Fokus November 2025: Wenn Stiftungen erben

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Eine wachsende Zahl an Menschen entscheidet sich, ihren Nachlass ganz oder teilweise an eine gemeinnützige Organisation zu spenden oder zu stiften. Die solchermaßen bedachten Vereine und Stiftungen danken es, schließlich eröffnen die Zustiftungen und Spenden neue Handlungsmöglichkeiten. Doch das Erbe anzutreten, ist auch eine Aufgabe.

Wird etwa eine Organisation als Alleinerbin eingesetzt, muss sie auch den Haushalt der verstorbenen Person auflösen und die Bestattung organisieren. Enthält ein Testament noch weitere Vermächtnisse, beispielsweise, Teile des Geldes an andere Organisationen oder Personen weiterzugeben, stellt sich die Frage, wie viel eigentlich für die erbende Organisation übrigbleibt. Manchmal kann eine Erbschaft auch mit einem schwierig zu erfüllenden Zweck verbunden sein, sei es, dass er zu eng gefasst ist, sei es, dass er nicht zur Organisation passt – so kann eine Bürgerstiftung, die lokale Zwecke erfüllen muss, ein Erbe nicht antreten, wenn es für Tierschutz in Afrika verwendet werden soll.

Der Fokus „Wenn Stiftungen erben“ beleuchtet, warum die Option, ihren Nachlass zu stiften, für viele Menschen eine Überraschung ist, wie große Zustiftungen aus Nachlässen sich in einer Bürgerstiftung auswirken und wie Bürgerstiftungen mit unterschiedlichen Ressourcen die Nachlassabwicklung bewältigen.

Lesen Sie im Fokus „Wenn Stiftungen erben“ folgende Beiträge:

„Die meisten sind überrascht“

Hospize, Tierheime und Bildung für Kinder stehen weit oben, wenn vermögende Erblasser Gutes tun wollen. Uwe Schnurr, Stiftungsmanager in der Volksbank pur und ehrenamtlicher Vorstand der Bürgerstiftung Baden-Baden, berichtet aus dem Alltag der Generationenberatung. Die Option, zu stiften, ist für viele seiner Kundinnen und Kunden eine Entdeckung.
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Bürgerstiftung St. Georgen: Plötzlich eine große Stiftung

Plötzlich und ohne Vorabinformation fand sich 2022 die Bürgerstiftung St. Georgen als Alleinerbin eines kompletten Nachlasses wieder. Eine große Überraschung, aber auch eine große Herausforderung für das kleine Team der Bürgerstiftung. Wie hat sie diese gemeistert?
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BürgerStiftung Hamburg: Neues Handlungsfeld entwickelt

Erbschaften haben wesentlich zur Entwicklung der BürgerStiftung Hamburg beigetragen. Als größte Bürgerstiftung Deutschlands setzt sie extra Ressourcen für die Abwicklung von Nachlässen ein. Doch als einmal eine Erbschaft mit der Auflage verbunden war, sich für Umweltschutz zu engagieren, musste sich die BürgerStiftung Hamburg etwas einfallen lassen.
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Zahlen: Sicher ist nur das große Potenzial

Neun Billionen Euro: So hoch ist laut Bundesbank das Vermögen aller Menschen in Deutschland. Gut ein Drittel davon – mehr als 3 Billionen Euro – dürfte in den vergangenen zehn Jahren vererbt worden sein, das wären rund 300 Milliarden Euro pro Jahr. Doch wieviel davon geht an gemeinnützige Organisationen?
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Musik, Frieden, Medienkompetenz: Immer mehr Stifterinnen und Stifter setzen auf Stiftungsfonds bei Bürgerstiftungen, um ihre Ideen zu verwirklichen. Dabei können sie sich ganz auf ihr Engagement konzentrieren, denn die Bürgerstiftung übernimmt die Verwaltung. bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte, Fokus September 2024

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Webinar der Stiftung Aktive Bürgerschaft für Bürgerstiftungen und Fachaustausch: Vermögensaufbau mit Stiftungsfonds

Foto: Vitolda Klein / unsplash.com

„Die meisten sind überrascht“

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Hospize, Tierheime und Bildung für Kinder stehen weit oben, wenn vermögende Erblasser Gutes tun wollen. Uwe Schnurr, Stiftungsmanager in der Volksbank pur und ehrenamtlicher Vorstand der Bürgerstiftung Baden-Baden, berichtet aus dem Alltag der Generationenberatung. Die Option, zu stiften, ist für viele seiner Kundinnen und Kunden eine Entdeckung.

bürgerAktiv Sie haben ein breites Angebot für Menschen, die sich fragen, was nach ihrem Tod mit ihrem Vermögen geschehen soll. Wer kommt zu Ihnen?

Uwe Schnurr Zu uns kommen immer mehr Alleinstehende und Ehepaare ohne Kinder, die sich überlegen, wie sie ihrem Vermögen einen Sinn geben können, wenn sie nicht mehr da sind. Wir haben bei uns in der Bank ein großes Team zertifizierter Generationenberater, die nichts anderes machen, als mit diesen Kunden über die Themen Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und eben auch Testamente zu sprechen. Sie schlagen den Kunden häufig vor, zu stiften. Dann übernehmen mein Team und ich. In diesem Jahr haben wir 30 Stiftungsverträge abgeschlossen, für nächstes Jahr rechnen wir mit 50 bis 60.

„Stiften ist keineswegs nur etwas für Millionäre“

bürgerAktiv Von sich aus kommen die Kunden nicht mit dem Wunsch zu stiften?

Uwe Schnurr Die meisten sind überrascht und sagen: Was, ich und eine Stiftung? Das ist doch nur was für Millionäre? Aber in Deutschland haben 70 Prozent der Stiftungen weniger als eine Million Euro an Stiftungskapital. Stiften ist also keineswegs nur etwas für Millionäre. Wir raten dazu, weil Spenden zeitnah ausgegeben werden müssen, aber Stiftungen langfristig wirken.

bürgerAktiv Zu klein sollte eine Stiftung aber auch nicht sein.

Uwe Schnurr Richtig, bei zu kleinen Stiftungen brauchen die Kosten die Erträge auf. In der Niedrigzinsphase hat man das gemerkt, da waren viele Stiftungen handlungsunfähig. Wir schlagen Stiftungen oder Zustiftungen bei Vermögen ab 100.000 Euro vor. Ein Hauptaugenmerk in meiner Beratung ist inzwischen die Möglichkeit einer zweckgebundenen Zustiftung, die man mit seinem Namen verbinden und den Stiftungszweck festlegen kann, und bei der keine Verwaltungskosten anfallen.

bürgerAktiv Wem möchten Ihre Kunden denn am häufigsten ihr Geld vermachen?

Uwe Schnurr Am häufigsten nennen sie das Hospiz, das Tierheim, die Bildung von Kindern. Gerade Alleinstehende haben häufig einen Bezug zu Tieren. Das kann man mit einem Stiftungsfonds gut umsetzen, zum Beispiel indem die Erträge regelmäßig an das Tierheim gehen. Beim Thema Bildung kann man für die Erträge Zwecke wie Suchtprävention oder finanzielle Bildung bestimmen.

„Es ist wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen.“

bürgerAktiv Kommen die Leute schon mit festen Vorstellungen oder bringen Sie sie auch auf Ideen?

Uwe Schnurr Wir machen auch Vorschläge. Als regionale Bank kennen wir die gemeinnützigen Organisationen und Einrichtungen hier und können nötigenfalls auch einen Kontakt herstellen, wenn Kunden sich ein Bild machen möchten. Es ist wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen. Die Kunden sind glücklich, wenn sie geklärt haben, was mit ihrem Geld passiert. Manche Menschen stiften schon zu Lebzeiten und machen dann erste Erfahrungen. Umgekehrt ist es für uns als Bank vor Ort schön, wenn ein gutes Projekt mit Hilfe der Bank gefördert werden kann.

bürgerAktiv Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Bürgerstiftung als Adressat für eine Zustiftung?

Uwe Schnurr Eine gute! Wir freuen uns, wenn jemand der Bürgerstiftung etwas vererben will – das sage ich natürlich auch als Mitglied des Vorstandes der Bürgerstiftung Baden-Baden – und haben auch schon Stiftungsfonds zu ihr vermittelt. Darauf hatte mich übrigens vor einiger Zeit die Aktive Bürgerschaft mit ihrer Seminarreihe zu Stiftungsfonds aufmerksam gemacht, die ich jeder Bürgerstiftung empfehlen kann. Voraussetzung ist, dass der gewünschte Stiftungszweck und der lokale Bezug zur Bürgerstiftung passt; Tierschutz geht beispielsweise nicht, wenn die Bürgerstiftung ihn nicht in ihren Zwecken hat. Und: Einen kompletten Nachlass mit Immobilien, der Wohnungseinrichtung und all den persönlichen Dingen aufzulösen, kann zu aufwändig für eine Bürgerstiftung sein. Die Bürgerstiftung Baden-Baden kann das nicht leisten. Eine Alternative ist, unsere bankeigene Volksbank Pur Stiftung als Erbin einzusetzen, mit der Auflage, dass das Geld in einen Stiftungsfonds geht, dessen Erträge an die Bürgerstiftung fließen. Dann nämlich können die Nachlassbegleiter der Volksbank die Abwicklung übernehmen.

Ein Nachlass ist oft komplizierter als man denkt. Zum Beispiel spielt Kryptowährung für immer mehr Leute eine Rolle. Dann muss man an die Bitcoins herankommen, die sind verschlüsselt. Umso besser, wenn wir noch zu Lebzeiten in der Beratung darauf stoßen.

Uwe Schnurr ist Abteilungsleiter im Team KompetenzCenter Stiftungsmanagement der Volksbank pur in Karlsruhe und Vorstandsvorsitzender der Volksbank pur-Stiftung. Ehrenamtlich engagiert er sich als Stellvertretender Vorsitzender in der Bürgerstiftung Baden-Baden.

Interview: Gudrun Sonnenberg
Foto: Volksbank pur eG

Das Interview ist Teil des Fokus Wenn Stiftungen erben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte November 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Bürgerstiftung St. Georgen: Plötzlich eine große Stiftung

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Plötzlich und ohne Vorabinformation fand sich 2022 die Bürgerstiftung St. Georgen als Alleinerbin eines kompletten Nachlasses wieder. Eine große Überraschung, aber auch eine große Aufgabe für das kleine Team der Bürgerstiftung. Wie hat sie diese gemeistert?

Die Bürgerstiftung St. Georgen im Schwarzwald gibt es seit 2011. Sie ist eine kleine Bürgerstiftung. Oder besser gesagt: war. Jahrelang förderte sie gemeinnützige Initiativen und Projekte in der 13.000-Einwohner-Stadt in eher bescheidenem Umfang – zur Verfügung standen die Erträge von 400.000 Euro Stiftungskapital. Doch 2022 und 2023 schnellte ihr Stiftungskapital plötzlich auf 1,8 Millionen Euro hoch. „Auf einmal gehörten wir zu den größten Stiftungen in der Region“, erzählt Vorstandsmitglied Erwin Müller. Der Grund waren eine Erbschaft und ein Vermächtnis. Beides höchst erfreulich für die Bürgerstiftung, aber auch mit einigem Aufwand verbunden.

Viel zu tun für das ehrenamtliche Team

Eine Mitbürgerin, die 20 Jahre zuvor nach St. Georgen gezogen war, hatte der Bürgerstiftung ihr gesamtes Hab und Gut vermacht – ohne vorher etwas zu verraten. Der plötzliche Vermögenszuwachs traf auf ein Team, das so klein war, wie es bei einer kleinen Bürgerstiftung eben ist: Sieben Stiftungsräte, drei Vorstände, alle ehrenamtlich und nur einer davon, Erwin Müller, war nicht (mehr) berufstätig und in der Lage, die erforderliche Zeit zu investieren.

Es gab richtig viel zu tun: Müller sortierte und verschenkte Haushaltsgeräte und Gegenstände aus der Wohnung an gemeinnützige Einrichtungen, holte die Bücher in die Bücherwand der Bürgerstiftung (Foto), verkaufte das Auto, verkaufte die Wohnung, übernahm die Vermögenswerte in die Buchhaltung der Bürgerstiftung. „Wir hätten die Wohnung auch behalten und vermieten können, aber für die Verwaltung fehlen uns die Kapazitäten“, sagt Müller.

Bürokratische Auflagen

Als Herausforderung erwies sich auch manch bürokratische Anforderung. So erhielt die Bürgerstiftung aus dem Vermächtnis unter anderem ein zwei Hektar großes landwirtschaftliches Grundstück. Sie verpachtete es an einen Landwirt. Trotz dieser der Grundstücksausweisung entsprechenden Nutzung machte allerdings das Landwirtschaftsamt einen Strich durch die Rechnung. Die Bürgerstiftung habe das Grundstück verkaufen müssen, weil eine landwirtschaftliche Fläche nur Landwirten gehören dürfe, erzählt Müller.

Öffentlichkeitsarbeit als Dreh- und Angelpunkt

Rückblickend erinnert er sich: „Ich muss sagen, ich war wirklich erleichtert, als das alles abgewickelt war.“ Nichtsdestotrotz hofft die Bürgerstiftung auf weitere Nachahmer. Denn mit dem Kapitalzuwachs kann sie deutlich wirkungsvoller fördern und ist weniger abhängig von Spenden. 2024 unterstützte sie mit 28.000 Euro Initiativen, Einrichtungen und Projekte – vom Kinderkonzert über den Handballverein und die Gesundheitswoche bis zur Radservice-Station. Diese Aktivitäten macht sie über die Presse bekannt und bespielt die Crossiety-App, eine Plattform für den lokalen Austausch. Denn die Öffentlichkeitsarbeit ist der Dreh- und Angelpunkt für die Kommunikation zum Thema Erbschaft, so Müller: „Wenn die Leute uns kennen, denken sie auch an uns, wenn sie einen sinnvollen Zweck für ihren Nachlass suchen.“

Zur Bürgerstiftung St. Georgen

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Roland Sprich
Das Bild zeigt die Vorstände der Bürgerstiftung St. Georgen, Thomas Wagner und Erwin Müller, vor der Bücherwand der Bürgerstiftung.

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BürgerStiftung Hamburg: Neues Handlungsfeld entwickelt

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Erbschaften haben wesentlich zur Entwicklung der BürgerStiftung Hamburg beigetragen. Als größte Bürgerstiftung Deutschlands setzt sie extra Ressourcen für die Abwicklung von Nachlässen ein. Doch als einmal eine Erbschaft mit der Auflage verbunden war, sich für Umweltschutz zu engagieren, musste sich die BürgerStiftung Hamburg etwas einfallen lassen.

