Fokus April 2026: KI – Was machen wir mit ihr und sie mit uns?

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Mal schnell die Künstliche Intelligenz (KI) etwas fragen oder einen Text von ihr schreiben lassen: Das dürfte für viele Menschen schon Alltag sein. Im gemeinnützigen Sektor gaben bei einer Befragung rund drei Viertel von 1235 Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen an, regelmäßig KI zu nutzen, meistens für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit (bürgerAktiv berichtete).

Mit KI lässt sich auch programmieren, sie kann Reisen buchen oder Daten verwalten. Das spart Zeit und eröffnet neue Möglichkeiten, aber es verunsichert auch: Lese ich jetzt den Text einer KI? Welche Risiken gibt es? Was geschieht mit meinen Daten? Bürgerschaftliches Engagement ist auf beiden Ebenen gefragt – wenn es darum geht, Erfahrungen mit der KI-Anwendung auszutauschen, wie auch, wenn es gilt, sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Maschinen einzusetzen.

Im Fokus „KI – Was machen wir mit ihr und sie mit uns?“ berichten Partnerinnen und Partner der Stiftung Aktive Bürgerschaft aus Bürgerstiftungen und Schulen, wie sie KI nutzen und ob oder wie sie KI zum Gegenstand ihres Engagements machen, indem sie beispielsweise zu Diskussionen einladen und die Folgen der neuen Technologie thematisieren. Aus der Stiftung Aktive Bürgerschaft teilt Stefan Nährlich die Erfahrung, mit KI ein Webportal zu programmieren und erklärt, warum und unter welchen Voraussetzungen das auch für kleine Non-Profit-Organisationen eine Option sein kann.

Lesen Sie im Fokus „KI – Was machen wir mit ihr und sie mit uns?“ diese Beiträge:

„Genau hier braucht es Engagement“

Sie schaffen Raum für Diskussionen über Künstliche Intelligenz (KI) und ihre Risiken, geben eigene Nutzungserfahrungen weiter, kümmern sich um junge Menschen und ihren Umgang mit der neuen Technologie: Engagierte aus Bürgerstiftungen und Schulen berichten für bürgerAktiv, wie sie KI nutzen, welche Herausforderungen sie sehen und welche Unterstützung sie sich wünschen. Ihre Statements zeigen, wie die KI Einzug hält im bürgerschaftlichen Engagement.
Zu den Statements

Ein Schritt weiter: Programmieren mit der KI – Wie die Stiftung Aktive Bürgerschaft mit Vibe Coding ihr so-geht-sozialgenial-Portal entwickelt hat

Die Stiftung Aktive Bürgerschaft hat Anfang 2026 für ihr Service-Learning-Programm sozialgenial mit Künstlicher Intelligenz (KI) ein neues Webportal entwickelt. Sie nutzte dafür den KI-Agenten Manus. Das Projekt zeigt, dass KI-gestützte Webentwicklung auch für gemeinnützige Organisationen eine realistische Option ist und gewinnbringend sein kann – wenn intern fachliche Steuerung, Prozessverständnis und Zielklarheit vorhanden sind.
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„Genau hier braucht es Engagement“

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Sie schaffen Raum für Diskussionen über Künstliche Intelligenz (KI) und ihre Risiken, geben eigene Nutzungserfahrungen weiter, kümmern sich um junge Menschen und ihren Umgang mit der neuen Technologie: Engagierte aus Bürgerstiftungen und Schulen berichten für bürgerAktiv, wie sie KI nutzen, welche Herausforderungen sie sehen und welche Unterstützung sie sich wünschen. Ihre Statements zeigen, wie die KI im bürgerschaftlichen Engagement Einzug hält.

 

„Hilfreich wären niedrigschwellige Fortbildungen und Austauschformate.“

Franz Scheidt, engagiert in der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen: 

Aus meiner Sicht wird Künstliche Intelligenz auch für das bürgerschaftliche Engagement zunehmend relevant. Viele zivilgesellschaftliche Initiativen arbeiten mit begrenzten Ressourcen. KI kann dabei helfen, Informationen schneller auszuwerten, Texte zu strukturieren oder komplexe Sachverhalte verständlicher darzustellen. Das kann Engagement wirksamer machen und Menschen dabei unterstützen, sich fundiert in gesellschaftliche Debatten einzubringen.

Ich selbst nutze KI regelmäßig als Denk- und Arbeitswerkzeug. Zum Beispiel, um Argumente zu strukturieren, unterschiedliche Perspektiven auf eine Frage sichtbar zu machen oder Materialien für Diskussionen und Beteiligungsprozesse vorzubereiten. Gerade im Kontext von Bürgerbeteiligung und Bürgerräten kann KI helfen, Vorschläge zu ordnen, Kriterien zu klären oder Ergebnisse nachvollziehbar aufzubereiten.

Die Herausforderung sehe ich vor allem darin, KI verantwortungsvoll zu nutzen. Ergebnisse dürfen nicht unkritisch übernommen werden; sie brauchen immer menschliche Prüfung und Einordnung.

Zugleich stellt sich die Frage, wie zivilgesellschaftliche Organisationen Zugang zu verständlicher und kompetenter Nutzung dieser neuen Werkzeuge bekommen.

Hilfreich wären daher niedrigschwellige Fortbildungen und Austauschformate, damit Engagierte lernen können, KI reflektiert und zum Nutzen der demokratischen Kultur einzusetzen.

 

„Unsere Kompetenzen hinken der Entwicklung weit hinterher. Genau hier braucht es Engagement.“

Jan-Eric Peters, Gründer des „jep! Stiftungsfonds“ für Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen unter dem Dach der Bürgerstiftung Berlin:

KI ist gerade wie das Wetter: Alle reden darüber, kaum jemand versteht sie so ganz – und manchmal kommt’s anders, als man dachte. Die einfachsten Tools sind im bürgerschaftlichen Engagement aber schon Alltag: KI hilft beim Organisieren, Schreiben, Übersetzen. Das stellt uns aber auch vor die Frage, wer hier eigentlich wen steuert.

Im jep! Stiftungsfonds beschäftigen wir uns ganz praktisch mit KI. Das Projekt @digitalfit, das wir mit der Bürgerstiftung Berlin vorantreiben, stärkt Kinder und Jugendliche, selbstbewusst, kritisch und kreativ mit digitalen Werkzeugen umzugehen. Medienkompetenz heißt für uns: verstehen, hinterfragen, gestalten – und auch mal Nein sagen, wenn der Algorithmus Unsinn macht. Wer früh durchschaut, wie KI funktioniert, ist später weniger manipulierbar und kann digitale Technologien souveräner nutzen.

Die größte Herausforderung ist die Geschwindigkeit. Während wir noch über ethische Leitplanken diskutieren, ist das übernächste Update der KI längst auf dem Markt. Unsere Kompetenzen hinken der Entwicklung weit hinterher. Genau hier braucht es Engagement. Und Unterstützung: niedrigschwellige Bildungsangebote und Räume, in denen man KI ausprobieren darf, ohne gleich alles richtig machen zu müssen. Denn wer bei KI nur an schreibfaule Studierende oder tanzende Roboter denkt, verpasst den Anschluss.

 

„Wir sind auf reges Interesse gestoßen, die KI besser zu verstehen und sinnvoll nutzen zu lernen.“

Dr. Susannah Cremer-Bermbach und Till Bermbach, Stiftung Informationskompetenz unter dem Dach der Bürgerstiftung Bonn:

Die tiefgreifende Veränderung unserer Welt durch KI gilt als sicher. Ob dies zum Wohle vieler oder nur sehr weniger Menschen sein wird, hängt zu einem beträchtlichen Teil davon ab, wie wir sie nutzen. Deshalb ist es aus unserer Sicht unabdingbar, dass KI allgemein und Text- und Bildgenerierung im Besonderen, ihre Anwendungsgebiete und der reflektierte Umgang damit im Alltag ein zentrales Thema bürgerschaftlichen Engagements sein sollte.

Wir haben die Stiftung Informationskompetenz unter dem Dach der Bürgerstiftung Bonn 2022 gegründet, um den kritischen Umgang mit Informationen allgemein zu fördern durch möglichst praxisnahe Projekte für Kinder, Jugendliche, jüngere und ältere Erwachsene. Unser besonderes Anliegen ist es dabei, der Verzerrung von Fakten durch Fake News und Deep Fakes entgegenzuwirken, für die damit verbundenen Gefahren zu sensibilisieren und demokratische Werte zu stärken. Die KI wird bei unseren Projekten in der Regel nur im Zusammenhang mit Desinformation und Deepfakes thematisiert. Es ist allerdings davon auszugehen, dass sie als „Brandbeschleuniger“ künftig weiter in den Vordergrund rücken wird.

Im Rahmen einer von uns mitorganisierten Veranstaltungsreihe zur Förderung der Medienmündigkeit haben wir die diesjährige Veranstaltung erstmals exklusiv der KI gewidmet mit Diskussionen über das Buch „Weiß die KI, dass sie nichts weiß?“ der Informatikerin Katharina Zweig, mit Workshops und mit Vorträgen zu verschiedenen Aspekten. Dabei sind wir auf reges Interesse gestoßen, auch bei Älteren, die KI besser zu verstehen und sinnvoll nutzen zu lernen.

Damit untrennbar verbunden und unverzichtbare Grundvoraussetzung ist der reflektierte Umgang mit Informationen. Dass ein kritischer Umgang mit KI die Informationskompetenz erhöht und umgekehrt, dürfte sich als fruchtbarer Ansatz für weitere Projekte erweisen.

Um das Interesse Studierender am Thema Desinformation zu wecken, haben wir einen Förderpreis an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg initiiert, der Anfang April für eine Masterarbeit mit dem Titel „Manipulation durch künstliche Intelligenz“ vergeben werden konnte. Wie der Untertitel verrät, handelt es sich um „eine empirisch-quantitative Untersuchung zur Anfälligkeit für Täuschung durch Deepfakes im Vergleich zu textbasierter Desinformation“, die laut Jury „wichtige Erkenntnisse über die Wirkmechanismen digitaler Desinformation“ liefert.

 

„Besonders nutzen die Schüler*innen KI bei der Ideenfindung.“

Nella Zimmer und Kristin Schulz, Schulleiterin und Lehrerin an der Carl-Engler-Schule in Karlsruhe:

KI ist bei uns unter anderem im Zusammenhang mit dem Engagement von Schüler*innen ein Thema. Sowohl im Projektfach als auch im Seminarkurs an der Carl-Engler-Schule – wissenschaftliches Arbeiten und ehrenamtliches Engagement miteinander verknüpfen – kann KI für die Schüler*innen eine hilfreiche Unterstützung sein.

Wir zeigen ihnen, wie KI bei der sprachlichen Überarbeitung von Seminarkursarbeiten, Dokumentationen oder Präsentationen unterstützen kann. Besonders nutzen die Schüler*innen KI bei der Ideenfindung, aber auch ganz praktisch, z. B. wenn es darum geht, Anschreiben an Kooperationspartner noch einmal gegenlesen zu lassen, Formulierungen zu verbessern oder Texte sprachlich zu überarbeiten. Oder auch um Grafiken zu erstellen.

Gleichzeitig sprechen wir darüber, dass diese Nutzung transparent gemacht und in den Arbeiten angegeben werden muss – auch mit Blick auf wissenschaftliches Arbeiten und als Vorbereitung auf ein späteres Studium.

Darüber hinaus kann KI insbesondere schwächeren Schüler*innen helfen, besprochene Inhalte sich noch einmal erklären zu lassen oder Wissenslücken selbstständig zu schließen.

Eine Herausforderung sehen die Kolleg*innen vor allem bei der Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten, wie sie in früheren Seminarkurskonzepten/Projektfachdokumentationen vorgesehen waren. Hier besteht natürlich die Gefahr, dass KI größere Textteile generiert.

Darauf haben wir bereits reagiert:  Die Schüler*innen verfassen inzwischen wissenschaftliche Essays mit sehr konkreten Fragestellungen. Diese bestehen aus

  • einem analytischen Teil, in dem eine konkrete Fragestellung wissenschaftlich untersucht wird,
  • einem Transferteil, in dem diese Fragestellung mit dem eigenen Projekt bzw. dem gesellschaftlichen Engagement verknüpft wird,
  • sowie einem reflektierenden Teil, in dem die eigene Projektarbeit kritisch eingeordnet wird.

Die wissenschaftliche Arbeitsweise bleibt dadurch erhalten, gleichzeitig wird es deutlich schwieriger, komplette Texte einfach durch KI generieren zu lassen, da individuelle Verknüpfungen und Reflexionen erforderlich sind.

Uns ist dieser reflektierte Umgang wichtig, da wir davon ausgehen, dass KI die Schüler*innen auf ihrem weiteren Bildungs- und Berufsweg dauerhaft begleiten wird.

 
„Wie lernen junge Menschen, mit KI verantwortungsvoll umzugehen?“

Wilhelm Rinschen, Medienpädagoge und Schulsozialarbeiter an der Gesamtschule Lengerich/Tecklenburg:

Künstliche Intelligenz ist längst im Alltag von Schülerinnen und Schülern angekommen. Sie nutzen entsprechende Programme schon ab Klasse 5 fast selbstverständlich, fragen KI-Tools nach Hausaufgaben, lassen sich Texte erklären, suchen Rat bei Alltagsfragen oder nutzen sie ganz einfach aus Neugier. Schule steht vor einer Realität, die sich nicht mehr ignorieren lässt.

Doch wie lernen junge Menschen, mit KI verantwortungsvoll umzugehen? Es reicht nicht, gute Prompts zu schreiben oder schnelle Antworten zu bekommen. Schülerinnen und Schüler müssen auch lernen, dass KI nicht immer recht hat, dass sie Fehler macht und dass sie keine neutrale Instanz ist. Sie basiert auf Regeln und Wertentscheidungen, die von Menschen festgelegt werden. Die ethisch-moralischen Dimensionen von KI entstehen nicht von selbst, sie werden einprogrammiert.

Wie wichtig das ist, zeigen konkrete Beispiele, mit denen wir uns im Vertiefungsfach Medienerziehung in der Jahrgangsstufe 9 befasst haben: Wenn etwa eine KI sich weigert, auf einem Bild die Kleidung einer Kopftuchträgerin in bestimmter Weise zu verändern, dann folgt sie vielleicht moralischen Vorgaben, die ihr vorgegeben wurden. Wenn eine KI eine Schulklasse darstellt, stellt sich die Frage, nach welchen Regeln Minderheiten, ethnische Gruppen oder kulturelle Vielfalt abgebildet werden. Wer entscheidet darüber, was als normal, ausgewogen oder angemessen gilt? Solche Fragen gehören nicht nur in die Informatik, sondern mitten in die pädagogische Diskussion.

Schule muss Kinder und Jugendliche befähigen, diese neue Kulturtechnik kritisch, kompetent und verantwortungsvoll zu nutzen. Dazu gehört, Informationen zu prüfen, Antworten zu hinterfragen und die gesellschaftlichen Folgen algorithmischer Entscheidungen zu erkennen. KI wird aus Schule und Alltag nicht mehr verschwinden. Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche nicht allein mit ihr zu lassen.

 
„Grenzen ziehe ich beim Datenschutz.“

Susanne Eickelmann, Geschäftsführerin der Bielefelder Bürgerstiftung:

Ich nutze die KI vor allem für die Kommunikation. Newsletter, Einladungsbriefe zu Veranstaltungen oder Begleitschreiben an Spendende, das macht die KI ganz großartig. Ebenso wie aus einer Info verschiedene Formate für Social Media zu generieren. Weniger erfolgreich war mein Versuch, die KI eine PowerPoint-Präsentation erstellen zu lassen. Das passte überhaupt nicht. Ich habe dann einen eigenen Entwurf gemacht und diesen von der KI überarbeiten lassen.

