Sind die Bürgerstiftungen in Deutschland fit für die Zukunft? Darüber denken Bernadette Hellmann und Stefan Nährlich von der Stiftung Aktive Bürgerschaft nach. Im Gespräch tauschen sie aus, welche Strategien, Stärken und Herausforderungen sie in ihrer Arbeit für die Bürgerstiftungen beobachten. Aktueller Anlass sind die neuen Zahlen des „Report Bürgerstiftungen 2025“ der Aktiven Bürgerschaft.
bürgerAktiv In der diesjährigen Umfrage der Stiftung Aktive Bürgerschaft unter den Bürgerstiftungen waren Bildung und Erziehung das meist genannte Engagementthema der Bürgerstiftungen. Welche Themen werden die Bürgerstiftungen in zehn Jahren nennen?
Bernadette Hellmann Bildung und Erziehung ist ein Zukunftsthema, das relevant bleiben wird, denn Bildung befähigt junge Menschen, die Gesellschaft mitzugestalten. Doch die Bürgerstiftungen haben einen breiten Stiftungszweck und engagieren sich für das, was gebraucht wird, sei es gesellschaftlicher Zusammenhalt, sei es Krisenhilfe. Sie reagieren schnell auf aktuelle Themen oder plötzlich entstehende lokale Herausforderungen. Darin wiederum haben sie eine große Kontinuität, das hat unsere Reportumfrage auch einmal mehr gezeigt.
Stefan Nährlich Dass Jugend, Bildung, Erziehung die Hauptaufgabenfelder bleiben, glaube ich auch. Das hat mit den Präferenzen von Bürgerstiftungen zu tun, aber auch mit den anderen Akteuren. Ich glaube zum Beispiel, Soziales wird nie ein großes Thema der Bürgerstiftung werden, denn da sind schon die Wohlfahrtsverbände aktiv und die Bürgerstiftungen würden da nicht etwas Neues erfinden oder Neues aufbauen.
Bernadette Hellmann Wir hören allerdings in letzter Zeit immer wieder, dass auch soziale Anliegen an die Bürgerstiftungen herangetragen werden, weil den Kommunen Mittel wegbrechen und infolgedessen auch den Trägern der Wohlfahrtshilfe. Das ist ein Spannungsverhältnis, das es immer schon gibt: Wo werden Bürgerstiftungen aktiv? Was sind Pflichtaufgaben? Was sind freiwillige Aufgaben der Kommunen und wo kommt Engagement ins Spiel?
„Eines der ganz großen Themen werden die Folgen Künstlicher Intelligenz sein“
bürgerAktiv Welche weiteren gesellschaftlichen Herausforderungen seht ihr in den nächsten Jahren auf die Bürgerstiftungen zukommen?
Stefan Nährlich Ich denke, eines der ganz großen Themen werden die Folgen Künstlicher Intelligenz (KI) sein, ihre Auswirkungen, die sie auf die Menschen, auch junge Menschen haben wird. Was soll man noch lernen, wenn einem die KI alles sagen kann? Was wird aus dem kritischen Denken, dem Erfindergeist und vor allem: Wie entwickelt sich der Umgang mit der KI bezogen auf die Bürgerrechte, wem gehören die Daten und wer bestimmt über sie?
Als weiteres Thema sehe ich die Zivilverteidigung. Der Westen rüstet auf und auch auf die Bürgerstiftungen können Aufgaben zukommen, die noch niemand auf dem Schirm hat. Die Kulturinstitutionen suchen bereits Lkw und Fahrer, die im Ernstfall Kulturgut sichern können, wie es die Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung vorsehen, die im letzten Sommer von der Bundesregierung verabschiedet wurden.
Ich bin gespannt, wie sich die Bürgerstiftungen bei solchen Fragen verhalten werden.
