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Gudrun Sonnenberg

Fokus Februar 2026: „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine

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Am 24. Februar 2026 jährt sich zum vierten Mal der Beginn des Angriffskriegs Russlands in der Ukraine. Den Krieg mit Leid, Vertreibung und Zerstörung durchzuhalten, erfordert eine starke, resiliente Zivilgesellschaft.

So floh 2022 aus der kleinen Stadt Voznesensk im Süden der Ukraine fast die Hälfte der 34.000 Einwohner, als zu Beginn des Krieges die russische Armee einrückte. Jetzt fehlen Arbeitskräfte, andererseits brauchen tausende Geflüchtete aus russisch besetzten Gebieten und Kriegsveteranen in der Stadt Unterstützung. „Wir müssen die Leute in der Region halten“, sagt Victoria Baltser von der Bürgerstiftung Voznesensk im Interview mit bürgerAktiv.

Unterstützung kommt unter anderem aus Deutschland. Die Aktive Bürgerschaft sammelt mit dem Ednannia-Hilfsfonds Spenden speziell für die ukrainischen Bürgerstiftungen, die das Geld bedarfsgerecht vor Ort verteilen können. Und deutsche Bürgerstiftungen engagieren sich von Kriegsbeginn an für die Ukraine und die Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind.

Lesen Sie im Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine“ folgende Beiträge:

„Wir müssen die Menschen in dieser Region halten“

140 Kilometer nördlich der Front im Süden der Ukraine kämpft die kleine Stadt Voznesensk um ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Überleben im Krieg. Viele Menschen flohen, viele andere kamen – aus den besetzten Gebieten und als Kriegsveteranen. Es fehlen Arbeitskräfte und Wohnraum. Victoria Baltser, Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Voznesensk, berichtet, wie die Bürgerstiftung mit Qualifizierungsangeboten, Rehabilitation und technischer Hilfe den Menschen den Rücken stärkt.
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Von der Nothilfe zu Resilienz und Integration

Zu den Organisationen, die nach dem Ausbruch des Kriegs 2022 die Ukraine unterstützten und den Menschen halfen, die in Deutschland Zuflucht suchten, gehörten von Anfang an auch die deutschen Bürgerstiftungen. Nach vier Jahren hat sich ihre Unterstützung verändert. Welche Herausforderungen jetzt im Mittelpunkt stehen, zeigt sich in Stuttgart und Aachen.
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Hilfe für die ukrainische Zivilgesellschaft: Der Ednannia-Hilfsfonds der Aktiven Bürgerschaft

Mut machen, Strukturen erhalten, Wiederaufbau ermöglichen: Die 30 Bürgerstiftungen in der Ukraine sind wichtige Drehscheiben, denn sie kennen sich vor Ort aus und wissen, was wo gebraucht wird. Deshalb unterstützen Spenderinnen und Spender aus Deutschland sie mit dem Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Bis Ende 2025 gingen rund 328.500 Euro ein. Der Hilfsfonds sammelt weiter Spenden.
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Mehr zum Thema

„Ednannia-Hilfsfonds – ‚Wir wollen ein Leben in Würde leben!’“ von Bernadette Hellmann und Gudrun Sonnenberg in Stiftung & Sponsoring 01/2024 hier herunterladen

„Wir versuchen standzuhalten“ Olga Nikolska von Ednannia auf der Geberkonferenz 2022 für den Ednannia-Hilfsfonds HIER NACHLESEN

„Standhalten, Kraft geben“ bürgerAktiv Magazin, Seite 42-43 hier herunterladen

Foto: Bürgerstiftung Voznesensk

 

Community Foundation Voznesensk

„Wir müssen die Menschen in dieser Region halten“

1024 558 Stiftung Aktive Bürgerschaft

140 Kilometer nördlich der Front im Süden der Ukraine kämpft die kleine Stadt Voznesensk um ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Überleben im Krieg. Viele Menschen flohen, viele andere kamen aus den besetzten Gebieten. Es fehlen Arbeitskräfte und Wohnraum. Victoria Baltser, ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Voznesensk, beschreibt die Lage und die Projekte, mit denen die Bürgerstiftung Bevölkerung, Unternehmen und die Stadtverwaltung zusammenbringt.

Die Bürgerstiftung ist eine von vielen, die aus dem Ednannia-Hilfsfonds unterstützt werden, mit dem die Stiftung Aktive Bürgerschaft in Deutschland Spenden für die ukrainischen Bürgerstiftungen sammelt.

bürgerAktiv Wie ist die aktuelle Lage in Voznesensk jetzt im Februar 2026?

Victoria Baltser Die Situation in Voznesensk ist im Grunde wie in der Ukraine allgemein: Wir haben nicht genug Strom. Es gibt weiterhin Probleme durch verschiedene Arten von Raketen- und Drohnenangriffen auf unser Gebiet.

Außerdem sind viele Männer in der Armee. Wir haben nicht genug Arbeitskräfte. Die Wirtschaft ist deshalb gerade in keiner guten Lage – vor allem wegen der Stromprobleme und der Raketenangriffe. Das wirkt sich negativ aus, aber unsere Gemeinde versucht trotzdem, stabil zu bleiben.

„Die dunkelste Zeit“

bürgerAktiv Wie hat sich der Krieg auf die Stadt ausgewirkt?

Victoria Baltser Im Jahr 2022 haben wir mehr als die Hälfte der Bevölkerung verloren. Damals lebten in Voznesensk etwa 34.000 Menschen; mehr als 15.000 sind weggegangen. Das war eine dunkle Zeit: Wenn man durch die Stadt ging, war es leer und man sah leere Geschäfte – wie in einer Geisterstadt. Im März 2022 waren russische Truppen in der Stadt; sie haben Infrastruktur zerstört, unter anderem Brücken. Auch soziale Einrichtungen, Schulen und das Krankenhaus wurden beschädigt oder zerstört.

Für uns war das die dunkelste Zeit, weil wir nicht wussten, was im Laufe dieses Jahres passieren würde.

bürgerAktiv Wer lebt jetzt in Voznesensk?