Entweder speise ich Inhalte ein und lasse mir von der KI einen Textentwurf erstellen oder ich lasse mir Formulierungen vorschlagen. Auf jeden Fall überarbeite ich die Texte anschließend, denn es ist mir wichtig, einen persönlichen Stil, eine individuelle Ansprache zu bewahren.

Meiner Meinung nach macht es einen merkwürdigen Eindruck, wenn man unbearbeitete KI-Texte versendet. Wir erhalten manchmal Förderanträge, die mit offensichtlich von amerikanischer KI generierten Einstiegsfloskeln wie „Ich hoffe, Sie sind bei bester Gesundheit“ beginnen. Da denke ich mir jedes Mal: Leute, gebt euch ein bisschen mehr Mühe.

Grenzen ziehe ich beim Datenschutz. Ich speise keine Daten in die KI ein, die ich nicht auch in einem Newsletter o. ä. veröffentlichen würde.

Die KI spart mir viel Zeit. Ich würde aber gerne weitere Möglichkeiten kennenlernen und wäre interessiert an einem Austausch, wie Kollegen in anderen Bürgerstiftungen mit KI umgehen und wofür sie sie einsetzen.

Fotos: Till Bermbach,  Fotodesign Susanne Freitag, Jule Halsinger, Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft, privat

Der Beitrag ist Teil des Fokus KI – Was machen wir mit ihr und sie mit uns? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte April 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Ein Schritt weiter: Programmieren mit der KI

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Wie die Stiftung Aktive Bürgerschaft mit Vibe Coding ihr so-geht-sozialgenial-Portal entwickelt hat.

Die Stiftung Aktive Bürgerschaft hat Anfang 2026 für ihr Service-Learning-Programm sozialgenial mit Künstlicher Intelligenz (KI) ein neues Webportal entwickelt. Sie nutzte dafür den KI-Agenten Manus. Das Projekt zeigt, dass KI-gestützte Webentwicklung auch für gemeinnützige Organisationen eine realistische Option ist und gewinnbringend sein kann – wenn intern fachliche Steuerung, Prozessverständnis und Zielklarheit vorhanden sind.

von Stefan Nährlich

Das Beispiel des sozialgenial-Mitgliederportals macht deutlich, dass der Mehrwert von KI in diesem Fall nicht nur in niedrigen Entwicklungskosten liegt, sondern dadurch auch neue Möglichkeiten für einen besseren Support der Zielgruppen entstehen. Gleichzeitig führt ihr Einsatz zu Zeitersparnissen durch Automatisierung.

Das neue Portal – so-geht-sozialgenial.de – bündelt Praxishilfen, Projektbeispiele, Community-Funktionen, Bestellmöglichkeiten sowie News und Veranstaltungshinweise für sozialgenial-Lehrkräfte an einer Stelle. Das Admin-Dashboard bietet Nutzer- und Contentverwaltung, Import- und Exportfunktionen, Vorlagen und verschiedene Features wie zertifizierte Community-Profile oder die Möglichkeit, gezielt Beta-Tester für neue Funktionen einzuladen. Für die Stiftung Aktive Bürgerschaft ist das neue Portal ein wichtiger Schritt, weil das bisherige WordPress-basierte Vorgängerportal die benötigten Funktionen nur sehr eingeschränkt abbilden kann.

KI-gestützte Webentwicklung kann auch für kleinere Vereine und Stiftungen funktionieren – wenn intern klar ist, was gebraucht wird

Das Projekt wurde bei der Aktiven Bürgerschaft nicht von einem klassischen Entwicklerteam umgesetzt, sondern im Kern lag die Arbeit beim Geschäftsführer der Stiftung, der die Anwendung mit der KI aufgebaut hat. Eigene Programmierkenntnisse lagen nicht vor, aber eine gewisse Affinität zur Digitalisierung, Praxiserfahrung aus der Steuerung kleinerer IT-Projekte, das Wissen um die Bedarfe der Zielgruppen und die Fähigkeit, Anforderungen in logische Prozesse zu transformieren.

Die Entwicklung verlief schrittweise im Dialog mit der KI – so wie es auch von anderen Chatbots bekannt ist. Bei diesem „Vibe Coding“ geben Nutzer in natürlicher Sprache Anweisungen, also Prompts. KI-Agenten erstellen dann daraus die Programmcodes. Bei der Aktiven Bürgerschaft wurden teilweise konkrete Arbeitsaufträge formuliert, teilweise ging es im Dialog mit der KI zunächst um die Frage, wie sich eine Anforderung am sinnvollsten lösen ließ. An einzelnen Stellen musste nachgebessert werden. Größere Sackgassen, aus denen zentrale Teile der Anwendung hätten zurückgebaut werden müssen, traten nicht auf.

Bei der Entscheidung für die Manus-KI war neben der Programmierfähigkeit der KI die integrierte Veröffentlichungsfunktion ausschlaggebend: Das Hochladen auf den Server erfolgt automatisiert über die Manus-Plattform, einschließlich Hosting, SSL-Zertifikat, SEO-Optimierung und Unterstützung für eigene Domainnamen. Das so-geht-sozialgenial.de Portal wird DSGVO-konform in Rechenzentren in der EU gehostet. Datenfluss und Datenspeicherung erfolgen verschlüsselt.

Aufwand, Kosten und Umfang der Programmierung

Die Entwicklung des Projekts erstreckte sich über 32 Arbeitssessions mit insgesamt 60 Stunden Programmierzeit an 20 aktiven Entwicklungstagen. Hinzu kamen Zeiten für die Ideenentwicklung und die grobe Planung des Projekts. Die Kosten beliefen sich auf 226 US-Dollar bei 15.732 verbrauchten Credits. Hinzu kommen Personalkosten, wodurch der Gesamtkostenaufwand natürlich höher liegt.

Das Portal basiert auf 43.000 Codezeilen, was etwa einem Buch mit 800 Seiten entspricht. Eingebaut sind 80 Backend-Endpunkte wie beispielsweise „Nutzer speichern“, „E-Mail versenden“ oder „News generieren“; außerdem 50 React-Komponenten wie beispielsweise Eingabefelder oder Menüpunkte sowie 20 Datenbanktabellen. Insgesamt entstand also eine umfangreiche und professionelle Cloudanwendung mit vernetzten Tabellen, mehrstufigen Workflows, Filterlogik, Validierung bei Massenimporten und rollenbasierten Freigaben. Das Portal kann mit den üblichen Browsern genutzt werden.

Im Vergleich zur klassischen Auftragsvergabe an einen externen IT-Dienstleister dürfte die Kostenersparnis bei über 90 Prozent liegen, während der Zeitaufwand aufgrund der umfangreicheren Vorarbeiten und Abstimmungen mit einem Dienstleister vergleichbar sein sollte. Die Dokumentation hat die KI erstellt, auch Teile der Schulung von Mitarbeitenden.

Die ersten Erfahrungen mit dem neuen Portal

Ob eine mit KI entwickelte Webanwendung trägt, entscheidet sich nicht allein im Entwicklungsprozess. Ausschlaggebend ist, ob sie die vorgesehenen Aufgaben löst, verlässlich funktioniert und im Alltag angenommen wird.

Getestet wurde das Portal in mehreren Schritten: Während der Entwicklung liefen fortlaufend Tests und Fehlerbehebungen im System. Dann kamen zwei reale Test-Nutzungsphasen: zunächst im Team, anschließend mit ausgewählten Personen aus der Zielgruppe. Dabei zeigten sich noch kleinere Fehler, etwa Prozesse, die zwar technisch vorhanden, aber noch nicht in einem Menü verankert waren.

Bei zwei Präsenzveranstaltungen wurde das Portal vorgestellt und sehr gut angenommen. Nach zwei Wochen verzeichnete das Portal bereits 100 registrierte und freigegebene Nutzer. Weder bei den Nutzern noch im Admin-Bereich sind bisher Fehler oder Probleme aufgetreten. Die Rückmeldungen sind meist positiv. Verbesserungsvorschläge betreffen unter anderem die optische Darstellung.

Was andere gemeinnützige Organisationen mitnehmen können

Das Beispiel der KI-gestützten Entwicklung eines Webportals bei der Stiftung Aktive Bürgerschaft liefert über den Einzelfall hinaus einige wichtige Erkenntnisse, für andere, auch kleine Vereine oder Stiftungen.

Vibe Coding kann:

  • die Fähigkeiten einer gemeinnützigen Organisation erweitern, ihre Zielgruppen zu unterstützen, zum Beispiel im Schulungs- und Trainingsbereich, bei der Vernetzung oder beim Management von Angeboten,
  • zu deutlich geringeren Kosten realisiert werden als durch IT-Dienstleister, wodurch sich oft erstmalig auch kleineren gemeinnützigen Organisationen entsprechende Potenziale der Digitalisierung erschließen,
  • im Ergebnis zu Zeitersparnissen führen – einerseits durch die Automatisierung und andererseits durch mehr Eigenständigkeit auf der Nutzerseite, wenn die Nutzenden Anwendungsaufgaben wie beispielsweise die Verwaltung ihrer Daten selbst übernehmen.

Vibe Coding bedarf:

  • einer guten Kenntnis des Nutzens und des Leistungsumfangs einer zu erstellenden Anwendung,
  • der Fähigkeit, strukturierte und prozessorientierte Anforderungen an die KI zu formulieren sowie
  • Zeit und Neugierde, neue Möglichkeiten der KI konkret auszuprobieren.

Der Beitrag ist Teil des Fokus KI – Was machen wir mit ihr und sie mit uns? der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte April 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Fotos: James Harrison/unsplash, Werner Kissel/Stiftung Aktive Bürgerschaft

Fokus Februar 2026: „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine

1024 724 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Am 24. Februar 2026 jährt sich zum vierten Mal der Beginn des Angriffskriegs Russlands in der Ukraine. Den Krieg mit Leid, Vertreibung und Zerstörung durchzuhalten, erfordert eine starke, resiliente Zivilgesellschaft.

So floh 2022 aus der kleinen Stadt Voznesensk im Süden der Ukraine fast die Hälfte der 34.000 Einwohner, als zu Beginn des Krieges die russische Armee einrückte. Jetzt fehlen Arbeitskräfte, andererseits brauchen tausende Geflüchtete aus russisch besetzten Gebieten und Kriegsveteranen in der Stadt Unterstützung. „Wir müssen die Leute in der Region halten“, sagt Victoria Baltser von der Bürgerstiftung Voznesensk im Interview mit bürgerAktiv.

Unterstützung kommt unter anderem aus Deutschland. Die Aktive Bürgerschaft sammelt mit dem Ednannia-Hilfsfonds Spenden speziell für die ukrainischen Bürgerstiftungen, die das Geld bedarfsgerecht vor Ort verteilen können. Und deutsche Bürgerstiftungen engagieren sich von Kriegsbeginn an für die Ukraine und die Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind.

Lesen Sie im Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine“ folgende Beiträge:

„Wir müssen die Menschen in dieser Region halten“

140 Kilometer nördlich der Front im Süden der Ukraine kämpft die kleine Stadt Voznesensk um ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Überleben im Krieg. Viele Menschen flohen, viele andere kamen – aus den besetzten Gebieten und als Kriegsveteranen. Es fehlen Arbeitskräfte und Wohnraum. Victoria Baltser, Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Voznesensk, berichtet, wie die Bürgerstiftung mit Qualifizierungsangeboten, Rehabilitation und technischer Hilfe den Menschen den Rücken stärkt.
Zum Interview

Von der Nothilfe zu Resilienz und Integration

Zu den Organisationen, die nach dem Ausbruch des Kriegs 2022 die Ukraine unterstützten und den Menschen halfen, die in Deutschland Zuflucht suchten, gehörten von Anfang an auch die deutschen Bürgerstiftungen. Nach vier Jahren hat sich ihre Unterstützung verändert. Welche Herausforderungen jetzt im Mittelpunkt stehen, zeigt sich in Stuttgart und Aachen.
Zum Beitrag

Hilfe für die ukrainische Zivilgesellschaft: Der Ednannia-Hilfsfonds der Aktiven Bürgerschaft

Mut machen, Strukturen erhalten, Wiederaufbau ermöglichen: Die 30 Bürgerstiftungen in der Ukraine sind wichtige Drehscheiben, denn sie kennen sich vor Ort aus und wissen, was wo gebraucht wird. Deshalb unterstützen Spenderinnen und Spender aus Deutschland sie mit dem Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Bis Ende 2025 gingen rund 328.500 Euro ein. Der Hilfsfonds sammelt weiter Spenden.
Zum Beitrag

Mehr zum Thema

„Ednannia-Hilfsfonds – ‚Wir wollen ein Leben in Würde leben!’“ von Bernadette Hellmann und Gudrun Sonnenberg in Stiftung & Sponsoring 01/2024 hier herunterladen

„Wir versuchen standzuhalten“ Olga Nikolska von Ednannia auf der Geberkonferenz 2022 für den Ednannia-Hilfsfonds HIER NACHLESEN

„Standhalten, Kraft geben“ bürgerAktiv Magazin, Seite 42-43 hier herunterladen

Foto: Bürgerstiftung Voznesensk

 

Community Foundation Voznesensk

„Wir müssen die Menschen in dieser Region halten“

1024 558 Stiftung Aktive Bürgerschaft

140 Kilometer nördlich der Front im Süden der Ukraine kämpft die kleine Stadt Voznesensk um ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Überleben im Krieg. Viele Menschen flohen, viele andere kamen aus den besetzten Gebieten. Es fehlen Arbeitskräfte und Wohnraum. Victoria Baltser, ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Voznesensk, beschreibt die Lage und die Projekte, mit denen die Bürgerstiftung Bevölkerung, Unternehmen und die Stadtverwaltung zusammenbringt.

Die Bürgerstiftung ist eine von vielen, die aus dem Ednannia-Hilfsfonds unterstützt werden, mit dem die Stiftung Aktive Bürgerschaft in Deutschland Spenden für die ukrainischen Bürgerstiftungen sammelt.

bürgerAktiv Wie ist die aktuelle Lage in Voznesensk jetzt im Februar 2026?

Victoria Baltser Die Situation in Voznesensk ist im Grunde wie in der Ukraine allgemein: Wir haben nicht genug Strom. Es gibt weiterhin Probleme durch verschiedene Arten von Raketen- und Drohnenangriffen auf unser Gebiet.

Außerdem sind viele Männer in der Armee. Wir haben nicht genug Arbeitskräfte. Die Wirtschaft ist deshalb gerade in keiner guten Lage – vor allem wegen der Stromprobleme und der Raketenangriffe. Das wirkt sich negativ aus, aber unsere Gemeinde versucht trotzdem, stabil zu bleiben.

„Die dunkelste Zeit“

bürgerAktiv Wie hat sich der Krieg auf die Stadt ausgewirkt?

Victoria Baltser Im Jahr 2022 haben wir mehr als die Hälfte der Bevölkerung verloren. Damals lebten in Voznesensk etwa 34.000 Menschen; mehr als 15.000 sind weggegangen. Das war eine dunkle Zeit: Wenn man durch die Stadt ging, war es leer und man sah leere Geschäfte – wie in einer Geisterstadt. Im März 2022 waren russische Truppen in der Stadt; sie haben Infrastruktur zerstört, unter anderem Brücken. Auch soziale Einrichtungen, Schulen und das Krankenhaus wurden beschädigt oder zerstört.

Für uns war das die dunkelste Zeit, weil wir nicht wussten, was im Laufe dieses Jahres passieren würde.

bürgerAktiv Wer lebt jetzt in Voznesensk?

Victoria Baltser Während des Kriegs ist die Bevölkerung wieder gewachsen. Zunächst kamen viele Menschen aus den Regionen Mykolajiw und Cherson, die dort ihre Häuser verloren hatten, nach Voznesensk. Und jetzt, zu Beginn dieses Jahres, sind auch viele junge Menschen nach Voznesensk zu ihren Verwandten zurückgekehrt – zum Beispiel, weil sie in Kyjiw gelebt haben, dort aber die Versorgungslage sehr schwierig ist.