„In dem Moment, in dem sich gesellschaftliche Trends vor Ort auswirken, schlagen sie auch in der Bürgerstiftung auf“
Bernadette Hellmann Die ganz großen Fragen können auch Organisationen mit hundertjähriger Geschichte, mehr Vermögen und viel mehr Manpower noch nicht beantworten. Aber die Erfahrung zeigt: In dem Moment, in dem sich gesellschaftliche Trends in einer Region, in einem Dorf, in einer Stadt auswirken, schlagen sie auch in der Bürgerstiftung auf. Wenn eine Bürgerstiftung im Bildungsbereich schon unterwegs ist und gute Kontakte in Schulen hat, kann sie auch reagieren, wenn das Thema KI auftaucht oder die Frage, was Digitalisierung mit jungen Menschen macht. Bürgerstiftungen haben immer wieder gute Projekte zur Medienkompetenz entwickelt. Manche Projekte sind eher Avantgarde und wenig unter den Bürgerstiftungen verbreitet. Aber manchmal verbreiten sich Projekte relativ schnell. Da jede Bürgerstiftung nur in ihrem Einzugsgebiet aktiv ist und sie sich untereinander keine Konkurrenz machen, kann ein guter Lösungsansatz schnell skaliert werden.
Stefan Nährlich Was ich vermisse, ist das Agenda-Setting. Es gibt andere Organisationen, die in der Praxis vielleicht gar nicht so viel leisten, aber Themen besetzen können und dann beispielsweise diejenigen sind, die ins Kanzleramt eingeladen würden, um zu diskutieren, was künstliche Intelligenz mit jungen Menschen macht. Die Bürgerstiftungen sind diejenigen, die lokal etwas umsetzen können; aber außerhalb der lokalen Ebene werden sie nicht wahrgenommen. Das sehe ich als Defizit, auch im Hinblick auf Fördermittel und Förderpartner.
Bernadette Hellmann Im vergangenen Jahr hat das Agenda-Setting erstmals funktioniert, mit der NDR-Kampagne zum Thema Einsamkeit: Die norddeutschen Bürgerstiftungen waren Partner des NDR, haben Projekte gegen Einsamkeit aus ganz vielen verschiedenen Orten im Norden Deutschlands eingereicht, haben dafür auch Spenden eingeworben und verteilt und das alles selbst organisiert. Das war, glaube ich, erst der Anfang!
Ein weiteres Thema, mit dem sich die Bürgerstiftungen positionieren, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt. Was passiert da gerade, dass so viele Menschen, soziale Gruppen und die Generationen nicht mehr gut miteinander in Kontakt und im Dialog sind? Welche Begegnungsformate bringen die Menschen vor Ort zusammen, niedrigschwellig und ohne nur die zu erreichen, die ohnehin miteinander im Austausch sind oder einen Konsens miteinander haben? Da setzen die Bürgerstiftungen schon vieles um. Sie kommen natürlich immer vom Lokalen her und es braucht mehr überregionale Sichtbarkeit für das, was sie leisten, da bin ich bei dir.
„Die Milliardenmarke ist geknackt!“
bürgerAktiv Welches Ergebnis aus dem aktuellen Report hat euch besonders beeindruckt?
Bernadette Hellmann Die Milliardenmarke ist geknackt! Die Bürgerstiftungen haben eine Milliarde Euro mobilisiert für das lokale Gemeinwohl. Die Summe setzt sich zusammen aus Stiftungskapital, Spenden und zusätzlichen Fördermitteln aller 435 Bürgerstiftungen. Hinzu kommen die 400.000 Menschen, die sich seit Anbeginn in den Bürgerstiftungen engagieren. Das sind große Zahlen. Sie zeigen, wie gut die Bürgerstiftungen sich entwickelt haben und wo die Reise noch hingehen kann. Dabei gibt es Bürgerstiftungen in Deutschland noch nicht einmal 30 Jahre lang.
Stefan Nährlich Beim Geld zeigt sich die Substanz. Es ist schnell gesagt, dass man etwas gut findet, aber wenn gefragt wird, ob man Geld gibt, ist das oft eine Hürde. Wer, sagen wir, 100.000 Euro an Spenden bekommen hat, der hat etwas richtig gemacht.
Bernadette Hellmann Der Kapitalaufbau sichert die Langfristigkeit. Es hebt die Bürgerstiftung von vielen anderen Akteuren ab, dass jeder gespendete oder gestiftete Euro ja noch gebündelt wird mit ehrenamtlichem Engagement und Spenden, Kapitalerträgen und durch die Kooperation mit vielen Partnern vor Ort. So kann mehr bewirkt werden.
bürgerAktiv Um die Bürgerstiftungen weiter gut unterstützen zu können, hat die Aktive Bürgerschaft sie auch nach ihrer Selbsteinschätzung, wo sie stehen, gefragt. Entsprechen die Antworten euren Beobachtungen?