Victoria Baltser Während des Kriegs ist die Bevölkerung wieder gewachsen. Zunächst kamen viele Menschen aus den Regionen Mykolajiw und Cherson, die dort ihre Häuser verloren hatten, nach Voznesensk. Und jetzt, zu Beginn dieses Jahres, sind auch viele junge Menschen nach Voznesensk zu ihren Verwandten zurückgekehrt – zum Beispiel, weil sie in Kyjiw gelebt haben, dort aber die Versorgungslage sehr schwierig ist.

Zurzeit beherbergen wir mehr als 4000 Binnenvertriebene und mehr als 1000 Veteranen in Voznesensk. Etwa 5000 Männer sind derzeit in der Armee. Wir erwarten, dass nach dem Krieg mehr als 30 Prozent unserer Bevölkerung Kriegsveteranen sein werden.

„Den Kriegsveteranen zu helfen, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben“

bürgerAktiv Das ist sehr viel.

Victoria Baltser Ja, das ist viel. Den Veteranen zu helfen, wieder aktiv zu werden und ins zivile Leben zurückzufinden – im Sport, im Beruf und im sozialen Leben – ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wir unterstützen sie psychologisch, bei der Rehabilitation und fördern Aktivitäten mit anderen Veteranen, zum Beispiel im Sport. Aktuell möchten wir einen Schwimmwettbewerb im städtischen Schwimmbad organisieren.

Wir begleiten sie über einen längeren Zeitraum. Oft starten wir bewusst mit etwas, das nicht so stark spezialisiert ist, sondern der sozialen Integration dient: Die Veteranen kommen an einen sicheren Ort und sprechen über etwas anderes als den Krieg und ihre Erfahrungen. Für viele ist das eine Art soziale Therapie.

Danach bieten wir spezifischere Kurse oder auch Hilfe zur Existenzgründung an. Wir haben bereits einige Erfolgsgeschichten: Veteranen haben ein eigenes Unternehmen gestartet und nicht nur für sich selbst gearbeitet, sondern auch andere Veteranen eingestellt. Für uns ist es besonders wichtig, Beschäftigungsmöglichkeiten für weitere Veteranen in Voznesensk zu schaffen.

bürgerAktiv Wie ist die Wohnsituation in Voznesensk, ist es ein Problem, Menschen unterzubringen?

Victoria Baltser Ja. Viele Binnenvertriebene sind bei Verwandten untergekommen. Das ist erst einmal okay, aber sie möchten eigene Wohnungen. Doch nur ein kleiner Teil der Stadt hat mehrgeschossige Gebäude mit Wohnungen. Wenn man etwas mieten möchte, ist es ziemlich teuer.

Voznesensk hat viele Einfamilienhäuser. Leere Häuser sind zwar oft günstig, aber in schlechtem Zustand. Man kann zum Beispiel ein Haus für 1000 US-Dollar kaufen, muss dann aber mehr als 10.000 US-Dollar investieren, um es bewohnbar zu machen. Was in einem guten Zustand ist, kostet entsprechend viel.

„Nothilfe bleibt wichtig“

bürgerAktiv Welche Rolle spielt die Notfallhilfe im Engagement der Bürgerstiftung?

Victoria Baltser Sie bleibt wichtig. Wir unterstützen Menschen, wenn Raketen- und Drohnenangriffe Gebäude zerstören und sie ihr Zuhause verlieren. Wir helfen zum Beispiel beim Beschaffen von Dokumenten und beim Ausfüllen von Anträgen.

Teil unserer Notfallförderung ist außerdem, wichtige leistungsstarke Geräte und Maschinen, die gebraucht werden, auch dann nutzbar zu machen, wenn der Strom ausfällt: Wir kaufen Solaranlagen, installieren sie auf dem Dach und helfen so, mit der Solarenergie unabhängiger vom allgemeinen Stromnetz zu werden.

bürgerAktiv  Gute Idee.

Victoria Baltser Das gehört zu unserer neuen Strategie. Vor dem Krieg haben wir als Bürgerstiftung vor allem lokale Philanthropie aufgebaut. Wir haben Unternehmen und Privatpersonen geholfen, für wichtige Themen in der Gemeinde zu spenden, und haben dann Fördermittel an andere Nichtregierungsorganisationen und private Initiativen vergeben – auch für Jugendinitiativen.

Mit dem Krieg hat sich unsere Situation verändert und damit auch unsere Arbeit. Alle drei bis sechs Monate machen wir Umfragen und Bedarfsanalysen, fragen verschiedene Gruppen, welche Bedürfnisse sie haben, und überlegen dann mit unserem Team und unseren Partnern, wie wir am besten und effektivsten helfen können.

„Wir konzentrieren uns jetzt auf die Wirtschaft“

bürgerAktiv Wie sieht Ihre Strategie jetzt aus?

Victoria Baltser Wir konzentrieren uns jetzt auf die Wirtschaft. Wenn wir die lokale Wirtschaft nicht stabilisieren, werden wir schwächer und verlieren in den nächsten Jahren noch mehr Menschen.

Von der Frontlinie bis Voznesensk sind es etwa 140 Kilometer; das ist nah. Wir müssen die Menschen in dieser Region halten. Wir wollen nicht, dass sie ins Ausland oder in andere Gemeinden in der Ukraine gehen. Viele möchten wirklich hierbleiben – ein Geschäft aufbauen, einen neuen Job finden oder sich anderweitig in unserer Gemeinde einbringen.

bürgerAktiv Was tun Sie, um die Wirtschaftskraft zu stärken?

Victoria Baltser Es sind ja viele Binnenvertriebene zu uns gekommen. Der Arbeitsmarkt bietet viele Stellen, zu denen aber ihre Ausbildung oft nicht passt. Zum Beispiel: Jemand ist Lehrerin, aber gesucht wird eine Barista – und dafür fehlen Wissen und Fähigkeiten.

Deshalb haben wir ein Erwachsenenbildungszentrum aufgebaut, in dem wir kleine Trainings und Kurse im Umfang von 24 bis 50 Stunden anbieten. Wir befragen dafür die lokalen Unternehmen: Welche Mitarbeitenden brauchen sie, welche offenen Stellen gibt es? Danach organisieren wir diese Kurse. Wir haben auch Kurse zur Unternehmensgründung. Die nationale Regierung und verschiedene Geber bieten inzwischen Gründungszuschüsse für unterschiedliche Zielgruppen an.