Zurzeit beherbergen wir mehr als 4000 Binnenvertriebene und mehr als 1000 Veteranen in Voznesensk. Etwa 5000 Männer sind derzeit in der Armee. Wir erwarten, dass nach dem Krieg mehr als 30 Prozent unserer Bevölkerung Kriegsveteranen sein werden.

„Den Kriegsveteranen zu helfen, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben“

bürgerAktiv Das ist sehr viel.

Victoria Baltser Ja, das ist viel. Den Veteranen zu helfen, wieder aktiv zu werden und ins zivile Leben zurückzufinden – im Sport, im Beruf und im sozialen Leben – ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wir unterstützen sie psychologisch, bei der Rehabilitation und fördern Aktivitäten mit anderen Veteranen, zum Beispiel im Sport. Aktuell möchten wir einen Schwimmwettbewerb im städtischen Schwimmbad organisieren.

Wir begleiten sie über einen längeren Zeitraum. Oft starten wir bewusst mit etwas, das nicht so stark spezialisiert ist, sondern der sozialen Integration dient: Die Veteranen kommen an einen sicheren Ort und sprechen über etwas anderes als den Krieg und ihre Erfahrungen. Für viele ist das eine Art soziale Therapie.

Danach bieten wir spezifischere Kurse oder auch Hilfe zur Existenzgründung an. Wir haben bereits einige Erfolgsgeschichten: Veteranen haben ein eigenes Unternehmen gestartet und nicht nur für sich selbst gearbeitet, sondern auch andere Veteranen eingestellt. Für uns ist es besonders wichtig, Beschäftigungsmöglichkeiten für weitere Veteranen in Voznesensk zu schaffen.

bürgerAktiv Wie ist die Wohnsituation in Voznesensk, ist es ein Problem, Menschen unterzubringen?

Victoria Baltser Ja. Viele Binnenvertriebene sind bei Verwandten untergekommen. Das ist erst einmal okay, aber sie möchten eigene Wohnungen. Doch nur ein kleiner Teil der Stadt hat mehrgeschossige Gebäude mit Wohnungen. Wenn man etwas mieten möchte, ist es ziemlich teuer.

Voznesensk hat viele Einfamilienhäuser. Leere Häuser sind zwar oft günstig, aber in schlechtem Zustand. Man kann zum Beispiel ein Haus für 1000 US-Dollar kaufen, muss dann aber mehr als 10.000 US-Dollar investieren, um es bewohnbar zu machen. Was in einem guten Zustand ist, kostet entsprechend viel.

„Nothilfe bleibt wichtig“

bürgerAktiv Welche Rolle spielt die Notfallhilfe im Engagement der Bürgerstiftung?

Victoria Baltser Sie bleibt wichtig. Wir unterstützen Menschen, wenn Raketen- und Drohnenangriffe Gebäude zerstören und sie ihr Zuhause verlieren. Wir helfen zum Beispiel beim Beschaffen von Dokumenten und beim Ausfüllen von Anträgen.

Teil unserer Notfallförderung ist außerdem, wichtige leistungsstarke Geräte und Maschinen, die gebraucht werden, auch dann nutzbar zu machen, wenn der Strom ausfällt: Wir kaufen Solaranlagen, installieren sie auf dem Dach und helfen so, mit der Solarenergie unabhängiger vom allgemeinen Stromnetz zu werden.

bürgerAktiv  Gute Idee.

Victoria Baltser Das gehört zu unserer neuen Strategie. Vor dem Krieg haben wir als Bürgerstiftung vor allem lokale Philanthropie aufgebaut. Wir haben Unternehmen und Privatpersonen geholfen, für wichtige Themen in der Gemeinde zu spenden, und haben dann Fördermittel an andere Nichtregierungsorganisationen und private Initiativen vergeben – auch für Jugendinitiativen.

Mit dem Krieg hat sich unsere Situation verändert und damit auch unsere Arbeit. Alle drei bis sechs Monate machen wir Umfragen und Bedarfsanalysen, fragen verschiedene Gruppen, welche Bedürfnisse sie haben, und überlegen dann mit unserem Team und unseren Partnern, wie wir am besten und effektivsten helfen können.

„Wir konzentrieren uns jetzt auf die Wirtschaft“

bürgerAktiv Wie sieht Ihre Strategie jetzt aus?

Victoria Baltser Wir konzentrieren uns jetzt auf die Wirtschaft. Wenn wir die lokale Wirtschaft nicht stabilisieren, werden wir schwächer und verlieren in den nächsten Jahren noch mehr Menschen.

Von der Frontlinie bis Voznesensk sind es etwa 140 Kilometer; das ist nah. Wir müssen die Menschen in dieser Region halten. Wir wollen nicht, dass sie ins Ausland oder in andere Gemeinden in der Ukraine gehen. Viele möchten wirklich hierbleiben – ein Geschäft aufbauen, einen neuen Job finden oder sich anderweitig in unserer Gemeinde einbringen.

bürgerAktiv Was tun Sie, um die Wirtschaftskraft zu stärken?

Victoria Baltser Es sind ja viele Binnenvertriebene zu uns gekommen. Der Arbeitsmarkt bietet viele Stellen, zu denen aber ihre Ausbildung oft nicht passt. Zum Beispiel: Jemand ist Lehrerin, aber gesucht wird eine Barista – und dafür fehlen Wissen und Fähigkeiten.

Deshalb haben wir ein Erwachsenenbildungszentrum aufgebaut, in dem wir kleine Trainings und Kurse im Umfang von 24 bis 50 Stunden anbieten. Wir befragen dafür die lokalen Unternehmen: Welche Mitarbeitenden brauchen sie, welche offenen Stellen gibt es? Danach organisieren wir diese Kurse. Wir haben auch Kurse zur Unternehmensgründung. Die nationale Regierung und verschiedene Geber bieten inzwischen Gründungszuschüsse für unterschiedliche Zielgruppen an.

Im vergangenen Jahr haben über 400 Menschen unsere Kurse besucht. 30 Prozent von ihnen haben neue Jobs in Voznesensk gefunden; andere haben eigene Unternehmen gegründet. Im vergangenen Jahr hat übrigens der Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft einen kreativen Makerspace in diesem Zentrum ermöglicht.

bürgerAktiv Sie stellen viel auf die Beine!

Victoria Baltser Ja, man kann sagen, dass die Bürgerstiftung der wichtigste Partner der lokalen Verwaltung und der Wirtschaft ist, wenn wir Projekte umsetzen.

bürgerAktiv Wie viele Menschen arbeiten in der Bürgerstiftung?

Victoria Baltser Hauptamtlich haben wir elf Beschäftigte. Das ist die größte Zahl an Beschäftigten seit unserer Gründung 2004. Allerdings sind mehr als 90 Prozent unserer Mitarbeitenden während des Krieges neu dazugekommen, weil wir 2022 einige Kolleginnen und Kollegen verloren haben.

Unsere fünf Vorstandsmitglieder arbeiten ehrenamtlich. Außerdem engagieren sich elf junge Menschen freiwillig über unsere Community Youth Bank, ein Jugendprogramm. Wenn wir Notfallhilfe organisieren und zum Beispiel Spenden an Bürgerinnen und Bürger verteilen müssen, binden wir je nach Umfang der Aktion fünf bis zehn zusätzliche Freiwillige ein.

bürgerAktiv  Wie finanziert die Bürgerstiftung ihre Arbeit?

Victoria Baltser Im vergangenen Jahr haben uns mehr als elf Geldgeber unterstützt, darunter das Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen, Isar Ednannia und die Stiftung „Together for Ukraine“ – eine amerikanische gemeinnützige Organisation, die während des Krieges die ukrainische Zivilgesellschaft unterstützt. Außerdem haben wir angefangen, uns auf EU-Programme wie „Internet Europe“ zu bewerben, weil viele europäische Programme inzwischen für die Ukraine geöffnet wurden. Für uns ist das neu und wir haben damit nicht viel Erfahrung, aber wir sind Co-Partner in einigen EU-Projekten, und dieses Jahr setzen wir diese Arbeit fort.

Wir betreiben also sehr aktiv Fundraising. Wir arbeiten auch mit der lokalen Verwaltung zusammen und bekommen für einige Projekte Mittel aus dem kommunalen Budget.

„Für uns ist es wichtig, ein guter Partner zu sein“

bürgerAktiv Was planen Sie für 2026?

Victoria Baltser Wir setzen all unsere Projekte fort. Zudem wollen wir uns stärker auf internationale Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen wie der Stiftung Aktive Bürgerschaft konzentrieren. Und wir wollen Partner im Ausland finden, um gemeinsam Projekte zu entwickeln – insbesondere für EU-Ausschreibungen. Wir sind in verschiedenen Netzwerken aktiv: im Netzwerk der Community Foundations in der Ukraine und seit letztem Jahr auch im Netzwerk der Veteranenzentren in der Ukraine. Wir möchten Teil größerer Organisationen/Netzwerke sein, damit wir neue Kenntnisse und Möglichkeiten bekommen.

Für uns ist es dabei sehr wichtig, vor Ort ein guter Partner für die verschiedenen Akteure zu sein: für die Kommunalverwaltung, für Förderer und für lokale Unternehmen – damit sie ihr Wissen und ihre Mittel zusammenbringen können und wir gemeinsam unsere Projekte in der Gemeinde umsetzen.

bürgerAktiv Vielen Dank für das Gespräch!

Die Bürgerstiftung Voznesensk wurde 2004 gegründet. Seit Beginn des russischen Kriegs unterstützt sie die Zivilgesellschaft mit Nothilfe, Qualifizierungsangeboten und Wirtschaftsförderung. Im Projekt „Greenhouse“ bildet sie mit Unterstützung des Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft zudem einheimische und geflüchtete Menschen darin aus, Obst und Gemüse anzubauen. Film über das Projekt „Greenhouse“.

Mehr zum Ednannia-Hilfsfonds und den geförderten Projekten

Interview: Gudrun Sonnenberg
Fotos: Bürgerstiftung Voznesensk

Der Beitrag ist Teil des Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Februar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

 

Von der Nothilfe zur Resilienz und Integration

1000 667 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Zu den Organisationen, die nach dem Ausbruch des Kriegs 2022 die Ukraine unterstützten und den Menschen halfen, die in Deutschland Zuflucht suchten, gehörten von Anfang an auch die deutschen Bürgerstiftungen. Denn mit ihrem breiten Stiftungszweck können Bürgerstiftungen schnell auf Krisen reagieren. Nach vier Jahren hat sich ihre Unterstützung verändert. Welche Herausforderungen jetzt im Mittelpunkt stehen, zeigt sich in Stuttgart und Aachen.

Als unmittelbar nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine viele Menschen nach Deutschland flüchteten, stand auch bei den Bürgerstiftungen zunächst die Nothilfe im Vordergrund. Viele Menschen waren unterzubringen, mit Kleidung und Haushaltsinventar auszustatten und mussten die Sprache lernen. Mit der Zeit übernahmen die Behörden die Grundversorgung und zahlten Integrationskurse. Bei den Hilfsorganisationen und den Bürgerstiftungen liefen Projekte aus. Doch Unterstützung brauchen die Geflüchteten trotzdem noch. Es tauchen jetzt andere Probleme auf: Sorgen um Angehörige in der Heimat, zerbrechende Familien, traumatische Erlebnisse, die die Psyche belasten und verarbeitet werden wollen, und die Frage, wie es in der Ukraine nach dem Krieg weitergeht.

Bei der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen ist die psychosoziale Stabilisierung der geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer in den Mittelpunkt gerückt. Seit dem Frühjahr 2025 hat sie mit Partnern vier Workshops „Kraftquelle psychische Resilienz“ veranstaltet, um ukrainische Frauen im Umgang mit ihren psychischen Belastungen zu stärken. „Der Bedarf ist riesig, die Kurse waren schnell ausgebucht“, sagt die Geschäftsstellenleiterin der Bürgerstiftung, Joëlle Ramakers. 48 Frauen konnten an den Workshops teilnehmen. Die Bürgerstiftung hofft, 2026 weitere Kurse anbieten zu können, die dann auch anderen Nationalitäten offenstehen sollen. Bereits am Start ist das neue Projekt „Accept Art for Refugees“ mit kunsttherapeutischen Workshops.

Aus den Vorjahren läuft noch ein Sprachtreff weiter. Anfangs gab es mehrere Gruppen, inzwischen trifft sich noch eine Gruppe mit rund zehn Frauen. „Ab 2023/24 sank der Bedarf. Manche sind in zertifizierende Kurse gewechselt, viele Teilnehmende haben Jobs gefunden und Kinder lernten die Sprache inzwischen in der Schule“, erzählt Ramakers.

Andere Ukrainerinnen und Ukrainer haben sich in das Existenzgründungprojekt für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte eingefädelt, das es schon seit 2019 bei der Bürgerstiftung gibt. „In den Kursen sehen wir, dass die Leute etwas beitragen wollen“, sagt Ramakers. „Bei uns haben Völkerverständigung und Bildungsangebote für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund einen hohen Stellenwert. Das bleibt auch weiterhin so.“

Bei der Bürgerstiftung Stuttgart liegt seit 2024 der Fokus auf dem Projekt „Stärkung der ukrainischen Zivilgesellschaft“: Zivilgesellschaftliche Erfahrungen und Know-how aus Stuttgart sollen in die Ukraine transferiert werden. Im November 2025 kam eine 30-köpfige Delegation aus der ukrainischen Partnerstadt Chmelnyzkyj nach Stuttgart, um sich zu informieren, wie hierzulande die Zivilgesellschaft, Träger sozialer Hilfe und die Stadtverwaltung zusammenarbeiten.

Für die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer in Stuttgart läuft 2026 noch das Förderprogramm „Gemeinsam! Gute Orte stärken“, mit dem die Bürgerstiftung ehrenamtliches Engagement der Geflüchteten fördert. Zu den über hundert damit bislang unterstützten Projekten gehört auch der DIM Mental Health Club, in dem ehrenamtliche Psychologen, Therapeuten, Pädagogen und Coaches aus der Ukraine psychosoziale Gruppenaktivitäten anbieten. Sie wollen jenseits individueller Therapien die Menschen psychisch stärken und gegenseitige Unterstützung organisieren. „Das ist wirklich ein sehr großes Projekt“, sagt Afina Albrecht, die in der Bürgerstiftung die Ukraine-Aktivitäten koordiniert. Sie will das Projekt wissenschaftlich evaluieren lassen und im zweiten Halbjahr 2026 eine Konferenz dazu organisieren.

Bei der Unterstützung für die Geflüchteten in Deutschland stehen jetzt die Arbeitsintegration und die psychosoziale Stabilisierung im Mittelpunkt, sagt sie: „Ziel ist, dass die Leute sich selbst versorgen können.“

Das „Gute-Orte“-Programm läuft Ende des Jahres 2026 aus. Möglicherweise ist das ein gutes Zeichen für die Integration, meint Albrecht. Das Förderprogramm „Gute Orte“ habe maßgeblich dazu beigetragen, vielfältige Angebote für ukrainische Geflüchtete zu ermöglichen und insbesondere Initiativen von Neuankommenden zu unterstützen. „Dadurch wurde diese Gruppe gestärkt und ihre Integration durch eigenes Engagement gefördert“, sagt Albrecht. „Einige ‚Gute Orte‘ haben sich inzwischen als dauerhafte, eigenständige Projekte etabliert. Wünschenswert wäre, dass ihr Engagement auch nach Auslaufen des Programms an bestehende übergreifende Strukturen anknüpfen kann.“

Mehr zum Engagement der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen
Mehr zum Engagement der Bürgerstiftung Stuttgart

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Bürgerstiftung Stuttgart/Jan Potente/Frederik Laux

Der Beitrag ist Teil des Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Februar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Hilfe für die ukrainische Zivilgesellschaft: Der Ednannia-Hilfsfonds der Aktiven Bürgerschaft

960 533 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Mut machen, Strukturen erhalten, Wiederaufbau ermöglichen: Die Bürgerstiftungen in der Ukraine sind wichtige Drehscheiben, denn sie kennen sich vor Ort aus und wissen, was wo gebraucht wird. Deshalb unterstützen Spenderinnen und Spender aus Deutschland sie mit dem Ednannia-Hilfsfonds der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Bis Ende 2025 gingen 328.537,62 Euro ein.