„Die Gremienkompetenz ist ein Pfund, mit dem die Bürgerstiftungen wuchern können“
Bernadette Hellmann In vielen Punkten ja. 80 Prozent sagen, sie sind bei der Gremienkompetenz gut oder sehr gut aufgestellt, das ist ein Pfund, mit dem sie wirklich wuchern können. Drei Viertel sagten, sie sind gut in der Kooperation mit Zivilgesellschaft und Verwaltung aufgestellt. Das teile ich auch uneingeschränkt ebenso, wie dass drei Viertel der Bürgerstiftungen angeben, ihren Schwerpunkt in der Projekttätigkeit zu haben.
Aber: Nur ein Drittel sieht sich bei der Gewinnung und Bindung von Ehrenamtlichen gut aufgestellt. Das hat mich überrascht, weil ja ein Großteil der Arbeit der Bürgerstiftungen durch Ehrenamtliche bestimmt und gestaltet wird. Wir hören allerdings immer wieder, dass es schwieriger geworden ist, Ehrenamtliche und vor allem jüngere Menschen zu gewinnen. Das mag mit unterschiedlichen Erwartungen und auch mit Zeitmangel zu tun haben. Zeitmangel ist überall ein Thema im Engagement.
Stefan Nährlich Mich überrascht es eigentlich nicht so. Wenn Bürgerstiftungen keine Ehrenamtlichen finden, hat das vielleicht damit etwas zu tun, wen sie suchen, wo sie suchen und wie sie selbst wahrgenommen werden. Für mich persönlich ist zum Beispiel in diesem Zusammenhang der Begriff der „Bürgerstiftungsfamilie“ unpassend, denn er drückt nicht gerade eine Offenheit nach außen aus. Familie steht ja geradezu für das Private, während es bei Bürgerstiftungen um öffentliche Angelegenheit geht.
Bernadette Hellmann Auch die Gremiennachfolge ist eine Herausforderung, nur ein Drittel der Bürgerstiftungen sieht sich diesbezüglich gut aufgestellt. Das ist ein großes Thema für alle Bürgerstiftungen. Sie haben mindestens zwei Gremien, Vorstand und Aufsichtsorgan, die relativ groß sind, und es wird schwieriger, Menschen zu finden, die sich mit so einem hohen Maß an Commitment einem Vorstandsamt widmen oder auch selbst im Stiftungsrat Mitglied werden wollen.
Mit 48 Prozent haben sich übrigens deutlich mehr Bürgerstiftungen bei der Vielfalt der Gremien als gut bis sehr gut aufgestellt eingeschätzt. Natürlich ist die Frage, was man unter Vielfalt versteht. Wir sehen, dass die Gremien der Bürgerstiftung tendenziell älter sind, mehrheitlich über 60 Jahre, und dass wenig jüngere Menschen sich engagieren. Häufig sind die Mitglieder lokale Eliten, was seine Berechtigung hat, denn man braucht Zugang zu bestimmten Kompetenzen, zu Netzwerken und so weiter. Aber die Bürgerstiftungen bilden die lokale Gesellschaft in ihren Gremien nicht besonders gut ab bisher.
„Kapital macht Bürgerstiftungen langfristig unabhängig“
Stefan Nährlich Ein Vorstand kann der Repräsentativität meines Erachtens nur bedingt gerecht werden. Er hat eine Exekutivfunktion und muss in erster Linie funktionieren. Gleichwohl ist es wichtig, sich diverser aufzustellen, um möglichst viele Bereiche der Gesellschaft zu erreichen. Ich glaube aber, dass da andere Instrumente besser geeignet sind als die Mitgliedschaft in den Gremien. Zum Beispiel erreichen viele Bürgerstiftungen mit Freundeskreisen Menschen, die vielleicht nicht so viel mit der Bürgerstiftung anfangen können und auch nicht so viel Geld haben, aber trotzdem einen wertvollen Beitrag leisten können.
