Kommentare und Analysen

Die Corona-Krise verschärft die Schwächen der Engagementpolitik

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Drei Beispiele der jüngsten Zeit zeigen, wie falsche Ansätze, Ideen von gestern und unkoordiniertes Handeln die Gestaltung guter Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement hemmen. Was sich ändern muss.

von Stefan Nährlich

Im Juni hat die Bundesregierung ihr Konjunkturprogramm beschlossen, um die Folgen der Corona-Pandemie zu bekämpfen, Wohlstand zu sichern und Zukunftsfähigkeit zu stärken, wie es in dem Papier des Koalitionsausschusses so schön heißt. Auch für gemeinnützige Organisationen gibt es Unterstützung. Insgesamt eine Milliarde Euro. Und das ist keine Einzelmaßnahme für das bürgerschaftliche Engagement.

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„Der digitale Zugang zum Engagement wird immer wichtiger“

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Die Jugendforscherin Wibke Riekmann erklärt, was gemeinnützige Organisationen tun können, um junge Menschen zu gewinnen und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt. Fridays for Future zeige, unter welchen Bedingungen sie sich gerne engagieren.

Wibke Riekmann ist Professorin für Theorie und Praxis in der Sozialpädagogik an der MSH Medical School Hamburg. Ihr Arbeitsschwerpunkte liegen in der Kinder- und Jugendarbeit sowie der Grundbildung von Erwachsenen. Beim Dritten Engagementbericht der Bundesregierung mit dem Titel „Zukunft Zivilgesellschaft: Junges Engagement im digitalen Zeitalter“, der im Mai 2020 erschienen ist, war sie Mitglied der neunköpfigen Sachverständigenkommission. Ihr Fokus lag dabei auf der Frage, was Digitalisierung für Vereine und Verbände bedeutet. bürgerAktiv hat mit ihr über die Ergebnisse des Berichts gesprochen.

bürgerAktiv: Manchmal wird die Kritik geäußert, dass junge Leute heute lieber Artikel in sozialen Netzwerken teilen oder online eine Petition unterzeichnen, statt sich „wirklich“ zu engagieren. Ist da etwas dran?

Wibke Riekmann: Viele junge Leute leiten tatsächlich Beiträge weiter oder beteiligen sich in sozialen Netzwerken an Diskussionen. Das wird manchmal etwas abfällig als „Slacktivism“ oder „Clicktivism“ bezeichnet. Aber das ersetzt für sie nicht das Engagement, sondern ergänzt es nur. Engagierte junge Leute nutzen diese Formen auch, aber sie wissen, dass es damit alleine nicht getan ist. Wir haben bei unserer Befragung unter 1000 Jugendlichen auch herausgefunden, dass der größte Teil des Engagements immer noch in den traditionellen Organisationsformen stattfindet, nämlich in Vereinen und Verbänden.

bürgerAktiv: Was würden Sie Organisationen raten, denen es schwerfällt, junge Leute für ein Engagement zu begeistern?

Riekmann: Ich höre immer wieder diese Klage, dass junge Menschen nicht mehr für ein Engagement zu begeistern sind. Ich habe viele Studien aus den 70er und 80er Jahren gelesen und da steht genau das gleiche drin: Wir finden keinen Nachwuchs mehr, die jungen Menschen wollen sich nicht mehr engagieren.

bürgerAktiv: Also alles kein Problem?

Riekmann: Natürlich müssen Organisationen sich fragen, wie sie Menschen gewinnen können. Man sollte mal miteinander sprechen und fragen: Was würdest du dir denn wünschen und warum beteiligst du dich nicht? Was könnte man verbessern?

bürgerAktiv: Was sagen die jungen Leute, wenn man sie fragt?

Riekmann: Wir haben in Interviews herausgefunden, dass vor allem junge Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss sagen: Nee, das kann ich doch nicht. Das ist nichts für mich.

bürgerAktiv: Kann die Digitalisierung helfen, diese soziale Ungleichheit im Engagement aufzuheben?