Die rund 30 ukrainischen Bürgerstiftungen leisten damit humanitäre Hilfe, unterstützen Geflüchtete und besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen. Sie sorgen dafür, dass Generatoren, Notunterkünfte, Schutzräume und Medikamente zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus setzen sie sich für die Förderung des sozialen Zusammenhalts ein, beispielsweise mit Qualifizierungen, medizinischer und sozialer Hilfe für erkrankte Kinder oder Begegnungsorten für junge Menschen und Kultur.

„Wir rufen weiter zu Spenden an den Ednannia-Hilfsfonds auf. Sie helfen unmittelbar den vom Krieg betroffenen und schutzbedürftigen Menschen und stärken gleichzeitig das wichtige Engagement der ukrainischen Bürgerstiftungen“, sagt Bernadette Hellmann, stellvertretende Geschäftsführerin der Aktiven Bürgerschaft.

Zu den Gebern des Ednannia-Hilfsfonds gehören die Bausparkasse Schwäbisch Hall, BBBank Stiftung, Berliner Volksbank eG, Kurt und Maria Dohle Stiftung, R+V Stiftung, R+V Versicherung AG Vertriebsdirektion Nord, TeamBank, Union Investment Stiftung, Volksbank Stuttgart eG, VR Smart Finanz, Osiander Stiftung sowie viele private Spenderinnen und Spender.

Die Aktive Bürgerschaft errichtete den Ednannia-Hilfsfonds kurz nach Kriegsausbruch im Frühjahr 2022 zusammen mit der Maecenata Stiftung, die den Zahlungstransfer in die Ukraine abwickelt. Dort werden die Mittel von der Hilfsorganisation ISAR Ednannia an die ukrainischen Bürgerstiftungen verteilt.

Mehr zum Ednannia-Hilfsfonds
An den Ednannia-Hilfsfonds spenden

Text: Gudrun Sonnenberg
Grafik: Aziza Freyer/Stiftung Aktive Bürgerschaft

Der Beitrag ist Teil des Fokus „Die Leute halten“ – Engagement in der Ukraine der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Februar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Fokus Januar 2026: Was Schulen mit Service Learning erreichen können

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Schulen haben viele Aufgaben – vielleicht zu viele: Sie sollen vollgestopfte Lehrpläne umsetzen, den Schülerinnen und Schülern Wissen vermitteln und Kompetenzen fördern, mit denen sie in der digitalen Welt bestehen, sie zu selbständigen und verantwortungsvollen jungen Menschen erziehen, dabei ihre individuelle Persönlichkeitsentwicklung im Blick haben, ihre unterschiedlichen Herkunftsbedingungen ausgleichen, mit den Eltern kommunizieren, nach außen im Wettbewerb mit anderen Schulen bestehen, und, und, und.

Unter diesen Umständen sind Bildungskonzepte gefragt, die Aufgaben vereinfachen anstatt neue hinzuzufügen. So wie das Service-Learning-Programm sozialgenial der Stiftung Aktive Bürgerschaft: Schülerinnen und Schüler lernen in Engagementprojekten, die Teil des Unterrichts sind. Sie vertiefen die Fachkenntnisse aus dem Unterricht und stärken dabei ihre sozialen Kompetenzen, arbeiten zusammen und übernehmen Verantwortung. sozialgenial wirkt herkunftsunabhängig und bietet allen teilnehmenden Schülerinnen und Schülern die Chance, sich weiterzuentwickeln.

Wie das funktioniert, zeigt der Fokus „Was Schulen mit Service Learning erreichen können“. Lesen Sie folgende Beiträge:

Engagement als Ausgangspunkt

Radwan Al Hammadeh ist erst 22 Jahre alt, im Ehrenamt aber schon ein alter Hase ; er hat jahrelange Erfahrung in unterschiedlichsten Engagementprojekten. Dass er jetzt Politikwissenschaft und Soziologie studiert, hat auch mit einem sozialgenial-Projekt zu tun – mit dem Projekt „KraftArt“ am Berufskolleg Kreis Höxter in Brakel.
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Sie sind jung und brauchen die Praxis

Bürgerschaftliches Engagement kommt in Schulen oft als Zusatzaufgabe daher, die der Vermittlung von Fachkenntnissen Zeit raubt. Doch das ist eine Frage des Konzepts. Mit dem Service-Learning-Ansatz von sozialgenial wird Engagement zum Pluspunkt für den Fachunterricht. Wie das geht, zeigte sich unlängst im Französischunterricht an der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Dortmund.
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Einsteigen leicht gemacht

Raus aus der Schule und sich in der Nachbarschaft engagieren: Das wünschte sich Heike Huhn, Lehrerin an der Kraichgau Gemeinschaftsschule in Gondelsheim in Baden-Württemberg, für ihre Schülerinnen und Schüler. Denn die Schule liegt direkt neben einem Seniorenheim und einem Kindergarten. Heike Huhn gründete zunächst mit 31 interessierten Schüler eine AG „Soziales Engagement“. Dann stieg sie bei sozialgenial ein.
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Wie sozialgenial wirkt: Neue Zahlen

Mit 1240 Mitgliedsschulen ist sozialgenial das teilnehmerstärkste Service-Learning-Programm in Deutschland. Es fördert das soziale Verantwortungsbewusstsein und stärkt wichtige Schlüsselkompetenzen von Schülerinnen und Schülern. Das belegen die Ergebnisse des Service-Learning-Monitors 2026, der im Januar veröffentlicht worden ist.
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Das Echo der Stadtgesellschaft: Bürgerstiftungen und sozialgenial

Das Engagement junger Menschen belebt die Stadtgesellschaft. Das wissen auch Bürgerstiftungen. Einige von ihnen suchen deshalb den Kontakt zu Schulen, um zusammenzuarbeiten und sie auf das Programm sozialgenial der Aktiven Bürgerschaft aufmerksam zu machen, das Schülerengagement fördert. In Ingolstadt konnte die Bürgerstiftung bereits vier Schulen für sozialgenial gewinnen.
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Mehr zum Thema

Lernen fürs Leben: Das bürgerAktiv Magazin 2025/26 der Stiftung Aktive Bürgerschaft mit Geschichten, Beispielen, Hintergrund und vielen Informationen zu Service Learning mit sozialgenial

Service Learning – Wie sollen Schüler heute lernen und was? Fokus Januar 2024

Was kannst du gut, was anderen nützt? Best-Practice-Bericht zur bundesweiten Skalierung des Service-Learning-Programms sozialgenial, von Caroline Deilmann, Stiftung Aktive Bürgerschaft, in: Stiftung&Sponsoring Rote Seiten 01.25. Beitrag herunterladen

Foto: Martin-Luther-King-Gesamtschule Dortmund

 

 

Engagement als Ausgangspunkt

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Radwan Al Hammadeh ist erst 22 Jahre alt, im Ehrenamt aber schon ein alter Hase; er hat jahrelange Erfahrung in unterschiedlichsten Engagementprojekten. Dass er jetzt Politikwissenschaft und Soziologie studiert, hat auch mit einem sozialgenial-Projekt zu tun – mit dem Projekt „KraftArt“ am Berufskolleg Kreis Höxter in Brakel.

Es war ein paar Monate nach dem Abitur, Radwan hatte eine Pflegeausbildung mit Fernziel Medizinstudium begonnen und auch schon im Krankenhaus gearbeitet. Da geriet er in eine Sinnkrise. War er wirklich auf dem richtigen Weg? Wollte er wirklich in die Medizin gehen? Inmitten dieser Zweifel erinnerte er sich an ein Projekt in seiner Schulzeit, bei dem er in den beiden Jahren vor dem Abi am Berufskolleg mitgemacht hatte. Es war das sozialgenial-Projekt „KraftArt“, ein Service-Learning-Projekt, bei dem die Schülerinnen und Schüler Kunst und Kreativität mit sozialem Engagement verbanden.

Zu Radwans Zeiten produzierten sie unter anderem eine Anthologie mit Porträts – „Human Stories“ – sie sammelten Lebensgeschichten von den Menschen aus ihrem Umfeld, die wiederum aus aller Welt kamen, texteten und illustrierten die Geschichten. Den Verkaufserlös spendeten sie einer Schule im syrischen Idlib. „Wir haben auch einen Song gegen Rassismus produziert“, erinnert sich Radwan.

Eigene Ideen umgesetzt

Dass das Engagement in der „KraftArt“-Gruppe so eine nachhaltige Wirkung auf ihn hatte, lag am Konzept: „Wir konnten dort unsere eigenen Ideen entwickeln und selbst überlegen, wie wir etwas umsetzen“, reflektiert Radwan. „Das war etwas anderes als das, was ich vorher erlebt hatte.“

Vorher: Da hatte er sich beim Kinderhilfswerk UNICEF im Juniorbeirat engagiert. Der Beirat berät die Organisation und Politiker bei der Entwicklung von Projekten und Gesetzen. Man diskutierte über Themen wie die Corona-Pandemie, Alltagsrassismus und Chancengleichheit. Im Schloss Bellevue konnten sie mit dem Bundespräsidenten über diese Themen sprechen und Bildungsformate diskutieren. Diese Erfahrungen vermittelten ihm Einblicke in formelle Beteiligungsstrukturen, aber auch in deren Chancen und Grenzen. Im Kontakt mit Politikern habe es nicht so viele Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Bei UNICEF ist er weiterhin aktiv, doch er sagt: „Rückblickend bildet das ‚KraftArt‘-Projekt den Ausgangspunkt meines Weges.“

Engagement als Lernform

„Bei ‚KraftArt‘ wurde Engagement nicht als Zusatz, sondern als Lernform verstanden – kreativ, selbstbestimmt und gesellschaftlich wirksam“, erläutert Radwan. „Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben mich nachhaltig geprägt und gezeigt, was möglich ist, wenn jungen Menschen Vertrauen, Verantwortung und Raum zur Gestaltung gegeben werden.“

Radwan hat die Pflegeausbildung beendet und sich an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main für Politikwissenschaften und Soziologie eingeschrieben. Er will weiter politisch tätig sein und mit dem sozialwissenschaftlichen Studium zugleich seine Erfahrungen aus dem gesellschaftlichen Engagement unterfüttern.

An der Uni ist er hochschulpolitisch und in der Fachschaft Gesellschaftswissenschaften aktiv, engagiert sich in universitären Gremien sowie in Auswahl- und Beteiligungsgremien der Hans-Böckler-Stiftung im Rahmen seines Begabtenstipendiums. Er hat auch ein Stipendium der Deutschlandstiftung Integration und er leitet die UNICEF-Hochschulgruppe Frankfurt. Dabei habe er stets im Blick, wie Beteiligung strukturell inklusiver und gerechter gestaltet werden kann, sagt er.

Radwan versteht sein Engagement als „Chancenmaschine“, aber auch als „soziales Privileg“. Viele Menschen blieben von der Beteiligung ausgeschlossen, weil ihnen Zeit, Ressourcen oder Zugänge fehlten. „Mein Ziel ist es, diese Hürden sichtbar zu machen“, sagt Radwan. „Ich möchte  Räume schaffen, in denen Beteiligung nicht nur möglich, sondern gerecht und nachhaltig ist.“

Das Programm sozialgenial
Das sozialgenial-Projekt „KraftArt“ am Berufskolleg Höxter

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: UNICEF/Zimmermann

Der Beitrag ist Teil des Fokus Was Schulen mit Service Learning erreichen können der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Januar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Sie sind jung und brauchen die Praxis

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Bürgerschaftliches Engagement kommt in Schulen oft als Zusatzaufgabe daher, die der Vermittlung von Fachkenntnissen Zeit raubt. Doch das ist eine Frage des Konzepts. Mit dem Service-Learning-Ansatz von sozialgenial wird Engagement zum Pluspunkt für den Fachunterricht. Wie das geht, zeigte sich unlängst im Französischunterricht an der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Dortmund.

So funktionierte der Einstieg in sozialgenial:

Andrea Seyb, Französischlehrerin an der Martin-Luther-King-Gesamtschule (MLKG), stieß durch das bürgerAktiv-Magazin der Stiftung Aktive Bürgerschaft auf sozialgenial und meldete sich anschließend zum Einsteigerseminar an. Die Schule wurde damit sozialgenial-Mitgliedsschule. Die Tools von sozialgenial werden an der MLKG unter anderem für die Entwicklung von Projekten für die Schulgemeinschaft oder im Stadtteil genutzt.

So lief das Projekt:

Im Schuljahr 2024/25 startete Seyb im Französischunterricht der Jahrgangsstufe 9 das sozialgenial-Projekt „Jung und engagiert – jeunes et engagés“. Es schöpfte die Möglichkeiten des Service-Learning-Ansatzes aus, das schulische Lernen mit gesellschaftlichem Engagement zu verbinden und dabei beides zu bereichern – die fachlichen Kompetenzen durch die Anwendung und Resonanz in der Praxis auf der einen Seite, das Engagement durch die fachliche Unterfütterung auf der anderen Seite.

Mit Anregungen aus den sozialgenial-Materialien – Seyb: „Ich habe sie wie einen Steinbruch genutzt und viele Ideen übernommen“ – startete die Lehrerin das Projekt. Ausgangspunkt war ein Kapitel im Französischbuch, in dem es um soziales Engagement von Stars ging. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten dazu um den Jahreswechsel herum eigene Vorsätze. Wie realisiert man gute Taten? In Teams recherchierten sie zu Nichtregierungsorganisationen und sozialen Initiativen. Hier kam die Kooperation mit der französischen Partnerschule, dem Lycée Marcelin Berthelot im Pariser Vorort Pantin ins Spiel: Die Schüler bereiteten ihre Rechercheergebnisse jeweils für die Schüler aus dem Nachbarland auf und stellten sie sich gegenseitig in der anderen Sprache vor.

Höhepunkt von „Jung und engagiert – jeunes et engagés“ war eine gut vorbereitete Kursfahrt nach Frankreich mit vollem Programm. Die Schüler trafen und interviewten Freiwillige aus der gemeinnützigen französischen Organisation Secours populaire, arbeiteten bei der Tafel mit und veranstalteten Schminkaktionen für Kleinkinder.

Noch während der Fahrt schrieben Seybs Schülerinnen und Schüler Blogbeiträge über ihre Aktionen und machten Fotos. Daraus produzierten sie ein E-Book. In einer ergänzenden Unterrichtseinheit entwickelten sie Memes. Am Ende des Schuljahrs bekamen sie Urkunden aus Frankreich, und für Mai 2026 ist ein Gegenbesuch der Franzosen geplant.

So wirkte das Projekt:

Es gelang, was im fremdsprachlichen Schulalltag oft schwierig ist: Die Schülerinnen und Schüler fingen an, frei in der anderen Sprache zu sprechen. „Schüler, die im Unterricht schüchtern und zurückhaltend waren, kamen mit breitem Grinsen von ihrem Einsatz zurück“, berichtet Seyb über die Fahrt nach Frankreich. Dabei konnten sie sich nicht nur gut verständigen, sondern auch ihr Engagement ließ sich sehen: Schülerinnen, die in einem Supermarkt Spenden für die Tafel eingeworben hatten, waren so erfolgreich, dass die Tafel einen kleinen Lieferwagen schicken musste, um die Spenden abzuholen. Bei der Tafel beschloss man, häufiger jüngere Leute in der Spendenwerbung einzusetzen. Die französische Partnerschule startete anschließend ein eigenes Projekt mit der Hilfsorganisation.