Im vergangenen Jahr haben über 400 Menschen unsere Kurse besucht. 30 Prozent von ihnen haben neue Jobs in Voznesensk gefunden; andere haben eigene Unternehmen gegründet. Im vergangenen Jahr hat übrigens der Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft einen kreativen Makerspace in diesem Zentrum ermöglicht.

bürgerAktiv Sie stellen viel auf die Beine!

Victoria Baltser Ja, man kann sagen, dass die Bürgerstiftung der wichtigste Partner der lokalen Verwaltung und der Wirtschaft ist, wenn wir Projekte umsetzen.

bürgerAktiv Wie viele Menschen arbeiten in der Bürgerstiftung?

Victoria Baltser Hauptamtlich haben wir elf Beschäftigte. Das ist die größte Zahl an Beschäftigten seit unserer Gründung 2004. Allerdings sind mehr als 90 Prozent unserer Mitarbeitenden während des Krieges neu dazugekommen, weil wir 2022 einige Kolleginnen und Kollegen verloren haben.

Unsere fünf Vorstandsmitglieder arbeiten ehrenamtlich. Außerdem engagieren sich elf junge Menschen freiwillig über unsere Community Youth Bank, ein Jugendprogramm. Wenn wir Notfallhilfe organisieren und zum Beispiel Spenden an Bürgerinnen und Bürger verteilen müssen, binden wir je nach Umfang der Aktion fünf bis zehn zusätzliche Freiwillige ein.

bürgerAktiv  Wie finanziert die Bürgerstiftung ihre Arbeit?

Victoria Baltser Im vergangenen Jahr haben uns mehr als elf Geldgeber unterstützt, darunter das Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen, Isar Ednannia und die Stiftung „Together for Ukraine“ – eine amerikanische gemeinnützige Organisation, die während des Krieges die ukrainische Zivilgesellschaft unterstützt. Außerdem haben wir angefangen, uns auf EU-Programme wie „Internet Europe“ zu bewerben, weil viele europäische Programme inzwischen für die Ukraine geöffnet wurden. Für uns ist das neu und wir haben damit nicht viel Erfahrung, aber wir sind Co-Partner in einigen EU-Projekten, und dieses Jahr setzen wir diese Arbeit fort.

Wir betreiben also sehr aktiv Fundraising. Wir arbeiten auch mit der lokalen Verwaltung zusammen und bekommen für einige Projekte Mittel aus dem kommunalen Budget.

„Für uns ist es wichtig, ein guter Partner zu sein“

bürgerAktiv Was planen Sie für 2026?

Victoria Baltser Wir setzen all unsere Projekte fort. Zudem wollen wir uns stärker auf internationale Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen wie der Stiftung Aktive Bürgerschaft konzentrieren. Und wir wollen Partner im Ausland finden, um gemeinsam Projekte zu entwickeln – insbesondere für EU-Ausschreibungen. Wir sind in verschiedenen Netzwerken aktiv: im Netzwerk der Community Foundations in der Ukraine und seit letztem Jahr auch im Netzwerk der Veteranenzentren in der Ukraine. Wir möchten Teil größerer Organisationen/Netzwerke sein, damit wir neue Kenntnisse und Möglichkeiten bekommen.

Für uns ist es dabei sehr wichtig, vor Ort ein guter Partner für die verschiedenen Akteure zu sein: für die Kommunalverwaltung, für Förderer und für lokale Unternehmen – damit sie ihr Wissen und ihre Mittel zusammenbringen können und wir gemeinsam unsere Projekte in der Gemeinde umsetzen.

bürgerAktiv Vielen Dank für das Gespräch!

Die Bürgerstiftung Voznesensk wurde 2004 gegründet. Seit Beginn des russischen Kriegs unterstützt sie die Zivilgesellschaft mit Nothilfe, Qualifizierungsangeboten und Wirtschaftsförderung. Im Projekt „Greenhouse“ bildet sie mit Unterstützung des Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft zudem einheimische und geflüchtete Menschen darin aus, Obst und Gemüse anzubauen. Film über das Projekt „Greenhouse“.

Mehr zum Ednannia-Hilfsfonds und den geförderten Projekten

Interview: Gudrun Sonnenberg
Fotos: Bürgerstiftung Voznesensk

Der Beitrag ist Teil des Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Februar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

 

Von der Nothilfe zur Resilienz und Integration

1000 667 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Zu den Organisationen, die nach dem Ausbruch des Kriegs 2022 die Ukraine unterstützten und den Menschen halfen, die in Deutschland Zuflucht suchten, gehörten von Anfang an auch die deutschen Bürgerstiftungen. Denn mit ihrem breiten Stiftungszweck können Bürgerstiftungen schnell auf Krisen reagieren. Nach vier Jahren hat sich ihre Unterstützung verändert. Welche Herausforderungen jetzt im Mittelpunkt stehen, zeigt sich in Stuttgart und Aachen.

Als unmittelbar nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine viele Menschen nach Deutschland flüchteten, stand auch bei den Bürgerstiftungen zunächst die Nothilfe im Vordergrund. Viele Menschen waren unterzubringen, mit Kleidung und Haushaltsinventar auszustatten und mussten die Sprache lernen. Mit der Zeit übernahmen die Behörden die Grundversorgung und zahlten Integrationskurse. Bei den Hilfsorganisationen und den Bürgerstiftungen liefen Projekte aus. Doch Unterstützung brauchen die Geflüchteten trotzdem noch. Es tauchen jetzt andere Probleme auf: Sorgen um Angehörige in der Heimat, zerbrechende Familien, traumatische Erlebnisse, die die Psyche belasten und verarbeitet werden wollen, und die Frage, wie es in der Ukraine nach dem Krieg weitergeht.

Bei der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen ist die psychosoziale Stabilisierung der geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer in den Mittelpunkt gerückt. Seit dem Frühjahr 2025 hat sie mit Partnern vier Workshops „Kraftquelle psychische Resilienz“ veranstaltet, um ukrainische Frauen im Umgang mit ihren psychischen Belastungen zu stärken. „Der Bedarf ist riesig, die Kurse waren schnell ausgebucht“, sagt die Geschäftsstellenleiterin der Bürgerstiftung, Joëlle Ramakers. 48 Frauen konnten an den Workshops teilnehmen. Die Bürgerstiftung hofft, 2026 weitere Kurse anbieten zu können, die dann auch anderen Nationalitäten offenstehen sollen. Bereits am Start ist das neue Projekt „Accept Art for Refugees“ mit kunsttherapeutischen Workshops.