„Für uns sind Erbschaften sehr wichtig“, sagt Dagmar Entholt-Laudien, Vorstandsvorsitzende der BürgerStiftung Hamburg. „Unsere bedeutsamen Entwicklungsschritte verdanken wir einigen wenigen Zustiftungen. Die meisten davon waren Erbschaften.“

Umweltbildung aufgebaut

Die großen Erbschaften machten jeweils einen Vermögenszuwachs im zweistelligen Millionenbereich aus. So auch 2019 jene Zustiftung mit der Auflage, etwas für den Umweltschutz zu tun. Umwelt? Da war die BürgerStiftung Hamburg noch nahezu blank. „Wir haben dafür ein neues Handlungsfeld aufgebaut. Der Zweck war offen formuliert, sodass wir das Thema selbst zuschneiden konnten“, sagt Entholt-Laudien. Die Stiftung fokussierte es auf Umweltbildung und richtete einen Jugendumweltrat ein: Junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren können mit einem eigenen, von der Stiftung zugewiesenen Budget Klima- und Umweltschutzprojekte junger Menschen in Hamburg fördern. Um sich und andere schlau zu machen, planen sie zudem Exkursionen, Workshops oder Fachvorträge.

„Um so ein Themenfeld aufzubauen, braucht es natürlich genügend Mittel. Man muss Feldforschung betreiben, was für Angebote es schon gibt und was man mit einem vernünftigen Verhältnis von Aufwand und Wirkung dauerhaft umsetzen kann“, sagt Entholt-Laudien. Da die Erbschaft in diesem Fall so groß war, kann die Bürgerstiftung den Zweck mit den jährlichen Erträgen verfolgen.

Zwei bis drei Erbschaften pro Jahr

Üblicherweise bewegen sich laut Entholt-Laudien die Erbschaften der BürgerStiftung Hamburg im niedrigen einstelligen Millionenbereich oder darunter. Zwei bis drei pro Jahr seien es im Durchschnitt. Um die Erblasser zu gewinnen, bietet die BürgerStiftung Hamburg eine Erbschaftsberatung an, die kostenlos ist, wenn die Ratsuchenden der Stiftung etwas hinterlassen wollen. Zurzeit entwickelt sie weitere Veranstaltungsformate für Interessenten.

Es kommen Teilnachlässe oder ganze Nachlässe bei der BürgerStiftung Hamburg an. Erbschaften, die nicht explizit als Zustiftung oder als Spende angeordnet sind, übernimmt sie je nach Bedarf als Spende oder Zustiftung. Zwei Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Betreuung des Nachlasses: Im Wesentlichen übernimmt eine die bürokratische Abwicklung, die andere die Organisation von Beisetzung und Wohnungsauflösung.

Menschliche Herausforderung

Wenn die Bürgerstiftung Alleinerbin ist, wird die Erbschaft zu einer sehr persönlichen Angelegenheit. Das ist auch eine menschliche Herausforderung. „Es kann durchaus schwierig sein, mit den privatesten Gegenständen eines Menschen konfrontiert zu werden“, sagt Entholt-Laudien. „Um dem Willen unserer Erblasser bestmöglich gerecht zu werden, legen wir großen Wert darauf, sie schon zu Lebzeiten kennen zu lernen und ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen zu haben. Meistens gelingt das auch.“

Zur BürgerStiftung Hamburg

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Anne Ackermann
Das Bild stammt aus dem Projekt greenKIDS Neuengamme, das von der BürgerStiftung Hamburg gefördert wird.

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Zahlen: Sicher ist nur das große Potenzial

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Neun Billionen Euro: So hoch ist laut Bundesbank das Vermögen aller Menschen in Deutschland. Gut ein Drittel davon – mehr als 3 Billionen Euro – dürfte in den vergangenen zehn Jahren vererbt worden sein, das wären rund 300 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Zahl stammt aus einer Schätzung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge für die Jahre 2015-2024. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostizierte 2017, dass bis 2027 jährlich rund 400 Milliarden pro Jahr vererbt würden.

Statistik auf Umwegen

Genaue Zahlen über Erbschaften gibt es nicht, da das Statistische Bundesamt und die Finanzämter nur steuerlich relevante Beträge melden. Die vielen Erbschaften, die unter den Freibeträgen liegen, werden so nicht erfasst. Deshalb lässt sich nur schwer beziffern, wie hoch der Anteil der Nachlässe ist, die an gemeinnützige Organisationen und Stiftungen vermacht wird.

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) erstellte 2020 eine Statistik aus Zahlen von 230 Organisationen, die das DZI-Spendensiegel erhalten hatten (zuletzt veröffentlicht im DZI Spenden-Almanach 2024). Diesen 230 Organisationen wurden nach deren Angaben rund 2,342 Milliarden Euro gespendet. Davon kamen rund 286 Millionen Euro aus Nachlässen – das entspricht 12,2 Prozent.

Das mag als Anhaltspunkt für eine Größenordnung dienen – aber nicht mehr. Denn schon wenn man eine Hochrechnung versuchte, indem man zwölf Prozent des gesamten Spendenvolumens ausrechnete, stieße man auf höchst unterschiedliche Zahlen: Die Angaben für 2024 reichten von 5,1 Milliarden Euro (Bilanz des Helfens des Deutschen Spendenrats) bis zu 12,5 Milliarden Euro (DZI).

Festhalten lässt sich an dieser Stelle, dass der Anteil der Vermögen, die an gemeinnützige Organisationen vererbt werden, bislang sehr gering dürfte, wenn man die Spendenzahlen den vererbten Vermögen insgesamt gegenüberstellt.

Die Tendenz ist steigend

Was sich trotz der schwierigen Datenlage sagen lässt: Die Tendenz, an gemeinnützige Organisationen zu vererben, ist steigend. Die oben genannte Summe des DZI von 286 Millionen Euro an Nachlässen aus dem Jahr 2020 ist eine Verdoppelung gegenüber dem Jahr 2000. Die Zahl der Menschen ohne Kinder steigt, und durch die demographische Entwicklung dürften in den kommenden Jahren mehr Vermögen vererbt werden. Laut Spendenmonitor 2024 des Fundraisingverbandes konnten sich 20 Prozent der 50- bis 70-Jährigen vorstellen, eine gemeinnützige Organisation in ihrem Testament zu berücksichtigen. In einer Umfrage der Deutschen Bank aus 2024 sagten 5 Prozent derjenigen, die angaben, sich schon einmal über das Thema Vererben Gedanken gemacht zu haben, dass ihr Erbe wohltätigen Organisationen zugute kommen solle. Für gemeinnützige Organisationen und Stiftungen lohnt es sich in jedem Fall, über die Ansprache von Erblassern nachzudenken und Menschen auf sich aufmerksam zu machen, die sich eine sinnvolle Verwendung für ihr Vermögen nach ihrem Tod wünschen.

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Drew Beamer/unsplash

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Fokus Oktober 2025: Zusammenhalten

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In Wahlen legen radikale Parteien zu, allen voran die AfD, in den sozialen Medien gehen Menschen mit Desinformation, Shitstorms und Hasskommentaren aufeinander los, Veranstaltungen werden abgesagt, Vorwürfe von Cancel Culture über Antisemitismus bis zu Kriegstreiberei füllen die medialen Auseinandersetzungen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt scheint bedroht: Im Deutschland Monitor 2024 (hier herunterladen) waren nur zwölf Prozent der Befragten der Meinung, dass es in der Gesellschaft einen großen Zusammenhalt gebe.

Allerdings sah die Sache vor Ort völlig anders aus: Knapp zwei Drittel der Befragten meinten, den Leuten bei ihnen vor Ort könne man trauen und man helfe sich gegenseitig.

Der Soziologe Holger Backhaus-Maul vom Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt bestätigt im Interview mit bürgerAktiv: „Wir haben eine breite Mitte, die grundlegende Überzeugungen teilt.“ In diesem Sinne unaufgeregt und tatkräftig versuchen Bürgerstiftungen, engagierte Schülerinnen und Schüler und Volksbanken, den Zusammenhalt zu stärken: Sie schaffen Räume für Begegnungen, gehen auf andere Menschen zu, organisieren gegenseitige Unterstützung und setzen sich für das Zusammenleben in ihren Gemeinden ein.

Lesen Sie im Fokus „Zusammenhalten“ folgende Beiträge:

Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland: Ringen um Verständigung

Die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland setzt sich seit langem für Integration und Beteiligung ein, doch die Herausforderungen wachsen: In den Außenbezirken und den umliegenden Dörfern siegte bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Bürgerstiftung engagierte sich im Vorfeld der Wahlen für demokratische Verständigung und entdeckte neue Möglichkeiten. Sie stieß jedoch auch an Grenzen.
Zum Beitrag

Bürgerstiftung Pfalz: An jeder Tür klingeln

Ein Dorf, aus dem Menschen wegziehen und in dem Gebäude leer stehen und verfallen, ist kein guter Ort für das Zusammenleben. Die Bürgerstiftung Pfalz wurde gegründet, um sich gegen diese Entwicklung zu stemmen und den Dörfern eine Zukunft zu verschaffen. Das Grundprinzip dabei: die Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer sollen selbst aktiv werden.
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Merianschule in Seligenstadt: Das Leben in der Stadt im Blick

Dosen gegen Altersarmut, Aktionen gegen Enkeltricks, Saubermachen am Mainufer – mit einer Vielzahl von Service-Learning-Projekten setzen sich die Schülerinnen und Schüler der Merianschule in Seligenstadt außerhalb ihrer Schule für die Menschen und das Zusammenleben in der Stadt ein.
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Ravensberger Schule in Bielefeld: Brücken von Jung nach Alt

Sie schenken Zeit, fördern Gemeinschaft, übernehmen Verantwortung: Mit ihrem Engagement im sozialgenial-Projekt „miteinander füreinander“ wollen Schülerinnen und Schüler der Ravensberger Schule in Bielefeld den Zusammenhalt in ihrer Nachbarschaft stärken. Regelmäßig besuchen 16 Jugendliche der Klassen 6 bis 9 soziale Einrichtungen – drei Kitas und ein Seniorenheim.
ZUM BEITRAG

Berliner Volksbank: „Wir ermöglichen Teilhabe“

Die Hauptstadt Berlin und ihr Umland haben viel zu bieten, aber hier prallen auch Gegensätze aufeinander. Die Berliner Volksbank fördert deshalb gezielt Projekte lokaler Vereine, Stiftungen und Initiativen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Eine besondere Rolle spielt dabei die Unterstützung für die Bürgerstiftungen in der Region.
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„Wir haben eine breite Mitte“

Unsere Gesellschaft ist polarisiert, aber die Mitte ist breit und gesellschaftlicher Zusammenhalt wird tagtäglich praktiziert. Man muss ihn bloß sehen wollen und können, sagt der Soziologe Holger Backhaus-Maul von der Universität Halle-Wittenberg. Im Interview mit bürgerAktiv berichtet er über wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Arbeit des bundesweit verorteten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ).
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Mehr zum Thema

bürgerAktiv Magazin 2024/25, Schwerpunkt Bürgerstiftungen, Titelstory ab Seite 6: „Mit vollem Einsatz für die gute Sache“ – hier HERUNTERLADEN
„Closed Shops“ in der deutschen Gesellschaft: Holger Backhaus-Maul zum ersten Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts für gesellschaftlichen Zusammenhalt – hier lesen
Aus Politik und Zeitgeschichte 42/2025: Gesellschaftlicher Zusammenhalt – hier lesen

Foto: Aleksandar Andreev / unsplash.com

Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland: Ringen um Verständigung

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Die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland setzt sich seit langem für Integration und Beteiligung ein, doch die Herausforderungen wachsen: In den Außenbezirken und den umliegenden Dörfern siegte bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Bürgerstiftung engagierte sich im Vorfeld der Wahlen für demokratische Verständigung und entdeckte neue Möglichkeiten. Sie stieß jedoch auch an Grenzen.

Die Jenaerinnen und Jenaer singen gemeinsam, befreien zu Hunderten beim „SaalePUTZ“ das Ufer ihres Flusses von Müll und Unrat, engagieren sich beim Freiwilligentag, tauschen sich beim Vereinsforum aus und ersteigern „unbezahlbare Gelegenheiten“ für den guten Zweck. Das alles organisiert die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland. Sie betreibt eine Freiwilligenagentur und eine Online-Plattform, um Vereine und Engagierte zusammenzubringen. Mit vielen Freiwilligen bewirtschaftet sie eine Streuobstwiese. Die Bürgerstiftung versteht sich als Dreh- und Angelpunkt des Engagements in der Stadt und setzt alles daran, die Bürgerinnen und Bürger zusammenzubringen.

Podiumsdiskussion und Proteste

Das steckte auch hinter ihrem Bemühen, als sie 2024 im Vorfeld der thüringischen Kommunalwahlen eine Podiumsdiskussion mit Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Stadtparlament für Schülerinnen und Schüler anbot, um ihnen die Gepflogenheiten der Demokratie näherzubringen. Sie sei sehr gut besucht worden, berichtet die Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung, Barbara Albrethsen-Keck, die Schüler seien klassenweise gekommen. Alle Parteien seien eingeladen gewesen und bis auf den AfD-Vertreter auch gekommen. Vor der Bundestagswahl 2025 wollte die Bürgerstiftung die Podiumsdiskussion wiederholen. Diesmal sagte der AfD-Vertreter zu und prompt brach ein Proteststurm los. Die Amadeu Antonio Stiftung zog ihre Förderung für die Moderation der Veranstaltung zurück, antifaschistische Aktivisten kündigten an, die Veranstaltung zu blockieren, der Veranstaltungsraum wurde gekündigt. Innerhalb der Bürgerstiftung brach eine Kontroverse aus, denn eigentlich gibt es einen Beschluss, nicht mit der AfD zu sprechen, den viele durch die Veranstaltung verletzt sahen, mochte sie auch noch so neutral konzipiert sein. „Wir haben die Diskussion abgesagt“, sagt Albrethsen-Keck.

Nachgefragte Demokratie-Workshops

Dagegen stießen die Workshops zum Thema „Für eine wehrhafte Demokratie und Zivilgesellschaft“ auf ungeteilte Zustimmung. Sie schulten die Teilnehmenden darin, zu argumentieren, auf antidemokratische und rechtsextreme Äußerungen schlagfertig zu antworten, „damit so etwas nicht einfach im Raum stehen bleibt“, so Albrethsen-Keck. Aufgrund der Nachfrage bietet die Bürgerstiftung diese Workshops auch nach den Wahlen weiterhin an.

Unterschiedliche Resonanz bei neu eingebürgerten Jenaer Bürgern

Eine andere Überraschung war die geringe Beteiligung bei einer thematisch ähnlichen Veranstaltung, die sich an frisch eingebürgerte Jenaerinnen und Jenaer richtete. Eine Erklärung hat Albrethsen-Keck dafür nicht. „Wir bleiben dran“, verspricht sie. In anderen Formaten funktioniert das Engagement der Bürgerstiftung für Menschen mit Migrationshintergrund besser. Schon seit einigen Jahren organisiert sie Chancenpatenschaften von Jenaer Bürgerinnen und Bürger für Geflüchtete, und ein aktuelles Projekt vollzieht nun einen Rollenwechsel: Geflüchtete Menschen bieten selbst Workshops für die Bevölkerung an und integrieren sich so in die Reihen der Engagierten, die bei der Bürgerstiftung mitmachen.