Das Fazit:

Andrea Seyb empfiehlt ihr sozialgenial-Projekt zur Nachahmung: „Weil das das Leben ist und die Schülerinnen und Schüler nachhaltig etwas mitnehmen aus Schule“, sagt sie. „Ich bin mir sicher, dass man das in ganz vielen Fächern umsetzen kann. Man muss sich manchmal trauen, Sachen wegzulassen und sich überlegen, wie man es anders machen kann.“

Der Pluspunkt: Förderung aus dem sozialgenial-Fonds

Als sozialgenial-Mitgliedsschule konnte sich die Martin-Luther-King-Gesamtschule um eine Förderung aus dem sozialgenial-hilft-Förderfonds der Dortmunder Volksbank für die sozialgenial-Schulen in der Region bewerben. Sie erhielt eine Förderung von 500 Euro für das Schuljahr 2024/25, die sie teils für den Kauf von Materialien für die Aktionen in Frankreich verwendete und teils beim Gegenbesuch der französischen Schüler in Dortmund einsetzen wird.

Mehr über sozialgenial

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Martin-Luther-King-Gesamtschule Dortmund

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Einsteigen bei sozialgenial leicht gemacht

1024 842 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Raus aus der Schule und sich in der Nachbarschaft engagieren: Das wünschte sich Heike Huhn, Lehrerin an der Kraichgau Gemeinschaftsschule in Gondelsheim in Baden-Württemberg, für ihre Schülerinnen und Schüler. Denn die Schule liegt direkt neben einem Seniorenheim und einem Kindergarten. Heike Huhn gründete zunächst mit 31 interessierten Schüler eine AG „Soziales Engagement“. Dann stieg sie bei sozialgenial ein.

Info und Anmeldung per Webinar

sozialgenial ist das Service-Learning-Programm der Stiftung Aktive Bürgerschaft – es verbindet Engagement mit Unterricht. Der Einstieg ist denkbar einfach: Interessierte Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter oder Schulleitungen können ein kurzes Online-Formular ausfüllen – oder sie nehmen direkt an einem Einsteiger-Webinar der Aktiven Bürgerschaft teil, erhalten alle relevanten Infos und vollziehen damit zugleich die Mitgliedschaft im Programm. Damit können sie auch auf die sozialgenial-Materialien zugreifen, auf Leitfäden, Arbeitsmaterialien, Ideen und Konzepte und auf einen umfangreichen Fundus an Projektbeispielen aus anderen Mitgliedsschulen .

Nach dem Webinar anspruchsvollere Projekte

Heike Huhn, die aufgrund des regen Interesses der Schülerinnen und Schüler am Engagement noch zwei Kollegen mit ins Boot geholt hatte, besuchte das Einsteiger-Webinar im November 2024. Sie stellte fest, dass sie die Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler noch gezielter fördern konnte, als sie es beim Start ihrer AG zu Schuljahresbeginn geplant hatte. Da hatten zunächst niedrigschwellige Begegnungen auf dem Programm gestanden: Kekse backen und Spiele-Nachmittage mit den Senioren, Vorlesen im Kindergarten, Hausaufgabenbetreuung für den Grundschulzweig. Nach dem Webinar wurden die Projekte anspruchsvoller.

Das Lehrerteam veranlasste die Schülerinnen und Schüler, mithilfe von Arbeitsblättern aus dem Programm sozialgenial ihre eigenen Interessen und Stärken zu reflektieren, um daran anknüpfend ihre Projekte zu entwickeln. Gemeinsam mit Kindergartenkindern führten nun die Schülerinnen und Schüler Experimente durch und griffen dabei auf ihr Wissen aus Chemie und Physik zurück. Deutsch und Geschichte wurden lebendig bei biografischen Interviews mit Senioren. Diese wurden in die Schule eingeladen zum gemeinsamen Kochen und für Bewegungsspiele.

Im laufenden Schuljahr 2025/26 bauen die Schüler mit Unterstützung eines Landschaftsgärtners ein rollstuhlgerechtes Hochbeet im Garten des Seniorenheims, um es gemeinsam mit den Senioren zu bepflanzen, zu pflegen und dann die Ernte einzufahren. Hier bringen sie ihre handwerklichen Fähigkeiten ein und wenden Wissen aus dem Biologieunterricht an. Dabei und bei der Ernte und Verarbeitung können ihnen die Senioren viel von ihrem Wissen und ihrer Erfahrung weitergeben.

Unterrichtsfach ab 2026/27

Im Schuljahr 2025/26 ist die AG ausgeweitet worden und findet an zwei Tagen pro Woche statt. Ab 2026/27 wird sozialgenial an der Kraichgau Gemeinschaftsschule zum Unterrichtsfach „Engagement und Verantwortung“, dass Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg ab diesem Schuljahr verpflichtend einführen müssen, um unter anderem Demokratiebildung und Zukunftskompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu stärken. Das Kultusministerium hat nur den Rahmen, aber keine Schwerpunkte vorgegeben. Inspiration für das Curriculum ziehen die Lehrkräfte auch aus den umfangreichen digitalen Materialien der Stiftung Aktive Bürgerschaft für Mitgliedsschulen im Programm sozialgenial.

Förderung aus dem sozialgenial-Fonds

Als sozialgenial-Mitgliedsschule konnte sich die Kraichgau-Gemeinschaftsschule um Mittel aus dem sozialgenial-hilft-Förderfonds der BBBank Stiftung für die sozialgenial-Schulen im Regierungsbezirk Karlsruhe bewerben. Sie war erfolgreich und erhielt eine Förderung von 500 Euro für das Schuljahr 2025/26.

sozialgenial-Mitgliedsschule werden

Text: Sonja Beckmann/Gudrun Sonnenberg
Foto: Kraichgau Gemeinschaftsschule Gondelsheim

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Wie sozialgenial wirkt: Neue Zahlen

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Mit 1240 Mitgliedsschulen ist sozialgenial das teilnehmerstärkste Service-Learning-Programm in Deutschland. Es fördert das soziale Verantwortungsbewusstsein und stärkt wichtige Schlüsselkompetenzen von Schülerinnen und Schülern – das belegen die Ergebnisse des Service-Learning-Monitors 2026, der im Januar veröffentlicht worden ist.

Alle zwei Jahre befragt die Stiftung Aktive Bürgerschaft für den Service-Learning-Monitor sozialgenial die sozialgenial-Mitgliedsschulen zu ihren Service-Learning-Projekten. Die Ergebnisse bieten einen Überblick darüber, wie Service Learning mit sozialgenial in der Praxis umgesetzt wird und welche Wirkungen es auf die Schülerinnen und Schüler hat.

94 Prozent der befragten Lehrkräfte geben an, dass sich sozialgenial positiv auf das soziale Verantwortungsbewusstsein der Schülerinnen und Schüler auswirkt. 90 Prozent sehen eine positive Wirkung auf die Fähigkeit zur Perspektivübernahme und Empathie. 68 Prozent bzw. 65 Prozent stellen eine positive Wirkung auf die Kommunikations- und Teamfähigkeit und das kritische Denken und Reflektieren fest. Das Votum der Lehrkräfte ist eindeutig: 96 Prozent empfehlen das Programm weiter. 

Service-Learning-Projekte können in allen Schulformen und Jahrgangsstufen der weiterführenden Schulen umgesetzt werden. Sie sind Teil des Unterrichts und mit Lehrplaninhalten verknüpft, um nicht nur das Engagement von Schülerinnen und Schülern zu fördern, sondern auch ihren Kompetenzerwerb. Ob Biologie, Deutsch oder Religion: Schülerinnen und Schüler können das fachliche Wissen aus dem Unterricht in der Praxis anwenden, um an der Lösung realer gesellschaftlicher Probleme mitzuwirken. Dabei stärken sie Schlüsselkompetenzen wie Kommunikations- und Teamfähigkeit, kritisches Denken und soziales Verantwortungsbewusstsein.

Mehr als 200.000 Schülerinnen und Schüler haben sich seit dem Start des Programms 2009 bereits in sozialgenial-Projekten engagiert und dabei rund 16 Millionen Stunden Einsatz für die Gesellschaft gezeigt: In sozialen Einrichtungen, für Klimaschutz und Demokratie, für Integration und vieles mehr.

sozialgenial-Projekte und Wirkungen in der Praxis

Text: Sonja Beckmann und Caroline Deilmann
Grafik: Aziza Freyer/Stiftung Aktive Bürgerschaft

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Das Echo der Stadtgesellschaft: Bürgerstiftungen und sozialgenial

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Das Engagement junger Menschen belebt die Stadtgesellschaft. Das wissen auch Bürgerstiftungen. Einige von ihnen suchen deshalb den Kontakt zu Schulen, um zusammenzuarbeiten und sie auf das Programm sozialgenial der Aktiven Bürgerschaft aufmerksam zu machen, das Schülerengagement fördert. In Ingolstadt konnte die Bürgerstiftung bereits vier Schulen für sozialgenial gewinnen.

„Wir halten sozialgenial für eine gute Sache, auch, weil das Programm ein fundiertes Konzept hat“, sagt Tanja Schadow aus der Geschäftsstelle der Bürgerstiftung Ingolstadt. Damit spielt sie auf das Service-Learning-Konzept von sozialgenial an: Das Engagement der Schülerinnen und Schüler wird mit dem Schulunterricht verbunden.

„Außerdem suchen auch wir als Bürgerstiftung Kontakt zur Jugend“, so Schadow. Die Bürgerstiftung führt selbst keine Projekte durch, sondern fördert das Engagement von Vereinen und Initiativen in Ingolstadt und möchte auch an Schulen Gutes tun.

Pilotprojekt für Partnerschaften

Nachdem das Programm sozialgenial zunächst in vier Bundesländern lief, können Schulen mittlerweile bundesweit teilnehmen. Die Aktive Bürgerschaft hat dazu ein Pilotprojekt für Bürgerstiftungen als lokale sozialgenial-Partner gestartet, an dem die Bürgerstiftung Ingolstadt teilnimmt.

Tanja Schadow verschickte Anfang 2025 eine Rundmail mit den Programminfos der Aktiven Bürgerschaft an alle infrage kommenden Schulen in Ingolstadt. Einige Interessierte reagierten, vier Schulen meldeten sich direkt bei sozialgenial an und es gibt erste Projekte: Schülerinnen und Schüler aus einer Pflegeschule haben im Stadtteiltreff ein Bewegungsprojekt für Seniorinnen angeboten – mit Erfolg, es wird wiederholt. Und eine Montessori-Schule hat ein Projekt für Grundschüler in Planung. In Netzwerktreffen, die Schadow halbjährlich organisiert, tauschen sie sich aus.

2026 bekommen die Schulen in Ingolstadt wieder Post von Tanja Schadow. Sie ist zuversichtlich, weitere sozialgenial-Mitglieder zu gewinnen: „Die guten Erfahrungen werden sich unter den Lehrkräften und Schulleitungen herumsprechen.“

Mehr Infos für Bürgerstiftungen zur Kooperation
Bürgerstiftung Ingolstadt
Mehr über sozialgenial

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Vardan Papikyan/unsplash.com

Der Beitrag ist Teil des Fokus WAS SCHULEN MIT Service Learning ERREICHEN KÖNNEN der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Januar 2026 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Fokus November 2025: Wenn Stiftungen erben

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Eine wachsende Zahl an Menschen entscheidet sich, ihren Nachlass ganz oder teilweise an eine gemeinnützige Organisation zu spenden oder zu stiften. Die solchermaßen bedachten Vereine und Stiftungen danken es, schließlich eröffnen die Zustiftungen und Spenden neue Handlungsmöglichkeiten. Doch das Erbe anzutreten, ist auch eine Aufgabe.

Wird etwa eine Organisation als Alleinerbin eingesetzt, muss sie auch den Haushalt der verstorbenen Person auflösen und die Bestattung organisieren. Enthält ein Testament noch weitere Vermächtnisse, beispielsweise, Teile des Geldes an andere Organisationen oder Personen weiterzugeben, stellt sich die Frage, wie viel eigentlich für die erbende Organisation übrigbleibt. Manchmal kann eine Erbschaft auch mit einem schwierig zu erfüllenden Zweck verbunden sein, sei es, dass er zu eng gefasst ist, sei es, dass er nicht zur Organisation passt – so kann eine Bürgerstiftung, die lokale Zwecke erfüllen muss, ein Erbe nicht antreten, wenn es für Tierschutz in Afrika verwendet werden soll.

Der Fokus „Wenn Stiftungen erben“ beleuchtet, warum die Option, ihren Nachlass zu stiften, für viele Menschen eine Überraschung ist, wie große Zustiftungen aus Nachlässen sich in einer Bürgerstiftung auswirken und wie Bürgerstiftungen mit unterschiedlichen Ressourcen die Nachlassabwicklung bewältigen.

Lesen Sie im Fokus „Wenn Stiftungen erben“ folgende Beiträge:

„Die meisten sind überrascht“

Hospize, Tierheime und Bildung für Kinder stehen weit oben, wenn vermögende Erblasser Gutes tun wollen. Uwe Schnurr, Stiftungsmanager in der Volksbank pur und ehrenamtlicher Vorstand der Bürgerstiftung Baden-Baden, berichtet aus dem Alltag der Generationenberatung. Die Option, zu stiften, ist für viele seiner Kundinnen und Kunden eine Entdeckung.
Zum Interview

Bürgerstiftung St. Georgen: Plötzlich eine große Stiftung

Plötzlich und ohne Vorabinformation fand sich 2022 die Bürgerstiftung St. Georgen als Alleinerbin eines kompletten Nachlasses wieder. Eine große Überraschung, aber auch eine große Herausforderung für das kleine Team der Bürgerstiftung. Wie hat sie diese gemeistert?
Zum Beitrag

BürgerStiftung Hamburg: Neues Handlungsfeld entwickelt

Erbschaften haben wesentlich zur Entwicklung der BürgerStiftung Hamburg beigetragen. Als größte Bürgerstiftung Deutschlands setzt sie extra Ressourcen für die Abwicklung von Nachlässen ein. Doch als einmal eine Erbschaft mit der Auflage verbunden war, sich für Umweltschutz zu engagieren, musste sich die BürgerStiftung Hamburg etwas einfallen lassen.
Zum Beitrag

Zahlen: Sicher ist nur das große Potenzial

Neun Billionen Euro: So hoch ist laut Bundesbank das Vermögen aller Menschen in Deutschland. Gut ein Drittel davon – mehr als 3 Billionen Euro – dürfte in den vergangenen zehn Jahren vererbt worden sein, das wären rund 300 Milliarden Euro pro Jahr. Doch wieviel davon geht an gemeinnützige Organisationen?
Zum Beitrag

Mehr zum Thema

Musik, Frieden, Medienkompetenz: Immer mehr Stifterinnen und Stifter setzen auf Stiftungsfonds bei Bürgerstiftungen, um ihre Ideen zu verwirklichen. Dabei können sie sich ganz auf ihr Engagement konzentrieren, denn die Bürgerstiftung übernimmt die Verwaltung. bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte, Fokus September 2024

Der Königsweg: Von der Rettungsaktion bis zur Vermögensverwaltung – Stiftungsfonds ermöglichen Engagement und die Bürgerstiftung kann dabei wachsen. bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte, Fokus September 2024

Die Strategie: Warum die Aktive Bürgerschaft den Bürgerstiftungen Stiftungsfonds empfiehlt, erläutert Bernadette Hellmann. bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte, Fokus September 2024

Webinar der Stiftung Aktive Bürgerschaft für Bürgerstiftungen und Fachaustausch: Vermögensaufbau mit Stiftungsfonds

Foto: Vitolda Klein / unsplash.com

„Die meisten sind überrascht“

1024 683 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Hospize, Tierheime und Bildung für Kinder stehen weit oben, wenn vermögende Erblasser Gutes tun wollen. Uwe Schnurr, Stiftungsmanager in der Volksbank pur und ehrenamtlicher Vorstand der Bürgerstiftung Baden-Baden, berichtet aus dem Alltag der Generationenberatung. Die Option, zu stiften, ist für viele seiner Kundinnen und Kunden eine Entdeckung.

bürgerAktiv Sie haben ein breites Angebot für Menschen, die sich fragen, was nach ihrem Tod mit ihrem Vermögen geschehen soll. Wer kommt zu Ihnen?