Aus den Vorjahren läuft noch ein Sprachtreff weiter. Anfangs gab es mehrere Gruppen, inzwischen trifft sich noch eine Gruppe mit rund zehn Frauen. „Ab 2023/24 sank der Bedarf. Manche sind in zertifizierende Kurse gewechselt, viele Teilnehmende haben Jobs gefunden und Kinder lernten die Sprache inzwischen in der Schule“, erzählt Ramakers.

Andere Ukrainerinnen und Ukrainer haben sich in das Existenzgründungprojekt für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte eingefädelt, das es schon seit 2019 bei der Bürgerstiftung gibt. „In den Kursen sehen wir, dass die Leute etwas beitragen wollen“, sagt Ramakers. „Bei uns haben Völkerverständigung und Bildungsangebote für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund einen hohen Stellenwert. Das bleibt auch weiterhin so.“

Bei der Bürgerstiftung Stuttgart liegt seit 2024 der Fokus auf dem Projekt „Stärkung der ukrainischen Zivilgesellschaft“: Zivilgesellschaftliche Erfahrungen und Know-how aus Stuttgart sollen in die Ukraine transferiert werden. Im November 2025 kam eine 30-köpfige Delegation aus der ukrainischen Partnerstadt Chmelnyzkyj nach Stuttgart, um sich zu informieren, wie hierzulande die Zivilgesellschaft, Träger sozialer Hilfe und die Stadtverwaltung zusammenarbeiten.

Für die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer in Stuttgart läuft 2026 noch das Förderprogramm „Gemeinsam! Gute Orte stärken“, mit dem die Bürgerstiftung ehrenamtliches Engagement der Geflüchteten fördert. Zu den über hundert damit bislang unterstützten Projekten gehört auch der DIM Mental Health Club, in dem ehrenamtliche Psychologen, Therapeuten, Pädagogen und Coaches aus der Ukraine psychosoziale Gruppenaktivitäten anbieten. Sie wollen jenseits individueller Therapien die Menschen psychisch stärken und gegenseitige Unterstützung organisieren. „Das ist wirklich ein sehr großes Projekt“, sagt Afina Albrecht, die in der Bürgerstiftung die Ukraine-Aktivitäten koordiniert. Sie will das Projekt wissenschaftlich evaluieren lassen und im zweiten Halbjahr 2026 eine Konferenz dazu organisieren.

Bei der Unterstützung für die Geflüchteten in Deutschland stehen jetzt die Arbeitsintegration und die psychosoziale Stabilisierung im Mittelpunkt, sagt sie: „Ziel ist, dass die Leute sich selbst versorgen können.“

Das „Gute-Orte“-Programm läuft Ende des Jahres 2026 aus. Möglicherweise ist das ein gutes Zeichen für die Integration, meint Albrecht. Das Förderprogramm „Gute Orte“ habe maßgeblich dazu beigetragen, vielfältige Angebote für ukrainische Geflüchtete zu ermöglichen und insbesondere Initiativen von Neuankommenden zu unterstützen. „Dadurch wurde diese Gruppe gestärkt und ihre Integration durch eigenes Engagement gefördert“, sagt Albrecht. „Einige ‚Gute Orte‘ haben sich inzwischen als dauerhafte, eigenständige Projekte etabliert. Wünschenswert wäre, dass ihr Engagement auch nach Auslaufen des Programms an bestehende übergreifende Strukturen anknüpfen kann.“

Mehr zum Engagement der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen
Mehr zum Engagement der Bürgerstiftung Stuttgart

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Bürgerstiftung Stuttgart/Jan Potente/Frederik Laux

Der Beitrag ist Teil des Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Februar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Hilfe für die ukrainische Zivilgesellschaft: Der Ednannia-Hilfsfonds der Aktiven Bürgerschaft

960 533 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Mut machen, Strukturen erhalten, Wiederaufbau ermöglichen: Die Bürgerstiftungen in der Ukraine sind wichtige Drehscheiben, denn sie kennen sich vor Ort aus und wissen, was wo gebraucht wird. Deshalb unterstützen Spenderinnen und Spender aus Deutschland sie mit dem Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Bis Ende 2025 gingen 328.537,62 Euro ein.

Die rund 30 ukrainischen Bürgerstiftungen leisten damit humanitäre Hilfe, unterstützen Geflüchtete und besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen. Sie sorgen dafür, dass Generatoren, Notunterkünfte, Schutzräume und Medikamente zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus setzen sie sich für die Förderung des sozialen Zusammenhalts ein, beispielsweise mit Qualifizierungen, medizinischer und sozialer Hilfe für erkrankte Kinder oder Begegnungsorten für junge Menschen und Kultur.

„Wir rufen weiter zu Spenden an den Ednannia-Hilfsfonds auf. Sie helfen unmittelbar den vom Krieg betroffenen und schutzbedürftigen Menschen und stärken gleichzeitig das wichtige Engagement der ukrainischen Bürgerstiftungen“, sagt Bernadette Hellmann, stellvertretende Geschäftsführerin der Aktiven Bürgerschaft.

Zu den Gebern des Ednannia-Hilfsfonds gehören die Bausparkasse Schwäbisch Hall, BBBank Stiftung, Berliner Volksbank eG, Kurt und Maria Dohle Stiftung, R+V Stiftung, R+V Versicherung AG Vertriebsdirektion Nord, TeamBank, Union Investment Stiftung, Volksbank Stuttgart eG, VR Smart Finanz, Osiander Stiftung sowie viele private Spenderinnen und Spender.

Die Aktive Bürgerschaft errichtete den Ednannia-Hilfsfonds kurz nach Kriegsausbruch im Frühjahr 2022 zusammen mit der Maecenata Stiftung, die den Zahlungstransfer in die Ukraine abwickelt. Dort werden die Mittel von der Hilfsorganisation ISAR Ednannia an die ukrainischen Bürgerstiftungen verteilt.

