnenvertriebene zu uns gekommen. Der Arbeitsmarkt bietet viele Stellen, zu denen aber ihre Ausbildung oft nicht passt. Zum Beispiel: Jemand ist Lehrerin, aber gesucht wird eine Barista – und dafür fehlen Wissen und Fähigkeiten.

Deshalb haben wir ein Erwachsenenbildungszentrum aufgebaut, in dem wir kleine Trainings und Kurse im Umfang von 24 bis 50 Stunden anbieten. Wir befragen dafür die lokalen Unternehmen: Welche Mitarbeitenden brauchen sie, welche offenen Stellen gibt es? Danach organisieren wir diese Kurse. Wir haben auch Kurse zur Unternehmensgründung. Die nationale Regierung und verschiedene Geber bieten inzwischen Gründungszuschüsse für unterschiedliche Zielgruppen an.

Im vergangenen Jahr haben über 400 Menschen unsere Kurse besucht. 30 Prozent von ihnen haben neue Jobs in Voznesensk gefunden; andere haben eigene Unternehmen gegründet. Im vergangenen Jahr hat übrigens der Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft einen kreativen Makerspace in diesem Zentrum ermöglicht.

bürgerAktiv Sie stellen viel auf die Beine!

Victoria Baltser Ja, man kann sagen, dass die Bürgerstiftung der wichtigste Partner der lokalen Verwaltung und der Wirtschaft ist, wenn wir Projekte umsetzen.

bürgerAktiv Wie viele Menschen arbeiten in der Bürgerstiftung?

Victoria Baltser Hauptamtlich haben wir elf Beschäftigte. Das ist die größte Zahl an Beschäftigten seit unserer Gründung 2004. Allerdings sind mehr als 90 Prozent unserer Mitarbeitenden während des Krieges neu dazugekommen, weil wir 2022 einige Kolleginnen und Kollegen verloren haben.

Unsere fünf Vorstandsmitglieder arbeiten ehrenamtlich. Außerdem engagieren sich elf junge Menschen freiwillig über unsere Community Youth Bank, ein Jugendprogramm. Wenn wir Notfallhilfe organisieren und zum Beispiel Spenden an Bürgerinnen und Bürger verteilen müssen, binden wir je nach Umfang der Aktion fünf bis zehn zusätzliche Freiwillige ein.

bürgerAktiv  Wie finanziert die Bürgerstiftung ihre Arbeit?

Victoria Baltser Im vergangenen Jahr haben uns mehr als elf Geldgeber unterstützt, darunter das Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen, Isar Ednannia und die Stiftung „Together for Ukraine“ – eine amerikanische gemeinnützige Organisation, die während des Krieges die ukrainische Zivilgesellschaft unterstützt. Außerdem haben wir angefangen, uns auf EU-Programme wie „Internet Europe“ zu bewerben, weil viele europäische Programme inzwischen für die Ukraine geöffnet wurden. Für uns ist das neu und wir haben damit nicht viel Erfahrung, aber wir sind Co-Partner in einigen EU-Projekten, und dieses Jahr setzen wir diese Arbeit fort.

Wir betreiben also sehr aktiv Fundraising. Wir arbeiten auch mit der lokalen Verwaltung zusammen und bekommen für einige Projekte Mittel aus dem kommunalen Budget.

„Für uns ist es wichtig, ein guter Partner zu sein“

bürgerAktiv Was planen Sie für 2026?

Victoria Baltser Wir setzen all unsere Projekte fort. Zudem wollen wir uns stärker auf internationale Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen wie der Stiftung Aktive Bürgerschaft konzentrieren. Und wir wollen Partner im Ausland finden, um gemeinsam Projekte zu entwickeln – insbesondere für EU-Ausschreibungen. Wir sind in verschiedenen Netzwerken aktiv: im Netzwerk der Community Foundations in der Ukraine und seit letztem Jahr auch im Netzwerk der Veteranenzentren in der Ukraine. Wir möchten Teil größerer Organisationen/Netzwerke sein, damit wir neue Kenntnisse und Möglichkeiten bekommen.

Für uns ist es dabei sehr wichtig, vor Ort ein guter Partner für die verschiedenen Akteure zu sein: für die Kommunalverwaltung, für Förderer und für lokale Unternehmen – damit sie ihr Wissen und ihre Mittel zusammenbringen können und wir gemeinsam unsere Projekte in der Gemeinde umsetzen.

bürgerAktiv Vielen Dank für das Gespräch!

Die Bürgerstiftung Voznesensk wurde 2004 gegründet. Seit Beginn des russischen Kriegs unterstützt sie die Zivilgesellschaft mit Nothilfe, Qualifizierungsangeboten und Wirtschaftsförderung. Im Projekt „Greenhouse“ bildet sie mit Unterstützung des Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft zudem einheimische und geflüchtete Menschen darin aus, Obst und Gemüse anzubauen. Film über das Projekt „Greenhouse“.

Mehr zum Ednannia-Hilfsfonds und den geförderten Projekten

Interview: Gudrun Sonnenberg
Fotos: Bürgerstiftung Voznesensk

Der Beitrag ist Teil des Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Februar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

 

, Ausgabe 274 Februar 2026, Fokus