Uwe Schnurr Zu uns kommen immer mehr Alleinstehende und Ehepaare ohne Kinder, die sich überlegen, wie sie ihrem Vermögen einen Sinn geben können, wenn sie nicht mehr da sind. Wir haben bei uns in der Bank ein großes Team zertifizierter Generationenberater, die nichts anderes machen, als mit diesen Kunden über die Themen Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und eben auch Testamente zu sprechen. Sie schlagen den Kunden häufig vor, zu stiften. Dann übernehmen mein Team und ich. In diesem Jahr haben wir 30 Stiftungsverträge abgeschlossen, für nächstes Jahr rechnen wir mit 50 bis 60.

„Stiften ist keineswegs nur etwas für Millionäre“

bürgerAktiv Von sich aus kommen die Kunden nicht mit dem Wunsch zu stiften?

Uwe Schnurr Die meisten sind überrascht und sagen: Was, ich und eine Stiftung? Das ist doch nur was für Millionäre? Aber in Deutschland haben 70 Prozent der Stiftungen weniger als eine Million Euro an Stiftungskapital. Stiften ist also keineswegs nur etwas für Millionäre. Wir raten dazu, weil Spenden zeitnah ausgegeben werden müssen, aber Stiftungen langfristig wirken.

bürgerAktiv Zu klein sollte eine Stiftung aber auch nicht sein.

Uwe Schnurr Richtig, bei zu kleinen Stiftungen brauchen die Kosten die Erträge auf. In der Niedrigzinsphase hat man das gemerkt, da waren viele Stiftungen handlungsunfähig. Wir schlagen Stiftungen oder Zustiftungen bei Vermögen ab 100.000 Euro vor. Ein Hauptaugenmerk in meiner Beratung ist inzwischen die Möglichkeit einer zweckgebundenen Zustiftung, die man mit seinem Namen verbinden und den Stiftungszweck festlegen kann, und bei der keine Verwaltungskosten anfallen.

bürgerAktiv Wem möchten Ihre Kunden denn am häufigsten ihr Geld vermachen?

Uwe Schnurr Am häufigsten nennen sie das Hospiz, das Tierheim, die Bildung von Kindern. Gerade Alleinstehende haben häufig einen Bezug zu Tieren. Das kann man mit einem Stiftungsfonds gut umsetzen, zum Beispiel indem die Erträge regelmäßig an das Tierheim gehen. Beim Thema Bildung kann man für die Erträge Zwecke wie Suchtprävention oder finanzielle Bildung bestimmen.

„Es ist wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen.“

bürgerAktiv Kommen die Leute schon mit festen Vorstellungen oder bringen Sie sie auch auf Ideen?

Uwe Schnurr Wir machen auch Vorschläge. Als regionale Bank kennen wir die gemeinnützigen Organisationen und Einrichtungen hier und können nötigenfalls auch einen Kontakt herstellen, wenn Kunden sich ein Bild machen möchten. Es ist wichtig, einen persönlichen Bezug herzustellen. Die Kunden sind glücklich, wenn sie geklärt haben, was mit ihrem Geld passiert. Manche Menschen stiften schon zu Lebzeiten und machen dann erste Erfahrungen. Umgekehrt ist es für uns als Bank vor Ort schön, wenn ein gutes Projekt mit Hilfe der Bank gefördert werden kann.

bürgerAktiv Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Bürgerstiftung als Adressat für eine Zustiftung?

Uwe Schnurr Eine gute! Wir freuen uns, wenn jemand der Bürgerstiftung etwas vererben will – das sage ich natürlich auch als Mitglied des Vorstandes der Bürgerstiftung Baden-Baden – und haben auch schon Stiftungsfonds zu ihr vermittelt. Darauf hatte mich übrigens vor einiger Zeit die Aktive Bürgerschaft mit ihrer Seminarreihe zu Stiftungsfonds aufmerksam gemacht, die ich jeder Bürgerstiftung empfehlen kann. Voraussetzung ist, dass der gewünschte Stiftungszweck und der lokale Bezug zur Bürgerstiftung passt; Tierschutz geht beispielsweise nicht, wenn die Bürgerstiftung ihn nicht in ihren Zwecken hat. Und: Einen kompletten Nachlass mit Immobilien, der Wohnungseinrichtung und all den persönlichen Dingen aufzulösen, kann zu aufwändig für eine Bürgerstiftung sein. Die Bürgerstiftung Baden-Baden kann das nicht leisten. Eine Alternative ist, unsere bankeigene Volksbank Pur Stiftung als Erbin einzusetzen, mit der Auflage, dass das Geld in einen Stiftungsfonds geht, dessen Erträge an die Bürgerstiftung fließen. Dann nämlich können die Nachlassbegleiter der Volksbank die Abwicklung übernehmen.

Ein Nachlass ist oft komplizierter als man denkt. Zum Beispiel spielt Kryptowährung für immer mehr Leute eine Rolle. Dann muss man an die Bitcoins herankommen, die sind verschlüsselt. Umso besser, wenn wir noch zu Lebzeiten in der Beratung darauf stoßen.

Uwe Schnurr ist Abteilungsleiter im Team KompetenzCenter Stiftungsmanagement der Volksbank pur in Karlsruhe und Vorstandsvorsitzender der Volksbank pur-Stiftung. Ehrenamtlich engagiert er sich als Stellvertretender Vorsitzender in der Bürgerstiftung Baden-Baden.

Interview: Gudrun Sonnenberg
Foto: Volksbank pur eG

Das Interview ist Teil des Fokus Wenn Stiftungen erben der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte November 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Bürgerstiftung St. Georgen: Plötzlich eine große Stiftung

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Plötzlich und ohne Vorabinformation fand sich 2022 die Bürgerstiftung St. Georgen als Alleinerbin eines kompletten Nachlasses wieder. Eine große Überraschung, aber auch eine große Aufgabe für das kleine Team der Bürgerstiftung. Wie hat sie diese gemeistert?

Die Bürgerstiftung St. Georgen im Schwarzwald gibt es seit 2011. Sie ist eine kleine Bürgerstiftung. Oder besser gesagt: war. Jahrelang förderte sie gemeinnützige Initiativen und Projekte in der 13.000-Einwohner-Stadt in eher bescheidenem Umfang – zur Verfügung standen die Erträge von 400.000 Euro Stiftungskapital. Doch 2022 und 2023 schnellte ihr Stiftungskapital plötzlich auf 1,8 Millionen Euro hoch. „Auf einmal gehörten wir zu den größten Stiftungen in der Region“, erzählt Vorstandsmitglied Erwin Müller. Der Grund waren eine Erbschaft und ein Vermächtnis. Beides höchst erfreulich für die Bürgerstiftung, aber auch mit einigem Aufwand verbunden.

Viel zu tun für das ehrenamtliche Team

Eine Mitbürgerin, die 20 Jahre zuvor nach St. Georgen gezogen war, hatte der Bürgerstiftung ihr gesamtes Hab und Gut vermacht – ohne vorher etwas zu verraten. Der plötzliche Vermögenszuwachs traf auf ein Team, das so klein war, wie es bei einer kleinen Bürgerstiftung eben ist: Sieben Stiftungsräte, drei Vorstände, alle ehrenamtlich und nur einer davon, Erwin Müller, war nicht (mehr) berufstätig und in der Lage, die erforderliche Zeit zu investieren.

Es gab richtig viel zu tun: Müller sortierte und verschenkte Haushaltsgeräte und Gegenstände aus der Wohnung an gemeinnützige Einrichtungen, holte die Bücher in die Bücherwand der Bürgerstiftung (Foto), verkaufte das Auto, verkaufte die Wohnung, übernahm die Vermögenswerte in die Buchhaltung der Bürgerstiftung. „Wir hätten die Wohnung auch behalten und vermieten können, aber für die Verwaltung fehlen uns die Kapazitäten“, sagt Müller.

Bürokratische Auflagen

Als Herausforderung erwies sich auch manch bürokratische Anforderung. So erhielt die Bürgerstiftung aus dem Vermächtnis unter anderem ein zwei Hektar großes landwirtschaftliches Grundstück. Sie verpachtete es an einen Landwirt. Trotz dieser der Grundstücksausweisung entsprechenden Nutzung machte allerdings das Landwirtschaftsamt einen Strich durch die Rechnung. Die Bürgerstiftung habe das Grundstück verkaufen müssen, weil eine landwirtschaftliche Fläche nur Landwirten gehören dürfe, erzählt Müller.

Öffentlichkeitsarbeit als Dreh- und Angelpunkt

Rückblickend erinnert er sich: „Ich muss sagen, ich war wirklich erleichtert, als das alles abgewickelt war.“ Nichtsdestotrotz hofft die Bürgerstiftung auf weitere Nachahmer. Denn mit dem Kapitalzuwachs kann sie deutlich wirkungsvoller fördern und ist weniger abhängig von Spenden. 2024 unterstützte sie mit 28.000 Euro Initiativen, Einrichtungen und Projekte – vom Kinderkonzert über den Handballverein und die Gesundheitswoche bis zur Radservice-Station. Diese Aktivitäten macht sie über die Presse bekannt und bespielt die Crossiety-App, eine Plattform für den lokalen Austausch. Denn die Öffentlichkeitsarbeit ist der Dreh- und Angelpunkt für die Kommunikation zum Thema Erbschaft, so Müller: „Wenn die Leute uns kennen, denken sie auch an uns, wenn sie einen sinnvollen Zweck für ihren Nachlass suchen.“

Zur Bürgerstiftung St. Georgen

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Roland Sprich
Das Bild zeigt die Vorstände der Bürgerstiftung St. Georgen, Thomas Wagner und Erwin Müller, vor der Bücherwand der Bürgerstiftung.

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BürgerStiftung Hamburg: Neues Handlungsfeld entwickelt

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Erbschaften haben wesentlich zur Entwicklung der BürgerStiftung Hamburg beigetragen. Als größte Bürgerstiftung Deutschlands setzt sie extra Ressourcen für die Abwicklung von Nachlässen ein. Doch als einmal eine Erbschaft mit der Auflage verbunden war, sich für Umweltschutz zu engagieren, musste sich die BürgerStiftung Hamburg etwas einfallen lassen.

„Für uns sind Erbschaften sehr wichtig“, sagt Dagmar Entholt-Laudien, Vorstandsvorsitzende der BürgerStiftung Hamburg. „Unsere bedeutsamen Entwicklungsschritte verdanken wir einigen wenigen Zustiftungen. Die meisten davon waren Erbschaften.“

Umweltbildung aufgebaut

Die großen Erbschaften machten jeweils einen Vermögenszuwachs im zweistelligen Millionenbereich aus. So auch 2019 jene Zustiftung mit der Auflage, etwas für den Umweltschutz zu tun. Umwelt? Da war die BürgerStiftung Hamburg noch nahezu blank. „Wir haben dafür ein neues Handlungsfeld aufgebaut. Der Zweck war offen formuliert, sodass wir das Thema selbst zuschneiden konnten“, sagt Entholt-Laudien. Die Stiftung fokussierte es auf Umweltbildung und richtete einen Jugendumweltrat ein: Junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren können mit einem eigenen, von der Stiftung zugewiesenen Budget Klima- und Umweltschutzprojekte junger Menschen in Hamburg fördern. Um sich und andere schlau zu machen, planen sie zudem Exkursionen, Workshops oder Fachvorträge.

„Um so ein Themenfeld aufzubauen, braucht es natürlich genügend Mittel. Man muss Feldforschung betreiben, was für Angebote es schon gibt und was man mit einem vernünftigen Verhältnis von Aufwand und Wirkung dauerhaft umsetzen kann“, sagt Entholt-Laudien. Da die Erbschaft in diesem Fall so groß war, kann die Bürgerstiftung den Zweck mit den jährlichen Erträgen verfolgen.

Zwei bis drei Erbschaften pro Jahr

Üblicherweise bewegen sich laut Entholt-Laudien die Erbschaften der BürgerStiftung Hamburg im niedrigen einstelligen Millionenbereich oder darunter. Zwei bis drei pro Jahr seien es im Durchschnitt. Um die Erblasser zu gewinnen, bietet die BürgerStiftung Hamburg eine Erbschaftsberatung an, die kostenlos ist, wenn die Ratsuchenden der Stiftung etwas hinterlassen wollen. Zurzeit entwickelt sie weitere Veranstaltungsformate für Interessenten.

Es kommen Teilnachlässe oder ganze Nachlässe bei der BürgerStiftung Hamburg an. Erbschaften, die nicht explizit als Zustiftung oder als Spende angeordnet sind, übernimmt sie je nach Bedarf als Spende oder Zustiftung. Zwei Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Betreuung des Nachlasses: Im Wesentlichen übernimmt eine die bürokratische Abwicklung, die andere die Organisation von Beisetzung und Wohnungsauflösung.

Menschliche Herausforderung

Wenn die Bürgerstiftung Alleinerbin ist, wird die Erbschaft zu einer sehr persönlichen Angelegenheit. Das ist auch eine menschliche Herausforderung. „Es kann durchaus schwierig sein, mit den privatesten Gegenständen eines Menschen konfrontiert zu werden“, sagt Entholt-Laudien. „Um dem Willen unserer Erblasser bestmöglich gerecht zu werden, legen wir großen Wert darauf, sie schon zu Lebzeiten kennen zu lernen und ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen zu haben. Meistens gelingt das auch.“

Zur BürgerStiftung Hamburg

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Anne Ackermann
Das Bild stammt aus dem Projekt greenKIDS Neuengamme, das von der BürgerStiftung Hamburg gefördert wird.

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Zahlen: Sicher ist nur das große Potenzial

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Neun Billionen Euro: So hoch ist laut Bundesbank das Vermögen aller Menschen in Deutschland. Gut ein Drittel davon – mehr als 3 Billionen Euro – dürfte in den vergangenen zehn Jahren vererbt worden sein, das wären rund 300 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Zahl stammt aus einer Schätzung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge für die Jahre 2015-2024. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostizierte 2017, dass bis 2027 jährlich rund 400 Milliarden pro Jahr vererbt würden.

Statistik auf Umwegen

Genaue Zahlen über Erbschaften gibt es nicht, da das Statistische Bundesamt und die Finanzämter nur steuerlich relevante Beträge melden. Die vielen Erbschaften, die unter den Freibeträgen liegen, werden so nicht erfasst. Deshalb lässt sich nur schwer beziffern, wie hoch der Anteil der Nachlässe ist, die an gemeinnützige Organisationen und Stiftungen vermacht wird.

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) erstellte 2020 eine Statistik aus Zahlen von 230 Organisationen, die das DZI-Spendensiegel erhalten hatten (zuletzt veröffentlicht im DZI Spenden-Almanach 2024). Diesen 230 Organisationen wurden nach deren Angaben rund 2,342 Milliarden Euro gespendet. Davon kamen rund 286 Millionen Euro aus Nachlässen – das entspricht 12,2 Prozent.

Das mag als Anhaltspunkt für eine Größenordnung dienen – aber nicht mehr. Denn schon wenn man eine Hochrechnung versuchte, indem man zwölf Prozent des gesamten Spendenvolumens ausrechnete, stieße man auf höchst unterschiedliche Zahlen: Die Angaben für 2024 reichten von 5,1 Milliarden Euro (Bilanz des Helfens des Deutschen Spendenrats) bis zu 12,5 Milliarden Euro (DZI).

Festhalten lässt sich an dieser Stelle, dass der Anteil der Vermögen, die an gemeinnützige Organisationen vererbt werden, bislang sehr gering dürfte, wenn man die Spendenzahlen den vererbten Vermögen insgesamt gegenüberstellt.