Mehr zum Ednannia-Hilfsfonds
An den Ednannia-Hilfsfonds spenden

Text: Gudrun Sonnenberg
Grafik: Aziza Freyer/Stiftung Aktive Bürgerschaft

Der Beitrag ist Teil des Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Februar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Fokus Januar 2026: Was Schulen mit Service Learning erreichen können

1024 695 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Schulen haben viele Aufgaben – vielleicht zu viele: Sie sollen vollgestopfte Lehrpläne umsetzen, den Schülerinnen und Schülern Wissen vermitteln und Kompetenzen fördern, mit denen sie in der digitalen Welt bestehen, sie zu selbständigen und verantwortungsvollen jungen Menschen erziehen, dabei ihre individuelle Persönlichkeitsentwicklung im Blick haben, ihre unterschiedlichen Herkunftsbedingungen ausgleichen, mit den Eltern kommunizieren, nach außen im Wettbewerb mit anderen Schulen bestehen, und, und, und.

Unter diesen Umständen sind Bildungskonzepte gefragt, die Aufgaben vereinfachen anstatt neue hinzuzufügen. So wie das Service-Learning-Programm sozialgenial der Stiftung Aktive Bürgerschaft: Schülerinnen und Schüler lernen in Engagementprojekten, die Teil des Unterrichts sind. Sie vertiefen die Fachkenntnisse aus dem Unterricht und stärken dabei ihre sozialen Kompetenzen, arbeiten zusammen und übernehmen Verantwortung. sozialgenial wirkt herkunftsunabhängig und bietet allen teilnehmenden Schülerinnen und Schülern die Chance, sich weiterzuentwickeln.

Wie das funktioniert, zeigt der Fokus „Was Schulen mit Service Learning erreichen können“. Lesen Sie folgende Beiträge:

Engagement als Ausgangspunkt

Radwan Al Hammadeh ist erst 22 Jahre alt, im Ehrenamt aber schon ein alter Hase ; er hat jahrelange Erfahrung in unterschiedlichsten Engagementprojekten. Dass er jetzt Politikwissenschaft und Soziologie studiert, hat auch mit einem sozialgenial-Projekt zu tun – mit dem Projekt „KraftArt“ am Berufskolleg Kreis Höxter in Brakel.
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Sie sind jung und brauchen die Praxis

Bürgerschaftliches Engagement kommt in Schulen oft als Zusatzaufgabe daher, die der Vermittlung von Fachkenntnissen Zeit raubt. Doch das ist eine Frage des Konzepts. Mit dem Service-Learning-Ansatz von sozialgenial wird Engagement zum Pluspunkt für den Fachunterricht. Wie das geht, zeigte sich unlängst im Französischunterricht an der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Dortmund.
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Einsteigen leicht gemacht

Raus aus der Schule und sich in der Nachbarschaft engagieren: Das wünschte sich Heike Huhn, Lehrerin an der Kraichgau Gemeinschaftsschule in Gondelsheim in Baden-Württemberg, für ihre Schülerinnen und Schüler. Denn die Schule liegt direkt neben einem Seniorenheim und einem Kindergarten. Heike Huhn gründete zunächst mit 31 interessierten Schüler eine AG „Soziales Engagement“. Dann stieg sie bei sozialgenial ein.
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Wie sozialgenial wirkt: Neue Zahlen

Mit 1240 Mitgliedsschulen ist sozialgenial das teilnehmerstärkste Service-Learning-Programm in Deutschland. Es fördert das soziale Verantwortungsbewusstsein und stärkt wichtige Schlüsselkompetenzen von Schülerinnen und Schülern. Das belegen die Ergebnisse des Service-Learning-Monitors 2026, der im Januar veröffentlicht worden ist.
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Das Echo der Stadtgesellschaft: Bürgerstiftungen und sozialgenial

Das Engagement junger Menschen belebt die Stadtgesellschaft. Das wissen auch Bürgerstiftungen. Einige von ihnen suchen deshalb den Kontakt zu Schulen, um zusammenzuarbeiten und sie auf das Programm sozialgenial der Aktiven Bürgerschaft aufmerksam zu machen, das Schülerengagement fördert. In Ingolstadt konnte die Bürgerstiftung bereits vier Schulen für sozialgenial gewinnen.
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Mehr zum Thema

Lernen fürs Leben: Das bürgerAktiv Magazin 2025/26 der Stiftung Aktive Bürgerschaft mit Geschichten, Beispielen, Hintergrund und vielen Informationen zu Service Learning mit sozialgenial

Service Learning – Wie sollen Schüler heute lernen und was? Fokus Januar 2024

Was kannst du gut, was anderen nützt? Best-Practice-Bericht zur bundesweiten Skalierung des Service-Learning-Programms sozialgenial, von Caroline Deilmann, Stiftung Aktive Bürgerschaft, in: Stiftung&Sponsoring Rote Seiten 01.25. Beitrag herunterladen

Foto: Martin-Luther-King-Gesamtschule Dortmund

 

 

Engagement als Ausgangspunkt

1024 682 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Radwan Al Hammadeh ist erst 22 Jahre alt, im Ehrenamt aber schon ein alter Hase; er hat jahrelange Erfahrung in unterschiedlichsten Engagementprojekten. Dass er jetzt Politikwissenschaft und Soziologie studiert, hat auch mit einem sozialgenial-Projekt zu tun – mit dem Projekt „KraftArt“ am Berufskolleg Kreis Höxter in Brakel.

Es war ein paar Monate nach dem Abitur, Radwan hatte eine Pflegeausbildung mit Fernziel Medizinstudium begonnen und auch schon im Krankenhaus gearbeitet. Da geriet er in eine Sinnkrise. War er wirklich auf dem richtigen Weg? Wollte er wirklich in die Medizin gehen? Inmitten dieser Zweifel erinnerte er sich an ein Projekt in seiner Schulzeit, bei dem er in den beiden Jahren vor dem Abi am Berufskolleg mitgemacht hatte. Es war das sozialgenial-Projekt „KraftArt“, ein Service-Learning-Projekt, bei dem die Schülerinnen und Schüler Kunst und Kreativität mit sozialem Engagement verbanden.

Zu Radwans Zeiten produzierten sie unter anderem eine Anthologie mit Porträts – „Human Stories“ – sie sammelten Lebensgeschichten von den Menschen aus ihrem Umfeld, die wiederum aus aller Welt kamen, texteten und illustrierten die Geschichten. Den Verkaufserlös spendeten sie einer Schule im syrischen Idlib. „Wir haben auch einen Song gegen Rassismus produziert“, erinnert sich Radwan.