Ein anderer in der Umfrage häufig von den Bürgerstiftungen als schwierig eingeschätzter Punkt ist die Aufstellung bei den Zustiftungen. Einem Teil gelingt es gut, Zustiftungen zu gewinnen und ein anderer Teil tut sich schwer – oder setzt andere Präferenzen. Ich verstehe, dass es für Gremien, die gerade jetzt Verantwortung tragen, ein bisschen unattraktiv sein kann, sich um Zustiftungen zu kümmern, denn die Früchte davon werden ihre Nachfolger genießen. Aber das Kapital macht die Bürgerstiftung langfristig unabhängig. Für das Gesamtkapital aller Bürgerstiftungen zusammen bekäme man heute schon mehr an Zinsen, als den Bürgerstiftungen insgesamt im letzten Jahr gespendet wurde. Den Zustiftungen wie auch der Vermögensverwaltung sollten manche Bürgerstiftungen deshalb mehr Aufmerksamkeit schenken.
bürgerAktiv Unter welchen Voraussetzungen kann denn eine Bürgerstiftung erfolgreich Stiftungsfonds einwerben?
Bernadette Hellmann Der Hauptfaktor sind eine oder mehrere handelnde Personen, die dem Thema Priorität geben – es braucht ein Commitment des Vorstandes, das Thema anzupacken. Und dann braucht es ein bisschen Zeit. Natürlich ist es in Regionen, in denen es viel Vermögen gibt, leichter, Stifterinnen und Stifter zu gewinnen. Ostdeutsche Bürgerstiftungen haben es in dieser Hinsicht schwerer. Aber auch dort kann es zum Erfolg führen, wenn das Thema von der Bürgerstiftung platziert und über die Netzwerke bespielt wird. Wenn der Bürgerstiftung der Zugang zu potenziellen Stiftern fehlt, kann sie versuchen, sie mit Erbrechtsveranstaltungen oder über Multiplikatoren zu erreichen.
Stefan Nährlich Es gibt ja Bürgerstiftungen, die das nicht wollen und eine andere Strategie verfolgen, aber das halte ich für falsch. Jede Spende, die ich einwerbe, jeder Förderantrag kosten mich Ressourcen. Habe ich Kapital und einen vernünftigen Partner, der es anlegt, fließt jedes Jahr automatisch Geld. Das spart Arbeit und macht unabhängig. Es gibt überall Menschen, die stiften wollen, und die Bürgerstiftungen haben mit den Stiftungsfonds einen Vorteil, denn sie sind unkomplizierter einzurichten und zu verwalten als eine rechtsfähige Stiftung. Mag sein, dass eine digitale Plattform, der ich Geld überweise, schneller einen Stiftungsfonds einrichten kann. Beim Thema Vertrauen und Nähe kann sie aber gegenüber einer Bürgerstiftung nicht mithalten.
bürgerAktiv Wen seht ihr in Zukunft als wichtige Partner für Bürgerstiftungen?
Bernadette Hellmann Auf jeden Fall uns selbst! Die Stiftung Aktive Bürgerschaft ist als Supportorganisation seit mehr als 25 Jahren an der Seite der Bürgerstiftungen und wird das auch bleiben dank der Genossenschaftlichen FinanzGruppe. Vor Ort sind die regionalen Genossenschaftsbanken wichtige Partner der Bürgerstiftung und werden das ebenfalls bleiben. Darüber hinaus glaube ich, dass die Bürgerstiftungen auch überregional für viele weitere Partner interessant sein können, um Themen in die Region zu bringen, wie es die NDR-Kampagne ja gerade gezeigt hat. Das kann nützlich sein für andere Stiftungen, die bestimmte Themen fördern wollen, für Unternehmen oder auch für Lotterien.
Stefan Nährlich Je größer die Bürgerstiftungen werden, desto größer wird der Kreis der Partner werden. Dabei werden die Volksbanken und Raiffeisenbanken auch in Zukunft eine besondere Rolle einnehmen, weil auch sie sich für die Region und den Ort einsetzen. Es gibt wenige Organisationen, die über einen langen Zeitraum so ähnliche Ziele verfolgt haben wie Genossenschaftsbanken und Bürgerstiftungen und die sich vom Selbstverständnis her so ähnlich sind.
Bernadette Hellmann ist stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Aktive Bürgerschaft, Geschäftsbereich Bürgerstiftungen und Förderpartnerschaften
Dr. Stefan Nährlich ist Geschäftsführer und Mitglied des Vorstands der Stiftung Aktive Bürgerschaft.
Das Gespräch moderierte Gudrun Sonnenberg, Redaktionsleiterin bürgerAktiv der Stiftung Aktive Bürgerschaft.
Der Beitrag ist Teil des Fokus Sind die Bürgerstiftungen fit für die Zukunft? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte September 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.
Fotos: Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft