Wehrpflicht versus persönliche Freiheit: Dialog der Generationen
https://www.aktive-buergerschaft.de/wp-content/uploads/2026/05/Dr.BarbaraAlbrethsen-Keck_c-WolfgangUnger_b-1024x679.jpg 1024 679 Stiftung Aktive Bürgerschaft Stiftung Aktive Bürgerschaft https://www.aktive-buergerschaft.de/wp-content/uploads/2026/05/Dr.BarbaraAlbrethsen-Keck_c-WolfgangUnger_b-1024x679.jpgUnsere Zeit fordert uns heraus, über Generationengrenzen hinweg neu über Frieden, Sicherheit und gesellschaftliche Verantwortung nachzudenken. Die Perspektiven darauf sind gegensätzlich und es braucht Dialog zwischen Jung und Alt. Die Bürgerstiftung Jena will Raum schaffen für entsprechende Diskussionen. Ihre Vorstandsvorsitzende Barbara Albrethsen-Keck beleuchtet die Debatte.
Von Barbara Albrethsen-Keck
Seit Jahren prägen Krisen unseren Alltag: der Klimawandel mit Umweltproblemen und Naturkatastrophen, die Corona-Pandemie und ihre Folgen, – und nun die Bedrohung des Friedens, den Deutschland seit mehr als 80 Jahren erlebt. In den Zeiten des Kalten Krieges, an die sich viele noch gut erinnern, beruhte Frieden auf Verteidigungsfähigkeit und Wehrpflicht. Letztere sollte die Armee in der Mitte der Gesellschaft verankern. Daher neigen ältere Generationen eher dazu, eine Erhöhung des Wehretats und eine Verpflichtung junger Menschen als geeignete Mittel zur Sicherung unserer Freiheit zu betrachten. Zugleich wächst angesichts der Signale aus den USA der Wunsch nach größerer europäischer Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit.
Junge Menschen fühlen sich übergangen
Für viele junge Menschen ist dies dagegen ein völlig neues Szenario. Die Bundeswehr spielte in ihrem Leben bisher kaum eine Rolle. Nach der Schulpflicht sind sie frei in der Gestaltung ihres Lebenswegs. Was Älteren folgerichtig erscheint, wirkt für Jüngere wie ein massiver Eingriff in ihre persönliche Freiheit. Viele fühlen sich in der Debatte über Wehrpflicht oder ein allgemeines Dienstjahr übergangen und reagieren mit Protest. Schulstreiks reduzieren das komplexe Thema jedoch auf einfache Slogans wie „Keine Wehrpflicht“, „Kein Krieg“ oder „Ich kämpfe nicht für ein Land, das mir nichts gibt“.
Aus Sicht vieler älterer Beobachter werfen die Schulstreiks grundlegende Fragen auf. Niemand in Deutschland wünscht sich Krieg, doch bleibt offen, wie ein Land reagieren soll, wenn ein Konflikt von außen aufgezwungen wird. Auch die Forderung „Keine Wehrpflicht“ greift zu kurz, denn aktuell steht sie nicht zur Entscheidung, wenngleich sie langfristig greifen könnte, falls die notwendige Truppenstärke durch Freiwilligkeit nicht erreicht wird. Dabei sei betont, dass im Grundgesetz das Recht auf Wehrdienstverweigerung verankert ist. Schließlich stellt sich die Frage, warum es nicht besser gelingt zu vermitteln, welche Privilegien ein Staat bietet, der Grundrechte garantiert, Bildung ermöglicht, Familien unterstützt und soziale Sicherheit gewährleistet – gerade angesichts der Aussage, das Land gebe jungen Menschen nichts, für das es sich einzusetzen lohne.
Lokal über den Beitrag zum Gemeinwohl diskutieren
Es gibt also reichlich Stoff für einen generationenübergreifenden Dialog, den Bürgerstiftungen fördern können. Die Frage nach der Verteidigung der Demokratie ist komplex und global, doch die Frage nach dem Beitrag junger Menschen zum Gemeinwohl – etwa durch ein verpflichtendes Dienstjahr – lässt sich gut lokal diskutieren.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bringt ein allgemeines Dienstjahr seit Längerem ins Gespräch. Dieses Modell, eine Weiterentwicklung von Wehr- und Zivildienst, würde Männer und Frauen verpflichten, ein Jahr bei Bundeswehr, Zivilschutz oder sozialen Einrichtungen zu dienen. Junge Menschen sammeln dabei neue Erfahrungen und wachsen daran. Die Beliebtheit von Bundesfreiwilligendienst und Freiwilligem Sozialen Jahr zeigt, dass solche Engagementformen Sinn stiften. Zivildienstleistende waren einst ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens – und könnten es wieder werden. Gleichzeitig rückt die Bundeswehr als Teil der demokratischen Sicherheitsarchitektur stärker ins Bewusstsein der jungen Generation.
Bürgerstiftungen als überparteiliche Akteure
Auch Bürgerstiftungen könnten von einem allgemeinen Dienstjahr profitieren, ebenso wie soziale Einrichtungen oder der Katastrophenschutz. Daher bietet es sich an, eine Plattform für den Austausch zwischen Jung und Alt zu schaffen. Ein solcher Dialog ist besonders wichtig, wenn eine Generation das Gefühl hat, Entscheidungen würden über ihre Köpfe hinweg getroffen. Als überparteiliche Akteure können Bürgerstiftungen einen Raum bieten, in dem über Frieden, Verteidigung, Wehrdienst oder ein Dienstjahr sachlich diskutiert wird. Ziel sollte sein, Entscheidungen auf faktenbasierte Argumente und nicht auf Emotionen zu stützen. Unsere Bürgerstiftung wird sich dieser Aufgabe in der zweiten Jahreshälfte widmen.
Dr. Barbara Albrethsen-Keck ist geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Jena-Saale-Holzland. Im Februar 2026 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.
Gastbeitrag von Dr. Barbara Albrethsen-Keck für bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte, Ausgabe 277 – Mai 2026 vom 28. Mai 2026
Der Beitrag setzt die Debatte zur Resilienz fort, die Stefan Nährlich im November 2025 gestartet hat: Geht uns das was an?
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