Eigene Ideen umgesetzt

Dass das Engagement in der „KraftArt“-Gruppe so eine nachhaltige Wirkung auf ihn hatte, lag am Konzept: „Wir konnten dort unsere eigenen Ideen entwickeln und selbst überlegen, wie wir etwas umsetzen“, reflektiert Radwan. „Das war etwas anderes als das, was ich vorher erlebt hatte.“

Vorher: Da hatte er sich beim Kinderhilfswerk UNICEF im Juniorbeirat engagiert. Der Beirat berät die Organisation und Politiker bei der Entwicklung von Projekten und Gesetzen. Man diskutierte über Themen wie die Corona-Pandemie, Alltagsrassismus und Chancengleichheit. Im Schloss Bellevue konnten sie mit dem Bundespräsidenten über diese Themen sprechen und Bildungsformate diskutieren. Diese Erfahrungen vermittelten ihm Einblicke in formelle Beteiligungsstrukturen, aber auch in deren Chancen und Grenzen. Im Kontakt mit Politikern habe es nicht so viele Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Bei UNICEF ist er weiterhin aktiv, doch er sagt: „Rückblickend bildet das ‚KraftArt‘-Projekt den Ausgangspunkt meines Weges.“

Engagement als Lernform

„Bei ‚KraftArt‘ wurde Engagement nicht als Zusatz, sondern als Lernform verstanden – kreativ, selbstbestimmt und gesellschaftlich wirksam“, erläutert Radwan. „Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben mich nachhaltig geprägt und gezeigt, was möglich ist, wenn jungen Menschen Vertrauen, Verantwortung und Raum zur Gestaltung gegeben werden.“

Radwan hat die Pflegeausbildung beendet und sich an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main für Politikwissenschaften und Soziologie eingeschrieben. Er will weiter politisch tätig sein und mit dem sozialwissenschaftlichen Studium zugleich seine Erfahrungen aus dem gesellschaftlichen Engagement unterfüttern.

An der Uni ist er hochschulpolitisch und in der Fachschaft Gesellschaftswissenschaften aktiv, engagiert sich in universitären Gremien sowie in Auswahl- und Beteiligungsgremien der Hans-Böckler-Stiftung im Rahmen seines Begabtenstipendiums. Er hat auch ein Stipendium der Deutschlandstiftung Integration und er leitet die UNICEF-Hochschulgruppe Frankfurt. Dabei habe er stets im Blick, wie Beteiligung strukturell inklusiver und gerechter gestaltet werden kann, sagt er.

Radwan versteht sein Engagement als „Chancenmaschine“, aber auch als „soziales Privileg“. Viele Menschen blieben von der Beteiligung ausgeschlossen, weil ihnen Zeit, Ressourcen oder Zugänge fehlten. „Mein Ziel ist es, diese Hürden sichtbar zu machen“, sagt Radwan. „Ich möchte  Räume schaffen, in denen Beteiligung nicht nur möglich, sondern gerecht und nachhaltig ist.“

Das Programm sozialgenial
Das sozialgenial-Projekt „KraftArt“ am Berufskolleg Höxter

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: UNICEF/Zimmermann

Der Beitrag ist Teil des Fokus Was Schulen mit Service Learning erreichen können der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Januar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Sie sind jung und brauchen die Praxis

1024 695 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Bürgerschaftliches Engagement kommt in Schulen oft als Zusatzaufgabe daher, die der Vermittlung von Fachkenntnissen Zeit raubt. Doch das ist eine Frage des Konzepts. Mit dem Service-Learning-Ansatz von sozialgenial wird Engagement zum Pluspunkt für den Fachunterricht. Wie das geht, zeigte sich unlängst im Französischunterricht an der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Dortmund.

So funktionierte der Einstieg in sozialgenial:

Andrea Seyb, Französischlehrerin an der Martin-Luther-King-Gesamtschule (MLKG), stieß durch das bürgerAktiv-Magazin der Stiftung Aktive Bürgerschaft auf sozialgenial und meldete sich anschließend zum Einsteigerseminar an. Die Schule wurde damit sozialgenial-Mitgliedsschule. Die Tools von sozialgenial werden an der MLKG unter anderem für die Entwicklung von Projekten für die Schulgemeinschaft oder im Stadtteil genutzt.

So lief das Projekt:

Im Schuljahr 2024/25 startete Seyb im Französischunterricht der Jahrgangsstufe 9 das sozialgenial-Projekt „Jung und engagiert – jeunes et engagés“. Es schöpfte die Möglichkeiten des Service-Learning-Ansatzes aus, das schulische Lernen mit gesellschaftlichem Engagement zu verbinden und dabei beides zu bereichern – die fachlichen Kompetenzen durch die Anwendung und Resonanz in der Praxis auf der einen Seite, das Engagement durch die fachliche Unterfütterung auf der anderen Seite.

Mit Anregungen aus den sozialgenial-Materialien – Seyb: „Ich habe sie wie einen Steinbruch genutzt und viele Ideen übernommen“ – startete die Lehrerin das Projekt. Ausgangspunkt war ein Kapitel im Französischbuch, in dem es um soziales Engagement von Stars ging. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten dazu um den Jahreswechsel herum eigene Vorsätze. Wie realisiert man gute Taten? In Teams recherchierten sie zu Nichtregierungsorganisationen und sozialen Initiativen. Hier kam die Kooperation mit der französischen Partnerschule, dem Lycée Marcelin Berthelot im Pariser Vorort Pantin ins Spiel: Die Schüler bereiteten ihre Rechercheergebnisse jeweils für die Schüler aus dem Nachbarland auf und stellten sie sich gegenseitig in der anderen Sprache vor.

Höhepunkt von „Jung und engagiert – jeunes et engagés“ war eine gut vorbereitete Kursfahrt nach Frankreich mit vollem Programm. Die Schüler trafen und interviewten Freiwillige aus der gemeinnützigen französischen Organisation Secours populaire, arbeiteten bei der Tafel mit und veranstalteten Schminkaktionen für Kleinkinder.

Noch während der Fahrt schrieben Seybs Schülerinnen und Schüler Blogbeiträge über ihre Aktionen und machten Fotos. Daraus produzierten sie ein E-Book. In einer ergänzenden Unterrichtseinheit entwickelten sie Memes. Am Ende des Schuljahrs bekamen sie Urkunden aus Frankreich, und für Mai 2026 ist ein Gegenbesuch der Franzosen geplant.