Zur Bürgerstiftung Jena 

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Bürgerstiftung Pfalz: An jeder Tür klingeln

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Ein Dorf, aus dem Menschen wegziehen und in dem Gebäude leer stehen und verfallen, ist kein guter Ort für das Zusammenleben. Die Bürgerstiftung Pfalz wurde gegründet, um sich gegen diese Entwicklung zu stemmen und den Dörfern eine Zukunft zu verschaffen. Das Grundprinzip dabei: Die Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer sollen selbst aktiv werden.

„Wir wollen nicht von außen fördern“, sagt Christiane Steinmetz, Vorständin der Bürgerstiftung Pfalz. Schon bei ihrer Gründung vor 20 Jahren hat sich die Bürgerstiftung Pfalz als Dachstiftung verstanden und Partnerstiftungen in den Dörfern ihrer Region errichtet, mit denen Projekte finanziert werden können. Durch Zustiftungen und Erbschaften sind so Treuhandstiftungen mit jeweils einem Kapital von ein bis drei Millionen Euro entstanden. „Die Stiftungen in den Dörfern sind der Topf, wenn es Geld regnet“, sagt Steinmetz. Dafür, dass die Bewohnerinnen und Bewohner um die Töpfe wissen, sorgen Spendenwerbungen: „In den kleinen Dörfern wird an jedem Haus geklingelt.“

Neun „Zukunftsdörfer“

Das Konzept für die Ortschaften heißt „Zukunftsdörfer“. Neun solche Dörfer gibt es bereits und die Projekte, die in ihnen entstehen, sollen zehn Innovationsfelder bestellen, darunter Gemeinschaft, Nachhaltige Bau- und Wohnkultur, Energie, Ernährung, Gesundheit, neue Arbeitsfelder. In den Projekten sollen sie sich verzahnen: Unter anderem investiert die Bürgerstiftung in Grundstücke und Gebäude, um diese vor dem Leerstand zu retten und einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Die Immobilienprojekte nutzen nachhaltige Energie und schaffen Räume für Gemeinschaft und Gesundheitsversorgung, die wiederum neue Arbeitsmöglichkeiten für die Dorfbewohner bieten – so die Idee.

Stiften für das eigene Dorf

Wichtig sei, dass gestiftetes und gespendetes Geld im Dorf bleibe, sagt Steinmetz. Als ein Beispiel nennt sie die Herta Kuhn Höfe in Kirrweiler. Die inzwischen verstorbene Namensgeberin hatte leerstehende Immobilien im Ortskern aufgekauft und der Bürgerstiftung Kirrweiler, einer Unterstiftung der Bürgerstiftung Pfalz, übertragen. Unter dem Namen Herta Kuhn Höfe ist hier nun eine Wohnpflege eingerichtet. Die Herta Kuhn Stiftung, ursprünglich Fonds unter dem Dach der Bürgerstiftung Kirrweiler, ist aufgrund der Projektgröße inzwischen in eine eigenständige Stiftung umgewandelt worden, mit der man jetzt bei weiteren Projekten zusammenarbeitet, wie Steinmetz erläutert.

Die Bürgerstiftung will die Projekte und Strukturen immer partizipativ mit den Dorfbewohnern entwickeln. Schon bei ihrer Gründung befragte sie die Bürgerinnen und Bürger, was ihnen auf dem Herzen liege – das Dorfsterben, der Klimawandel und der demographische Wandel wurden damals genannt. Die Bürgerstiftung selbst unterstützt die Engagierten strukturell, dort, wo sie vor Ort allein überfordert wären. So hat sie eine Genossenschaft gegründet, die die Gebäude der Stiftungen betreibt, also verpachtet oder vermietet. Sie verwaltet die Partnerstiftungen. Und sie beobachtet und moderiert die Prozesse in den Dörfern. Aktuell entwickelt sie einen Zukunftsdorfrat – über das Gremium soll die Kommunikation mit dem Gemeinderat sichergestellt werden.

Bürgerstiftung Pfalz
Zukunftsdörfer

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Steffen062/Wikimedia Commons

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Merianschule in Seligenstadt: Das Leben in der Stadt im Blick

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Dosen gegen Altersarmut, Aktionen gegen Enkeltricks, Saubermachen am Mainufer – mit einer Vielzahl von Service-Learning-Projekten setzen sich die Schülerinnen und Schüler der Merianschule in Seligenstadt außerhalb ihrer Schule für die Menschen und das Zusammenleben in der Stadt ein.

Seit dem Schuljahr 2022/23 macht die Haupt- und Realschule im Service-Learning-Programm sozialgenial der Aktiven Bürgerschaft mit. Dabei ist sozialgenial an der Schule zu einem Konzept gereift, das insgesamt auf vielfältige Weise den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

Innerhalb der Schule geht es insbesondere um Integration. Die Schülerschaft ist vielfältig und multikulturell, viele Kinder haben einen Flucht- oder Migrationshintergrund. So auch im sozialgenial-Kurs im Wahlpflichtbereich, der damit den idealen Raum bietet, um sich zu überlegen, wie Integration in Schule und Gesellschaft gelingen kann.

Projekte für die Integration geflüchteter Menschen

Daraus sind mehrere Projekte mit Integrationsbezug innerhalb der Schule, aber auch außerhalb entstanden: Die Schülerinnen und Schüler organisierten einen Begegnungsnachmittag für Familien mit Flucht- oder Migrationsgeschichte, die in Unterkünften der Caritas in der Nachbarschaft leben. Bei einem Umsonst-Flohmarkt und mit Lebensmittelspenden aus der Aktion „Weihnachten in der Tüte“ unterstützten sie die Bewohner einer weiteren Geflüchtetenunterkunft. Innerhalb der Schule engagierten sich die Schülerinnen und Schüler der DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) selbst mit verschiedenen Angeboten wie einer Schulrallye, um den Neuen ihrerseits das Ankommen zu erleichtern.

Spendensammlung vor dem Supermarkt

Aus der Schule heraus versuchen die Merianschüler das Miteinander der 22.000 Einwohnerinnen und Einwohner in Seligenstadt zu stärken. Beispielsweise setzten ihre „Aktionstage für die Haltestelle Seligenstadt“ – die „Haltestelle“ ist die lokale Tafel – ein sichtbares Zeichen, sich um die Mitmenschen zu kümmern: Vor einem Supermarkt baten die Schülerinnen und Schüler dessen Kunden, zusätzliche Produkte zu kaufen und für die „Haltestelle“ zu spenden.

Beratung für ältere Menschen

Weitere Projekte: Schülerinnen und Schüler organisierten einen Aktionstag, um ältere Menschen vor Trickbetrügern zu warnen – mit Flyern, Comics und Plakaten informierten sie über Enkeltrick, Schockanrufe und andere Maschen. Bei „Jung trifft Alt“ bastelten sie gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Cura Pflegehauses herbstliche Dekorationen und lernten den Umgang mit Rollstühlen. Mit „Plätzchen für Obdachlose“ sorgten sie in der Adventszeit für Momente der Wärme und Wertschätzung. Quasi vor der eigenen Haustür gekehrt haben Schülerinnen und Schüler, als sie das Ufer des Mains reinigten.

Die Schülerinnen und Schüler profitieren von den sozialgenial-Projekten, indem sie ihre Kompetenzen erweitern und die Schulgemeinschaft fördern. Die Merianschule verankert sich mit dem Engagement in der Stadt. Die Stadtgesellschaft gewinnt durch das Engagement junge Mitbürgerinnen und Mitbürger, die frühzeitig erlebt haben, dass sie Verantwortung übernehmen und etwas zum Guten bewirken können.

Text: Sonja Beckmann
Foto: Merianschule Seligenstadt

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Ravensberger Schule in Bielefeld: Brücken von Jung nach Alt

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Sie schenken Zeit, fördern Gemeinschaft, übernehmen Verantwortung: Mit ihrem Engagement im sozialgenial-Projekt „miteinander füreinander“ wollen Schülerinnen und Schüler der Ravensberger Schule in Bielefeld den Zusammenhalt in ihrer Nachbarschaft stärken. Regelmäßig besuchen 16 Jugendliche der Klassen 6 bis 9 soziale Einrichtungen – drei Kitas und ein Seniorenheim.

„Wann ist endlich wieder Donnerstag?“ Diese Frage hört man seit dem vergangenen Schuljahr häufiger auf den Fluren der Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache. Donnerstag ist Projekttag, dann machen sich die Schülerinnen und Schüler auf den Weg zu ihren Einsatzorten. Mal wird vorgelesen oder gebastelt, mal gespielt, mal einfach nur zugehört. Die Schülerinnen und Schüler lernen durch ihr Engagement andere Lebenswelten kennen. Es entstehen Begegnungen, die die Generationen verbinden und Brücken bauen.

Austausch im Seniorenheim

Im Seniorenheim entwickeln sich Gespräche über früher und heute, ein Austausch etwa über Schule oder Kindheit. Die Jugendlichen erfahren die Wertschätzung der alten Menschen und merken, dass ihre Offenheit Verständnis und Vertrauen herstellt. Ebenso wertvoll ist die gemeinsame Zeit für die Senioren, sie genießen die Abwechslung und freuen sich, ihre Erfahrungen weiterzugeben.

In den Kitas erleben die Jugendlichen, wie sehr ihre Unterstützung geschätzt wird. Sie toben mit den Kindern, erklären, bauen Sandburgen, trösten und lesen Geschichten vor. Besonders die Jungen genießen die Aufmerksamkeit der Kinder, denn männliche Bezugspersonen sind dort selten.

Das Service-Learning-Projekt ist im Stundenplan verankert und wird durch Reflexionsrunden ergänzt: Welche neuen Ideen gibt es? Was lief gut? Was hat überrascht? „Das ist Sprachförderung und Sozialtraining in einem“, sagt Lehrerin Kirsten Schilling, die das Projekt betreut.

Entstanden ist „miteinander füreinander“ in einer Projektwoche. Eine Warteliste zeigt das große Interesse der Schülerinnen und Schüler. Auch die Einrichtungen wünschen sich eine langfristige Kooperation. Im Schuljahr 2025/26 wird das Projekt fortgesetzt – als gelungenes Beispiel dafür, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt im Kleinen beginnt.

Text: Sonja Beckmann
Foto: Ravensberger Schule

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Berliner Volksbank: „Wir ermöglichen Teilhabe“

1024 717 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Die Hauptstadt Berlin und ihr Umland haben viel zu bieten, aber hier prallen auch Gegensätze aufeinander. Die Berliner Volksbank fördert deshalb gezielt Projekte lokaler Vereine, Stiftungen und Initiativen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Eine besondere Rolle spielt dabei die Unterstützung für die Bürgerstiftungen in der Region.

„Es gibt viele engagierte Initiativen, die Unterstützung verdienen – aber unsere Mittel sind begrenzt. Gleichzeitig beobachten wir, dass sich gesellschaftliche Herausforderungen wie Einsamkeit, Bildungsungleichheit oder finanzielle Unsicherheit verschärfen. Umso wichtiger ist es, gezielt dort zu helfen, wo unser Engagement echte Wirkung entfalten kann“, sagt Mert Özgüvenc, Leiter Nachhaltigkeit der Berliner Volksbank (Foto).

Hier kommt die Unterstützung für die Bürgerstiftungen in der Region mit dem w!r-Stiftungsfonds unter dem Dach der Stiftung Aktive Bürgerschaft ins Spiel. Regelmäßig können die Bürgerstiftungen Mittel für ihre Projekte beantragen – erst im Mai 2025 wurde eine Förderung für bis zu neun Projekte zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgeschrieben.

Fonds für Bürgerstiftungen als zentrales Instrument

„Der Fonds ist ein zentrales Instrument, mit dem wir zielgerichtet etwas für den sozialen Zusammenhalt in unserer Region tun können“, sagt Özgüvenc. „Gerade die Bürgerstiftungen tragen mit ihrer täglichen Arbeit viel zum Zusammenhalt in Kiezen und Gemeinden bei. Denn als lokal verwurzelte Organisationen wissen sie genau, welche Projekte vor Ort gebraucht werden. Die Idee kam übrigens von unseren Mitgliedern. Das macht den Fonds für uns zu etwas ganz Besonderem.“

Lokale Initiativen unterstützen

Eine weitere wichtige Säule ihres Engagements ist die Plattform „Viele schaffen mehr“ der Berliner Volksbank. Auf ihr können gemeinnützige Organisationen aus Berlin und Brandenburg Projekte einstellen und um finanzielle Unterstützung werben. Für Mitgliedervereine und Vereinskunden verdoppelt die Volksbank dann die Spenden. Es geht ums Ermöglichen: „Damit dieser Zusammenhalt entstehen und wachsen kann, braucht es sowohl das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft als auch die aktive Bereitschaft, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Indem wir lokale Initiativen unterstützen, ermöglichen wir genau diese Formen der Teilhabe“, sagt Özgüvenc. „Wir schaffen Räume für Begegnung, fördern ehrenamtliches Engagement und stärken die sozialen Netzwerke in den Kiezen und Gemeinden. Unser Beitrag liegt darin, bestehende Strukturen zu stärken und neue Impulse für das gesellschaftliche Miteinander vor Ort zu unterstützen – dort, wo Zusammenhalt gelebt und erlebbar wird.“

Zum w!r-Stiftungsfonds
Zum Crowdfunding

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Marcel Schwickerath / Berliner Volksbank

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

„Wir haben eine breite Mitte“

1024 946 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Unsere Gesellschaft ist polarisiert, aber die Mitte ist breit und gesellschaftlicher Zusammenhalt wird tagtäglich praktiziert. Man muss ihn bloß sehen wollen und können, sagt der Soziologe Holger Backhaus-Maul von der Universität Halle-Wittenberg. Im Interview mit bürgerAktiv berichtet er über wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Arbeit des bundesweit verorteten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt.

bürgerAktiv Alle sprechen von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Was ist das eigentlich?

Holger Backhaus-Maul In der Wissenschaft fassen wir darunter alles, was dazu beiträgt, eine Gesellschaft zusammenzuhalten, also etwa Werte und Normen, Infrastrukturen und Handlungspraktiken. Politisch ist dieser vieldeutige Begriff sehr positiv belegt, aber wissenschaftlich schauen wir tiefer und auch kritisch darauf. Denn es gibt – grob vereinfacht – mindestens zwei Varianten des Zusammenhalts: einen sozialen, der Brücken baut über Milieus, Klassen und Nationen hinweg. Und andererseits eine Vorstellung von gesellschaftlichem Zusammenhalt, die nur bestimmte Gruppen oder Milieus einbezieht – etwa „deutsche weiße Männer“ oder die eigene Peer-Gruppe – und sich folglich von anderen abgrenzt. Insofern ist gesellschaftlicher Zusammenhalt wissenschaftlich betrachtet durchaus ambivalent.

bürgerAktiv Wie misst man den Zusammenhalt?