Die Tendenz ist steigend

Was sich trotz der schwierigen Datenlage sagen lässt: Die Tendenz, an gemeinnützige Organisationen zu vererben, ist steigend. Die oben genannte Summe des DZI von 286 Millionen Euro an Nachlässen aus dem Jahr 2020 ist eine Verdoppelung gegenüber dem Jahr 2000. Die Zahl der Menschen ohne Kinder steigt, und durch die demographische Entwicklung dürften in den kommenden Jahren mehr Vermögen vererbt werden. Laut Spendenmonitor 2024 des Fundraisingverbandes konnten sich 20 Prozent der 50- bis 70-Jährigen vorstellen, eine gemeinnützige Organisation in ihrem Testament zu berücksichtigen. In einer Umfrage der Deutschen Bank aus 2024 sagten 5 Prozent derjenigen, die angaben, sich schon einmal über das Thema Vererben Gedanken gemacht zu haben, dass ihr Erbe wohltätigen Organisationen zugute kommen solle. Für gemeinnützige Organisationen und Stiftungen lohnt es sich in jedem Fall, über die Ansprache von Erblassern nachzudenken und Menschen auf sich aufmerksam zu machen, die sich eine sinnvolle Verwendung für ihr Vermögen nach ihrem Tod wünschen.

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Drew Beamer/unsplash

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Fokus Oktober 2025: Zusammenhalten

1024 683 Stiftung Aktive Bürgerschaft

In Wahlen legen radikale Parteien zu, allen voran die AfD, in den sozialen Medien gehen Menschen mit Desinformation, Shitstorms und Hasskommentaren aufeinander los, Veranstaltungen werden abgesagt, Vorwürfe von Cancel Culture über Antisemitismus bis zu Kriegstreiberei füllen die medialen Auseinandersetzungen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt scheint bedroht: Im Deutschland Monitor 2024 (hier herunterladen) waren nur zwölf Prozent der Befragten der Meinung, dass es in der Gesellschaft einen großen Zusammenhalt gebe.

Allerdings sah die Sache vor Ort völlig anders aus: Knapp zwei Drittel der Befragten meinten, den Leuten bei ihnen vor Ort könne man trauen und man helfe sich gegenseitig.

Der Soziologe Holger Backhaus-Maul vom Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt bestätigt im Interview mit bürgerAktiv: „Wir haben eine breite Mitte, die grundlegende Überzeugungen teilt.“ In diesem Sinne unaufgeregt und tatkräftig versuchen Bürgerstiftungen, engagierte Schülerinnen und Schüler und Volksbanken, den Zusammenhalt zu stärken: Sie schaffen Räume für Begegnungen, gehen auf andere Menschen zu, organisieren gegenseitige Unterstützung und setzen sich für das Zusammenleben in ihren Gemeinden ein.

Lesen Sie im Fokus „Zusammenhalten“ folgende Beiträge:

Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland: Ringen um Verständigung

Die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland setzt sich seit langem für Integration und Beteiligung ein, doch die Herausforderungen wachsen: In den Außenbezirken und den umliegenden Dörfern siegte bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Bürgerstiftung engagierte sich im Vorfeld der Wahlen für demokratische Verständigung und entdeckte neue Möglichkeiten. Sie stieß jedoch auch an Grenzen.
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Bürgerstiftung Pfalz: An jeder Tür klingeln

Ein Dorf, aus dem Menschen wegziehen und in dem Gebäude leer stehen und verfallen, ist kein guter Ort für das Zusammenleben. Die Bürgerstiftung Pfalz wurde gegründet, um sich gegen diese Entwicklung zu stemmen und den Dörfern eine Zukunft zu verschaffen. Das Grundprinzip dabei: die Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer sollen selbst aktiv werden.
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Merianschule in Seligenstadt: Das Leben in der Stadt im Blick

Dosen gegen Altersarmut, Aktionen gegen Enkeltricks, Saubermachen am Mainufer – mit einer Vielzahl von Service-Learning-Projekten setzen sich die Schülerinnen und Schüler der Merianschule in Seligenstadt außerhalb ihrer Schule für die Menschen und das Zusammenleben in der Stadt ein.
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Ravensberger Schule in Bielefeld: Brücken von Jung nach Alt

Sie schenken Zeit, fördern Gemeinschaft, übernehmen Verantwortung: Mit ihrem Engagement im sozialgenial-Projekt „miteinander füreinander“ wollen Schülerinnen und Schüler der Ravensberger Schule in Bielefeld den Zusammenhalt in ihrer Nachbarschaft stärken. Regelmäßig besuchen 16 Jugendliche der Klassen 6 bis 9 soziale Einrichtungen – drei Kitas und ein Seniorenheim.
ZUM BEITRAG

Berliner Volksbank: „Wir ermöglichen Teilhabe“

Die Hauptstadt Berlin und ihr Umland haben viel zu bieten, aber hier prallen auch Gegensätze aufeinander. Die Berliner Volksbank fördert deshalb gezielt Projekte lokaler Vereine, Stiftungen und Initiativen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Eine besondere Rolle spielt dabei die Unterstützung für die Bürgerstiftungen in der Region.
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„Wir haben eine breite Mitte“

Unsere Gesellschaft ist polarisiert, aber die Mitte ist breit und gesellschaftlicher Zusammenhalt wird tagtäglich praktiziert. Man muss ihn bloß sehen wollen und können, sagt der Soziologe Holger Backhaus-Maul von der Universität Halle-Wittenberg. Im Interview mit bürgerAktiv berichtet er über wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Arbeit des bundesweit verorteten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ).
Zum Interview

Mehr zum Thema

bürgerAktiv Magazin 2024/25, Schwerpunkt Bürgerstiftungen, Titelstory ab Seite 6: „Mit vollem Einsatz für die gute Sache“ – hier HERUNTERLADEN
„Closed Shops“ in der deutschen Gesellschaft: Holger Backhaus-Maul zum ersten Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts für gesellschaftlichen Zusammenhalt – hier lesen
Aus Politik und Zeitgeschichte 42/2025: Gesellschaftlicher Zusammenhalt – hier lesen

Foto: Aleksandar Andreev / unsplash.com

Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland: Ringen um Verständigung

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Die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland setzt sich seit langem für Integration und Beteiligung ein, doch die Herausforderungen wachsen: In den Außenbezirken und den umliegenden Dörfern siegte bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Bürgerstiftung engagierte sich im Vorfeld der Wahlen für demokratische Verständigung und entdeckte neue Möglichkeiten. Sie stieß jedoch auch an Grenzen.

Die Jenaerinnen und Jenaer singen gemeinsam, befreien zu Hunderten beim „SaalePUTZ“ das Ufer ihres Flusses von Müll und Unrat, engagieren sich beim Freiwilligentag, tauschen sich beim Vereinsforum aus und ersteigern „unbezahlbare Gelegenheiten“ für den guten Zweck. Das alles organisiert die Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland. Sie betreibt eine Freiwilligenagentur und eine Online-Plattform, um Vereine und Engagierte zusammenzubringen. Mit vielen Freiwilligen bewirtschaftet sie eine Streuobstwiese. Die Bürgerstiftung versteht sich als Dreh- und Angelpunkt des Engagements in der Stadt und setzt alles daran, die Bürgerinnen und Bürger zusammenzubringen.

Podiumsdiskussion und Proteste

Das steckte auch hinter ihrem Bemühen, als sie 2024 im Vorfeld der thüringischen Kommunalwahlen eine Podiumsdiskussion mit Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Stadtparlament für Schülerinnen und Schüler anbot, um ihnen die Gepflogenheiten der Demokratie näherzubringen. Sie sei sehr gut besucht worden, berichtet die Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung, Barbara Albrethsen-Keck, die Schüler seien klassenweise gekommen. Alle Parteien seien eingeladen gewesen und bis auf den AfD-Vertreter auch gekommen. Vor der Bundestagswahl 2025 wollte die Bürgerstiftung die Podiumsdiskussion wiederholen. Diesmal sagte der AfD-Vertreter zu und prompt brach ein Proteststurm los. Die Amadeu Antonio Stiftung zog ihre Förderung für die Moderation der Veranstaltung zurück, antifaschistische Aktivisten kündigten an, die Veranstaltung zu blockieren, der Veranstaltungsraum wurde gekündigt. Innerhalb der Bürgerstiftung brach eine Kontroverse aus, denn eigentlich gibt es einen Beschluss, nicht mit der AfD zu sprechen, den viele durch die Veranstaltung verletzt sahen, mochte sie auch noch so neutral konzipiert sein. „Wir haben die Diskussion abgesagt“, sagt Albrethsen-Keck.

Nachgefragte Demokratie-Workshops

Dagegen stießen die Workshops zum Thema „Für eine wehrhafte Demokratie und Zivilgesellschaft“ auf ungeteilte Zustimmung. Sie schulten die Teilnehmenden darin, zu argumentieren, auf antidemokratische und rechtsextreme Äußerungen schlagfertig zu antworten, „damit so etwas nicht einfach im Raum stehen bleibt“, so Albrethsen-Keck. Aufgrund der Nachfrage bietet die Bürgerstiftung diese Workshops auch nach den Wahlen weiterhin an.

Unterschiedliche Resonanz bei neu eingebürgerten Jenaer Bürgern

Eine andere Überraschung war die geringe Beteiligung bei einer thematisch ähnlichen Veranstaltung, die sich an frisch eingebürgerte Jenaerinnen und Jenaer richtete. Eine Erklärung hat Albrethsen-Keck dafür nicht. „Wir bleiben dran“, verspricht sie. In anderen Formaten funktioniert das Engagement der Bürgerstiftung für Menschen mit Migrationshintergrund besser. Schon seit einigen Jahren organisiert sie Chancenpatenschaften von Jenaer Bürgerinnen und Bürger für Geflüchtete, und ein aktuelles Projekt vollzieht nun einen Rollenwechsel: Geflüchtete Menschen bieten selbst Workshops für die Bevölkerung an und integrieren sich so in die Reihen der Engagierten, die bei der Bürgerstiftung mitmachen.

Zur Bürgerstiftung Jena 

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Bürgerstiftung Pfalz: An jeder Tür klingeln

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Ein Dorf, aus dem Menschen wegziehen und in dem Gebäude leer stehen und verfallen, ist kein guter Ort für das Zusammenleben. Die Bürgerstiftung Pfalz wurde gegründet, um sich gegen diese Entwicklung zu stemmen und den Dörfern eine Zukunft zu verschaffen. Das Grundprinzip dabei: Die Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer sollen selbst aktiv werden.

„Wir wollen nicht von außen fördern“, sagt Christiane Steinmetz, Vorständin der Bürgerstiftung Pfalz. Schon bei ihrer Gründung vor 20 Jahren hat sich die Bürgerstiftung Pfalz als Dachstiftung verstanden und Partnerstiftungen in den Dörfern ihrer Region errichtet, mit denen Projekte finanziert werden können. Durch Zustiftungen und Erbschaften sind so Treuhandstiftungen mit jeweils einem Kapital von ein bis drei Millionen Euro entstanden. „Die Stiftungen in den Dörfern sind der Topf, wenn es Geld regnet“, sagt Steinmetz. Dafür, dass die Bewohnerinnen und Bewohner um die Töpfe wissen, sorgen Spendenwerbungen: „In den kleinen Dörfern wird an jedem Haus geklingelt.“

Neun „Zukunftsdörfer“

Das Konzept für die Ortschaften heißt „Zukunftsdörfer“. Neun solche Dörfer gibt es bereits und die Projekte, die in ihnen entstehen, sollen zehn Innovationsfelder bestellen, darunter Gemeinschaft, Nachhaltige Bau- und Wohnkultur, Energie, Ernährung, Gesundheit, neue Arbeitsfelder. In den Projekten sollen sie sich verzahnen: Unter anderem investiert die Bürgerstiftung in Grundstücke und Gebäude, um diese vor dem Leerstand zu retten und einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Die Immobilienprojekte nutzen nachhaltige Energie und schaffen Räume für Gemeinschaft und Gesundheitsversorgung, die wiederum neue Arbeitsmöglichkeiten für die Dorfbewohner bieten – so die Idee.

Stiften für das eigene Dorf

Wichtig sei, dass gestiftetes und gespendetes Geld im Dorf bleibe, sagt Steinmetz. Als ein Beispiel nennt sie die Herta Kuhn Höfe in Kirrweiler. Die inzwischen verstorbene Namensgeberin hatte leerstehende Immobilien im Ortskern aufgekauft und der Bürgerstiftung Kirrweiler, einer Unterstiftung der Bürgerstiftung Pfalz, übertragen. Unter dem Namen Herta Kuhn Höfe ist hier nun eine Wohnpflege eingerichtet. Die Herta Kuhn Stiftung, ursprünglich Fonds unter dem Dach der Bürgerstiftung Kirrweiler, ist aufgrund der Projektgröße inzwischen in eine eigenständige Stiftung umgewandelt worden, mit der man jetzt bei weiteren Projekten zusammenarbeitet, wie Steinmetz erläutert.

Die Bürgerstiftung will die Projekte und Strukturen immer partizipativ mit den Dorfbewohnern entwickeln. Schon bei ihrer Gründung befragte sie die Bürgerinnen und Bürger, was ihnen auf dem Herzen liege – das Dorfsterben, der Klimawandel und der demographische Wandel wurden damals genannt. Die Bürgerstiftung selbst unterstützt die Engagierten strukturell, dort, wo sie vor Ort allein überfordert wären. So hat sie eine Genossenschaft gegründet, die die Gebäude der Stiftungen betreibt, also verpachtet oder vermietet. Sie verwaltet die Partnerstiftungen. Und sie beobachtet und moderiert die Prozesse in den Dörfern. Aktuell entwickelt sie einen Zukunftsdorfrat – über das Gremium soll die Kommunikation mit dem Gemeinderat sichergestellt werden.

Bürgerstiftung Pfalz
Zukunftsdörfer

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Steffen062/Wikimedia Commons

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Merianschule in Seligenstadt: Das Leben in der Stadt im Blick

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Dosen gegen Altersarmut, Aktionen gegen Enkeltricks, Saubermachen am Mainufer – mit einer Vielzahl von Service-Learning-Projekten setzen sich die Schülerinnen und Schüler der Merianschule in Seligenstadt außerhalb ihrer Schule für die Menschen und das Zusammenleben in der Stadt ein.

Seit dem Schuljahr 2022/23 macht die Haupt- und Realschule im Service-Learning-Programm sozialgenial der Aktiven Bürgerschaft mit. Dabei ist sozialgenial an der Schule zu einem Konzept gereift, das insgesamt auf vielfältige Weise den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

Innerhalb der Schule geht es insbesondere um Integration. Die Schülerschaft ist vielfältig und multikulturell, viele Kinder haben einen Flucht- oder Migrationshintergrund. So auch im sozialgenial-Kurs im Wahlpflichtbereich, der damit den idealen Raum bietet, um sich zu überlegen, wie Integration in Schule und Gesellschaft gelingen kann.

Projekte für die Integration geflüchteter Menschen

Daraus sind mehrere Projekte mit Integrationsbezug innerhalb der Schule, aber auch außerhalb entstanden: Die Schülerinnen und Schüler organisierten einen Begegnungsnachmittag für Familien mit Flucht- oder Migrationsgeschichte, die in Unterkünften der Caritas in der Nachbarschaft leben. Bei einem Umsonst-Flohmarkt und mit Lebensmittelspenden aus der Aktion „Weihnachten in der Tüte“ unterstützten sie die Bewohner einer weiteren Geflüchtetenunterkunft. Innerhalb der Schule engagierten sich die Schülerinnen und Schüler der DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) selbst mit verschiedenen Angeboten wie einer Schulrallye, um den Neuen ihrerseits das Ankommen zu erleichtern.

Spendensammlung vor dem Supermarkt

Aus der Schule heraus versuchen die Merianschüler das Miteinander der 22.000 Einwohnerinnen und Einwohner in Seligenstadt zu stärken. Beispielsweise setzten ihre „Aktionstage für die Haltestelle Seligenstadt“ – die „Haltestelle“ ist die lokale Tafel – ein sichtbares Zeichen, sich um die Mitmenschen zu kümmern: Vor einem Supermarkt baten die Schülerinnen und Schüler dessen Kunden, zusätzliche Produkte zu kaufen und für die „Haltestelle“ zu spenden.