So wirkte das Projekt:

Es gelang, was im fremdsprachlichen Schulalltag oft schwierig ist: Die Schülerinnen und Schüler fingen an, frei in der anderen Sprache zu sprechen. „Schüler, die im Unterricht schüchtern und zurückhaltend waren, kamen mit breitem Grinsen von ihrem Einsatz zurück“, berichtet Seyb über die Fahrt nach Frankreich. Dabei konnten sie sich nicht nur gut verständigen, sondern auch ihr Engagement ließ sich sehen: Schülerinnen, die in einem Supermarkt Spenden für die Tafel eingeworben hatten, waren so erfolgreich, dass die Tafel einen kleinen Lieferwagen schicken musste, um die Spenden abzuholen. Bei der Tafel beschloss man, häufiger jüngere Leute in der Spendenwerbung einzusetzen. Die französische Partnerschule startete anschließend ein eigenes Projekt mit der Hilfsorganisation.

Das Fazit:

Andrea Seyb empfiehlt ihr sozialgenial-Projekt zur Nachahmung: „Weil das das Leben ist und die Schülerinnen und Schüler nachhaltig etwas mitnehmen aus Schule“, sagt sie. „Ich bin mir sicher, dass man das in ganz vielen Fächern umsetzen kann. Man muss sich manchmal trauen, Sachen wegzulassen und sich überlegen, wie man es anders machen kann.“

Der Pluspunkt: Förderung aus dem sozialgenial-Fonds

Als sozialgenial-Mitgliedsschule konnte sich die Martin-Luther-King-Gesamtschule um eine Förderung aus dem sozialgenial-hilft-Förderfonds der Dortmunder Volksbank für die sozialgenial-Schulen in der Region bewerben. Sie erhielt eine Förderung von 500 Euro für das Schuljahr 2024/25, die sie teils für den Kauf von Materialien für die Aktionen in Frankreich verwendete und teils beim Gegenbesuch der französischen Schüler in Dortmund einsetzen wird.

Mehr über sozialgenial

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Martin-Luther-King-Gesamtschule Dortmund

Der Beitrag ist Teil des Fokus WAS SCHULEN MIT SERVICE LEARNING ERREICHEN KÖNNEN der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Januar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Einsteigen bei sozialgenial leicht gemacht

1024 842 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Raus aus der Schule und sich in der Nachbarschaft engagieren: Das wünschte sich Heike Huhn, Lehrerin an der Kraichgau Gemeinschaftsschule in Gondelsheim in Baden-Württemberg, für ihre Schülerinnen und Schüler. Denn die Schule liegt direkt neben einem Seniorenheim und einem Kindergarten. Heike Huhn gründete zunächst mit 31 interessierten Schüler eine AG „Soziales Engagement“. Dann stieg sie bei sozialgenial ein.

Info und Anmeldung per Webinar

sozialgenial ist das Service-Learning-Programm der Stiftung Aktive Bürgerschaft – es verbindet Engagement mit Unterricht. Der Einstieg ist denkbar einfach: Interessierte Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter oder Schulleitungen können ein kurzes Online-Formular ausfüllen – oder sie nehmen direkt an einem Einsteiger-Webinar der Aktiven Bürgerschaft teil, erhalten alle relevanten Infos und vollziehen damit zugleich die Mitgliedschaft im Programm. Damit können sie auch auf die sozialgenial-Materialien zugreifen, auf Leitfäden, Arbeitsmaterialien, Ideen und Konzepte und auf einen umfangreichen Fundus an Projektbeispielen aus anderen Mitgliedsschulen .

Nach dem Webinar anspruchsvollere Projekte

Heike Huhn, die aufgrund des regen Interesses der Schülerinnen und Schüler am Engagement noch zwei Kollegen mit ins Boot geholt hatte, besuchte das Einsteiger-Webinar im November 2024. Sie stellte fest, dass sie die Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler noch gezielter fördern konnte, als sie es beim Start ihrer AG zu Schuljahresbeginn geplant hatte. Da hatten zunächst niedrigschwellige Begegnungen auf dem Programm gestanden: Kekse backen und Spiele-Nachmittage mit den Senioren, Vorlesen im Kindergarten, Hausaufgabenbetreuung für den Grundschulzweig. Nach dem Webinar wurden die Projekte anspruchsvoller.

Das Lehrerteam veranlasste die Schülerinnen und Schüler, mithilfe von Arbeitsblättern aus dem Programm sozialgenial ihre eigenen Interessen und Stärken zu reflektieren, um daran anknüpfend ihre Projekte zu entwickeln. Gemeinsam mit Kindergartenkindern führten nun die Schülerinnen und Schüler Experimente durch und griffen dabei auf ihr Wissen aus Chemie und Physik zurück. Deutsch und Geschichte wurden lebendig bei biografischen Interviews mit Senioren. Diese wurden in die Schule eingeladen zum gemeinsamen Kochen und für Bewegungsspiele.

Im laufenden Schuljahr 2025/26 bauen die Schüler mit Unterstützung eines Landschaftsgärtners ein rollstuhlgerechtes Hochbeet im Garten des Seniorenheims, um es gemeinsam mit den Senioren zu bepflanzen, zu pflegen und dann die Ernte einzufahren. Hier bringen sie ihre handwerklichen Fähigkeiten ein und wenden Wissen aus dem Biologieunterricht an. Dabei und bei der Ernte und Verarbeitung können ihnen die Senioren viel von ihrem Wissen und ihrer Erfahrung weitergeben.

Unterrichtsfach ab 2026/27

Im Schuljahr 2025/26 ist die AG ausgeweitet worden und findet an zwei Tagen pro Woche statt. Ab 2026/27 wird sozialgenial an der Kraichgau Gemeinschaftsschule zum Unterrichtsfach „Engagement und Verantwortung“, dass Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg ab diesem Schuljahr verpflichtend einführen müssen, um unter anderem Demokratiebildung und Zukunftskompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu stärken. Das Kultusministerium hat nur den Rahmen, aber keine Schwerpunkte vorgegeben. Inspiration für das Curriculum ziehen die Lehrkräfte auch aus den umfangreichen digitalen Materialien der Stiftung Aktive Bürgerschaft für Mitgliedsschulen im Programm sozialgenial.