Riekmann: Die soziale Ungleichheit, die wir im Engagement beobachten, bildet sich auch im Digitalen ab: Menschen mit höherem Schulabschluss engagieren sich mehr. Die Hoffnung, dass das Digitale diese Lücke schließt, hat sich durch unseren Bericht leider nicht bestätigt.

bürgerAktiv: Welche Lösungsansätze gibt es dafür?

Riekmann: Es ist wichtig, junge Leute langsam an ein Engagement heranzuführen. Also wenn Sie sagen: ‚Wir haben nächste Woche Vorstandswahlen, willst du nicht mit in den Vorstand kommen?‘, dann funktioniert das in der Regel nicht.

bürgerAktiv: Ist Service Learning, also das Lernen über gesellschaftliches Engagement, in der Schule eine guter Weg dafür?

Riekmann: Natürlich ist die Schule einer der wichtigsten Orte, um junge Menschen an ein Engagement heranzuführen. Denn sonst wird es schwierig, bestimmte Bildungsschichten überhaupt zu erreichen. Bei Service Learning in der Schule kann aber die Schwierigkeit sein, dass es als Unterricht wahrgenommen wird. Für mich wäre immer das Ziel, dass das Engagement auch außerhalb der Schule selbst weitergeführt wird. Damit das gelingen kann, muss es freiwillig und selbstbestimmt sein. Wenn es benotet wird, wird das schwierig.

bürgerAktiv: Wie engagiert sind die jungen Leute heute? Hat das eher ab- oder zugenommen in den letzten Jahren?

Riekmann: Ich würde auf keinen Fall sagen, dass junge Menschen sich heute weniger engagieren als früher, denn das können wir empirisch wirklich nicht sehen. Wir sehen eher, dass sich junge Menschen engagieren wollen. Fridays for Future ist eines der besten Beispiele: Die wollen sich engagieren, wenn sie wirklich Einfluss bekommen, wenn Sie Spaß am Engagement haben und wenn sie ihre Themen mitbestimmen können. Die Organisationen müssen darauf reagieren und sie entsprechend einbinden.

bürgerAktiv: Bei Fridays for Future können sich die jungen Leute unkompliziert einbringen, während sie in Vereinen starre Strukturen abschrecken?

Riekmann: Ich glaube, man transportiert das immer wieder: Vereine sind starr. Aber das stimmt nicht. Bei Fridays for Future stellt sich mir die Frage: Wer spricht da eigentlich für wen, wenn das keine Formen von repräsentativ gewählten Vertretern sind? Ich glaube, dass der Verein als Organisationsform da große Chancen bietet. Und deswegen ist es so wichtig, dass wir Vereine lebendig organisieren und sehr viele machen das auch schon.

bürgerAktiv: Können Organisationen junge Menschen über das Digitale besser ansprechen?

Riekmann: Der digitale Zugang zum Engagement wird immer wichtiger. Das hat unsere Befragung auch ergeben. Ich glaube aber, dass man nicht denken sollte: Damit ich junge Menschen erreiche, muss ich mich digitalisieren. Sondern es ist eher die Frage, wie kann ich Digitalisierung dazu nutzen, um meine Organisation demokratischer zu gestalten, wie kann ich sie partizipatorischer aufstellen? Das zieht dann auch junge Menschen an.

bürgerAktiv: Wie steht es mit der Digitalisierung in den traditionellen Organisationen?

Riekmann: Die großen Player – also zum Beispiel große Stiftungen oder große Verbände – nutzen die Digitalisierung sehr proaktiv. Die haben zum Beispiel auch Stellen geschaffen, um ihre Organisation auch digital präsent zu machen. Bei den kleinen Organisationen ist es aber oft so, dass sie auch gerne mehr in dem Bereich machen würden, aber ihnen teilweise die Ressourcen dazu fehlen.

www.dritterengagementbericht.de/#kommission

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Das Schweigen der Lämmer?

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Die Bundesregierung hat in der Covid-19-Pandemie die Zivilgesellschaft nicht adressiert. Zufall oder neuer Realismus?

von Holger Backhaus-Maul

Die Covid-19-Pandemie hat nicht nur grundlegende Mängel des Gesundheits- und Pflegesystems in Deutschland in Erinnerung gerufen, sondern mit kurzer Verzögerung auch die Gesellschaft als Ganzes ergriffen. Krisen sind die Stunde des Staates, konkret der Bundesregierung, die angesichts von Unsicherheit Sicherheit verspricht, die es im globalen Kapitalismus aber nicht geben kann.

In rechtsstaatlich verfassten Demokratien wie in Deutschland folgen weitreichende Regierungsentscheidungen nicht nur dem Machtkalkül, sondern berücksichtigen auch wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen. Und nach einem kurzen Moratorium – Demokratie sei Dank – melden sich dann auch Parlamente, Parteien, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Kultur wieder zu Wort. Denn es geht jetzt um Vieles und Grundlegendes.

Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte

Die Entscheidungen der Bundesregierung haben Folgen. Das Sicherheitsversprechen der Bundesregierung ruft eine beachtliche und anerkennenswerte Folgebereitschaft auf Seiten der Bürger und Bürgerinnen hervor. Schon lange konnte sich die Bundesregierung keiner derart hohen Zustimmung mehr erfreuen. Das Sicherheitsversprechen geht aber einher mit der Einschränkung von bürgerlichen Freiheitsrechten, wie der Wahl des Aufenthaltsortes, dem Recht auf Bildung und der Ausübung des Demonstrationsrechtes. Entscheidungen, die begründungspflichtig und erklärungsbedürftig sind und nur kurzzeitig gelten können.

Dabei geht die Priorisierung des Gesundheitsschutzes zu Lasten von wirtschaftlicher Entwicklung, Bildung und Kultur. Die tiefgreifenden finanzpolitischen Entscheidungen der Bundesregierung binden zukünftige Regierungen und schränken deren Entscheidungs- und Handlungsspielräume erheblich ein. Zudem begünstigen die Entscheidungen der Bundesregierung Ältere und belasten Jüngere. So könnten für die akute Bewältigung der Krise des globalen Ökosystems schlicht die notwendigen Ressourcen fehlen. Dass die Entscheidungen der Bundesregierung zudem negative armuts-, bildungs- und geschlechterpolitische Folgen nach sich ziehen, erscheint fast schon wie ein Kollateralschaden.

Jetzt geht es um wohlbedachte Wege zurück in den öffentlichen Raum und die Frage der Neuverteilung gesellschaftlicher Rollen. Politik, Wirtschaft, Bildung und Kultur beginnen zu debattieren, zu demonstrieren und zu verhandeln. Und die Zivilgesellschaft? Die Bundesregierung hat sie in den vergangenen Wochen nicht adressiert und die Zivilgesellschaft selbst hat sich auch nicht vernehmbar zu Wort gemeldet.

Die Zivilgesellschaft ist „nicht systemrelevant“

Neuer Realismus oder Staatsversagen? Der Katastrophenschutz und das Rettungswesen – als konventionelle Sparten der Zivilgesellschaft oftmals in ihrer Bedeutung verkannt – sind staatlicherseits nicht hinreichend ausgestattet worden. Krankenhäuser und Altenhilfeeinrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege sind staatlicherseits unterfinanziert. Eine nunmehr seit zwanzig Jahren geforderte öffentliche Engagement-Infrastruktur ist vielerorts ein „frommer Wunsch“ geblieben. Und unter ihren Rettungsschirmen bedenkt die Bundesregierung ihre Zuwendungsempfänger, hat aber für die Zivilgesellschaft keinen Platz vorgesehen. Stattdessen scheint sie an ihrem Vorhaben einer Bundesbehörde zur staatlichen Engagementförderung festzuhalten. Die Zivilgesellschaft ist eben „nicht systemrelevant“.

Und die Zivilgesellschaft selbst? „Es wird geklatscht, eingekauft und gebastelt“. Vereinzelt werden Respekt und Anerkennung gegenüber der Zivilgesellschaft von Experten eingefordert, während zivilgesellschaftliche Spartenverbände wirtschaftliche Unterstützung für sich fordern. Aber das kann es doch nicht gewesen sein angesichts der kurzen „historischen“ Situation, in der jetzt über gesellschaftliche Zukunftsfragen entschieden wird. Wo bleiben die konkreten Vorschläge und die profunde Kritik der Zivilgesellschaft angesichts weitreichender gesellschaftspolitischer Entscheidungen?