Beratung für ältere Menschen

Weitere Projekte: Schülerinnen und Schüler organisierten einen Aktionstag, um ältere Menschen vor Trickbetrügern zu warnen – mit Flyern, Comics und Plakaten informierten sie über Enkeltrick, Schockanrufe und andere Maschen. Bei „Jung trifft Alt“ bastelten sie gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Cura Pflegehauses herbstliche Dekorationen und lernten den Umgang mit Rollstühlen. Mit „Plätzchen für Obdachlose“ sorgten sie in der Adventszeit für Momente der Wärme und Wertschätzung. Quasi vor der eigenen Haustür gekehrt haben Schülerinnen und Schüler, als sie das Ufer des Mains reinigten.

Die Schülerinnen und Schüler profitieren von den sozialgenial-Projekten, indem sie ihre Kompetenzen erweitern und die Schulgemeinschaft fördern. Die Merianschule verankert sich mit dem Engagement in der Stadt. Die Stadtgesellschaft gewinnt durch das Engagement junge Mitbürgerinnen und Mitbürger, die frühzeitig erlebt haben, dass sie Verantwortung übernehmen und etwas zum Guten bewirken können.

Text: Sonja Beckmann
Foto: Merianschule Seligenstadt

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Ravensberger Schule in Bielefeld: Brücken von Jung nach Alt

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Sie schenken Zeit, fördern Gemeinschaft, übernehmen Verantwortung: Mit ihrem Engagement im sozialgenial-Projekt „miteinander füreinander“ wollen Schülerinnen und Schüler der Ravensberger Schule in Bielefeld den Zusammenhalt in ihrer Nachbarschaft stärken. Regelmäßig besuchen 16 Jugendliche der Klassen 6 bis 9 soziale Einrichtungen – drei Kitas und ein Seniorenheim.

„Wann ist endlich wieder Donnerstag?“ Diese Frage hört man seit dem vergangenen Schuljahr häufiger auf den Fluren der Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache. Donnerstag ist Projekttag, dann machen sich die Schülerinnen und Schüler auf den Weg zu ihren Einsatzorten. Mal wird vorgelesen oder gebastelt, mal gespielt, mal einfach nur zugehört. Die Schülerinnen und Schüler lernen durch ihr Engagement andere Lebenswelten kennen. Es entstehen Begegnungen, die die Generationen verbinden und Brücken bauen.

Austausch im Seniorenheim

Im Seniorenheim entwickeln sich Gespräche über früher und heute, ein Austausch etwa über Schule oder Kindheit. Die Jugendlichen erfahren die Wertschätzung der alten Menschen und merken, dass ihre Offenheit Verständnis und Vertrauen herstellt. Ebenso wertvoll ist die gemeinsame Zeit für die Senioren, sie genießen die Abwechslung und freuen sich, ihre Erfahrungen weiterzugeben.

In den Kitas erleben die Jugendlichen, wie sehr ihre Unterstützung geschätzt wird. Sie toben mit den Kindern, erklären, bauen Sandburgen, trösten und lesen Geschichten vor. Besonders die Jungen genießen die Aufmerksamkeit der Kinder, denn männliche Bezugspersonen sind dort selten.

Das Service-Learning-Projekt ist im Stundenplan verankert und wird durch Reflexionsrunden ergänzt: Welche neuen Ideen gibt es? Was lief gut? Was hat überrascht? „Das ist Sprachförderung und Sozialtraining in einem“, sagt Lehrerin Kirsten Schilling, die das Projekt betreut.

Entstanden ist „miteinander füreinander“ in einer Projektwoche. Eine Warteliste zeigt das große Interesse der Schülerinnen und Schüler. Auch die Einrichtungen wünschen sich eine langfristige Kooperation. Im Schuljahr 2025/26 wird das Projekt fortgesetzt – als gelungenes Beispiel dafür, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt im Kleinen beginnt.

Text: Sonja Beckmann
Foto: Ravensberger Schule

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Berliner Volksbank: „Wir ermöglichen Teilhabe“

1024 717 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Die Hauptstadt Berlin und ihr Umland haben viel zu bieten, aber hier prallen auch Gegensätze aufeinander. Die Berliner Volksbank fördert deshalb gezielt Projekte lokaler Vereine, Stiftungen und Initiativen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Eine besondere Rolle spielt dabei die Unterstützung für die Bürgerstiftungen in der Region.

„Es gibt viele engagierte Initiativen, die Unterstützung verdienen – aber unsere Mittel sind begrenzt. Gleichzeitig beobachten wir, dass sich gesellschaftliche Herausforderungen wie Einsamkeit, Bildungsungleichheit oder finanzielle Unsicherheit verschärfen. Umso wichtiger ist es, gezielt dort zu helfen, wo unser Engagement echte Wirkung entfalten kann“, sagt Mert Özgüvenc, Leiter Nachhaltigkeit der Berliner Volksbank (Foto).

Hier kommt die Unterstützung für die Bürgerstiftungen in der Region mit dem w!r-Stiftungsfonds unter dem Dach der Stiftung Aktive Bürgerschaft ins Spiel. Regelmäßig können die Bürgerstiftungen Mittel für ihre Projekte beantragen – erst im Mai 2025 wurde eine Förderung für bis zu neun Projekte zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgeschrieben.

Fonds für Bürgerstiftungen als zentrales Instrument

„Der Fonds ist ein zentrales Instrument, mit dem wir zielgerichtet etwas für den sozialen Zusammenhalt in unserer Region tun können“, sagt Özgüvenc. „Gerade die Bürgerstiftungen tragen mit ihrer täglichen Arbeit viel zum Zusammenhalt in Kiezen und Gemeinden bei. Denn als lokal verwurzelte Organisationen wissen sie genau, welche Projekte vor Ort gebraucht werden. Die Idee kam übrigens von unseren Mitgliedern. Das macht den Fonds für uns zu etwas ganz Besonderem.“

Lokale Initiativen unterstützen

Eine weitere wichtige Säule ihres Engagements ist die Plattform „Viele schaffen mehr“ der Berliner Volksbank. Auf ihr können gemeinnützige Organisationen aus Berlin und Brandenburg Projekte einstellen und um finanzielle Unterstützung werben. Für Mitgliedervereine und Vereinskunden verdoppelt die Volksbank dann die Spenden. Es geht ums Ermöglichen: „Damit dieser Zusammenhalt entstehen und wachsen kann, braucht es sowohl das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft als auch die aktive Bereitschaft, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Indem wir lokale Initiativen unterstützen, ermöglichen wir genau diese Formen der Teilhabe“, sagt Özgüvenc. „Wir schaffen Räume für Begegnung, fördern ehrenamtliches Engagement und stärken die sozialen Netzwerke in den Kiezen und Gemeinden. Unser Beitrag liegt darin, bestehende Strukturen zu stärken und neue Impulse für das gesellschaftliche Miteinander vor Ort zu unterstützen – dort, wo Zusammenhalt gelebt und erlebbar wird.“

Zum w!r-Stiftungsfonds
Zum Crowdfunding

Text: Gudrun Sonnenberg
Foto: Marcel Schwickerath / Berliner Volksbank

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

„Wir haben eine breite Mitte“

1024 946 Stiftung Aktive Bürgerschaft

Unsere Gesellschaft ist polarisiert, aber die Mitte ist breit und gesellschaftlicher Zusammenhalt wird tagtäglich praktiziert. Man muss ihn bloß sehen wollen und können, sagt der Soziologe Holger Backhaus-Maul von der Universität Halle-Wittenberg. Im Interview mit bürgerAktiv berichtet er über wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Arbeit des bundesweit verorteten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt.

bürgerAktiv Alle sprechen von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Was ist das eigentlich?

Holger Backhaus-Maul In der Wissenschaft fassen wir darunter alles, was dazu beiträgt, eine Gesellschaft zusammenzuhalten, also etwa Werte und Normen, Infrastrukturen und Handlungspraktiken. Politisch ist dieser vieldeutige Begriff sehr positiv belegt, aber wissenschaftlich schauen wir tiefer und auch kritisch darauf. Denn es gibt – grob vereinfacht – mindestens zwei Varianten des Zusammenhalts: einen sozialen, der Brücken baut über Milieus, Klassen und Nationen hinweg. Und andererseits eine Vorstellung von gesellschaftlichem Zusammenhalt, die nur bestimmte Gruppen oder Milieus einbezieht – etwa „deutsche weiße Männer“ oder die eigene Peer-Gruppe – und sich folglich von anderen abgrenzt. Insofern ist gesellschaftlicher Zusammenhalt wissenschaftlich betrachtet durchaus ambivalent.

bürgerAktiv Wie misst man den Zusammenhalt?

Holger Backhaus-Maul Man kann die Einstellungen von Bürgerinnen und Bürgern oder ihre Handlungspraktiken untersuchen. Im Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) befragen wir beispielsweise quantitativ und repräsentativ die Wohnbevölkerung in Deutschland zu ihren Einstellungen und Erfahrungen in allen Bereichen gesellschaftlichen Zusammenhalts von der eigenen Lebenssituation über das Wohnumfeld bis zur öffentlichen Infrastruktur. In den Antworten kristallisiert sich heraus, was die Bürgerinnen und Bürger unter gesellschaftlichem Zusammenhalt verstehen und was ihnen dabei wichtig ist.

Die andere Forschungsmethode ist qualitativ. Wir haben unter anderem Service Learning an Schulen und Hochschulen untersucht und Schülerinnen gefragt, was sie dort tun und ob sie auch mit anderen, ihnen fremden Milieus und Gruppen in Kontakt kommen. Da stellten sich neue Bezüge her, beispielsweise zu Menschen in einem Altenheim. Schüler sagten: Ich hab noch nie etwas mit alten Pflegebedürftigen zu tun gehabt. Oder: Ich hatte vorher keine Erfahrungen mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Service Learning kann zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen, indem es Begegnungen mit bisher fremden sozialen Gruppen, Milieus und Schichten ermöglicht.

bürgerAktiv Das heißt, Zusammenhalt ist nicht erst die Bereitschaft sich zu unterstützen, sondern schon die Kenntnis voneinander.

Holger Backhaus-Maul Ja. Zusammenhalt hat viel damit zu tun, zu handeln, Erfahrungen zu machen und darüber nachzudenken; gerade in einer Gesellschaft, die wie die deutsche – medial aufgeputscht – zumindest in Teilen permanent aufgeregt zu sein scheint.

„Eine Spaltung wie in den USA anzunehmen, ist falsch.“

bürgerAktiv Ist die Gesellschaft gespalten?

Holger Backhaus-Maul Nein. Wir haben eine breite vielfältige Mitte, die grundlegende Überzeugungen teilt. Eine Spaltung im US-amerikanischen Sinne anzunehmen, wo sich in etwa gleichgroße Lager unversöhnlich gegenüberstehen, ist für die deutsche Gesellschaft völlig falsch. In der ersten großen Erhebung des FGZ, dem sogenannten Zusammenhaltspanel, haben Olaf Groh-Samberg und Kolleginnen eine gewisse Polarisierung festgestellt und konnten nachweisen, dass es Gruppenbildung gibt – ungefähr das, was man umgangssprachlich als „Blasen“ bezeichnet, in denen immer die gleichen mit den gleichen diskutieren, sich wechselseitig bestätigen und gegenüber der Außenwelt quasi einigeln.

In der aktuellen zweiten Phase des FGZ-Zusammenhaltspanels schauen wir stärker auf die Mitte der Gesellschaft. Wir reden von einem Anteil von über 70 Prozent, die zum Beispiel bereit sind, konkrete Maßnahmen zur Bewältigung der Effekte der Klimakrise mitzutragen. Bürgerinnen und Bürger zeigen sich informiert, dialog- und handlungsbereit; das Konstruktive und Pragmatische der Mitte der deutschen Gesellschaft wird derzeit verkannt.

bürgerAktiv Was braucht es, um die Ränder nicht weiter wachsen zu lassen und damit die Mitte breit bleibt?

Holger Backhaus-Maul Die Reizpunkte der Gesellschaft sollten medial und politisch nicht ständig bedient werden. Ob ein Veggie-Schnitzel Schnitzel heißen darf, ist so ein typisches Beispiel für einen Triggerpunkt, der dazu führt, dass die Polarisierung weitergetrieben wird. Sinnvoller wäre es, einen konstruktiven Blick auf die Mitte der Gesellschaft zu richten, denn sie hat ein massives Repräsentationsproblem. Ihre Anliegen werden im Parteiensystem nicht wirklich aufgegriffen. Wir erleben seit Jahrzehnten, dass Parteien, die sich selbst früher als Volksparteien verstanden haben, nicht mehr in der Lage sind, die profunden und zugleich differenzierten Interessen von Bürgerinnen und Bürgern zu erfassen und abzubilden. Die großen Parteien wie CDU und SPD schrumpfen – ihre Stammmitglieder, so Wolfgang Streeck bereits in den 1980er Jahren, sterben aus. Und in Ostdeutschland haben sie wenige Mitglieder und finden kaum Resonanz. Gleichzeitig gewinnen in Wahlen auf kommunaler Ebene häufiger parteiunabhängige Kandidaten und Kandidatinnen, übrigens auch gegen AfD-Kandidaten, wie jüngst etwa in Brandenburg und auch in Nordrhein-Westfalen. Ein gesamtdeutscher Trend …

„Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger muss gesellschaftspolitisch an Profil gewinnen.“

bürgerAktiv Was kann das bürgerschaftliche Engagement dazu beitragen, dass die Gesellschaft zusammenhält und die Mitte gestärkt wird?

Holger Backhaus-Maul Beispielsweise in Bürgerstiftungen, Selbsthilfegruppen oder Handlungsformen wie Service Learning können Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen gestalten und sie können auch mitentscheiden.

Wichtig ist aber, dass Kommunalpolitik Bürgerinnen und Bürger ernst nimmt und diesen Mitgestaltungsmöglichkeiten tatsächlich auch eröffnet. Das ist eine wichtige Übung! Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland macht ja deutlich, dass Parteien an der Willensbildung des Volkes mitwirken. Das wird oft missverstanden. Manche Parteienvertreter meinen, dass die politische Willensbildung nur durch Parteien geschieht – eine folgenreiche Fehlinterpretation. Die organisierten Formen des Engagements von Bürgern sind ein wichtiges Instrument der Willensbildung, um die akute Repräsentationslücke der Mitte zu schließen.

Gleichwohl müssen aber auch die Formen des Engagements von Bürgerinnen und Bürgern gesellschaftspolitisch an Profil gewinnen. Im Engagement von Bürgerstiftungen und im Service Learning von Studierenden und Schülern geht es nicht nur um „die gute Tat“, sondern auch um gesellschaftspolitische Anliegen. Das muss man allerdings wollen und sich darüber klar werden. Wenn man sich mit weichen Brötchen bei einem Jahresempfang abspeisen lässt oder sich freut, wenn auf der Lokalseite steht, was man „Gutes“ getan hat, so ist das zu wenig, um gesellschaftspolitisch Wirkung zu entfalten.

Dr. Holger Backhaus-Maul ist Soziologe und Verwaltungswissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg und im bundesweiten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Er ist Mitglied des Vorstands der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

Im bundesweiten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) betreiben seit 2020 acht Universitäten und drei außeruniversitäre Forschungseinrichtungen Grundlagenforschung und anwendungsnahe Forschung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Am 13. November 2025 veröffentlicht das Institut seinen zweiten Zusammenhaltsbericht.

Zum FGZ

Die Fragen stellte Gudrun Sonnenberg.
Foto: Michael Lüder

Der Beitrag ist Teil des Fokus Zusammenhalten der bürgerAktiv – Nachrichten für Engagierte Oktober 2025 der Stiftung Aktive Bürgerschaft.

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