Holger Backhaus-Maul Man kann die Einstellungen von Bürgerinnen und Bürgern oder ihre Handlungspraktiken untersuchen. Im Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) befragen wir beispielsweise quantitativ und repräsentativ die Wohnbevölkerung in Deutschland zu ihren Einstellungen und Erfahrungen in allen Bereichen gesellschaftlichen Zusammenhalts von der eigenen Lebenssituation über das Wohnumfeld bis zur öffentlichen Infrastruktur. In den Antworten kristallisiert sich heraus, was die Bürgerinnen und Bürger unter gesellschaftlichem Zusammenhalt verstehen und was ihnen dabei wichtig ist.

Die andere Forschungsmethode ist qualitativ. Wir haben unter anderem Service Learning an Schulen und Hochschulen untersucht und Schülerinnen gefragt, was sie dort tun und ob sie auch mit anderen, ihnen fremden Milieus und Gruppen in Kontakt kommen. Da stellten sich neue Bezüge her, beispielsweise zu Menschen in einem Altenheim. Schüler sagten: Ich hab noch nie etwas mit alten Pflegebedürftigen zu tun gehabt. Oder: Ich hatte vorher keine Erfahrungen mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Service Learning kann zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen, indem es Begegnungen mit bisher fremden sozialen Gruppen, Milieus und Schichten ermöglicht.

bürgerAktiv Das heißt, Zusammenhalt ist nicht erst die Bereitschaft sich zu unterstützen, sondern schon die Kenntnis voneinander.

Holger Backhaus-Maul Ja. Zusammenhalt hat viel damit zu tun, zu handeln, Erfahrungen zu machen und darüber nachzudenken; gerade in einer Gesellschaft, die wie die deutsche – medial aufgeputscht – zumindest in Teilen permanent aufgeregt zu sein scheint.

„Eine Spaltung wie in den USA anzunehmen, ist falsch.“

bürgerAktiv Ist die Gesellschaft gespalten?

Holger Backhaus-Maul Nein. Wir haben eine breite vielfältige Mitte, die grundlegende Überzeugungen teilt. Eine Spaltung im US-amerikanischen Sinne anzunehmen, wo sich in etwa gleichgroße Lager unversöhnlich gegenüberstehen, ist für die deutsche Gesellschaft völlig falsch. In der ersten großen Erhebung des FGZ, dem sogenannten Zusammenhaltspanel, haben Olaf Groh-Samberg und Kolleginnen eine gewisse Polarisierung festgestellt und konnten nachweisen, dass es Gruppenbildung gibt – ungefähr das, was man umgangssprachlich als „Blasen“ bezeichnet, in denen immer die gleichen mit den gleichen diskutieren, sich wechselseitig bestätigen und gegenüber der Außenwelt quasi einigeln.

In der aktuellen zweiten Phase des FGZ-Zusammenhaltspanels schauen wir stärker auf die Mitte der Gesellschaft. Wir reden von einem Anteil von über 70 Prozent, die zum Beispiel bereit sind, konkrete Maßnahmen zur Bewältigung der Effekte der Klimakrise mitzutragen. Bürgerinnen und Bürger zeigen sich informiert, dialog- und handlungsbereit; das Konstruktive und Pragmatische der Mitte der deutschen Gesellschaft wird derzeit verkannt.

bürgerAktiv Was braucht es, um die Ränder nicht weiter wachsen zu lassen und damit die Mitte breit bleibt?

Holger Backhaus-Maul Die Reizpunkte der Gesellschaft sollten medial und politisch nicht ständig bedient werden. Ob ein Veggie-Schnitzel Schnitzel heißen darf, ist so ein typisches Beispiel für einen Triggerpunkt, der dazu führt, dass die Polarisierung weitergetrieben wird. Sinnvoller wäre es, einen konstruktiven Blick auf die Mitte der Gesellschaft zu richten, denn sie hat ein massives Repräsentationsproblem. Ihre Anliegen werden im Parteiensystem nicht wirklich aufgegriffen. Wir erleben seit Jahrzehnten, dass Parteien, die sich selbst früher als Volksparteien verstanden haben, nicht mehr in der Lage sind, die profunden und zugleich differenzierten Interessen von Bürgerinnen und Bürgern zu erfassen und abzubilden. Die großen Parteien wie CDU und SPD schrumpfen – ihre Stammmitglieder, so Wolfgang Streeck bereits in den 1980er Jahren, sterben aus. Und in Ostdeutschland haben sie wenige Mitglieder und finden kaum Resonanz. Gleichzeitig gewinnen in Wahlen auf kommunaler Ebene häufiger parteiunabhängige Kandidaten und Kandidatinnen, übrigens auch gegen AfD-Kandidaten, wie jüngst etwa in Brandenburg und auch in Nordrhein-Westfalen. Ein gesamtdeutscher Trend …

„Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger muss gesellschaftspolitisch an Profil gewinnen.“

bürgerAktiv Was kann das bürgerschaftliche Engagement dazu beitragen, dass die Gesellschaft zusammenhält und die Mitte gestärkt wird?

Holger Backhaus-Maul Beispielsweise in Bürgerstiftungen, Selbsthilfegruppen oder Handlungsformen wie Service Learning können Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen gestalten und sie können auch mitentscheiden.

Wichtig ist aber, dass Kommunalpolitik Bürgerinnen und Bürger ernst nimmt und diesen Mitgestaltungsmöglichkeiten tatsächlich auch eröffnet. Das ist eine wichtige Übung! Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland macht ja deutlich, dass Parteien an der Willensbildung des Volkes mitwirken. Das wird oft missverstanden. Manche Parteienvertreter meinen, dass die politische Willensbildung nur durch Parteien geschieht – eine folgenreiche Fehlinterpretation. Die organisierten Formen des Engagements von Bürgern sind ein wichtiges Instrument der Willensbildung, um die akute Repräsentationslücke der Mitte zu schließen.

Gleichwohl müssen aber auch die Formen des Engagements von Bürgerinnen und Bürgern gesellschaftspolitisch an Profil gewinnen. Im Engagement von Bürgerstiftungen und im Service Learning von Studierenden und Schülern geht es nicht nur um „die gute Tat“, sondern auch um gesellschaftspolitische Anliegen. Das muss man allerdings wollen und sich darüber klar werden. Wenn man sich mit weichen Brötchen bei einem Jahresempfang abspeisen lässt oder sich freut, wenn auf der Lokalseite steht, was man „Gutes“ getan hat, so ist das zu wenig, um gesellschaftspolitisch Wirkung zu entfalten.

Dr. Holger Backhaus-Maul ist Soziologe und Verwaltungswissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg und im bundesweiten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Er ist Mitglied des Vorstands der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Im bundesweiten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) betreiben seit 2020 acht Universitäten und drei außeruniversitäre Forschungseinrichtungen Grundlagenforschung und anwendungsnahe Forschung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Am 13. November 2025 veröffentlicht das Institut seinen zweiten Zusammenhaltsbericht.

Zum FGZ

Die Fragen stellte Gudrun Sonnenberg.
Foto: Michael Lüder

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Fokus September 2025: Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft?

1024 683 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Die Bürgerstiftungen in Deutschland wachsen: Bis einschließlich 2024 haben sie insgesamt eine Milliarde Euro mobilisiert. Rund zwei Drittel davon sind Stiftungskapital. Das ist eine gute Nachricht, sagt Stefan Nährlich von der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Denn: „Das Kapital macht die Bürgerstiftungen langfristig unabhängig.“ In einer Zeit, in der Fördermittel für Nichtregierungsorganisationen ins Kreuzfeuer rücken, kann sich Unabhängigkeit als großer Vorteil erweisen. Zumal, wenn dahinter hunderttausende Ehrenamtliche stehen, die sich bei den Bürgerstiftungen engagieren.

Doch wofür werden sie sich in den kommenden Jahren einsetzen und welche Herausforderungen müssen sie bewältigen? Sind sie fit für die Zukunft? Das fragen Bernadette Hellmann und Stefan Nährlich von der Stiftung Aktive Bürgerschaft im Fokus „Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft?“ der bürgerAktiv Nachrichten für Engagierte. Anlass sind die neuen Zahlen des Report Bürgerstiftungen 2025 der Aktiven Bürgerschaft. 73 Prozent der Bürgerstiftungen haben sich an der Befragung beteiligt. Der Report enthält auch ein Benchmark, der zentrale Kennziffern der Bürgerstiftungen vergleicht. An den Top Ten zeigt sich, wo die Entwicklung hingehen wird.

Lesen Sie im Fokus „Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft?“ folgende Beiträge:

Die neuen Zahlen: Milliardenmarke überschritten

Die Bürgerstiftungen in Deutschland haben seit 1996 ein Volumen von einer Milliarde Euro mobilisiert, um das Gemeinwohl zu unterstützen. Das zeigt der aktuelle Report Bürgerstiftungen der Stiftung Aktive Bürgerschaft, der am 25. September 2025 veröffentlicht wurde. Hinter der Zahl stehen 435 Bürgerstiftungen und 400.000 Menschen, die sich in und mit ihnen für das Gemeinwohl engagieren.
Zum Beitrag

Top Ten beim Wachstum: Bürgerstiftung Stockach

Stockach ist eine kleine Stadt am Bodensee mit rund 17.000 Einwohnern. Für die Bürgerstiftung haben sie ein Stiftungskapital von knapp vier Millionen Euro zusammengebracht. Erst 2024 kam eine Immobilie im Wert von rund 700.000 Euro hinzu – der Zugewinn sorgte dafür, dass die Bürgerstiftung in die Top Ten im Bürgerstiftungs-Benchmark der Stiftung Aktive Bürgerschaft aufstieg
Zum Beitrag

Top Ten bei Spenden: Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück

Die Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück wirbt sehr erfolgreich Spenden ein. Im aktuellen Bürgerstiftungs-Benchmark der Stiftung Aktive Bürgerschaft zählt sie zu den Top Ten. Zu den Geheimnissen ihres Erfolges gehört ein zuverlässiges Patenschaftensystem, das sie schon kurz nach ihrer Gründung ins Leben rief.
Zum Beitrag

Partner Volksbank Vorpommern: Mit der Bürgerstiftung eine Struktur geschaffen

377 der 435 Bürgerstiftungen in Deutschland werden von Genossenschaftsbanken unterstützt. Die Volksbank Vorpommern ist eine dieser Unterstützerinnen. Zusammen mit der Bürgerstiftung Vorpommern setzt sie sich für die Region ein und macht Angebote für Menschen, die ihr Vermögen für eine gute Sache stiften möchten.
Zum Beitrag

„Ich bin gespannt, wie sich die Bürgerstiftungen verhalten werden“

Sind die Bürgerstiftungen in Deutschland fit für die Zukunft? Darüber denken Bernadette Hellmann und Stefan Nährlich von der Stiftung Aktive Bürgerschaft nach. Im Gespräch tauschen sie aus, welche Strategien, Stärken und Herausforderungen sie in ihrer Arbeit für die Bürgerstiftungen beobachten.
Zum Gespräch

Mehr zum Thema

Report Bürgerstiftungen 2025 – die neuen Zahlen
Support und Infos für Bürgerstiftungen: Die Angebote der Stiftung Aktive Bürgerschaft
Die eigene Bürgerstiftung finden: Der Bürgerstiftungsfinder der Stiftung Aktive Bürgerschaft
bürgerAktiv Magazin 2024/25, Schwerpunkt Bürgerstiftungen: „Mit vollem Einsatz für die gute Sache“ – hier herunterladen

Foto: Bürgerstiftung Stockach

Die neuen Zahlen: Milliardenmarke überschritten

1024 576 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Die Bürgerstiftungen in Deutschland haben seit 1996 ein Volumen von einer Milliarde Euro mobilisiert, um das Gemeinwohl zu unterstützen. Das zeigt der aktuelle Report Bürgerstiftungen der Stiftung Aktive Bürgerschaft, der am 25. September 2025 veröffentlicht wurde.

Hinter der Zahl stehen 435 Bürgerstiftungen und 400.000 Menschen, die sich in und mit ihnen für das Gemeinwohl engagieren.

Die Summe von 1 Milliarde Euro setzt sich zusammen aus 684 Millionen Euro an Stiftungskapital, 264 Millionen Euro an Spenden und rund 52 Millionen Euro an Fördermitteln, die die Bürgerstiftungen seit Gründung der ersten Bürgerstiftung in Deutschland 1996 eingeworben haben.

In dieser Zeit haben sie insgesamt 338 Millionen an Fördermitteln für gemeinnützige Zwecke ausgegeben.

Im Befragungszeitraum 2023 und 2024 für den aktuellen Report haben die Bürgerstiftungen ihr Stiftungskapital zusammengenommen um 130 Millionen Euro erhöht. Unter anderem bieten sie inzwischen ein Dach für 1001 Stiftungsfonds und Treuhandstiftungen. 110 Stiftungsfonds sind in den vergangenen beiden Jahren hinzugekommen. Darüber hinaus haben die Bürgerstiftungen 2023 und 2024 46,4 Millionen Euro an Spenden gesammelt.

Die Stiftung Aktive Bürgerschaft befragt alle zwei Jahre alle deutschen Bürgerstiftungen nach ihren Finanzkennzahlen und weiteren ausgewählten Themen, um ihren Support für die Bürgerstiftungen zu optimieren. Der Rücklauf der aktuellen Befragung lag bei über 73 Prozent.

Zur Webseite „Bürgerstiftungen in Zahlen“ der Stiftung Aktive Bürgerschaft
Zum Faktenblatt „Report Bürgerstiftungen 2025“

Der Beitrag ist Teil des Fokus Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte September 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Text: Gudrun Sonnenberg

Top Ten beim Wachstum: Bürgerstiftung Stockach

1024 768 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Stockach ist eine kleine Stadt am Bodensee mit rund 17.000 Einwohnern. Für die Bürgerstiftung haben sie ein Stiftungskapital von knapp vier Millionen Euro zusammengebracht. 2024 kam noch eine Immobilie im Wert von rund 700.000 Euro hinzu – der Zugewinn sorgte dafür, dass die Bürgerstiftung in die Top Ten im Bürgerstiftungs-Benchmark der Stiftung Aktive Bürgerschaft aufstieg.

„Stockach hat eine sehr engagierte Bürgerschaft“, nennt Jürgen Koterzyna vom Vorstand der Bürgerstiftung Stockach als wesentlichen Grund für den Erfolg. Bei der Gründung 2008 waren schon 110 Stifterinnen und Stifter dabei. Seither gibt es immer wieder Zustiftungen in den Kapitalstock der Bürgerstiftung. Außerdem hat sie fünf Stiftungsfonds, zwei davon in Millionenhöhe. Stiftungsfonds sind größere Zustiftungen, die die Stifter mit ihrem Namen oder einem bestimmten Zweck verbinden können. 2024 erbte die Bürgerstiftung eine Immobilie, mit der ihr Vermögen um weitere 700.000 Euro wuchs.