Förderung aus dem sozialgenial-Fonds

Als sozialgenial-Mitgliedsschule konnte sich die Kraichgau-Gemeinschaftsschule um Mittel aus dem sozialgenial-hilft-Förderfonds der BBBank Stiftung für die sozialgenial-Schulen im Regierungsbezirk Karlsruhe bewerben. Sie war erfolgreich und erhielt eine Förderung von 500 Euro für das Schuljahr 2025/26.

sozialgenial-Mitgliedsschule werden

Text: Sonja Beckmann/Gudrun Sonnenberg
Foto: Kraichgau Gemeinschaftsschule Gondelsheim

Der Beitrag ist Teil des Fokus WAS SCHULEN MIT Service Learning ERREICHEN KÖNNEN der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Januar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

 

Wie sozialgenial wirkt: Neue Zahlen

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Mit 1240 Mitgliedsschulen ist sozialgenial das teilnehmerstärkste Service-Learning-Programm in Deutschland. Es fördert das soziale Verantwortungsbewusstsein und stärkt wichtige Schlüsselkompetenzen von Schülerinnen und Schülern – das belegen die Ergebnisse des Service-Learning-Monitors 2026, der im Januar veröffentlicht worden ist.

Alle zwei Jahre befragt die Stiftung Aktive Bürgerschaft für den Service-Learning-Monitor sozialgenial die sozialgenial-Mitgliedsschulen zu ihren Service-Learning-Projekten. Die Ergebnisse bieten einen Überblick darüber, wie Service Learning mit sozialgenial in der Praxis umgesetzt wird und welche Wirkungen es auf die Schülerinnen und Schüler hat.

94 Prozent der befragten Lehrkräfte geben an, dass sich sozialgenial positiv auf das soziale Verantwortungsbewusstsein der Schülerinnen und Schüler auswirkt. 90 Prozent sehen eine positive Wirkung auf die Fähigkeit zur Perspektivübernahme und Empathie. 68 Prozent bzw. 65 Prozent stellen eine positive Wirkung auf die Kommunikations- und Teamfähigkeit und das kritische Denken und Reflektieren fest. Das Votum der Lehrkräfte ist eindeutig: 96 Prozent empfehlen das Programm weiter. 

Service-Learning-Projekte können in allen Schulformen und Jahrgangsstufen der weiterführenden Schulen umgesetzt werden. Sie sind Teil des Unterrichts und mit Lehrplaninhalten verknüpft, um nicht nur das Engagement von Schülerinnen und Schülern zu fördern, sondern auch ihren Kompetenzerwerb. Ob Biologie, Deutsch oder Religion: Schülerinnen und Schüler können das fachliche Wissen aus dem Unterricht in der Praxis anwenden, um an der Lösung realer gesellschaftlicher Probleme mitzuwirken. Dabei stärken sie Schlüsselkompetenzen wie Kommunikations- und Teamfähigkeit, kritisches Denken und soziales Verantwortungsbewusstsein.

Mehr als 200.000 Schülerinnen und Schüler haben sich seit dem Start des Programms 2009 bereits in sozialgenial-Projekten engagiert und dabei rund 16 Millionen Stunden Einsatz für die Gesellschaft gezeigt: In sozialen Einrichtungen, für Klimaschutz und Demokratie, für Integration und vieles mehr.

sozialgenial-Projekte und Wirkungen in der Praxis

Text: Sonja Beckmann und Caroline Deilmann
Grafik: Aziza Freyer/Stiftung Aktive Bürgerschaft

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Das Echo der Stadtgesellschaft: Bürgerstiftungen und sozialgenial

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Das Engagement junger Menschen belebt die Stadtgesellschaft. Das wissen auch Bürgerstiftungen. Einige von ihnen suchen deshalb den Kontakt zu Schulen, um zusammenzuarbeiten und sie auf das Programm sozialgenial der Aktiven Bürgerschaft aufmerksam zu machen, das Schülerengagement fördert. In Ingolstadt konnte die Bürgerstiftung bereits vier Schulen für sozialgenial gewinnen.

„Wir halten sozialgenial für eine gute Sache, auch, weil das Programm ein fundiertes Konzept hat“, sagt Tanja Schadow aus der Geschäftsstelle der Bürgerstiftung Ingolstadt. Damit spielt sie auf das Service-Learning-Konzept von sozialgenial an: Das Engagement der Schülerinnen und Schüler wird mit dem Schulunterricht verbunden.

„Außerdem suchen auch wir als Bürgerstiftung Kontakt zur Jugend“, so Schadow. Die Bürgerstiftung führt selbst keine Projekte durch, sondern fördert das Engagement von Vereinen und Initiativen in Ingolstadt und möchte auch an Schulen Gutes tun.

Pilotprojekt für Partnerschaften

Nachdem das Programm sozialgenial zunächst in vier Bundesländern lief, können Schulen mittlerweile bundesweit teilnehmen. Die Aktive Bürgerschaft hat dazu ein Pilotprojekt für Bürgerstiftungen als lokale sozialgenial-Partner gestartet, an dem die Bürgerstiftung Ingolstadt teilnimmt.

Tanja Schadow verschickte Anfang 2025 eine Rundmail mit den Programminfos der Aktiven Bürgerschaft an alle infrage kommenden Schulen in Ingolstadt. Einige Interessierte reagierten, vier Schulen meldeten sich direkt bei sozialgenial an und es gibt erste Projekte: Schülerinnen und Schüler aus einer Pflegeschule haben im Stadtteiltreff ein Bewegungsprojekt für Seniorinnen angeboten – mit Erfolg, es wird wiederholt. Und eine Montessori-Schule hat ein Projekt für Grundschüler in Planung. In Netzwerktreffen, die Schadow halbjährlich organisiert, tauschen sie sich aus.

2026 bekommen die Schulen in Ingolstadt wieder Post von Tanja Schadow. Sie ist zuversichtlich, weitere sozialgenial-Mitglieder zu gewinnen: „Die guten Erfahrungen werden sich unter den Lehrkräften und Schulleitungen herumsprechen.“

Mehr Infos für Bürgerstiftungen zur Kooperation
Bürgerstiftung Ingolstadt
Mehr über sozialgenial

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Vardan Papikyan/unsplash.com

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