Wiegt sich die Zivilgesellschaft lammfromm und brav in Sicherheit, – eine Sicherheit, die der Staat ihr für die Zukunft nicht garantieren kann, zumal er sie nicht einmal mehr im Blick hat?

Kommentar von Dr. Holger Backhaus-Maul für bürgerAktiv – Nachrichtendienst Bürgergesellschaft, Ausgabe 210 – April 2020 vom 27.04.2019

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Bürgerschaftliches Engagement kann durch Corona-Krise eine Aufwertung erfahren 

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Das Coronavirus bedroht zivilgesellschaftliche Organisationen: Veranstaltungen müssen abgesagt werden, Spendengelder und Fördermittel drohen auszubleiben. Und trotzdem kann diese Krise auch Positives bewirken

von Jörg Winterbauer

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Die Nichtangewiesenheit auf den Staat ist die größte Freiheit für Engagierte

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Bund und Länder haben in den letzten Jahren die Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement verbessert. Einerseits ist das erfreulich. Anderseits kann durch zu viel Förderung auch eine Abhängigkeit der Zivilgesellschaft vom Staat und dessen finanziellen Zuwendungen entstehen

von Winfried Kluth

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Vereinte Kräfte – Demokratie braucht Zivilgesellschaft

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von Bernhard Weßels

Wenn die Demokratie in Probleme gerät, ist der Ruf nach den Heilkräften der Zivilgesellschaft zu hören. Das kommt nicht ganz unberechtigt, ist gleichzeitig aber auch eine Überforderung und Überfrachtung der Zivilgesellschaft mit Erwartungen, die häufig auf mehrere Dimensionen gleichzeitig gerichtet sind.

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Endlich anfangen – Was der Staat gegen Bürokratie tun sollte

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von Tanja Klenk

Schon 2006 hat die Bundesregierung den Abbau unnötiger Bürokratie zu einer staatlichen Daueraufgabe erklärt und mit dem Normenkontrollrat eine neue, unabhängige Institution geschaffen, die genau für diese Aufgabe verantwortlich ist. Der Normenkontrollrat soll Transparenz über die Bürokratiebelastung in zentralen Lebens- und Wirtschaftsbereichen herstellen, auf die Kostenfolgen neuer Gesetze aufmerksam machen und Vorschläge entwickeln, wie unnötige Bürokratie abgebaut und bürokratische Verfahren vereinfacht werden können. Bislang hat er sich vor allem auf die Entlastung der Wirtschaft konzentriert. Erst ab 2018, mit dem Regierungsantritt der großen Koalition, kam die Bürokratie-Entlastung der Zivilgesellschaft auf die politische Agenda.

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Welten trennen – was die Zivilgesellschaft gegen Bürokratie tun kann

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von Rudolf Speth

Viele Ehrenamtliche in den zivilgesellschaftlichen Organisationen klagen über die Last der Bürokratie. Sind wir auf einem Weg, auf dem das freiwillige Engagement immer mehr durch die Erfüllung bürokra­tischer Anforderungen erstickt wird? Nein, so ist es nicht. Vielmehr machen die Klagen über die zunehmende Bürokratie unterschiedliche und auch widersprüchliche Entwicklungen deutlich.

Zunächst ist die wachsende Bürokratielast ein Ausdruck für die Stärke der Zivilgesellschaft.

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Verbände und die Fridays-Schüler: Routine gegen radikale Forderungen

880 440 Stiftung Aktive Bürgerschaft

von Holger Backhaus-Maul

Gesellschaftliche Veränderungen gehen einher mit Konflikten und Auseinandersetzungen. Protest organisiert sich und politische Verbände werden gegründet – so stellt sich der normale Verlauf politischer Einflussnahme und demokratischer Konsensfindung in Deutschland dar. Ein treffendes Beispiel hierfür sind die deutschen Umweltverbände.

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