Die Stiftungsfonds konzipiert sie in Absprache mit den Stiftenden so, dass der Zweck möglichst breit ist und auch bei Veränderungen noch tätig bleiben kann, beispielsweise indem sie den Breitensport oder den Jugendsport fördert oder Konzerte – dieser Zuschnitt lässt den nötigen Spielraum, um für lange Zeit fördern zu können.

Sichtbar als aktive Mitmachstiftung

Die Leute kommen auf sie zu, sagt Koterzyna. Die Bürgerstiftung sei einem „harten Kern“ in Stockach wohlbekannt. Anderen Bürgerinnen und Bürgern müsse man allerdings noch erklären, was sie mache. Deshalb und um jüngere Menschen anzusprechen, hat die Bürgerstiftung ihre Öffentlichkeitsarbeit intensiviert, kommuniziert digital und in den sozialen Medien und hat ein neues Logo entwickelt. Sie stellt sich auch mit einem Stand auf, wenn in der Stadt Feste gefeiert werden. „Wir sind sehr sichtbar und versuchen, uns als eine aktive Mitmach-Stiftung zu präsentieren“, sagt Koterzyna. Zu den zahlreichen Aktivitäten, die die Bürgerstiftung vorzeigen kann, gehören regelmäßige Zuwendungen an Sport- und Kultureinrichtungen, Schulen oder Krankenhäuser. Die Bürgerstiftung fördert zahlreiche Aktivitäten vom Sonnensegel auf dem Spielplatz über die Erlebniswoche der Jugendpflege für Kinder zwischen 9 und 13 Jahren, Konzerte, Führungen im Stadtmuseum bis hin zu Vogelnistkästen und Stadtfesten.

Insgesamt 25 Ehrenamtliche machen das möglich. Sie haben sich in Arbeitsgruppen eingeteilt und unterstützen die ebenfalls ehrenamtlichen Vorstände bei der Vermögensverwaltung, der Auswahl der Förderanträge und der Öffentlichkeitsarbeit.

Neben der Förderung mit den Erträgen aus dem Stiftungskapital wirbt die Bürgerstiftung auch Spenden ein, rund 56.700 waren es 2024. Dem standen 130.000 Euro Erträge gegenüber.

Zur Bürgerstiftung Stockach

Die Bürgerstiftung Stockach gehört zu den erfolgreichsten Bürgerstiftungen in ganz Deutschland.  Im Benchmark des „Report Bürgerstiftungen 2025“ erzielte sie eine Top-Ten-Platzierung in den Kategorien Vermögenswachstum absolut und pro Kopf.

Der Bürgerstiftungs-Benchmark ist Teil des „Report Bürgerstiftungen 2025“ der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Hierfür hat diese aus den 435 Bürgerstiftungen bundesweit die jeweils zehn leistungsstärksten Bürgerstiftungen in den Kategorien Vermögenswachstum, Spendeneinnahmen und Fördersumme ermittelt. Erfasst wurden die Top-Ten-Bürgerstiftungen in absoluten Zahlen ebenso wie im Verhältnis zur Einwohnerzahl in ihrem Wirkungsgebiet. Zu allen Benchmark-Bürgerstiftungen

Der Beitrag ist Teil des Fokus Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte September 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Bürgerstiftung Stockach

Top Ten bei Spenden: Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück

1024 686 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Die Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück wirbt sehr erfolgreich Spenden ein. Im aktuellen Bürgerstiftungs-Benchmark der Stiftung Aktive Bürgerschaft zählt sie zu den Top Ten. Zu den Geheimnissen ihres Erfolges gehört ein zuverlässiges Patenschaftensystem.

Kontinuität statt Kampagne

Von Anfang an setzte die Bürgerstiftung neben den Kapitalerträgen auf Spenden, um ihre Projekte zu finanzieren, doch wer dabei an Fundraisingkampagnen denkt, liegt falsch: Die Bürgerstiftung konzipierte ein auf Kontinuität ausgerichtetes Patenschaftensystem. Schon 2008, zwei Jahre nach der Gründung, wurde die erste Patenschaft unterzeichnet.

Die Patenschaften funktionieren so: Die Spenderinnen und Spender erklären sich bereit, der Bürgerstiftung jedes Jahr eine bestimmte Summe zuzuwenden. Je nach Volumen der Spende sind die Patenschaften in Bronze (500 Euro pro Jahr), Silber (1000 Euro pro Jahr), Gold (2000 Euro pro Jahr) und seit einiger Zeit auch Platin (5000 Euro pro Jahr) kategorisiert. 50 Patinnen und Paten gibt es inzwischen – ein „solides Fundament“ sei das, sagt die Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung, Claudia Wilm, „für das wir sehr dankbar sind“. Das Konzept wird ergänzt durch die Möglichkeit, als „Freund:in der Bürgerstiftung“ jährlich einen frei gewählten Betrag zu geben.

Zu den regelmäßigen Spenden der Paten, der Freunde und der Einzelspender kommen Anlassspenden hinzu, bei denen Bürgerinnen und Bürger, Organisationen oder Unternehmen anlässlich eines Geburtstags oder Jubiläums zu Spenden an die Bürgerstiftung aufrufen. So kommt die Bürgerstiftung auf regelmäßige Einnahmen im sechsstelligen Bereich.

In den Jahren 2023 und 2024 überstiegen die Spendeneinnahmen sogar den üblichen Betrag, weil die Bürgerstiftung durch Spendenannahme und -weiterleitung ein örtliches Großprojekt unterstützte. 2024 lagen die Spendeneinnahmen bei 239.685 Euro.

Gut vernetzt und viel Vertrauen

„Wir profitieren bis heute davon, dass unsere Gründungsstifter in der Stadt gut vernetzt waren“, sagt Claudia Wilm. Die Bürgerstiftung sei in der 50.000-Einwohner-Stadt vielen Menschen bekannt und genieße Vertrauen. Die kontinuierliche Spendenbereitschaft dürfte vor allem auf Mund-zu-Mund-Propaganda beruhen, „der persönliche Kontakt zu den Unterstützenden spielt eine große Rolle“, so Wilm. Doch die Bürgerstiftung versucht auch, mit ihrem jährlichen Tätigkeitsbericht auf sich aufmerksam zu machen, den sie per E-Mail versendet und vom Rathaus bis zur Arztpraxis an vielen Orten in der Stadt auslegt. Die Rheda-Wiedenbrücker können ihm entnehmen, welche Projekte und Initiativen die Bürgerstiftung in ihren fünf thematischen Schwerpunkten Kultur, Bildung, Junge Menschen und Familie, Zusammenleben und Zusammenhalten sowie Klima gefördert hat.

Die meisten Spendengelder gehen an den Bereich Bildung, und hier insbesondere an den Bildungsfonds, mit dem die Bürgerstiftung Kinder und Jugendliche an allen Schulen und Kitas in der Stadt direkt und unbürokratisch unterstützt. Ebenfalls im Bereich Bildung fördert die Bürgerstiftung drei Stipendienprogramme. Die geförderten Stipendiaten blieben der Bürgerstiftung verbunden und würden manchmal später sogar in den Gremien der Bürgerstiftung aktiv, berichtet Wilm.

Nach einem kürzlich vollzogenen Stabwechsel möchte der Vorstand der Bürgerstiftung (Foto) demnächst neue Vorhaben angehen. Wilm kann sich vorstellen, dann auch Spendenkampagnen durchzuführen. Darüber hinaus hat sich inzwischen ein neuer Kanal eröffnet, mit dem zweckgebunden Personen aus der Stadt unterstützt werden können: 2024 errichtete die Bürgerstiftung den ersten Stiftungsfonds.

Zur Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück

Die Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück gehört zu den erfolgreichsten Bürgerstiftungen in ganz Deutschland.  Im Benchmark des „Report Bürgerstiftungen 2025“ erzielte sie eine Top-Ten-Platzierung in den Kategorien Spendeneinnahmen absolut sowie Fördersumme absolut und pro Kopf. 

Der Bürgerstiftungs-Benchmark ist Teil des „Report Bürgerstiftungen 2025“ der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Hierfür hat diese aus den 435 Bürgerstiftungen bundesweit die jeweils zehn leistungsstärksten Bürgerstiftungen in den Kategorien Vermögenswachstum, Spendeneinnahmen und Fördersumme ermittelt. Erfasst wurden die Top-Ten-Bürgerstiftungen in absoluten Zahlen ebenso wie im Verhältnis zur Einwohnerzahl in ihrem Wirkungsgebiet. Zu allen Benchmark-Bürgerstiftungen

Der Beitrag ist Teil des Fokus Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte September 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Waltraud Leskovsek/Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück

Partner Volksbank Vorpommern: Mit der Bürgerstiftung eine Struktur geschaffen

1024 683 Stiftung Aktive Bürgerschaft

377 der 435 Bürgerstiftungen in Deutschland werden von Genossenschaftsbanken unterstützt. Die Volksbank Vorpommern ist eine dieser Unterstützerinnen. Zusammen mit der Bürgerstiftung Vorpommern setzt sie sich für die Region ein und macht Angebote für Menschen, die ihr Vermögen für eine gute Sache stiften möchten.

„Der Stiftungsgedanke ist bei uns in Ostdeutschland noch nicht so weit verbreitet. Aber es ist uns trotzdem gelungen, vermögende Menschen dafür zu begeistern“, sagt Jens Klingebiel, Vorstand der Volksbank Vorpommern. Wenn Interessenten beispielsweise ihr Vermögen nach ihrem Tod stiften möchten, kann die Stiftungsberatung der Volksbank eine Zustiftung bei der Bürgerstiftung Vorpommern vorschlagen. Aktuell seien zwei private Stiftungsfonds im Prozess, sagt Klingebiel: „Wir haben eine Struktur geschaffen und die Verbindungen hergestellt.“

Fester Platz im Fördertopf

Im Fördertopf der Volksbank, der bei 120.000 bis 130.000 Euro pro Jahr liegt, hat die Bürgerstiftung regelmäßig einen Platz. Die Spenden der Volksbank sind projektbezogen und ihre Höhe richtet sich danach, was bei der Bürgerstiftung, die unabhängig entscheidet, anliegt. So setzte man sich gemeinsam für die Ausstellungen zum 250. Geburtstag des Greifswalder Malers Caspar David Friedrich ein und die Volksbank unterstützt die Bürgerstiftung bei ihrer Förderung für Spielplätze, berichtet Klingebiel. Die Kommunen in der Gegend gäben dafür so wie gar kein Geld mehr aus.

Klingebiel sitzt im Kuratorium der Bürgerstiftung und sein Vorgänger Michael Hietkamp ist Mitglied im Vorstand. Die Bürgerstiftung wurde 2011 gegründet und die Volksbank gab als Gründungsstifterin 500.000 Euro dazu, den Löwenanteil. Kurzzeitig plante man, das gesamte gesellschaftliche Engagement der Bank mit der Bürgerstiftung abzuwickeln, doch dafür war die Volksbank zu präsent. „Die Vereine kommen direkt zu uns, wenn sie Unterstützung brauchen“, sagt Klingebiel. Die Bürgerstiftung zu etablieren habe einen längeren Atem gebraucht als erwartet. Doch die Geduld zahlte sich aus. Heute fördert die Bürgerstiftung ein breites Spektrum an Aktivitäten in den Bereichen Kultur, Sport, Jugend und Bildung in der Region, darunter viele Projekte, für die sich auch die Volksbank engagieren möchte. Klingebiel stellt fest: „Mit der Bürgerstiftung haben wir für uns die Frage nach einer Partnerschaft mit einer Stiftung beantwortet.“

Engagement der Volksbank Vorpommern
Bürgerstiftung Vorpommern

Die Genossenschaftsbanken sind die bedeutendste Stiftergruppe bei Bürgerstiftungen und vielfach Gründungsstifter und Förderer. Die Unterstützung reicht von Spenden über das Engagement von Bankangehörigen in den Gremien und Projekten einer Bürgerstiftung bis hin zur Bereitstellung von Räumen für eine Geschäftsstelle und der Zusammenarbeit bei der Gewinnung weiterer Zustifter.

„Volksbanken Raiffeisenbanken engagiert für Bürgerstiftungen“ – Beilage zum Report Bürgerstiftungen 2025

Der Beitrag ist Teil des Fokus Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte September 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Malcolm Brostrom/unsplash.com

„Ich bin gespannt, wie sich die Bürgerstiftungen verhalten werden“

1024 621 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Sind die Bürgerstiftungen in Deutschland fit für die Zukunft? Darüber denken Bernadette Hellmann und Stefan Nährlich von der Stiftung Aktive Bürgerschaft nach. Im Gespräch tauschen sie aus, welche Strategien, Stärken und Herausforderungen sie in ihrer Arbeit für die Bürgerstiftungen beobachten. Aktueller Anlass sind die neuen Zahlen des „Report Bürgerstiftungen 2025“ der Aktiven Bürgerschaft.

bürgerAktiv In der diesjährigen Umfrage der Stiftung Aktive Bürgerschaft unter den Bürgerstiftungen waren Bildung und Erziehung das meist genannte Engagementthema der Bürgerstiftungen. Welche Themen werden die Bürgerstiftungen in zehn Jahren nennen?

Bernadette Hellmann Bildung und Erziehung ist ein Zukunftsthema, das relevant bleiben wird, denn Bildung befähigt junge Menschen, die Gesellschaft mitzugestalten. Doch die Bürgerstiftungen haben einen breiten Stiftungszweck und engagieren sich für das, was gebraucht wird, sei es gesellschaftlicher Zusammenhalt, sei es Krisenhilfe. Sie reagieren schnell auf aktuelle Themen oder plötzlich entstehende lokale Herausforderungen. Darin wiederum haben sie eine große Kontinuität, das hat unsere Reportumfrage auch einmal mehr gezeigt.

Stefan Nährlich Dass Jugend, Bildung, Erziehung die Hauptaufgabenfelder bleiben, glaube ich auch. Das hat mit den Präferenzen von Bürgerstiftungen zu tun, aber auch mit den anderen Akteuren. Ich glaube zum Beispiel, Soziales wird nie ein großes Thema der Bürgerstiftung werden, denn da sind schon die Wohlfahrtsverbände aktiv und die Bürgerstiftungen würden da nicht etwas Neues erfinden oder Neues aufbauen.

Bernadette Hellmann Wir hören allerdings in letzter Zeit immer wieder, dass auch soziale Anliegen an die Bürgerstiftungen herangetragen werden, weil den Kommunen Mittel wegbrechen und infolgedessen auch den Trägern der Wohlfahrtshilfe. Das ist ein Spannungsverhältnis, das es immer schon gibt: Wo werden Bürgerstiftungen aktiv? Was sind Pflichtaufgaben? Was sind freiwillige Aufgaben der Kommunen und wo kommt Engagement ins Spiel?

„Eines der ganz großen Themen werden die Folgen Künstlicher Intelligenz sein“

bürgerAktiv Welche weiteren gesellschaftlichen Herausforderungen seht ihr in den nächsten Jahren auf die Bürgerstiftungen zukommen?

Stefan Nährlich Ich denke, eines der ganz großen Themen werden die Folgen Künstlicher Intelligenz (KI) sein, ihre Auswirkungen, die sie auf die Menschen, auch junge Menschen haben wird. Was soll man noch lernen, wenn einem die KI alles sagen kann? Was wird aus dem kritischen Denken, dem Erfindergeist und vor allem: Wie entwickelt sich der Umgang mit der KI bezogen auf die Bürgerrechte, wem gehören die Daten und wer bestimmt über sie?

Als weiteres Thema sehe ich die Zivilverteidigung. Der Westen rüstet auf und auch auf die Bürgerstiftungen können Aufgaben zukommen, die noch niemand auf dem Schirm hat. Die Kulturinstitutionen suchen bereits Lkw und Fahrer, die im Ernstfall Kulturgut sichern können, wie es die Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung vorsehen, die im letzten Sommer von der Bundesregierung verabschiedet wurden.

Ich bin gespannt, wie sich die Bürgerstiftungen bei solchen Fragen verhalten werden.

„In dem Moment, in dem sich gesellschaftliche Trends vor Ort auswirken, schlagen sie auch in der Bürgerstiftung auf“

Bernadette Hellmann Die ganz großen Fragen können auch Organisationen mit hundertjähriger Geschichte, mehr Vermögen und viel mehr Manpower noch nicht beantworten. Aber die Erfahrung zeigt: In dem Moment, in dem sich gesellschaftliche Trends in einer Region, in einem Dorf, in einer Stadt auswirken, schlagen sie auch in der Bürgerstiftung auf. Wenn eine Bürgerstiftung im Bildungsbereich schon unterwegs ist und gute Kontakte in Schulen hat, kann sie auch reagieren, wenn das Thema KI auftaucht oder die Frage, was Digitalisierung mit jungen Menschen macht. Bürgerstiftungen haben immer wieder gute Projekte zur Medienkompetenz entwickelt. Manche Projekte sind eher Avantgarde und wenig unter den Bürgerstiftungen verbreitet. Aber manchmal verbreiten sich Projekte relativ schnell. Da jede Bürgerstiftung nur in ihrem Einzugsgebiet aktiv ist und sie sich untereinander keine Konkurrenz machen, kann ein guter Lösungsansatz schnell skaliert werden.

Stefan Nährlich Was ich vermisse, ist das Agenda-Setting. Es gibt andere Organisationen, die in der Praxis vielleicht gar nicht so viel leisten, aber Themen besetzen können und dann beispielsweise diejenigen sind, die ins Kanzleramt eingeladen würden, um zu diskutieren, was künstliche Intelligenz mit jungen Menschen macht. Die Bürgerstiftungen sind diejenigen, die lokal etwas umsetzen können; aber außerhalb der lokalen Ebene werden sie nicht wahrgenommen. Das sehe ich als Defizit, auch im Hinblick auf Fördermittel und Förderpartner.

Bernadette Hellmann Im vergangenen Jahr hat das Agenda-Setting erstmals funktioniert, mit der NDR-Kampagne zum Thema Einsamkeit: Die norddeutschen Bürgerstiftungen waren Partner des NDR, haben Projekte gegen Einsamkeit aus ganz vielen verschiedenen Orten im Norden Deutschlands eingereicht, haben dafür auch Spenden eingeworben und verteilt und das alles selbst organisiert. Das war, glaube ich, erst der Anfang!

Ein weiteres Thema, mit dem sich die Bürgerstiftungen positionieren, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt. Was passiert da gerade, dass so viele Menschen, soziale Gruppen und die Generationen nicht mehr gut miteinander in Kontakt und im Dialog sind? Welche Begegnungsformate bringen die Menschen vor Ort zusammen, niedrigschwellig und ohne nur die zu erreichen, die ohnehin miteinander im Austausch sind oder einen Konsens miteinander haben? Da setzen die Bürgerstiftungen schon vieles um. Sie kommen natürlich immer vom Lokalen her und es braucht mehr überregionale Sichtbarkeit für das, was sie leisten, da bin ich bei dir.

„Die Milliardenmarke ist geknackt!“

bürgerAktiv Welches Ergebnis aus dem aktuellen Report hat euch besonders beeindruckt?

Bernadette Hellmann Die Milliardenmarke ist geknackt! Die Bürgerstiftungen haben eine Milliarde Euro mobilisiert für das lokale Gemeinwohl. Die Summe setzt sich zusammen aus Stiftungskapital, Spenden und zusätzlichen Fördermitteln aller 435 Bürgerstiftungen. Hinzu kommen die 400.000 Menschen, die sich seit Anbeginn in den Bürgerstiftungen engagieren. Das sind große Zahlen. Sie zeigen, wie gut die Bürgerstiftungen sich entwickelt haben und wo die Reise noch hingehen kann. Dabei gibt es Bürgerstiftungen in Deutschland noch nicht einmal 30 Jahre lang.

Stefan Nährlich Beim Geld zeigt sich die Substanz. Es ist schnell gesagt, dass man etwas gut findet, aber wenn gefragt wird, ob man Geld gibt, ist das oft eine Hürde. Wer, sagen wir, 100.000 Euro an Spenden bekommen hat, der hat etwas richtig gemacht.

Bernadette Hellmann Der Kapitalaufbau sichert die Langfristigkeit. Es hebt die Bürgerstiftung von vielen anderen Akteuren ab, dass jeder gespendete oder gestiftete Euro ja noch gebündelt wird mit ehrenamtlichem Engagement und Spenden, Kapitalerträgen und durch die Kooperation mit vielen Partnern vor Ort. So kann mehr bewirkt werden.

bürgerAktiv Um die Bürgerstiftungen weiter gut unterstützen zu können, hat die Aktive Bürgerschaft sie auch nach ihrer Selbsteinschätzung, wo sie stehen, gefragt. Entsprechen die Antworten euren Beobachtungen?

„Die Gremienkompetenz ist ein Pfund, mit dem die Bürgerstiftungen wuchern können“

Bernadette Hellmann In vielen Punkten ja. 80 Prozent sagen, sie sind bei der Gremienkompetenz gut oder sehr gut aufgestellt, das ist ein Pfund, mit dem sie wirklich wuchern können. Drei Viertel sagten, sie sind gut in der Kooperation mit Zivilgesellschaft und Verwaltung aufgestellt. Das teile ich auch uneingeschränkt ebenso, wie dass drei Viertel der Bürgerstiftungen angeben, ihren Schwerpunkt in der Projekttätigkeit zu haben.

Aber: Nur ein Drittel sieht sich bei der Gewinnung und Bindung von Ehrenamtlichen gut aufgestellt. Das hat mich überrascht, weil ja ein Großteil der Arbeit der Bürgerstiftungen durch Ehrenamtliche bestimmt und gestaltet wird. Wir hören allerdings immer wieder, dass es schwieriger geworden ist, Ehrenamtliche und vor allem jüngere Menschen zu gewinnen. Das mag mit unterschiedlichen Erwartungen und auch mit Zeitmangel zu tun haben. Zeitmangel ist überall ein Thema im Engagement.

Stefan Nährlich Mich überrascht es eigentlich nicht so. Wenn Bürgerstiftungen keine Ehrenamtlichen finden, hat das vielleicht damit etwas zu tun, wen sie suchen, wo sie suchen und wie sie selbst wahrgenommen werden. Für mich persönlich ist zum Beispiel in diesem Zusammenhang der Begriff der „Bürgerstiftungsfamilie“ unpassend, denn er drückt nicht gerade eine Offenheit nach außen aus. Familie steht ja geradezu für das Private, während es bei Bürgerstiftungen um öffentliche Angelegenheit geht.

Bernadette Hellmann Auch die Gremiennachfolge ist eine Herausforderung, nur ein Drittel der Bürgerstiftungen sieht sich diesbezüglich gut aufgestellt. Das ist ein großes Thema für alle Bürgerstiftungen. Sie haben mindestens zwei Gremien, Vorstand und Aufsichtsorgan, die relativ groß sind, und es wird schwieriger, Menschen zu finden, die sich mit so einem hohen Maß an Commitment einem Vorstandsamt widmen oder auch selbst im Stiftungsrat Mitglied werden wollen.

Mit 48 Prozent haben sich übrigens deutlich mehr Bürgerstiftungen bei der Vielfalt der Gremien als gut bis sehr gut aufgestellt eingeschätzt. Natürlich ist die Frage, was man unter Vielfalt versteht. Wir sehen, dass die Gremien der Bürgerstiftung tendenziell älter sind, mehrheitlich über 60 Jahre, und dass wenig jüngere Menschen sich engagieren. Häufig sind die Mitglieder lokale Eliten, was seine Berechtigung hat, denn man braucht Zugang zu bestimmten Kompetenzen, zu Netzwerken und so weiter. Aber die Bürgerstiftungen bilden die lokale Gesellschaft in ihren Gremien nicht besonders gut ab bisher.

„Kapital macht Bürgerstiftungen langfristig unabhängig“

Stefan Nährlich Ein Vorstand kann der Repräsentativität meines Erachtens nur bedingt gerecht werden. Er hat eine Exekutivfunktion und muss in erster Linie funktionieren. Gleichwohl ist es wichtig, sich diverser aufzustellen, um möglichst viele Bereiche der Gesellschaft zu erreichen. Ich glaube aber, dass da andere Instrumente besser geeignet sind als die Mitgliedschaft in den Gremien. Zum Beispiel erreichen viele Bürgerstiftungen mit Freundeskreisen Menschen, die vielleicht nicht so viel mit der Bürgerstiftung anfangen können und auch nicht so viel Geld haben, aber trotzdem einen wertvollen Beitrag leisten können.

Ein anderer in der Umfrage häufig von den Bürgerstiftungen als schwierig eingeschätzter Punkt ist die Aufstellung bei den Zustiftungen. Einem Teil gelingt es gut, Zustiftungen zu gewinnen und ein anderer Teil tut sich schwer – oder setzt andere Präferenzen. Ich verstehe, dass es für Gremien, die gerade jetzt Verantwortung tragen, ein bisschen unattraktiv sein kann, sich um Zustiftungen zu kümmern, denn die Früchte davon werden ihre Nachfolger genießen. Aber das Kapital macht die Bürgerstiftung langfristig unabhängig. Für das Gesamtkapital aller Bürgerstiftungen zusammen bekäme man heute schon mehr an Zinsen, als den Bürgerstiftungen insgesamt im letzten Jahr gespendet wurde. Den Zustiftungen wie auch der Vermögensverwaltung sollten manche Bürgerstiftungen deshalb mehr Aufmerksamkeit schenken.

bürgerAktiv Unter welchen Voraussetzungen kann denn eine Bürgerstiftung erfolgreich Stiftungsfonds einwerben?

Bernadette Hellmann Der Hauptfaktor sind eine oder mehrere handelnde Personen, die dem Thema Priorität geben – es braucht ein Commitment des Vorstandes, das Thema anzupacken. Und dann braucht es ein bisschen Zeit. Natürlich ist es in Regionen, in denen es viel Vermögen gibt, leichter, Stifterinnen und Stifter zu gewinnen. Ostdeutsche Bürgerstiftungen haben es in dieser Hinsicht schwerer. Aber auch dort kann es zum Erfolg führen, wenn das Thema von der Bürgerstiftung platziert und über die Netzwerke bespielt wird. Wenn der Bürgerstiftung der Zugang zu potenziellen Stiftern fehlt, kann sie versuchen, sie mit Erbrechtsveranstaltungen oder über Multiplikatoren zu erreichen.

Stefan Nährlich Es gibt ja Bürgerstiftungen, die das nicht wollen und eine andere Strategie verfolgen, aber das halte ich für falsch. Jede Spende, die ich einwerbe, jeder Förderantrag kosten mich Ressourcen. Habe ich Kapital und einen vernünftigen Partner, der es anlegt, fließt jedes Jahr automatisch Geld. Das spart Arbeit und macht unabhängig. Es gibt überall Menschen, die stiften wollen, und die Bürgerstiftungen haben mit den Stiftungsfonds einen Vorteil, denn sie sind unkomplizierter einzurichten und zu verwalten als eine rechtsfähige Stiftung. Mag sein, dass eine digitale Plattform, der ich Geld überweise, schneller einen Stiftungsfonds einrichten kann. Beim Thema Vertrauen und Nähe kann sie aber gegenüber einer Bürgerstiftung nicht mithalten.

bürgerAktiv Wen seht ihr in Zukunft als wichtige Partner für Bürgerstiftungen?

Bernadette Hellmann Auf jeden Fall uns selbst! Die Stiftung Aktive Bürgerschaft ist als Supportorganisation seit mehr als 25 Jahren an der Seite der Bürgerstiftungen und wird das auch bleiben dank der Genossenschaftlichen FinanzGruppe. Vor Ort sind die regionalen Genossenschaftsbanken wichtige Partner der Bürgerstiftung und werden das ebenfalls bleiben. Darüber hinaus glaube ich, dass die Bürgerstiftungen auch überregional für viele weitere Partner interessant sein können, um Themen in die Region zu bringen, wie es die NDR-Kampagne ja gerade gezeigt hat. Das kann nützlich sein für andere Stiftungen, die bestimmte Themen fördern wollen, für Unternehmen oder auch für Lotterien.

Stefan Nährlich Je größer die Bürgerstiftungen werden, desto größer wird der Kreis der Partner werden. Dabei werden die Volksbanken und Raiffeisenbanken auch in Zukunft eine besondere Rolle einnehmen, weil auch sie sich für die Region und den Ort einsetzen. Es gibt wenige Organisationen, die über einen langen Zeitraum so ähnliche Ziele verfolgt haben wie Genossenschaftsbanken und Bürgerstiftungen und die sich vom Selbstverständnis her so ähnlich sind.

Bernadette Hellmann ist stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Aktive Bürgerschaft, Geschäftsbereich Bürgerstiftungen und Förderpartnerschaften

Dr. Stefan Nährlich ist Geschäftsführer und Mitglied des Vorstands der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Das Gespräch moderierte Gudrun Sonnenberg, Redaktionsleiterin bürgerAktiv der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Der Beitrag ist Teil des Fokus Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte September 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Fotos: Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft

Fokus August 2025: Lernen fürs Leben – Kompetenzzuwachs mit Service Learning

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Teamgeist zeigen, Verantwortung übernehmen, Fachwissen anwenden: Solche Kompetenzen braucht es im Leben, spätestens beim Eintritt in den Beruf. Doch gibt es in der Schule zu wenig Gelegenheit, sie zu erwerben, beklagen Fachleute. So fordert der OECD-Bildungsforscher und Begründer der PISA-Studie Andreas Schleicher im Interview mit bürgerAktiv, dass Schulen sich mehr öffnen und junge Menschen projektorientiert und fächerübergreifend lernen sollten.

Projekte, die Schülerinnen und Schüler an bürgerschaftliches Engagement heranführen, können dabei helfen. Insbesondere, wenn sie das Engagement mit dem Unterricht verbinden – Service Learning nennt sich dieser Ansatz, umgesetzt wird er im Programm sozialgenial der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Hier entwickeln Schülerinnen und Schüler aus dem Unterricht heraus Ideen, wie sie sich für das Gemeinwohl engagieren können.

Nahaufnahmen, die zeigen, wie Kompetenzen mit sozialgenial nachhaltig gestärkt werden, bilden den Schwerpunkt im bürgerAktiv Magazin, dem Jahresmagazin der Stiftung Aktive Bürgerschaft, das im September 2025 erscheint. Vorab veröffentlichen wir einen Teil der Beiträge hier in diesem Fokus.

Lesen Sie im Fokus „Lernen fürs Leben“ folgende Beiträge:

„Wir hätten sie am liebsten dabehalten“

Was kannst du gut, was anderen nützt? Wer jung ist, muss sich ausprobieren, um diese Frage zu beantworten. Schülerinnen und Schüler der Technische Oberschule an der berufsbildenden Carl-Engler-Schule in Karlsruhe haben im sozialgenial-Projekt ihre Kompetenzen entdeckt, weiterentwickelt und neue hinzugewonnen.
Zum Beitrag

„sozialgenial macht den Unterschied“

Die Verbindung von Engagement und Fachunterricht ist entscheidend für den Kompetenzerwerb. Schulleiterin Nella Zimmer über die sozialgenial-Projekte, mit denen die Carl-Engler-Schule das Wissen aus dem Fachunterricht mit der praktischen Anwendung im Engagement verzahnt.
Zum Interview

Tu Gutes und lerne dabei

Arbeitgebersicht: Mit sozialgenial entwickeln Schülerinnen und Schüler berufspraktische Kompetenzen und Verantwortungsbewusstsein. Kirsten Siersleben, Vorständin der Stiftung Aktive Bürgerschaft, erläutert, was Service Learning aus der Sicht von Unternehmen bewirkt.
Zum Beitrag

Was kann ich jetzt besser als vorher?

Der Zuwachs an Kompetenzen wird besonders nachhaltig, wenn Schülerinnen und Schüler sich ihre Weiterentwicklung bewusst machen. Deshalb sind Bestandsaufnahme und Reflexion fest in den sozialgenial-Projekten verankert, erläutert Caroline Deilmann von der Stiftung Aktive Bürgerschaft.
Zum Beitrag

„Drinnen und draußen verknüpfen“

Schulisches Lernen muss sich ändern, sagt der Bildungsforscher und Begründer der PISA-Studie, Andreas Schleicher, im Interview mit bürgerAktiv. Er rät zu fächerübergreifenden Projekten an Schulen und mehr Offenheit nach außen, um Relevanz und Verantwortung zu stärken. Das komme auch den Lernergebnissen zugute.
Zum Beitrag

Mehr zum Thema

bürgerAktiv Magazin 2025/26 – Schwerpunkt sozialgenial: Lernen fürs Leben! Wie Service Learning Engagement und Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern stärkt. Ab September 2025 hier herunterladen

Stiftung&Sponsoring – Rote Seiten 01.25: Service Learning. Was kannst du gut, was anderen nützt? Best-Practice-Bericht zur bundesweiten Skalierung des Service-Learning-Programms sozialgenial, von Caroline Deilmann, Stiftung Aktive Bürgerschaft. Hier herunterladen

sozialgenial kennenlernen: Infoveranstaltung „sozialgenial kurz & kompakt vorgestellt“ (online) – für Schulleitungen, Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter sowie Interessierte aus Stiftungen, Verbänden, Kommunen und Unternehmen. Infos und Anmeldung

Foto: Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft

„Wir hätten sie am liebsten dabehalten“

1024 593 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Was kannst du gut, was anderen nützt? Wer jung ist, muss sich ausprobieren, um diese Frage zu beantworten. Schülerinnen und Schüler der Technische Oberschule an der berufsbildenden Carl-Engler-Schule in Karlsruhe haben im sozialgenial-Projekt ihre Kompetenzen entdeckt, weiterentwickelt und neue hinzugewonnen.

Planen, kalkulieren, umsetzen, optimieren, auswerten: So geht Projektmanagement, sei es im Unternehmen, sei es in politischen oder ehrenamtlichen Projekten. Für Elias Isaak Loos und Erkan Bolat war die Weiterentwicklung dieser Kompetenzen zentral bei ihrer ersten Erfahrung mit dem Bildungskonzept Service Learning, das Lernen und Engagement verbindet. Sie machten sie im Rahmen des Programms sozialgenial der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Herausforderung: Grundschüler für Klimaschutz begeistern

Die jungen Männer, beide Anfang 20, besuchen die Technische Oberschule an der berufsbildenden Carl-Engler-Schule in Karlsruhe, einer Mitgliedsschule im Programm sozialgenial der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Im Rahmen des Projektunterrichts, in dem die Schülerinnen und Schüler ihr Fachwissen aus den Unterrichtsfächern Physik, Chemie und Gemeinschaftskunde einbringen, engagierten sie sich mit einem Klimaschutzprojekt. Es ging darum, Grundschülern das Thema Klima und Energie nahezubringen; es galt, das Fachwissen für Grundschüler aufzubereiten und auch selbst in einer Unterrichtseinheit zu vermitteln, zu der die Grundschüler in die Carl-Engler-Schule eingeladen wurden.

Die Projektgruppe ließ sich nicht lumpen

Die Projektgruppe dachte sich richtig was aus: Sie konzipierte und baute einen Parcours aus Experimentierstationen, an denen die Grundschüler altersgerecht erkunden konnten, wie Energieerzeugung funktioniert. Es gab zum Beispiel Windräder, die ein Leuchtmittel mit Strom versorgten, aber auch Versuchsanordnungen zu Solarenergie, Photovoltaik, Kohle- und Wasserkraft.

Dabei galt es, einige Schwierigkeiten zu überwinden. Loos und Bolat berichten von Durchhängern – „Am Anfang ist uns nichts eingefallen, wie wir den Unterricht gestalten könnten“ – und Lösungen: „Als wir uns eine Weile damit beschäftigt hatten, kamen uns die Ideen.“ Sie vertieften für das Projekt ihr Schulwissen über die Klima- und Energiethematik und eigneten sich dabei wissenschaftliche Zitier- und Arbeitsweisen an, wie im Lehrplan zu diesem Zeitpunkt vorgesehen. Bei der Aufbereitung nahmen sie didaktische Fachlektüre zu Hilfe. Als die Kleinen nahten, hatten die Oberschüler Sorge: Würde es gelingen, sie bei der Stange zu halten? Oder würden sie desinteressiert herumlärmen? Doch die gute Vorbereitung zahlte sich aus: Die Kinder waren von den ungewöhnlichen Lehrkräften äußerst angetan und ließen sich nur allzu gerne auf die Abwechslung vom üblichen Unterricht an ihrer Grundschule ein.

„Wir hätten sie am liebsten dabehalten“, sagt Bolat. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass sie so unglaublich motiviert sein würden.“
„Man konnte auf ihren Gesichtern die Aha-Effekte beim Lernen sehen“, sagt Loos.

Kompetenzgewinn für die Oberschüler

Für sich selbst verbuchen sie Kompetenzgewinne in mehrfacher Hinsicht. Ein großer Teil davon betrifft Kommunikation: Trotz Vorerfahrungen aus der Arbeit mit Kindern in vorangegangener Ausbildung und im Verein war es für beide ein Aha-Erlebnis, in der Arbeit mit den Grundschülern zu erkennen, welch unterschiedliche Lernvoraussetzungen sie hatten, und zu erleben, dass sie selbst in der Rolle als Lehrende in der Lage waren, darauf einzugehen. Zudem haben sie viel darüber gelernt, wie man Kenntnisse erarbeitet, anschaulich aufbereitet und vermittelt. Darüber hinaus, sagen sie, haben sie auch ganz neue Kompetenzen entwickelt: zu organisieren, gut zu planen, Aufgaben sinnvoll im Team zu verteilen und den Zeitaufwand realistisch einzuschätzen.

„Insbesondere der Umgang mit Schwierigkeiten und Herausforderungen im Arbeitsprozess ist wichtig“, sagt dazu Maria Blatsiou, Bildungswissenschaftlerin mit langjähriger Erfahrung im Schuldienst und Programm-Managerin Service Learning bei der Stiftung Aktive Bürgerschaft. „So ein Projekt stärkt auch die Sozialkompetenz, denn es erfordert, Selbstverantwortung zu übernehmen und Empathie zu zeigen.“ Service-Learning-Projekte bringen das fachliche Wissen mit den sozialen und persönlichen Kompetenzen zusammen, meint Blatsiou: „So können die jungen Menschen ihre Persönlichkeit entfalten und weiterentwickeln. Das schafft Selbstvertrauen.“

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft

Der Beitrag ist Teil des Fokus Lernen fürs Leben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte August 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

„sozialgenial macht den Unterschied“

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Die Verbindung von Engagement und Fachunterricht ist entscheidend für den Kompetenzerwerb. Schulleiterin Nella Zimmer schildert im Interview mit bürgerAktiv, wie es an der Carl-Engler-Schule in Karlsruhe mit den sozialgenial-Projekten gelingt, das Wissen aus dem Fachunterricht mit der praktischen Anwendung im Engagement zu verzahnen.

Warum haben Sie sich entschlossen, mit der Carl-Engler-Schule bei sozialgenial mitzumachen?

Wir waren interessiert, für uns als Lehrende neue Impulse zu bekommen und über den Tellerrand zu schauen. Von der Mitgliedschaft bei sozialgenial versprachen wir uns zu erfahren, was andere Schulen – auch in anderen Bundesländern – machen, und wir waren neugierig auf das Konzept.

Was haben Sie entdeckt?

Mit dem Programm können wir zeigen, was wir als berufliche Schule unseren Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg geben und wie engagiert diese sind. Durch sozialgenial ist uns bewusst geworden, dass wir mit unseren bisherigen Nachhaltigkeitsprojekten schon viel Engagement praktizieren. Unsere Schülerinnen und Schüler haben Stolpersteine geputzt, an schulweiten Nachhaltigkeitstagen aktiv teilgenommen, im Wald invasive Pflanzen entfernt. Aber dabei gab es nie eine Verbindung mit dem Fachunterricht. Da macht sozialgenial den Unterschied, die sozialgenial-Projekte entstehen aus dem Unterricht heraus. Das ist neu.

Welche Service-Learning-Projekte setzen Sie mit sozialgenial um?

Es gab ein Projekt in der Technischen Oberschule, die in zwei Jahren zum Abitur führt, in dem die Schülerinnen und Schüler im Projektfach einen Lernzirkel mit Experimenten für Schüler und Schülerinnen der Grundschule der 4. Klasse konzipiert und an der Carl-Engler-Schule mit den Grundschulschülern durchgeführt haben. Das hat inzwischen zweimal stattgefunden. Im handwerklich-technischen Unterricht der 11. Klasse des Technischen Gymnasiums haben Schüler einen Tischkicker für die Schule gebaut, damit die Mitschüler mal vom Handy loskommen und sich bewegen. Man muss Geld einwerfen, um zu spielen, und die Einnahmen werden an den Förderverein der Karlsruher Kinderkrebsklinik gespendet.

Zurzeit entwickeln Schüler und Schülerinnen des Seminarkurs unseres technischen Gymnasiums ein digitales, interaktives Lernprodukt für Schüler und Schülerinnen eines Schülerhortes in Karlsruhe. Es soll spielerisch über Ursachen, Folgen und Lösungsmöglichkeiten des Klimawandels informieren. Die Schüler und Schülerinnen des Technischen Gymnasiums können hierbei ihr Fachwissen aus Physik, Umwelttechnik und Mechatronik einbringen.

Welche Kompetenzen erwerben die Schülerinnen und Schüler in diesen Projekten?

Ich sehe einen Kompetenzzuwachs bei der Selbstorganisation und bei der Kreativität. Da waren insbesondere die Schüler und Schülerinnen gefragt, die ihr Wissen für Grundschüler herunterbrechen mussten. Sehr wichtig finde ich auch die Fähigkeit, im Team zu arbeiten. Es waren alles Teamprojekte! Man muss lernen, sich abzusprechen und zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus können die Schüler ihr Wissen anwenden, das stärkt die Handlungskompetenz. Insgesamt stärken solche Projekte das Selbstbewusstsein.

Nella Zimmer ist Oberstudiendirektorin und Schulleiterin der Carl-Engler-Schule in Karlsruhe. Die Carl-Engler-Schule ist eine berufliche Schule mit naturwissenschaftlichen und technischen Bildungsgängen.

Interview: Gudrun Sonnenberg
Foto: Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft

Der Beitrag ist Teil des Fokus Lernen fürs Leben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte August 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

 

Tu Gutes und lerne dabei

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Arbeitgebersicht auf Service Learning: Mit sozialgenial entwickeln Schülerinnen und Schüler berufspraktische Kompetenzen und Verantwortungsbewusstsein. Kirsten Siersleben, Vorständin der Stiftung Aktive Bürgerschaft, erläutert, was Service Learning aus der Sicht von Unternehmen bewirkt und welche Kompetenzen für das Berufsleben besonders wichtig sind.

Von Kirsten Siersleben

Vor gerade einmal vier Jahren haben der damalige hessische Kultusminister R. Alexander Lorz und Cornelius Riese (Stiftungsratsvorsitzender der Aktiven Bürgerschaft und CEO der DZ BANK) gemeinsam die Albert-Schweitzer-Schule in Kassel als hundertste hessische Schule im Service-Learning-Programm sozialgenial der Stiftung Aktive Bürgerschaft begrüßt. Heute gibt es in Hessen bereits 153 sozialgenial-Mitgliedsschulen – was für ein Wachstum in so kurzer Zeit! Insgesamt haben sich seit 2009 an mittlerweile 1162 deutschen Schulen rund 160.000 Schülerinnen und Schüler in sozialgenial-Projekten engagiert, Tendenz steigend.

Cornelius Riese verwies damals auf die vielschichtigen Vorteile von Service Learning: „Die Kinder und Jugendlichen lernen frühzeitig, im Rahmen von sozialgenial-Projekten Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig erwerben sie dabei relevante Kompetenzen für ihr späteres Berufsleben. Einfach ein Gewinn für alle!“ Es ist exakt dieses „Win-win“, das den Erfolg von sozialgenial wesentlich begründen dürfte. Denn bei diesem Programm heißt es nicht so sehr „Tu Gutes und rede darüber“, sondern vielmehr „Tu Gutes und lerne dabei!“.

Dreierlei Nutzen

Aus Arbeitgebersicht lässt sich der Nutzen daraus konkret an drei Punkten festmachen. Erstens an den berufsrelevanten Kompetenzen: Unserer Erfahrung nach bringen junge Menschen bei einer Bewerbung heute oft gute digitale Skills und generell eine hohe Affinität zu neuen Technologien mit – eben echte „Digital Natives“! Etwas Nachholbedarf besteht hingegen öfters bei Themen wie Sorgfalt und Verbindlichkeit, Selbsteinschätzung, Teamfähigkeit und Lernbereitschaft.

Das setzt sich zweitens häufig fort bei den berufspraktischen Kompetenzen, die sich meist erst im Arbeitsalltag erweisen: Wie beschafft man sich notwendige Informationen? Wie kommuniziert man mit Vorgesetzten? Wie interagiert man mit Kolleginnen und Kollegen oder Kundinnen und Kunden? Auch hier bestehen teilweise Schwächen – verständlicherweise, denn so etwas vermittelt kein Schulbuch und keine App.

„Ein Gewinn für alle“

Als umso wertvoller erweisen sich daher sowohl der inhaltliche und methodische Kompetenzerwerb durch die sozialgenial-Projekte als auch die vielgestaltigen zwischenmenschlichen Erfahrungen, die damit einhergehen. Vermutlich nicht alle Heranwachsenden würden Schule freiwillig als Komfortzone bezeichnen – aber durch sozialgenial brechen sie eben doch zu noch einmal völlig neuen Ufern auf, meistern neue Herausforderungen und profitieren davon sehr, mit Blick auf alle oben genannten Kompetenzen.

Der dritte für uns relevante Punkt ist, dass Schülerinnen und Schüler durch sozialgenial eingeladen werden, noch stärker gesellschaftliche Verantwortung anzunehmen. Werte und Bildung, Umwelt- und Ressourcenschutz, Demokratie und Frieden sowie Integration und Teilhabe: Diese Themen bilden nicht nur die vier Handlungsfelder von sozialgenial, sondern spielen auch für uns Unternehmen und unsere gesellschaftliche Verantwortung eine immer größere Rolle. Auch hier entsteht eine Win-win-Situation: Zum einen wachsen junge Menschen noch besser zu mündigen und verantwortungsbewussten Staatsbürgern heran, zum anderen bereichern sie damit später die Unternehmenskultur ihrer Arbeitgeber. Eben ein Gewinn für alle. Wir sagen: Bitte weiter so!

Dr. Kirsten Siersleben ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Sie leitet das Generalsekretariat der DZ BANK AG, die das Programm sozialgenial langjährig unterstützt, und ist Geschäftsführerin der DZ BANK-Stiftung.

Foto: Norbert Miguletz

Der Beitrag ist Teil des Fokus Lernen fürs Leben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte August 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

 

Was kann ich jetzt besser als vorher? 

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Der Zuwachs an Kompetenzen im Service Learning wird besonders nachhaltig, wenn Schülerinnen und Schüler sich ihre Weiterentwicklung bewusst machen. Deshalb sind Bestandsaufnahme und Reflexion fest in den sozialgenial-Projekten verankert, erläutert Caroline Deilmann von der Stiftung Aktive Bürgerschaft. 

Von Caroline Deilmann

Spenden sammeln, über Cybermobbing aufklären oder bienenfreundlich gärtnern – in sozialgenial-Projekten engagieren sich Schülerinnen und Schüler für die Gesellschaft.

Das Engagement ist dabei jedoch nur ein Aspekt. Hinter den sozialgenial-Projekten steht das Bildungskonzept Service Learning. Es geht darum, handlungsorientiert zu lernen und einen Bezug der schulischen Lerninhalte zur Lebenswelt herzustellen. Service Learning hilft dabei, Lernziele und Kompetenzerwartungen aus dem Lehrplan zu erreichen.

Service Learning ermöglicht eine andere Form des Lernens und des Kompetenzerwerbs – schülerzentriert und bestärkend, die intrinsische Motivation fördernd und lebensnah. Entscheidend dafür ist, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren Stärken auseinandersetzen und sich den Kompetenzzuwachs im Lauf des Projektes bewusst machen.

Die Ausgangsfrage lautet: Was kannst du gut, was anderen nützt?

Deshalb steht zu Beginn eines sozialgenial-Projekts die Frage „Was kannst du gut, was anderen nützt?“. Ausgehend davon erarbeiten die Schülerinnen und Schüler, welche Stärken, Interessen und Fähigkeiten sie haben und wie sie diese in ihr Projekt einbringen können. Dabei helfen ihnen die sozialgenial-Kompetenzkarten der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Auf ihnen finden sie Beispiele für fachliche Kompetenzen und Soft Skills wie Teamgeist, Kommunikationsfähigkeit oder Organisationstalent. Auf den Karten können sie weitere Kompetenzen ergänzen und ihre Selbsteinschätzung dazu visualisieren.

Während des Projekts und an seinem Ende steht die Reflexion. Sie verbindet Lernen und Engagement und sorgt dafür, dass aus den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler ein echter Kompetenz- und Wissenszuwachs wird. Die Schülerinnen und Schüler reflektieren: Was habe ich erlebt? Wie habe ich mich selbst und andere erlebt? Wo gab es Schwierigkeiten und wie bin ich damit umgegangen? Was kann ich jetzt besser als vorher? Auch hier helfen die sozialgenial-Kompetenzkarten dabei, den Kompetenzgewinn und das damit geleistete Engagement für die Gesellschaft zu verdeutlichen.

Die Karten machen sichtbar, was sich hinter dem Begriff Kompetenz verbirgt. So können die Schülerinnen und Schüler nicht nur die Erfahrungen aus dem Projekt und die Lerneffekte fürs Leben mitnehmen, sondern auch eine Einschätzung ihrer selbst – eine zentrale Voraussetzung für junge Menschen, um gut ins Leben zu starten.

Caroline Deilmann ist Programm-Leiterin Service Learning bei der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Foto: Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft

Der Beitrag ist Teil des Fokus Lernen fürs Leben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte August 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

„Drinnen und draußen verknüpfen“ 

1024 692 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Schulisches Lernen muss sich ändern, sagt der Bildungsforscher und Begründer der PISA-Studie, Andreas Schleicher, im Interview mit bürgerAktiv. Er rät zu fächerübergreifenden Projekten an Schulen und mehr Offenheit nach außen, um Relevanz und Verantwortung zu stärken. Das komme auch den Lernergebnissen zugute.  

Die Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Welche Kompetenzen sind nach Ihrer Einschätzung in Zukunft gefragt?

Es ist schwierig, die Entwicklung der künstlichen Intelligenz vorherzusehen, aber klar ist, dass die Dinge, die leicht zu lehren sind, heute auch leicht digitalisiert werden können. In der Vergangenheit ging es darum, den Schülern Antworten beizubringen, in der Zukunft müssen sie die richtigen Fragen stellen, sich mit dem Sinn befassen, anstatt nur Aufgaben zu erledigen, und sich auf das Neue und Ungewisse einlassen, anstatt an bekannten Plänen festzuhalten. Erkenntnistheoretisches Verständnis – beispielsweise das Denken wie ein Naturwissenschaftler, Historiker oder Mathematiker – hat jetzt Vorrang vor der Kenntnis bestimmter Formeln, Namen oder Orte. In der Schule muss es heute vielmehr um Denkweisen (einschließlich Kreativität, kritisches Denken, Problemlösung und Urteilsvermögen), Arbeitsweisen (einschließlich Kommunikation und Zusammenarbeit), Arbeitsmittel (einschließlich der Fähigkeit, das Potenzial neuer Technologien zu erkennen und zu nutzen) und um die Fähigkeit gehen, als aktive und verantwortungsbewusste Bürger in einer vielschichtigen Welt zu leben.

Wie können Schulen diese Kompetenzen vermitteln?

Entscheidend ist, dass Schüler nicht mehr Konsumenten vorgefertigter Lerninhalte sind, sondern aktiv Verantwortung für ihr Lernen übernehmen, in der Schule und draußen in der Welt. In der Vergangenheit haben wir für die Arbeit gelernt, heute ist die Arbeit das Lernen. Das Wichtigste, was Schule leisten kann, ist zu helfen, dass junge Menschen verstehen, warum sie hier auf der Welt sind, was diese Welt von ihnen erwartet und wo sie ihren Beitrag leisten können, und ihnen zu helfen, die dafür notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln.

Wie müssten sich Lehren und Lernen dafür verändern?

Die Quintessenz ist, dass wir, wenn wir der technologischen Entwicklung voraus sein wollen, die Qualitäten finden und verfeinern müssen, die einzigartig für uns Menschen sind und die die Fähigkeiten, die wir in unseren Computern geschaffen haben, ergänzen und nicht mit ihnen konkurrieren.

Heute dominiert oft das Trennende – Lehrer und Lehrinhalte werden auf Fächer aufgeteilt, die Lernenden nach ihren künftigen Berufsaussichten getrennt. Es mangelt an Zusammenarbeit mit den Familien, und Partnerschaften mit anderen Schulen werden oft mit Vorbehalten gesehen. In Zukunft sollte der Unterricht stärker projektorientiert sein und Erfahrungen vermitteln, die Schülerinnen und Schülern das fächerübergreifende Denken erleichtern. In einer Welt komplexer Lernsysteme begrenzt Isolation das Entfaltungspotenzial erheblich.

Schließlich bleibt der Blick nach außen wichtig. Bildungssysteme, die sich durch alternative Herangehensweisen bedroht fühlen, werden zurückfallen; die Zukunft ist mit denen, die offen für die Welt sind und bereit, von und mit den leistungsfähigsten Bildungssystemen der Welt zu lernen.

Welche Lernformen oder -inhalte können künftig reduziert werden?

Alles, was auf Abfragewissen hinausläuft, wird an Relevanz verlieren. Es geht darum, weniger Stoff in größerer Tiefe zu vermitteln. Lehrpläne müssen den Disziplinen treu bleiben, aber gleichzeitig interdisziplinäres Lernen fördern, also die Fähigkeit der Schüler stärken, Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Und sie müssen Lernen in relevanten und realistischen Kontexten gestalten und Lehrern helfen, themenbezogene, problembasierte und projektbezogene Ansätze zu nutzen, die Kollegen und Schüler in die Gestaltung der Unterrichtsinhalte einbeziehen.

Wie können außerschulische Projekte und der Ansatz des Service Learning zu besserem Lernen beitragen?

Schulen sind oft gut darin, die Schüler drinnen und die Welt draußen zu halten. Die Zukunft liegt aber gerade darin, beides zu verknüpfen, um Relevanz und Verantwortung zu stärken. Das steht auch gar nicht im Widerspruch zu akademischem Erfolg. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. In Shanghai war man unzufrieden mit den Englischkenntnissen der Schüler, obwohl diese viele Stunden mit Vokabeln und Grammatik im Klassenzimmer verbrachten. Dann hat man die Schüler während der Weltausstellung in die U-Bahn-Stationen geschickt, um Ausländern zu helfen, Fahrkarten zu kaufen. Da mussten die Schüler den Mut finden, andere Menschen anzusprechen. Sie mussten lernen, sich auszudrücken, aktiv mit Sprache umzugehen. Sie mussten Probleme lösen und Menschen helfen. Und am Ende haben sie dann erlebt, wie Menschen sich bei ihnen bedanken, das kommt in der Schule ja auch nicht oft vor. Die Lernergebnisse waren deutlich besser als bei der Kontrollgruppe, die weiter im Klassenzimmer gelernt hat.

Prof. Dr. Andreas Schleicher ist Direktor für Bildung und Kompetenzen bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und Chefkoordinator der PISA-Studie. Diese hat er selbst entwickelt. Sie erschien erstmals 2001.

Interview: Caroline Deilmann und Gudrun Sonnenberg
Foto: Imago/TT

Der Beitrag ist Teil des Fokus Lernen fürs Leben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte August 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Fokus Juni 2025: Wie sich Genossenschaftsbanken engagieren

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Sie sind leistungsstarke Finanzdienstleister, verstehen sich aber immer auch als Gestalter in ihrer Region: Die Genossenschaftsbanken in Deutschland prägen das Zusammenleben vor Ort und unterstützen viele engagierte Menschen dabei, ihre Ideen und Ziele umzusetzen. Sie fördern Vereine und Initiativen, Sport, Bildung, Kultur und Umweltschutz. Im Programm sozialgenial der Stiftung Aktive Bürgerschaft ermöglichen Genossenschaftsbanken nachhaltige Bildung von Schülerinnen und Schülern, und mit ihrem Engagement bei Bürgerstiftungen sorgen sie für eine nachhaltige Engagement-Infrastruktur in der Region.

Das Engagement vor Ort ist nicht ohne Herausforderung in einer Zeit, in der immer mehr Menschen online in sozialen Medien unterwegs sind, künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch ist und viele menschliche Kontakte durch digitale Lösungen ersetzt werden. Doch schließt das eine das andere nicht aus. Mit Crowdfunding, Live-Stream-Auslosungen und Engagement per App kommen traditionelle Werte und neue Tools zusammen.

Lesen Sie im Fokus „Wie sich Genossenschaftsbanken engagieren“ folgende Beiträge:

Millionen für das Engagement in der Region

Die Region und das Zusammenleben der Menschen zu fördern, ist ein zentrales Anliegen der genossenschaftlich organisierten Volksbanken und Raiffeisenbanken in Deutschland. Deshalb fördern die 672 regional aufgestellten Genossenschaftsbanken vor Ort Schulen, Sportvereine, Umweltinitiativen, Projekte für Senioren und Kinder und soziale Projekte mit einer insgesamt dreistelligen Millionensumme.
Zum Beitrag

Nachhaltiges Engagement mit sozialgenial und Bürgerstiftungen

Genossenschaftsbanken, die in das Engagement junger Menschen und die Ehrenamtsstruktur vor Ort investieren möchten, engagieren sich zusammen mit der Stiftung Aktive Bürgerschaft für ihre Region. Sie unterstützen mit dem innovativen Programm sozialgenial der Stiftung Aktive Bürgerschaft das Engagement von Schülerinnen und Schülern, und sie engagieren sich bei und für Bürgerstiftungen. Die Beispiele der VerbundVolksbank OWL und der Volksbank Halle zeigen, wie das funktioniert.
Zum Beitrag

Tradition, Engagement und Lotterie: Die Gewinnsparvereine der Genossenschaftsbanken

Es war einmal eine nach Krieg, Verlust und Währungsreformen konsumfreudige Bevölkerung, die zum Sparen motiviert werden wollte. So kam es zur Gründung des ersten Gewinnsparvereins einer Genossenschaftsbank in Deutschland. Man schrieb das Jahr 1951. Seither verbinden die Gewinnsparvereine der Genossenschaftsbanken Sparanreiz, Lotterie und Unterstützung für gemeinnützige Projekte.
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Etabliert: Das Crowdfunding-Angebot der Genossenschaftsbanken

Neue Zeiten, neues Engagement – aber schon eingespielt: Seit mehr als zehn Jahren unterstützen viele Volksbanken und Raiffeisenbanken die Vereine und Initiativen vor Ort mit der Crowdfunding-Initiative „Viele schaffen mehr“. Wer die zentrale Website aufruft, landet im prallen Leben: Küchenzelte, Kirchendächer, Fußballtore, Konzerte – bei „Viele schaffen mehr“ gibt es so gut wie nichts, für das nicht gesammelt wird.
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Foto: Frank Wenzel